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Supertaalk #3: Wikileaks – Siegeszug der Transparenz. neuwal war dabei – hier eine Reflektion und Zusammenfassung der Sendung.

2010 war das Jahr des Whistleblowings: Wikileaks bestimmte über Monate die Berichterstattung. Zuerst schaffte man internationales mediales Aufsehen rund um das Video „Collateral Murder“, für welches die Seite von ihrer ursprünglichen Idee, geheime Daten unverändert zu veröffentlichen, abrückte. In Folge dessen sorgten auch die Afghan War Diarys und die Iraq War Logs für gehöriges Interesse und eine breite Diskussion rund um Wikileaks.  Zum Finale hin dann der große Paukenschlag: eine Viertelmillion diplomatischer US-Berichte warteten auf Veröffentlichung, Medien (darunter: Der Spiegel, New York Times und The Guardian) halfen dabei wieder bei der Verbreitung der eigentlich geheimen Daten. Bis heute sind zwar erst 2.856 Dokumente veröffentlicht … doch der Impact ist unbeschreiblich: Paypal, Amazon, Media Markt muss man verdächtigen, unter politischem Druck zu leiden, Anonymous rufen den Cyberwar aus und Julian Assange prahlt mit seiner Lebensversicherung.

Und auch wenn man eigentlich schon glaubt, alle Diskussionen gesehen oder selbst geführt zu haben: supertaalk wagt sich in Folge 3 ihrer Diskussionssendung an genau dieses Thema: „Wikileaks – Siegeszug der Transparenz?“

Supertaalk #3: Wikileaks – Siegeszug der Transparenz

In der dritten Ausgabe von supertaalk diskutierten

über Wikileaks.

Supertaalk
Supertaalk findet jeden letzten Dienstag im Monat um 20:15 Uhr LIVE auf supertaalk.at statt.
» Supertaalk
» neuwal im Interview mit Werner Reisinger von Supertaalk
» Supertaalk #2: Integration
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WikiLeaks ist Infrastruktur

„Das ist eine Infrastruktur, um Daten hochzuladen, unter gewissen Bedingungen, die es nicht nachvollziehbar machen, wer dahinter steckt.“
Judith Denkmayr

Schon allein mit dieser Aussage wird ein großer Teil der Diskussion in eine Richtung gelenkt: Ist Wikileaks denn nun Journalismus? Ist Wikikeaks, dank unbegrenztem Platz, einfach eine Onlinezeitung? Denkmayr sieht die Plattform vor allem als Quelle und als Archiv. Deshalb sieht sie die Gatekeeperfunktion für Wikileaks nicht wirklich als erstrebenswert an. Und während Denkmayr beginnt, etwas Journalistenbashing zu betreiben (der österreichische Journalismus scheint ihr ein Dorn im Auge zu sein), verteidigt Stefan wohl zurecht eine Branche, wo (wie so oft) gerne nur Negativbeispiele genannt werden.

„Wie fern ändert sich das [der Journalismus] durch Wikileaks? Weil die Leaks, die rauskommen, werden erst recht den Usern durch die klassischen Medien unterbreitet.“
Markus Otti

Denkmayr sieht in Wikileaks einen Anstoß für den Journalismus, um auch vermehrt wieder Aufdeckerjournalismus zu betreiben. Otti glaubt, dass Medien nun nicht mehr nur PR-Meldungen verarbeiten müssen, sondern nun auf direkte Informationen von Informanten zugreifen können. Auch Fred Thurnheim, vom Österreichischen Journalisten Club, meldet sich als Skypezuschaltung zu Wort: auch er sieht in Wikileaks selbst keinen Journalismus, sondern ein Archiv. Für ihn bleibt der Journalist der Gatekeeper.

Klatsch und Tratsch

„Diplomatie kann nie offen sein.“
Stefan Egger

Auch wenn man sehr kurz den Antiamerikanismus anspricht, den man Wikileaks vorwerfen kann, kommt man schnell wieder zur Frage, was die geleakten Depeschen einem überhaupt bringen. Denkmayr sieht darin meist „Klatsch und Tratsch“, Otti betont, dass im Gegensatz zu den österreichischen und deutschen Medien z.B. in den USA und Großbritannien ganz systematisch und auch wirklich sinnvoll darüber berichtet wird. Für Denkmayr hätte mehr über die Materialienverkäufe für Atomwaffen von China an Nordkorea berichtet werden sollen, Karl Schönswetter interessiert vor allem der Nahostkonflikt.

