Gestern präsentierte Wissenschaftsminister Töchterle den Expertenbericht zum sogenannten Hochschulplan. Er löste damit eine große Bandbreite von Reaktionen aus, die von Zustimmung über verhaltene Kritik bis zu kategorischer Ablehnung alles abdecken. Das ist nicht verwunderlich, hat der Bericht mit dem klassischen Bild einer Universität doch wenig am Hut, ist dafür aber genau auf die Wünsche jener, die Bildung als ökonomisches Gut und Menschen als Humanressourcen betrachten, zugeschnitten.

Denken statt Dienen

Zu Beginn aber eine kleine Medienschelte, um etwas Begriffsklarheit zu bekommen. Was präsentiert wurde, ist nicht, wie vielfach geschrieben oder suggeriert wird, der Hochschulplan. Es ist vielmehr der Beginn der Entwicklung dieses Plans. Die Konzepte und Modelle sollen, unter Berücksichtigung dieses Berichts, bis Ende 2011 stehen. Das Wissenschaftsministerium bietet dazu eine PowerPoint Folie zur Übersicht als Download an.

Dass der Bericht polarisiert, hat auch mit verkürzten Zitaten und merkwürdigen Interpretationen von Seiten der Politik und der Medien zu tun. So manches, das kritisiert, gelobt oder berichtet wurde, steht gar nicht im Bericht. Bei dem Text handelt es sich jedenfalls um kein „Auftragswerk der ÖVP„. Das von den AutorInnen selbst ausgegebene Ziel, sich auf die wesentlichen Bereich zu konzentrieren, scheint aber so auch nicht erreicht worden zu sein, da fehlt doch einiges.

Etwas befremdlich ist die Prioritätensetzung im Bericht, der nirgends offen legt, eine Empfehlung für die bestmögliche ökonomischenVerwertbarkeit der Humanressourcen Österreichs und zur gleichzeitigen Reduktion der Staatsausgaben sein zu wollen, obwohl er letztlich genau das ist. Wenn es um Studierende geht, dann darum dass diese ein Problem sind. Sie kosten viel (180 Millionen Euro Stipendien, da müsse wir eine Rückzahlungspflicht einführen!), zahlen nichts und sind außerdem faul. Wenn es um die Lehre geht, dann darum wie man damit wirtschaftlich verwertbare Grundlagenforschung mitfinanzieren kann.

Problemanalyse

Der Bericht spricht ohne Zweifel viele Probleme an, die Verwunderung der AutorInnen über die chaotischen (Nicht-)Zuständigkeiten im Bereich der Universitäten kommt ebenso oft zum Vorschein, wie die Intention der Politik klar zu machen, dass die Unis wichtig sind und ein besseres Konzept brauchen. Die Idee dass Bundesländer eigene Universitäten brauchen stößt ebenfalls auf Verwunderung und zurecht auf klare Ablehnung. Dass es volkswirtschaftlich ein Problem ist, dass in Österreich wesentlich mehr (EU-)AusländerInnen studieren, als ÖsterreicherInnen im (EU-)Ausland, insbesondere weil ein großer Teil dieser Studierenden nach dem Studium in ihre Heimat zurückkehren will, ist einsichtig und eine Art „Finanzausgleich“ eine logische Forderung.

Einen Ausbau der FHs und gleichzeitig größere Durchlässigkeit zwischen FH und Uni zu fordern, kann man eigentlich nur begrüßen. Im Bericht wird auch deutlich darauf eingegangen, dass die FHs dazu höher qualifiziertes Lehrpersonal benötigen. Im Moment könne man mit einem einfachen Studienabschluss Professor werden, weshalb die Universitäten gerne die Qualität der so ausgebildeten überprüfen, bevor sie sie zu einem Master- oder PhD-Studium zulassen. Auch die Kritik an den Privatuniversitäten erscheint höchst angebracht. Dass das Promotionsrecht, „aufgrund der Kleinheit der Institutionen und der fehlenden kritischen Masse zu überdenken wäre“ ist ein ebenso berechtigter Hinweis, wie dass der Umstand, dass selbst „Mini-Insititutionen“ den Titel „Universität“ verwenden dürfen, im Rahmen der Neuordnung des „Qualitätssicherungsrahmengesetz“ korrigiert werden müsste.

Die Problemanalyse des Berichts ist in vieler Hinsicht gut, es wird immer wieder der Finger in eine offene Wunde gelegt. Die Einzigartigkeit des österreichischen Hochschulwesens im internationalen Vergleich wird heftig kritisiert und es wird stark auf Angleichung gedrängt, um wirtschaftlich und wissenschaftlich mithalten zu können. Doch die vorgebrachten Lösungsvorschläge scheinen manchmal nicht übertrieben fundiert oder durchdacht zu sein.

Sozial? Egal!

