Die #unibrennt Bewegung warf bildungspolitische Diskurse und Kritiken auf. Im Vorwort des Buches „Wessen Bildung. Beiträge und Positionen zur bildungspolitischen Debatte“ herausgegeben von der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH) wehren sich die drei VertreterInnen der Herausgeberin gegen den Vorwurf, keine Alternativen bieten zu können. Dieses, im Frühjahr 2011 im Wiener Mandelbaum Verlag erschienene Werk, soll der schriftliche Beweis der doch vorhandene Vorschläge der Studierendenschaft zur Verbesserung der Situation rund um Bildung und Hochschulen sein.
Der Sammelband enthält 17 Texte, verfasst von einem, oder auch zwei AutorInnen, die allesamt dem „Bildungsbürgertum“ angehören, oder am Weg dorthin sind. Die meisten AutorInnen sind oder waren in irgendeiner Weise in der Österreichischen HochschülerInnenschaft tätig.

Theoretisches zu Beginn Wessen Bildung (Cover)
Die Beitragsreihe wird von zwei Texten eröffnet, die sich dem Begriff „Bildung“ widmen. In Text eins fassen Josef Bakic und Wolfgang Horvath den politischen Bildungsdiskurs seit den 1990ern zusammen: Wenn eine „Erhöhung der Investitionen in Humanressourcen“ (19) stattfindet, dann aber unter der Bedingung verstärkter Kontrolle der Bildungseinrichtungen. Diese Handhabe kommt im Text nicht unkritisiert weg: die Autoren weisen darauf hin, dass stark an gesellschaftlichen Trends orientierte, verkürzte Ausbildungen auf Dauer „unflexibel“ (30) machen.

Erich Ribolits betritt den Raum von der anderen Seite: er beleuchtet zunächst den Arbeitsmarkt, auf dem zunehmend Informations-und Kommunikationstechnologien (IKT) die menschliche Arbeitsleistung ersetzen, und leitet dann über zu den Bildungsmaßnahmen, die sich der Arbeitsmarktsituation anpassen: „organisiertes Lernen [wird] in den letzten Jahren immer stärker einseitig in den Dienst der Zurichtung von Menschen für den Verwertungsprozess genommen.“ (37) Ribolits stellt weiters fest, dass es sich bei der als „Bildung“ bezeichneten Form des organisierten Lernens lediglich um Ausbildung zu einer gewissen Funktion und Position handle, das Moment der Hinterfragung von deren Sinnhaftigkeit gehe dabei verloren. Dadurch werde Bildung zu einer Ware und Bildungseinrichtungen zu Produktionsstätten.

Aus dem Alltag
Die folgenden Texte geben Einblick in den Studierendenalltag, aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven: der Blickwinkel des von zu Hause nicht perfekt versorgten Studierenden (Stefan Tacha), die Geschlechtersituation an den Hochschulen (Ivana Pilic/Petra Sußner), ein ganz erschütterndes Bild zeichnet der Text von Maria Clar und Julia Hofmann über die Schwierigkeiten, mit denen körperlich und / oder psychisch beeinträchtigte Studierende zu kämpfen haben und Jens Marxen widmet sich den ausländischen Studierenden.

Das Buch gibt auch dem Weg zur Hochschule Raum, und setzt sich mit Kindergarten, Schule und Hort (Tobias Dörler/Julia Hay) und der Ausbildung der PädagogInnen (dieselben) auseinander. Ein sehr interessanter Text ist jener von Eva Maltschnig über „Bildung und regionale Ungleichheit“. Sie beschäftigt sich in diesen Zeilen mit den unterschiedlichen Bildungsmöglichkeiten und abgeschlossenen Ausbildungen von Stadt- und Landkindern.

Wie funktionieren Österreichs Hochschulen?
Der Sammelband lässt die Organisationssysteme an den österreichischen Hochschulen auch nicht außer Acht. In diesen Beiträgen wird unter anderem die jüngere Entwicklungsgeschichte und demokratische Beschaffenheit der Universitäten skizziert und hinterfragt (Lukas Kohl/Sigrid Maurer), Thomas Schmidinger und Claus Tieber kennen die Situation der externen Lehrenden aus eigener Erfahrung, Maria Maltschnig und Christian Rechberger schreiben über die immer häufigere Notwendigkeit von außeruniversitären Berufspraktika, Nadine Hauptfeld kritisiert das Lehrenden – Lernenden Verhältnis und schlägt stattdessen ein Konzept namens Student Centered Learning (SCL) vor. Juliane Soyka fügt dem Buch einen Beitrag hinzu, den man auch ein wenig als internes Nachschlagewerk betrachten könnte: der Bologna – Prozess.

Thomas Wallerbergers Text lässt sich als praktische Erweiterung zu Erich Ribolits Überlegungen zur Instrumentalisierung von Bildung / Ausbildung in Hinblick auf den jeweiligen Fachkräftebedarf.
Wallerberger setzt sich nämlich mit der Beziehung zwischen Fachhochschulen und Universitäten, bzw. den Aufgaben der Hochschulen überhaupt auseinander. Sigrid Maurers zweiter Text, gemeinsam mit Klemens Himpele, kann gemeinsam mit Stefan Tachas Text unter der Überschrift „Finanzielles“ angeordnet werden. Während Tacha, wie eingangs erwähnt, sich mit den Finanzen des Studierenden/ der Studierenden auseinandersetzt, schildern Himpele/Maurer die finanzielle Situation des tertiären Bildungssektors, und kratzen am Widerspruch zu wenige AkademikerInnen, aber auch nicht mehr Geld für die Unis. Das Buch schließt mit Stefan Hallas Gedanken zu Wissen, Macht, Wissen als Ware, Informationstransport, etc.

Fazit
Alle in diesem Buch enthaltenen Texte folgen dem Schema „Beschreibung der Situation, Kritik und Verbesserungsvorschläge“. Dieser Sammelband ist also nicht bloßes Anprangern sondern bietet auch echte Alternativen – manche sind leichter umzusetzen, manche weniger. Aber generell ist es gelungen, die im Vorwort gegeben Aussichten auf ebendiese Alternativen zu erfüllen.
Kritikpunkt könnte sein, dass das Buch der themenfernen LeserInnenschaft nicht wirklich mit Begriffsklärungen zu Hilfe eilt. Hier sei allerdings auch die Schlusszeile aus dem Vorwort angeführt: „Wessen Bildung? Unsere Bildung! Wir müssen sie selbst in die Hand nehmen.“ Demzufolge darf man vom Leser, der Leserin die nötige Eigeninitiative fürs Nachschlagen erwarten.

Wessen BildungBundesvertretung der Österreichischen HochschülerInnenschaft (Hg.):
Wessen Bildung. Beiträge und Positionen zur bildungspolitischen Debatte.

Wien (Mandelbaum) 2011.
296 Seiten

ISBN: 978-3-85476-369-7

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