Stefan sieht die geleakten Cable als kontraproduktiv an: diese Veröffentlichungen haben Wikileaks nicht gebracht. Außerdem war es kontraproduktiv für die Diplomatie. Denkmayr stimmt nur zum Teil zu: vielleicht war es für Wikileaks selbst etwas kontraproduktiv, aber es hat einen wichtigen Diskurs über Demokratie veröffentlicht. Grenzfurthner fragt sich: „Was haben wir durch Wikileaks gelernt, was wir vorher noch nicht gewusst haben?“ Georg Holzer, ebenfalls zugeschaltet per Skype, sieht in Wikileaks vor allem eine Warnung an die Großen, dass irgendwann eben doch alles hochkommt.

„Es sind eh alle froh, dass Wikileaks das macht, und sie sich nicht die Finger schmutzig machen müssen.“
Johannes Grenzfurthner

Die wichtigste Aufgabe von Wikileaks ist, dass Rohmateralien der Journalisten nun öffentlich sind, so Holzer. Hier kann man überprüfen und die Qualität des Journalismus fordern und fördern. Er sieht 2011 als das Jahr von Wikileaks und Anonymous.

Anonymous vs. die Welt

Nach eineinhalb Stunden kommt man zu Anonymous. Was ist das? Für viele Laien (und Menschen, die das Web bisher nur etwas gestreift haben) wird die Diskussion hier beinahe zu schwierig: Anonymous nennt sich die Gruppe, die nun für Wikileaks kämpft. Es ist also eine unbekannte „Crowd“, computeraffine Menschen, die sich gut vernetzen und so Medieninteresse wecken. Entstanden ist Anonymous auf der Internetseite 4chan.org, einem sehr unübersichtlichen Forum, wo Anonymität Pflicht und Einträge nicht archiviert werden.

„Wie kann man ein Phänomen wie Anonymous erklären, wenn man 4chan nicht kennt, und wie kann man prinzipiell über Wikileaks sprechen, wenn man nicht, unter Anführungszeichen, im Internet gelebt hat.“
Johannes Grenzfurthner

Grenzfurthner sieht in den Angriffen von Anonymous gegen Wikileaks-Gegenspieler á la Paypal, Amazon oder Mastercard nicht wirklich einen Cyberwar. Da könnte man Wikileaks schon selbst als Cyberwar bezeichnen und sieht in der Wortwahl eine gezielte Arbeit der US-Politik.

Die Welt nach Wikileaks

„Einerseits finde ich es total toll, das es passiert, aber andererseits ist für mich die Frage – was mich ein bisschen stört – warum sie nicht alles auf einmal veröffentlichen.“
Max Kossatz

In einer Einspielung meint Max Kossatz (Wissen belastet), dass Wikileaks eine Öffnung des Staates mit sich bringen wird. Open Data und Open Government werden definitiv in Zukunft ein Thema werden. Zum Abschluss, obwohl man keine Antwort geben konnte, ob Wikileaks den Siegeszug der Transparenz nun wirklich einläutet, zeigt sich vor allem eines: alle Diskussionsteilnehmer sehen in Wikileaks eine Hoffnung. Es könnte noch vieles passieren, es könnte vieles verbessern. Otti könnte sich aber vorstellen, dass die Arbeit von Wikileaks kommerzialisiert wird: entsteht dadurch ein Wettbewerb rund um die „geheimsten“ Daten? Aber alle sind sich einig: das hier ist alles nur der Anfang. Was noch kommen wird, kann man jetzt noch nicht erahnen.

Die Aufzeichnung des Wikileaks-Supertaalks kann auf supertaalk.at angesehen werden. Der nächste supertaalk findet am 22.Feb. 2011 um 20:15 Uhr statt

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