neuwal hat Gilda Horvath Ende Jänner 2011 sehr zeitig in der Früh am FH Campus Wien getroffen. Ein langer Wunsch ging in Erfüllung und ich konnte mit Gilda Horvath über die aktuelle und politische Situation in Ungarn, über Roma und besonders über ihre Beobachtungen und Erfahrungen im Bereich der Volksgruppen sprechen. Ich freue mich, dass ihr Interview unseren Themenschwerpunkt „Ungarn im Umbruch“ ergänzt.

Gilda Horvath ist Journalistin, arbeitet in der ORF Volksgruppenabteilung und studiert Journalismus. Sie ist Romni, zählt sich zur Roma-Community und setzt sich sehr stark für ihre Volksgruppe ein. Ich habe Gilda bei einer OKTO-Diskussionsrunde vor ein paar Jahren gesehen, letztes Jahr in einem sehr beeindruckenden FM4-Gästezimmer und im September 2010 beim Roma-Fest im Amerlinghaus. Durch ihre Beiträge und Diskussionen (u.a. im Club 2) habe ich einiges über die Situation der Roma erfahren. Im Zuge der Recherchearbeiten zu unserer neuwal-Serie „Ungarn im Umbruch“ und dem neuen Mediengesetz bin ich sehr oft auf dessen Auswirkungen auf Minderheiten gestoßen. Ich habe zum Beispiel nicht gewußt, dass Österreich das einzige Land ist, in dem Roma als offizielle Volksgruppe anerkannt werden.

Ich bedanke mich bei Martin Zinkner, der für neuwal das Ressort Integration verantwortlich ist für einen Großteil der Fragestellungen.

Gilda Horvath, Foto: privatGilda Horvath arbeitet seit fünf Jahren in der ORF Volksgruppenredation und studiert derzeit Journalismus an der FH Wien. Sie ist Romni und zählt sich zur Roma-Community und setzt sich intensiv mit dem Volksgruppenthema der Romni auseinander. Sie moderiert regelmäßig ihre Radiosendung Radio Kaktus auf Radio ORF 1476

„In Ungarn spitzt sich die Situation zu“, beschreibt Gilda Horvath im neuwal-Interview die Veränderungen in unserem Nachbarland. Ein Streifzug durch die ungarische Politik, die neue Regierung und das neue Mediengesetz. Wir reden über die paramilitärische ungarische Garde, die zwar verboten ist, aber großen Einfluß auf die Gesellschaft und vorallem Minderheiten ausübt. In Österreich leben derzeit offiziell 30.000 Roma, die hier – als einziges Land – als offizielle Volksgruppe anerkannt werden. Derzeit wird allerdings hinter verschlossenen Türen für alle Volksgruppen ein neues Volksgruppengesetz ausgearbeitet.


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Der Artikel zum Nachhören. (ca. 25 Minuten)
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“In Ungarn spitzt sich die Situation zu” – Gilda Horvath im Gespräch mit neuwal by neuwal

Situation der Roma in Ungarn und Österreich

Teil 1: Situation der Roma in Ungarn und Österreich
Teil 2: Ungarn im Umbruch: Die ungarische Garde, das neue Mediengesetz und Minderheiten

neuwal (Dieter Zirnig und Martin Zinkner): Gilda, wir haben in den letzten Monaten viel über Ungarn gelesen. Es gibt eine neue Regierung und ein neues Mediengesetz, gegen das demonstriert wird. Wir waren vergangene Woche in Budapest und haben uns vor Ort umgesehen und informiert. Wie ist die Situation rund um Roma in Ungarn derzeit?

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Gilda Horvath: Ich habe sehr viele Verwandte in Ungarn, die mir aus erster Hand erzählen wie sie die Situation erleben. Ihre persönliche Angst verstärkt sich, seit dem die ungarische Garde in kleine Roma-Dörfer einmarschiert ist.

Das waren 300 Menschen in Uniformen, die absichtlich an NS-Symbolik angelehnt sind.

