Jovan Mirilo ist Träger des Bruno-Kreisky-Preises 2007, da er für die Aufklärung des Völkermords von Srebrenica eine wichtige Rolle spielte. Deshalb war er 2007 auch gezwungen, seine Heimat Serbien zu verlassen, nachdem dort ein Kopfgeld von 50.000 Euro auf ihn ausgesetzt wurde. Er floh mit seiner Lebensgefährtin und ihrer gemeinsamen Tochter nach Österreich.

Wels, 4. April 2007. Fremdenpolizeiliche Einvernahme des Asylwerbers Jovan Mirilo. Für die Beamten eine Routineangelegenheit. Für den Asylwerber ein traumatisches Erlebnis. Er kommt als freier Mensch mit der Bitte um Schutz und wird zu einem Gefängnisinsassen. Leibesvisitation, Zuteilung in eine Zelle, versperrte Fenster, verriegelte Tür. Nur ein Telefonat ist erlaubt.

schreibt Rubina Möhring in ihrem Buch „Die Asylfalle“, in dem Mirilo eine zentrale Rolle spielt. Sein Fall ist der rote Faden der Beschäftigung Möhrings mit den Unmenschlichkeiten des österreichischen Asylwesens. Das Buch, das sich stellenweise nüchtern und analytisch gibt, ist ein engagiertes Plädoyer für Menschen denen nur die nackte Haut geblieben ist, und die vom Staat behandelt werden, als wären sie nichts wert.

Während Mirilo, in dessen Fall die Autorin persönlich involviert war und ihm und seiner Familie Unterkunft gewährt hat, die Klammer bildet, schildert Möhring einzelne Schicksale und spricht die unvermeidlichen Namen – wie Marcus Omofuma, Ute Bock, Arigona Zogaj – an.

Was die stärke des Buches ist, ist auch seine Schwäche. Fokusiert auf Einzelschicksale und die umfassende Aufbereitung ihres Leidenswegs geht der Blick fürs Ganze leicht verloren. Der Untertitel des Buchs „Wie Österreich mit seiner Flüchtlingspolitik scheitert“ scheint mir verfehlt, die Rolle des Staates kommt nur periphär zur Sprache, meist stehen einzelne seiner VertreterInnen im Fokus. Das engagierte Plädoyer für Menschlichkeit ist keine systematische Kritik und deutet einen ganzheitlichen Blick maximal an.

Doch das soll kein Veriss sein. Das Buch hat mich gefesslt und mitgenommen, ich war schon lange nicht mehr so wütend. Liest man „Die Asylfalle“ bekommt man auf knapp 180 Seiten eine in Qualität und Quantität unfassbare Dosis brutaler Grausamkeit und Unmenschlichkeit serviert, die nicht zu Verdauen ist. Es ist empörend und erschreckend und doch alltäglich.

Die AsylfalleRubina Möhring
Die Asylfalle. Wie Österreich mit seiner Flüchtlingspolitik scheitert.

Czernin Verlag 2011
184 Seiten
19,80 Euro

ISBN: 978-3-7076-0353-8

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Jahrgang 1986, lebt in Graz, bloggt und twittert politisch und schreibt auch sonst gerne.