Wenn die Wogen um Bruno Kreiskys 100. Geburtstag nicht ganz so hoch schlugen, wie es anlässlich der Würdigung einer politischen Legende erwartet wurde, hat das wohl einen simplen Grund: Kreisky war nie wirklich weg. Er ist der unbesiegte Übervater der Sozialisten und der (insgeheim bewunderte) Gottseibeiuns der Konservativen. Doch warum sollen Jugendliche bei “Kreisky” nicht einfach nur an geile Musik denken, sondern an einen unscheinbaren Mann mit dicker Brille? Ganz einfach: In dieser Zeit liegt sowohl der Schlüssel zur Vergangenheit, als auch der Zukunft Österreichs.

Bruno Kreisky wurde am 22. Jänner 1911 in Wien geboren und starb am 29. Juli 1990. Der SPÖ-Politiker war von 1970 bis 1983 Bundeskanzler der Republik Österreich. Kreisky engagierte sich schon als Schüler für die Sozialdemokratische Partei und wurde 1936 wegen seiner politischen Tätigkeit vom austrofaschistischen Staat zu einem Jahr Kerker verurteilt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste er nach Schweden emigrieren. Nach der Befreiung Österreichs war er zunächst in Schweden als Diplomat, dann ab 1951 in Wien als Staatssekretär und Minister in der österreichischen Außenpolitik tätig. 1967 übernahm er den Parteivorsitz der nunmehrigen Oppositionspartei SPÖ, die er 1970 zur relativen Mehrheit führte.Als Bundeskanzler regierte er daher zunächst mit einer von den Freiheitlichen tolerierten Minderheitsregierung; 1971, 1975 und 1979 erreichte er mit der SPÖ jeweils die absolute Mehrheit. Bei der Nationalratswahl 1983 ging die SPÖ von der absoluten auf die relative Mehrheit zurück; Kreisky trat als Kanzler zurück und zog sich aus der Innenpolitik zurück. Quelle: Wikipedia

Bei Kreisky vermischen sich Mythos und Mensch, und von beidem ist im Übermaß vorhanden. Diese Annäherung soll anschaulich machen, warum es heute weder mit ihm noch ohne ihn politisch vorangehen kann. Der “Jahrhundertkanzler” war ein Produkt seiner Zeit, überlebensgroß als Sieger wie als Verlierer.

Against all odds
Dass Bruno Kreisky überhaupt eine prägende Rolle in der Sozialdemokratie einnehmen konnte, kann nur als einer jener Irrtümer betrachtet werden, die Geschichte so spannend machen. Der großbürgerliche, jüdische, kompliziert formulierende, nachdenkliche, nicht übermäßig attraktive, aus dem Exil zurückgekehrte, in den eigenen Reihen auf scharfen Widerstand stoßende Mann  als Kanzler – das war die erste Sensation.

Gewinnen ist nicht genug
Die zweite Sensation war eine machtpolitische: Kreisky erkämpfte gegen eine gut geschmierten ÖVP-Alleinherrschaft zuerst einen knappen Sieg, um daraus – nach einer abenteuerlichen Minderheitsregierung unter Duldung der Freiheitlichen – drei absolute Mehrheiten und (als schwerkranker Mann) zuletzt 1983 satte 47,6 Prozent der Stimmen zu erobern. Der Führer der stärksten Partei dankte wegen 3 Prozent Stimmenverlust in Würde ab.

Reformer an der Macht
Als wäre das nicht genug, waren – vor allem die drei ersten – von Kreisky geleiteten Reformregierungen effizient wie kaum eine davor oder danach. Schon die (kurze) Minderheitsregierung nutzte er mit seinem Team, um die ersten von zahlreichen “Quick Wins” umzusetzen:

  • Wehrdienst-Verkürzung und Einführung Zivildienst
  • Herabsetzung der Volljährigkeit
  • Schülerfreifahrt
  • Abschaffung AHS-Aufnahmeprüfung
  • Abschaffung Studiengebühren
  • Heiratsbeihilfe
  • Fristenlösung
  • Individualbesteuerung
  • Entkriminalisierung der Homosexualität
  • Gleichstellung von unehelichen Kindern
  • Abschaffung “Schmutz und Schund”-Paragraf
  • Ortstafelgesetz
  • Gratis Schulbuch
  • Schulunterrichtsreform und Schülermitverwaltung
  • Hochschulreform und Mitspracherecht der Studenten und Assistenten
  • Mutter-Kind-Pass
  • Erhöhung Geburtenbeihilfe
  • Mehrwertsteuer
  • Strafrechtsreform
  • Gleichstellung in der Ehe und Scheidungsreform
  • Arbeitszeitverkürzung (49h-Woche) und Mindesturlaub vier Wochen
  • Abfertigung für Arbeiter
  • Im nächsten Teil der Serie wird neuwal den Mann vorstellen, der diesen Modernisierungsschub für Österreich möglich machte – und sich dabei nicht wenige Feinde schuf.

    Die geplanten Inhalte der Serie im Überblick:

    1. Einleitung und Serienstart
    2. „Politik und Leidenschaft“ – die ideale Einstiegsdroge
    3. Das bewegte Leben Bruno Kreiskys – vom Kerker zum Kanzler
    4. Die wichtigsten Reformen im Überblick
    5. Winning  Team: Die politischen Schwergewichte der Kreisky-Zeit
    6. Kreisky forever: Bücher, DVDs und mehr