“Bruno Kreisky. Politik und Leidenschaft” ist eine ideale politische Einstiegsdroge für all jene, die den 1990 verstorbenen Ausnahmepolitiker bisher nur vom Hörensagen kennen. Ein idealer Auftakt für unsere Rezensionsreihe, die die wichtigsten Publikationen anlässlich des 100. Geburstages Kreiskys präsentiert.

Der mit einer guten Stunde Laufzeit ebenso kurze wie kurzweilige Film der österreichischen Historikerin und Filmemacherin Helene Maimann bietet einen Mix aus zeithistorischen Dokumenten und persönlichen Betrachtungen, der einen guten Einblick in Leben und Schaffen Kreiskys gibt – und dabei nicht zu sehr in die Tiefe geht.

Dramatischer Einstieg
Gleich zum Einstieg wird es dramatisch, als sich alles ohne Umschweife um das Geiseldrama am Flughafen Wien-Schwechat dreht. Diese Szenen machen klar, dass Kreisky kein gewöhnlicher Politiker war. Intellektuell, unkonventionell und entscheidungsstark – eine Kombination, die es nicht oft an die Spitze des Staates schafft.

Vom Außenseiter zum Kanzler
In vieler Hinsicht ein Außenseiter und unwahrscheinlicher Kandidat, brachte Bruno Kreisky nach seiner Rückkehr aus dem schwedischen Exil nach der Nazi-Zeit zum SPÖ-Chef, Außenminister und dreimal mit absoluter Mehrheit gewählten Bundeskanzler.

Keine kritischen Passagen
Zu Wort kommen neben Kreisky selbst – in zeithistorischen Aufnahmen und TV-Berichten – ausschließlich ehemalige Weggefährten und Amtskollegen, was den Anteil der kritischen Passagen naturgemäß auf ein Minimum reduziert. Auch Hannes Androsch, Kreiskys junger Finanzminister und Shooting-Star, der sich später mit dem Kanzler überwarf und die Politik im Streit verließ, findet nur positive Worte.

Persönliche Einblicke
Hannes Androsch und Heinz Fischer geben Einblicke in die politische Welt Kreiskys, aber auch seine persönlichen Charakterzüge, die ihn zur Ausnahmeerscheinung auf dem politischen Parkett machten. Sein größter und unverständlichster Fehler war wohl der Umgang mit den SS-Geschichten, die Simon Wiesenthal FPÖ-Chef Friedrich Peter ankreidete. Diese Kontroverse, die Kreisky entgegen seiner Art extrem emotional führte, stieß viele vor den Kopf.

Staatsvertrag und Reformen
Außergewöhnlich waren neben den innenpolitischen Reformen, auf die wir in der kommenden Rezension der DVD-Box “Die Ära Kreisky” ausführlicher beleuchten werden, vor allem seine außenpolitischen Initiativen. Kreisyk – ein Mitverhandler des österreichischen Staatsvertrages von 1955 – verschaffte sich mehr Gewicht in der Welt als alle Österreicher nach ihm.

Die Sicht von außen
Daher ist auch spannend, wie etwa der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt oder der amerikanische Außenminister Kissinger auf ihren Amtskollegen zurückblicken. Speziell zum nahen Osten hatte Kreisky einen außergewöhnlichen Draht und versuchte zeitlebens, Palästinenser und Juden an den Verhandlungstisch zu bringen.

Ein Mann des Volkes
Kreisky war andererseits ein Mann des Volkes, der mit jedem reden konnte und wollte. Auch auf die Kunst hatte er eine fast magnetische Wirkung, was André Heller sehr eindrücklich und emotional ins Gedächtnis ruft. So positiv er den frühen Kreisky und die Aufbruchsstimmung findet, wird bei Heller doch deutlich, dass er sich gegen Ende zusehends entfremdete. Auch die Affinität zum verurteilten Mörder Udo Proksch verstörte den Künstler.

Niederlagen und Siege
Zu Ende geht die zeitgeschichtliche Reise mit Kreiskys größter Niederlage: dem AKH Zwentendorf. “Dieses Werk steht, es hat Milliarden gekostet, es darf nicht verrotten” – genau das tat es aber nach der denkbar knapp ausgegangenen Volksabstimmung. Doch auch diese Niederlage verwandelte Kreisky in einen Erfolg, in dem er als Konsequenz das atomfreie Österreich ausrief – und eine weitere, letzte absolute Mehrheit errang.

Service

Helene Maimann: “Bruno Kreisky. Politik und Leidenschaft.”
DVD, 16:9, Stereo, Deutsch, Untertitel optional
Laufzeit: 62 Minuten, Bonusmaterial; 55 Minuten
DOR Film/ORF
Mit: Hannes Androsch, Barbara Coudenhove-Kalergi, Heinz Fischer, Andre Heller, Henry Kissinger, Helmut Schmid u.a.