Bei den Roma sitzt die Angst vor der Mehrheitsgesellschaft immer noch extrem tief, da in der NS-Zeit auch die Institutionen wie Schulen, Polizei, Magistrate, Meldeämter vernetzt waren. Und genau davor haben die Roma in Ungarn wieder Angst. Ganz Abseits von Minderheitenpolitik ist natürlich das neue Mediengesetz und die Steuer für ausländische Unternehmer ein weiteres Zeichen von Ungarn und von Viktor Orban, dass sie Elemente, die nicht rein-ungarisch sind, nicht so gerne im Land haben wollen.

Über Roma und Sinti wird nicht sehr viel gesprochen…

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Über Roma und Sinti wird eigentlich – außer im Zusammenhang mit der NS-Zeit – nicht sehr viel gesprochen. Und das ist schade, da die Roma mit 14 Millionen Menschen die größte Minderheit Europas sind. Roma und Sinti kommen ursprünglich aus Indien – das ist mittlerweile schon über 2.000 Jahre her. Seit über 500 Jahren sind sie im europäischen Raum ansässig: Vorallem in Rumänien und Bulgarien. Jeder vierte Rumäne ist statistisch gesehen ein Roma. Das ist irrsinnig viel. In Ungarn sind wir mit Millionen Roma bei einem Faktor, der wahlentscheidend ist:

Roma bringen Wählerstimmen.

Und das ganz traurige daran ist, dass eben auch in Roma-Wahlkreisen die rechtsgerichteten Parteien Jobbik und Fidesz an Stimmen gewinnen. Zuletzt gab es sogar Berichte, dass die rechten Parteien für Wählerstimmen zahlen. Aber all das wird von Medien kleingehalten. Nur internationale Medien wie die NZZ oder die Süddeutsche haben sich getraut, darüber zu berichten. Die Roma selber sind leider in den letzten drei Jahren medial sehr populär geworden. Auch wegen den Abschiebungen durch Sarkozy in Frankreich.

Den Mythos des „Wandernen Romas“ gibt es überhaupt nicht mehr: Über 90 % der Roma, die in Europa leben sind fix ansässig, wohnen in einer Wohnung und sind integriert. Man sieht leider nur die negative Eisspitze dieser Sache: Jene Roma, denen es wirklich schlecht geht und die in Ghettos leben. Zum Beispiel in Mitrovica, das ist in Ex-YU – im Kosovo – wo jetzt gerade aus Deutschland 10.000 Roma hindeportiert werden sollen, die schon lange in Deutschland leben. Und dort ist eine Bleimüllhalde. Die Roma, die dort leben, in denen wurde die höchste Bleikonzentration gemessen, die in Menschen gefunden wurde. Genau dorthin möchte man die Roma abschieben. Natürlich gibt es Kriminalität – Kriminalität gibt es aber auch unter Österreichern. Es wird einfach verzerrt dargestellt.

Wie würdest Du den Unterschied zwischen Roma und Sinti erklären?

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Der Unterschied ist historisch belegbar: Die Sinti waren ein Teil der Roma und sie sind mit uns gewandert. Der einzige Unterschied ist, dass sich die Sinti vor ein paar hundert Jahren vor allem im deutschen Sprachraum angesiedelt haben. Das ist auch der Grund, warum es in Deutschland mehr Sinti als Roma gibt. Und dadurch, dass sie schon so lange im deutschen Sprachraum sind, haben viele von ihnen von der deutschen Sprache angenommen. Es gibt viele Lehnwörter und es gibt sogar einen eigenen Sprachdialekt: Sintitikes. Sinti sind auch noch bekannt als eine Gruppe, die sehr traditionell lebt. Also noch traditioneller als viele viele andere Gruppen.

Wie sieht es mit den Volksgruppenrechten im Burgenland für Roma und Sinti aus? Gibt es zweisprachigen Unterricht und wird der Erhalt der Kultur ausreichend gefördert?

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Die Roma im Burgenland haben eine ganz spezielle Situation, die ganz anders ist als von allen anderen Roma in Europa.

