So tragisch die Ereignisse in Japan sind und wie immer sie auch ausgehen, eines steht bereits fest: Sie werden kein Game Changer sein. Die Zukunft der Atomindustrie as we know it war besiegelt, lange bevor in Fukushima die Kühlkreisläufe ausfielen. Die medial beschworene Renaissance der nuklearen Energie hat nie stattgefunden. Das Problem besteht darin, was schon existiert.

Recyclebares Atom, (C) Stefan Egger
Das war der Traum - Atomkraft als saubere, sichere Alternative.

In Rekordzeit von der militärischen zur zivilen Nutzung gebracht, erlebte die Kernspaltung früh einen gewaltigen Boom. Das Gros der weltweit 212 aktiven Kernkraftwerke wurde in den 70er und 80er-Jahren gebaut, schon in den 90ern begann die Anzahl der neuen Kraftwerke zu stagnieren, seit der Jahrtausendwende gingen wenige in Betrieb. Es gibt unzählige Gründe für die Verlangsamung, die fatalen Folgen einer nuklearen Katastrophe sind nur einer davon.

Gigantische Anlaufkosten
Das größte Problem für die Energieerzeuger sind aus wirtschaftlicher Sicht zweifelsohne die gigantischen Anlaufkosten, die ein Kernkraftwerk im Schnitt erst nach 20 Jahren profitabel machen. Dabei ist die Frage noch nicht endgültig berücksichtigt, wo und wie der anfallende atomare Müll überhaupt gelagert werden kann. Transporte und Endlager sind heute politisch kaum mehr durchsetzbar.

Verlogenes Österreich
Österreich nimmt bei diesen Diskussionen – wie so oft – eine Sonderrolle ein. Ein fix und fertig gebautes, Milliarden Schilling teures Atomkraftwerk steht nahe Wien in Zwentendorf – es ging nach einer denkbar knapp und auch aus innenpolitischen Gründen negativ ausgefallenen Volksabstimmung nie ans Netz und dient heute als Ersatzteillager, Trainingsobjekt und Museum. Alles in Butter also bei uns? Mitnichten.

Ausländischer Atomstrom
Die Kurzsichtigkeit und Verlogenheit der österreichischen Politik zeigt sich daran, dass wir, anstatt konsequent auf erneuerbare Energiegewinnung etwa aus Speicherkraftwerken zu setzen, Atomstrom aus dem Ausland importieren. Das unlängst beendete Euratom-Volksbegehren haben wenige unterschrieben, doch nur Tage nach den Vorfällen in Japan wollen populistische Politiker eine europäische Volksbefragung einleiten.

Derzeit noch unverzichtbar
Man muss der Wahrheit ins Auge blicken: Wir können die Atomkraftwerke nicht von heute auf morgen abschalten. Die fossilen Energieträger würden noch schneller und mit noch drastischeren Auswirkungen auf unsere Umwelt zur Neige gehen, Ersatztechnologien stehen nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung. Nichts ist so leistungsfähig und „sauber“ wie die bestehenden, abbezahlten Meiler – mit all ihren unabwägbaren Problemen.

Fusion in weiter Ferne
Ein Festhalten an der Kernspaltung ist jedoch keine Option. Jedes abgeschaltene Kraftwerk ist ein Risiko weniger für die Menschheit und verschärft das atomare Endlagerproblem nicht noch weiter. Die kommerzielle Einsatzfähigkeit der Kernfusion, bei der wesentlich weniger Abfälle mit deutlich geringerer Halbwertszeit anfallen würden, ist nach ebenso endlosen wie teuren Fehlschlägen und einer internationalen Kürzung der Mittel für deren Erforschung in weite Ferne gerückt.

Zu wenig Alternativen
Solar- und Windenergie sind wertvolle Beiträge zum Energiemix, können jedoch aus heutiger Sicht nicht leisten, was durch die Abschaltung der Atomkraftwerke verloren geht. Ein Riesenproblem – das gleichzeitig erklärt, warum die gefährlichen Kraftwerke so nahe an dicht besiedelten Gebieten erbaut wurden – bleibt weiter bestehen, der verlustreiche Transport von elektrischem Strom über weite Strecken.

Eine globale Anstrengung
Es bedarf einer globalen politischen und wirtschaftlichen Anstrengung, durch Großprojekte wie Desertec (eine verbesserte Form der solaren Energiegewinnung in der Sahara) und anderer innovativer internationaler Projekte die Abhängigkeit von fossilen und atomaren Energieträgern zu reduzieren. Dafür bräuchte es echte politische Initiativen statt kurzfristiger PR-Coops – und ein Energiekonsortium mit den besten Köpfen der Welt.

Alle in einem Boot
Der Kampf gegen die Atomenergie ist ohne die Energieindustrie nicht zu gewinnen. Politik und Wirtschaft zu überzeugen, ist natürlich schwieriger, als einen Anti-Atom-Button auf sein Facebook-Profilbild zu pappen. Wer aber ernsthaft daran interessiert ist, eine sicherere, saubere und nachhaltige Formen der Energiegewinnung zu fördern, sollte sich dieser Aufgabe verschreiben.

Machen wir den Anfang
Ob man dafür den Stromanbieter wechselt und somit wirtschaftlichen Druck ausübt, auf die Straße geht, um Aufmerksamkeit zu erregen oder politische Allianzen schmiedet: Machen wir einen Anfang!