Dem Bericht fehlt vollständig die soziale Dimension. Man merkt dass die AutorInnen hier über keinerlei Kompetenz oder Sensibilität verfügen. Völlig unkritisch wird so getan als wäre das österreichische Stipendiensystem eh ganz gut, nur teuer. Deshalb müsse, wie in Deutschland, eine teilweise Rückzahlungspflicht eingeführt werden. Doch während die AutorInnen sonst gerne Zahlen mit Deutschland und der Schweiz vergleichen, geschieht das hier nicht. Sonst müsste man auch die 180 Millionen Euro (21,4 Euro pro EinwohnerIn) Volumen des österreichischen Stipendiensytems den 2,3 Milliarden Euro (28,1 Euro pro EinwohnerIn) die das deutsche BAföG 2008 ausmachte, gegenüberstellen. Bedenkt man dabei, dass in Deutschland, wie in Österreich, über 2/3 der Studierenden zumindest eine gewisse Zeit pro Jahr neben dem Studium arbeiten müssen, um sich das Studium leisten zu können, wird klar dass hier keine Rückzahlungspflicht, sondern eine massive Ausweitung die Priorität sein müsste.

Die Idee dass jede Universität sich selbst Zugangsbeschränkungen einfallen lassen darf, erscheint mir problematisch. Dadurch könnte im Extremfall ein Arschloch von RektorIn ohne jede demokratische Legitimationen mit einem super sozial selektivem Elitenauswahlsystem die Chancen von tausenden jungen Menschen zerstören.

Dass Österreichs Hochschulen viel Potential dadurch verloren geht, dass Studierende aus sogenannten bildungsfernen und sozial schwachen Schichten und besonders Frauen systematisch „aussortiert“ werden, je länger die universitäre Laufbahn dauert, wird ignoriert. Es wird nur kurz die Behauptung aufgestellt, dass die etwas bessere „soziale Durchmischung“ an den Fachhochschulen zeige, dass Studiengebühren nicht sozial selektiv seien. Das ist ein Argument dass jene, die es vorbringen, in der Regel als völlig ahnungslos entlarvt. Dass eine klare Berufsausbildung und der Schulcharakter der Fachhochschulen für viele Menschen aus eben diesen sozialen Schichten attraktiver, sicherer und nachvollziehbarer wirkt, wird nicht berücksichtigt. Leute die jetzt schon FHs aus solchen Gründen den Unis vorziehen, sind für die Unis garantiert verloren, wenn die 1.000 Euro im Jahr kostet.

Logisch schlüssig, inhaltlich naja

Die logische Gültigkeit eines Arguments hat nichts mit der inhaltlichen Richtigkeit von Prämissen und Schlussfolgerung zu tun. So ist der Bericht logisch wohl schlüssig, inhaltlich stellenweise aber zumindest von fragwürdiger Qualität. So scheint die zentrale, im Bericht wiederholt vorkommende, Annahme zu sein, dass „die staatlichen Mittel eine immer knapper werdende Ressource darstellen“ als wäre es ein Naturgesetz. Als Lösungswege dafür werden etwa Einschnitte in der Sozialversicherung bzw. im Pensionssystem oder Abhängigkeit von privaten Investitionen angeschnitten, eine der weltweit niedrigsten Vermögensbesteuerungen auf OECD-Schnitt zu heben, scheint aber tabu zu sein.

Manche Stellen lassen allerdings die Vermutung zu, dass die AutorInnen nur sehr einseitige Informationsquellen verwendet oder zur Verfügung gestellt bekommen haben. So wird etwa an der neu eingeführten Studieneingangsphase kritisiert, dass diese zusätzliche Prüfungen im ersten Semester bedeutet. Eine solche Gestaltung steht aber den zuständigen Gremien der Universitäten frei (was zu sehr unterschiedlichen Umsetzungen führte), und z.B. an der Uni Graz kenne ich genug Studienrichtungen, in denen sich überhaupt nichts verändert hat, außer dass die nun vorgeschriebene Orientierungslehrveranstaltung (ohne Prüfung) eingefügt wurde.

Der Bericht ist kein großer Wurf und sagt eigentlich überhaupt nichts neues aus. Aber er fasst viele Probleme gut zusammen, auch wenn die Lösungsvorschläge von fragwürdiger Qualität sind. Politisch wird der Bericht aber wohl verpuffen, das lässt zumindest die öffentliche Interpretation von Wissenschaftsminister Töchterle befürchten, der den Bericht bis anscheinend im Wesentlichen als zusätzliches Argument für die alten ÖVP-Forderungen nach Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren sieht. Und das obwohl wohl sich wohl 2/3 des Berichts damit beschäftigen, dass es keinerlei vernünftige Strukturen für die Leitung und Koordinierung der Universitäten und Fachhochschulen untereinander gibt. Wenn man alles kritische, das auch viel Reform im eigenen Haus bedeuten würde, ausblendet, aber die schwächsten Stellen des Berichts als zentrale Thesen präsentiert, dann entsteht eben doch der Eindruck, dass es sich um ein ÖVP-Auftragswerk handelt.

Foto: _dChris

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Jahrgang 1986, lebt in Graz, bloggt und twittert politisch und schreibt auch sonst gerne.