Österreich hat Roma als Volksgruppe anerkannt hat. Das ist einzigartig. Das hat kein anderes Land in dieser Form gemacht.

Im Burgenland gibt es seit den 80er Jahren die ältesten Roma-Vereine, die ganz tolle Projekte – wie zweisprachigen Unterricht – haben. Es gibt immer wieder sogar Romanes-Unterricht an der Volkshochschule Oberwart und ebenso ist ein Roma-Verein von Emmerich Gärtner-Horvath tätig, der super Kurse veranstaltet.

Solche Projekte gibt es immer wieder: In Wien rennt gerade ein Projekt um die Roma-Sprache zu standardisieren, damit man das in jeder Schule machen kann, in der es viele Roma gibt. Die Volksgruppenrechte im Burgenland sind da und sind gesichert. Die Integration ist viel besser als vor 20 Jahren und die neue Generation – die heute 15jährigen – entscheiden sich für höhere Schulbildung.

Die Burgenland-Roma sind heute nicht mehr die Gruppe, die in der Form extreme Hilfe brauchen. Das Volksgruppenrecht gilt nämlich nur für die österreichischen Roma – sogenannte „autochthone Roma“. Also für Roma, die länger als drei oder vier Generationen in Österreich sind.

Was ist aber mit den vielen Roma aus Ex-YU?

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Wir haben offiziell ca. 30.000 Roma in Österreich. Diese Zahl beinhalten aber nicht Flüchtlinge oder Gastarbeiter-Nachgeneration. Wenn man Flüchtlinge oder die Gastarbeiter-Generation mitzählt, hätten wir in Wirklichkeit 120.000 bis 150.000 Roma in Österreich. Diese Roma haben viele migrantische Probleme oder Nachfolgeprobleme aus der Gastarbeitergeneration fallen nicht unter das Volksgruppengesetz. Das Volksgruppengesetz wird derzeit für alle Volksgruppen geändert. Und da wird man erst sehen, was rauskommt.

Welche Wünsche gibt es an das Volksgruppengesetz, das derzeit in Arbeit ist?

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Nicht viele Menschen haben derzeit in die Gesetzesänderung Einblick. Für die Roma verhandelt dort der Volksgruppenvorsitzende Prof. Rudolf Sarközi. Er hat das erste Volksgruppengesetz für die Roma damals mitentworfen. Er persönlich hat in einem Interview gesagt, er würde gerne das autochthon seiner vier Generationen erhöhen. Das wäre negativ für alle serbischen oder EX-YU-Roma, die da sind. Dann würden sie noch eine Generation länger nicht anerkannt werden. Ich weiß nicht, was ihm das persönlich bringen sollte. Aber immerin gibt es noch mehrere andere Volksgruppen; man kann noch nicht sagen, in welche Richtung es geht.

Ich glaube eher, dass sich die Kärntner Slowenen am stärksten aufregen und für ihre Rechte kämpfen werden.

Weil die sind ja mit dem Ortstafelstreit noch immer nicht durch. In welche Richtung das Volksgruppengesetz geht, weiß im Moment keiner, außer der Volksgruppenbeirat selbst.

Europaweit gibt es ungefähr 300 Volksgruppen. Die Roma sind die einzige Volksgruppe, die über ganz Europa verteilt wohnen. Die einzelnen Mitgliedsländer der EU gehen ganz unterschiedlich mit den Volksgruppen in ihrem Land um. Es gibt Staaten mit einem ganz ausgezeichnetem Volksgruppenschutz und Staaten wo die Existenz von Volksgruppen nicht einmal anerkannt sind (z.B. Frankreich). Der Volksgruppenschutz kennt derzeit noch keine europäische Komponente. Wie wichtig wäre es aber für die Volksgruppen, dass es einheitliche europäische Mindeststandards geben würde? Und wie siehst du die Chance auf Einführung solcher Mindesstandards?

