StuttgartCalling – 26. Januar 2011 – podcast aus Stuttgart: Neues von der Protestbewegung in Stuttgart • Landtagswahlen in Baden-Württemberg im März 2011 • Neu: Wahlkampfstudio für fluegel.tv • Eine #21 Doku • Eigene Talkshow: Auf den Sack




Der Artikel zum Nachhören.
Wir haben mit Putte aus Stuttgart telefoniert und im StuttgartCalling-Podcast aktuelle Informationen zu Stuttgart 21 eingeholt: podwal. der neuwal podcast. Audioversion (Dauer: ca. 10 Minuten).
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Dieter Zirnig (neuwal.com): Wir haben auf neuwal.com von den Schlichtungsgesprächen per LIVE-Chat berichtet. Der Schlichterspruch ist nun gefallen – wie ist die Reaktion der Protestbewegung und was tut sich derzeit in Stuttgart?

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Putte (unsere-stadt.org):Es geht sehr gut und es ist sehr aufregend – wenn auch anders, als in den letzten Monaten. In Sachen Stuttgart 21 ist es derzeit nicht so einfach, was die Protestbewegung betrifft. Der Schlichterspruch hat einiges kaputt gemacht und Leute veranlasst zu sagen: “OK, jetzt ist es halt so. Es gab die Schlichtung und Papst Geißler hat gesprochen“. Es gibt natürlich immer noch Widerstand – die Protestbewegung ist nicht in sich zusammengebrochen. Man merkt allerdings, dass es einige Menschen die Motivation verloren haben gegen Stuttgart 21 anzugehen. Am kommenden Samstag gibt es wieder eine Großdemonstration. Wir sind gespannt, wieviele Leute teilnehmen.

Ich vergleiche #s21 derzeit mit dem Verlauf von #unibrennt in Österreich. Nach einer großen emotionalen und euhorischen Phase mag es nicht mehr so richtig brennen. Wie kann es gelingen, die Protestgemeinde neu zu mototivieren, neue Themen zu setzen, Stuttgart 21 mit neuen Zielen zu beleben und Schritte weiter – vielleicht auch in eine andere Richtung – zu gehen?

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Putte: Bei der Protestbewegung hatten wir ein klares Ziel festgelegt, das jedem bekannt war: Die Verhinderung des Tiefbahnhofes. Ich finde, dass wir jetzt den größeren Kontext thematisch verstärken sollen, der eben über Stuttgart 21 hinaus geht. Das wird nicht so einfach, weil es dadurch – im Vergleich eines klar definierten Zieles – diffuser wird.

Bei fluegel.tv wollen wir uns der Landtagswahlen im März 2011 in Baden-Württemberg widmen. Wir möchten mit vielen Aktionen Alternativen aufzeigen. Wir möchten einen Nährboden für echte Neuerungen im politischen und gesellschaftlichen Bereich bieten und mithelfen, dass Schwarz-Gelb nicht mehr weiterregieren kann.

Landtagswahlen in Baden-Württemberg
» Aktuelle Wahlumfragen auf neuwal.com
» Landtagswahl in Baden-Württemberg 2011

Das heißt, ihr adaptiert euer Ziel und nehmt die Ereignisse von Stuttgart 21 auf einer Metaebene mit in Richtung Landtagswahl um so auf Veränderung aufmerksam machen…

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Putte: …wir möchte mit dem Aktionsbündnis aufs Land hinausgehen, Podiumsdiskussionen moderieren, mitfilmen und übertragen. Unser Ziel ist es, die Themen auch außerhalb von Stuttgart sichtbar zu machen. Das ist ganz wichtig. Um Stuttgart als Stadt machen wir uns – was das Wahlergebnis betrifft – keine Sorgen. Stuttgart ist allerdings eben nur die Hauptstadt von Baden-Württemberg und auf dem Land, wo die Menschen traditioneller denken, wird letztlich die Wahl entschieden. Deswegen ist die CDU am Land sehr stark.

Ich habe festgestellt, dass die Menschen sehr schnell vergessen. Einerseits sagen Menschen, dass “im Jahr 2010 und am 30.9.2010 etwas Schlimmes passiert ist”, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und denken sich “Ja um Himmelswillen, ich werde nie mehr wieder CDU wählen.” Zwei Monate später scheint dies wieder vergessen und man ist wieder im alten Muster. Unser Ziel ist es, hier den Hebel anzusetzen.

Was sind Deine Ideen und Pläne dazu?