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Die Roma nehmen eine extrem spezielle Situation ein, da sie über alle Länder verstreut leben: Nicht nur in Europa, sondern bis nach Afrika und China. Dadurch, dass die Roma nur in Österreich als Volksgruppe anerkannt sind, stellt sich für mich viel mehr die Frage – schon von europ. Standards, aber nicht für Volksgruppen, sondern eben für kulturelle Gruppen – wie die Roma eine kulturelle, gewachsene Gruppe geworden sind.

Im EU-Rat gibt es ein Parlament der Roma, das heißt „European Roma and Travellers Forum“ in dem Roma-Vertreter aus allen Ländern sitzen. Sie sind noch nicht im Parlament, aber eine wichtige Gruppierung, in der seit Jahren an europäischen Standards gearbeitet: Wie definieren sich Roma?

  • Nämlich durch sein Bekenntnis zu seiner ursprünglich indischen Herkunft.
  • Durch sein Bekenntnis zum Romanipé – das ist die Romakultur.
  • Durch sein Bekenntnis zur Sprache der Roma der Romanes.

Das sind die drei Kriterien, nach denen sich jetzt offiziel ein Roma definiert.

Die EU kann nur etwas vorschlagen, die Nationalstaaten müssen es umsetzen. Und die Nationalstaaten setzen ganz und gar nicht gern politisch unpopuläre Dinge für Minderheiten durch, weil damit verliert man Stimmen. Und das heißt, dass die ganze Romapolitik durch Menschen und Politiker blockiert sind, die Angst davor haben, ihren Job zu verlieren, wenn sie sich für diese Minderheit einsetzen. Und das ist eigentlich das wahre Problem. In der EU gibt es ganz viel Engagement in diese Richtung aber bei den Nationalstaaten leider ganz ganz wenig.

Wie sieht es mit der Roma-Politik in Ungarn aus und welche sind die engagierte und treibenden Organisationen?

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Ungarn ist lustigerweise ein wichtiges Zentrum für Romapolitik, denn dort sitzt das Open-Society-Institut. Das ist eine Stiftung von George Soros. Das kann man sich wie ein Märchen vorstellen, in dem ein Millidardär, ein Wirtschaftsmagnat, der irgendwann von Roma das Leben gerettet bekommen und daraufhin beschlossen hat, die Roma zu unterstützen. Und dieser Mann ist bis hin zur Weltbank in Kontakt mit den ganz Hohen dieser Welt. Und er unterstützt die Roma schon seit mehr als einem Jahrzehnt. Deswegen ist das Open-Society-Institut mit dem Bildungs- und Politikprogrammen ganz wichtig.

Und quasi zwei Türen weiter ist das European Roma Rights Center. Eine eigene Institution, die Menschenrechtsverletzungen kontrolliert und darüber berichtet. Sie sind ganz eng mit Amnesty International, EU-Kommission und OSZE vernetzt, wo auch schon Vertreter von Roma integriert sind. Das heißt, organisatorisch ist das alles schon viel besser als vor zehn Jahren.

Open-Society-Institut und European Roma Rights Institute sagen genau das gleiche:

Sie kämpfen damit, dass ihre Türen beschmiert und manchmal mit Eiern beworfen sind, weil man weiß, die sind das, die den Roma helfen.
Wie sieht sie heute die Akzeptanz der Roma und Sinti in der Gesellschaft? Werden sie noch immer ausgegrenzt oder ist es heute ein freundschaftliches Miteinander? Gibt es immer noch einen starken Assimilierungsdruck?

Abseits davon ist es in Budapest anders als in den Dörfern. Jene Roma, die sich in die Stadt trauen, um in der Stadt zu leben outen sich gar nicht als Roma. Leben assimiliert unter irgendeinem anderen Titel wie Türken oder Ungarn oder was auch immer und outen sich gar nicht. In der Stadt ist die Situation so, dass man einfach nicht sagt, dass man Roma ist. Und die europ. Institutionen, die direkt in Budapest sitzen, versuchen zu vermitteln, fahren in die Dörfer, kommen aber auch nicht viel weiter.

Und ich glaube, das einzige was wirklich helfen kann ist europ. Druck. Sowie am 4. September, da gab es in ganz Europa Demonstrationen gegen die Abschiebungen von Sarkozy. Und das hat die EU darauf Aufmerksam gemacht, dass etwas getan gehört.

Und das ist der Unterschied zu vor zwanzig Jahren: Das heute die Roma gut genug organisiert sind, um gesammelt an ein und dem selben Tag in ganz Europa demonstrieren zu können. Das macht mir Hoffnung. Was mir Angst macht ist, dass die EU auf Menschenrechtsverstöße, wo auch immer sie passieren, so lasch reagiert.

Ungarn im Umbruch: Die ungarische Garde, das neue Mediengesetz und Minderheiten

Teil 1: Situation der Roma in Ungarn und Österreich
Teil 2: Ungarn im Umbruch: Die ungarische Garde, das neue Mediengesetz und Minderheiten

Wenn wir nach Ungarn blicken – wie sieht die Situation dort aus?

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In Ungarn spitzt sich die Situation zu. Ich habe zwei Augenzeugenberichte.

In meiner letzten Sendung von Radio Kaktus war Herr Dr. Gerhard Baumgartner, ein ungarischer Historiker, der sich mit dem Mediengesetz auseinandersetzt. Er sagt, dass es ein absoluter Schritt zur Zensur ist. Diese Zensur hat zum Ziel, alles, was kritisch gegen Fidesz oder gegen Jobbik ist, einfach Mundtot zu machen. Es ist gemeinerweise nämlich nicht einfach ein neues Mediengesetz, sondern es ist die Novellierung von 120 alten Mediengesetzen. Hochqualifizierte Juristen von der Europäischen Kommission, die das Gesetz gerade kontrollieren, setzen sich damit auseinander und kennen sich damit nicht aus. Bei der Übersetzung vom Ungarischen ins Deutsche entsteht ein großer Sinnesunterschied. Keiner kann wirklich sagen, was dieses Gesetz noch bewirken kann. Was jeder weiß ist, dass diese neuen Gesetz – 120 Novellierungen – eine Medienkontrollbehörde zum Ergebnis haben.

Und diese Medienkontrollbehörde hat das Recht, Berichterstattung, die „nicht vernünftig“ oder „ausgewogen“ – nach der Meinung der Regierung – ist, zu korrigieren bzw. ganz zu löschen. Und das wird sich vorallem auf Online beziehen, wo es für einen Staat am schwersten zu kontrollieren ist.

Und das ist sehr bedenklich, weil wahrscheinlich daran etliche Minderheitenmedien zu Grunde gehen. Auch das Recht Förderungen zu kürzen – und zwar komplett – ist da. Und das ist meiner Meinung nach gar kein Instrument, um vernünftige Berichterstattung zu fördern, sondern das ist für mich der erste Schritt in diktatorische Züge.

Die zweite Stimme aus Ungarn ist Katalin Bársony, eine Romni und Filmproduzentin, die fürs ORF-Pendent in Ungarn, Duna Televizio, arbeitet. Sie dreht seit Jahren eine Dokumentationsreihe über Roma in ganz Europa. Auch sie ist förderungsabhängig. Hat den CIVIS-Preis gewonnen, ist hochdekoriert, ist laufend in Brüssel zur Beratung in Bezug auf Roma-Themen – also wirklich ein Profi. Sie hat mir am Telefon ganz klar gesagt, dass sie ihre Förderung demnächst verlieren wird, wenn dieses Gesetz so bleibt. Und, dass schon jetzt, bevor das Gesetz schon wirklich am Arbeiten ist, bereits Minderheiten Angst haben, nicht nur ihre Förderung zu verlieren. Katalin erzählt mir davon, dass sie in Budapest in der Nacht nicht mehr gerne spazieren geht. Als Angst, sie könnte jemanden von der ungarischen Garde auf der Straße treffen.

Wie kann man sich diese ungarische Garde vorstellen?

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Am Besten erklärt man die ungarische Garde mit dem Mord der ganz konkret in Ungarn passiert ist: Ein Haus wurde angezündet, in dem nur der Vater und sein vierjähriger Sohn waren. Das Haus hat gebrannt und die zwei mussten im Winter aus dem Haus einfach rauslaufen. Und als die zwei aus dem Haus rauslaufen, zieht jemand eine Waffe und richtet die beiden hin. Die beiden wurden ganz gezielt erschossen. Das heißt, das war ein Anschlag: Das Haus wurde angezündet, draußen hat schon jemand gewartet und hat sie erschossen.

Tage vorher marschierte die ungarische Garde auf und stellt in Fünf-Meter-Abständen Leute von sich um das Dorf herum auf und wartet, ob jemand rauskommt um sich ihnen zu stellen. Und das sind mittlerweile schon zwei Straßenraufereien dabei herausgekommen. Danach haben die rechten Medien getitelt: „Roma starten den Volksaufstand gegen das ungarische Volk.“ So kann man das nicht verkaufen.

Die ungarische Garde ist eine sehr straff organisierte paramilitärische Truppe, deren Mitgliederzahl steigt.

Früher waren es ein paar hundert, mittlerweile geht es über tausend Mitglieder hinaus. Sie sehen es als einzige Aufgabe, Roma, Juden und andere Minderheiten einzuschüchtern bzw. andere Roma, die sich für die „Anständigen“ halten, für die Partei zu gewinnen.

So nach der Wahl: Entweder du musst Angst vor uns haben oder du wählst uns. Die ungarische Garde ist mittlerweile verboten. Aber es gibt sie, die Polizei schreitet nicht ein, auch bei dem Mord, wo der Vater und der Sohn umgebracht worden sind, wurde zuerst auf einen Unfall plädiert. Bis man bei der Autopsie bemerkt hat, dass die Leute erschossen wurden. Der Polizeichef wurde suspendiert und 24 Stunden später wieder in seinem Job eingesetzt. Das heißt, die Polizei ist schon von rechten Mächten infiltriert, ist eigentlich der Meinung von Fidesz und Jobbik, dass die Roma weg gehören. Dementsprechend wenig ist auch das Vertrauen, Kriminaltaten der Jobbik als auch von Fidesz bzw. der ungarischen Garde anzuzeigen. Weil es bringt nichts. Die Polizisten sagen Leuten, die Anzeigen erstatten wollen: „Du kommst damit nicht durch, geh wieder nach Hause.“

Berlusconi, Sarkozy und in Ungarn Viktor Orban. Ich bemerke viele Veränderung in der europäischen Politik – auch in Österreich…

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Es ist nicht nur möglich, es wird immer mehr zur Norm. Wenn ich mir Italien ansehe, was Berlusconi aufgeführt hat, vierjährigen Kindern die Fingerabrücke abzunehmen und sie zu registrieren. Sarkozy hat bei den Abschiebungen den Roma Geld bezahlt, im Wissen, dass diese Leute wieder zurückkommen können. Das Frankreich es aber in der Förderung so konzipiert hat, dass sie pro Abschiebung eine gewisse Förderung kassieren, das sagt wieder kein Mensch.

Dörfer werden um vier Uhr früh mit Polizei geräumt und Leute dürfen nichts mitnehmen. Das sind keine normalen Abschiebemethoden. Ich liebe ja Maria Fekter, die das Wort „kindergerechte Abschiebung“ geprägt hat. Wahrscheinlich wäre es, wie es in Frankreich oder Italien läuft, ihr Traum. Meine Meinung ist, dass es in Europa wieder einen Rechtsruck gibt. Mit Berlusconi, mit Sarkozy, mit Viktor Orban – eine immer stärker werdende Achse der Rechten in Europa. Ungarn ist für die Wirtschaft in der EU sehr wichtig. Gerade jetzt in der Wirtschaftskrise ist Ungarn das Tor zum Osten.

Die EU wird sich nicht trauen, Ungarn all zu hart anzugreifen, weil sie derzeit gebraucht werden, besonders jetzt in der EU-Ratspräsidentschaft.

Und die Steuer für ausländische Unternehmer, die jetzt gerade in Ungarn beschlossen worden ist, zeigt auch, in welche Richtung es gehen soll.

Für mich ist nicht die Frage, wie kann das in Europa im Moment passieren, sondern in ganz Europa passiert das momentan. Nicht nur in einem, sondern in zwei, drei, vier, fünf und mehr. Es redet nur keiner darüber bis Menschen sterben oder eben so extreme radikale Sachen wie diese Abschiebungen passieren.

Es gibt derzeit Demonstrationen in Ungarn, auch gegen das Mediengesetz. Wie verhalten sich die Studenten und wie verhalten sich die Minderheiten?

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Studenten und Minderheiten aus der linken Schicht, die sozialistisch oder sozialdemokratisch wählen, schließen sich zusammen. Hier gibt es eine große Solidarität, bei der Studenten, die Nicht-Roma sind, mit Plakaten mit „ROM = MENSCH“ (auf Ungarisch) herum laufen. Studenten, Roma oder alle Minderheiten rücken in solchen Zeiten zusammen um gemeinsam ein Zeichen zu setzen. Minderheiten schließen sich zusammen, die Linke schließt sich wieder zusammen und es gibt eine große Solidarität.

Aber diese Studentengruppen, wie auch die Roma wollen keine Gewalt anwenden und wollen friedlich demonstrieren. Und wenn man die ungarische Garde dazwischen schiebt um die aufzumischen, dann gibt es immer wieder Straßenkämpfe und dann kommt es darauf an, wie es die Medien verkaufen. Und die Medien in Ungarn verkaufen es ziemlich unfair und sehr verzerrt. Und das ist ein großes Problem, das nämlich genau die, die friedlich demonstrieren möchten als Journalisten mit Blogs, friedlichen Demos auf der Straße, in dem sie sich vor Häuser der Regierung setzen mit Plakaten. Genau diese Situationen versucht man immer mit Gewalt eskalieren zu lassen und schickt die ungarische Garde hin und sagt, löst es dort auf.

Das heißt, auch eine Demonstration ist nicht mehr wirklich möglich, weil man immer Angst haben muß, dass es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt.

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…es ist ganz einfach schwierig, wenn politische Rechtsparteien bestimmten Gruppen von Menschen vorwerfen, sie wären Menschen zweiter Klasse. Um das geht es. Klar sind wir alle Menschen – in vielen Ländern gibt es einfach verschiedene Abstufungen davon. Und es betrifft nicht nur Roma. Es betrifft jede Minderheit. Es betrifft Roma, Juden, Homosexuelle.

Es betrifft alles was Minderheit ist und alles, was nicht auf der rechten, strammen ungarischen Seite steht.

Das ist das Problem und deswegen betone ich die Minderheiten auch immer wieder so, weil die Mehrheitsgesellschaft das kleinere Problem damit hat. Die Mehrheitsgesellschaft in Ungarn ist schon wieder auf dem Trip, „wenn wir hier mitmachen, bekommen wir mehr Jobs, bekommen wir wieder mehr Geld, kommen wir besser durch die Krise, weil der Sündenbock ist ja alles, was Menschen zweiter Klasse ist.“

Wir kommen langsam zum Ende des Gesprächs. Gilda, was wär Dein Wunsch an die Leute, die dieses Interview lesen. Was können wir tun…

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Jeder, der etwas auf Menschenrechte, auf individuelle Freiheit, vor allem auf Demokratie hält, soll sich einsetzen. Genauso wie neuwal.com mit seinem Blog, mit Medienberichten einfach darauf aufmerksam machen. Die Situation erweitern, in Diskussionen nicht zurückstecken und einfach aktiv sein.

Und genau diesen Menschen, die sich nicht wehren können, weil sie sich mit Politik nicht auskennen, weil sie die Sprache nicht können, weil sie die Instrumente dafür nicht haben, genau diesen Menschen muß man eine Stimme geben. Und das können genauso Menschen wie ihr bei neuwal.com. Politisch aktiv sein und zeigen, was passiert. Weil die ungarische Berichterstattung ist nicht mehr ganz objektiv und dem muß man entgegenwirken.