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Putte: Mit fluegel.tv möchten wir daher ein Wahlkampfstudio einrichten. Wir laden alle Kandidaten für die Landtagswahl von sämtlichen Parteien ein und geben ihnen die Chance, sich 10 bis 15 Minuten vor der Kamera interviewen zu lassen. Ich sehe das als Baustein für eine neue Art der gesellschaftlichen und politischen Transparenz. Das wird eine Mammut-Aufgabe, da es insgesamt 900 Leute gibt, die sich aufstellen lassen. Wenn nur 200 davon kommen wird es auf jeden Fall eine Wahnsinnsaufgabe.

Weiters schneiden wir derzeit eine Zusammenfassung des Untersuchungsausschusses. Wir haben mehr als 50 Stunden Filmmaterial und möchten eine 50- bis 60-minütige Doku gestalten. Diese Dokumentation soll aufzeigen, wie der Untersuchungsausschuss funktionierte, wie er ablief und wie Politik betrieben wurde. Wir möchten sehr kritisch hinblicken und hoffen dass wir damit die Leute noch ein bisschen daran erinnern können.

Das sind ähnliche Ziele, die wir mit neuwal.com bereits umgesetzt haben und auch weiter werden. 2010 gab es bei uns eine Ameisenrunde mit Kleinparteien, die von klassischen Medien nicht berücksichtigt worden sind oder eine Frischlingsrunde mit Jungpolitikern…

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Putte: Die Zeit ist reif um Ideen dieser Art umzusetzen. Ich bin hochgespannt, wie das ablaufen wird. Es wird sicherlich skurril. Wir möchten auf alle Fälle den Kandidaten andere Fragen stellen als “Wie wollen Sie das Wachstum sichern?”. Wir möchten auf die Kandidaten als Mensch eingehen und nicht auf die Parteien, denen sie angehören. Die Idee ist, dass sich die Menschen vor der Kamera verkaufen sollen und nicht als Parteifunktionäre. Es wird eine sehr anspruchsvolle Herausforderung werden und ich bin schon sehr gespannt.

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Putte: Ich theoretisiere im Freundeskreis schon seit 20 Jahren: Was kann man tun? Und dabei hat mir Stuttgart 21 geholfen – plötzlich stand #s21 vor meiner eigenen Haustüre. Ich musste nur das Haus verlassen und ich war mitten im Geschehen, war Aktivist und konnte mich engagieren.

Was in Stuttgart passiert ist, ist eine gesellschaftliche Antwort auf politische und gesellschaftliche Umstände und Misstände. Viele Leute brauchen aber greifbar. Da darf nichts konfus sein, wie sie aktiviert werden. Das heißt, wenn jemand im Jahr 2010 sagen wir einmal 6 Monate auf der Straße stand und auf Großdemos war und im Glauben und in der Hoffnung war, einen Tiefbahnhof zu verhindern. Dieser Mensch sitzt jetzt nach der Schlichtung da und denkt sich: „Naja, ich habs probiert, ich habe meinen Einsatz geleistet, ich war auf den Demos“. Aber es lässt sich nicht verhindern, dass viele dieser Menschen resigniert sind. Sie sehen es als großen Verlust an, dass der Einsatz nicht honoriert wurde. Und soetwas muß aus den Köpfen raus. Es geht um viel viel mehr als um den Bahnhof. Das wissen viele, aber wir brauchen neue konkrete Ziele.

Die Landtagswahl ist für viele Leute hoffentlich nochmal so ein Impuls zu sagen – komm, bis zum 27. März 2011 müssen wir durchhalten.

Ich habe beobachtet, dass der LIVE-Stream der Übertragung des letzten Schlichtungsgespräch auf fluegel.tv auf 500 Personen limitiert war. Wieso das?

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Putte: Wir haben einen Brief von der Landesanstalt für Kommunikation (LFK) bekommen. Das ist die Behörde, die eben Rundfunklizenzen und Sendeplätze verteilt. Darin stand, dass wir nur 500 Menschen zuschauen lassen dürfen, wenn wir kein Geld bezahlen. Das ist ein Gesetz und das hat die LFK nicht willkürlich gemacht. Derzeit sind wir am recherchieren, ob wir eine Lizenz kaufen oder ob es andere legale Wege gibt. In der Mediathek selbst gibt es keine Begrenzung – diese Bestimmung gilt für den LIVE-Stream.

Ihr habt ja seit einiger Zeit eine eigene Talkshow auf fluegel.tv: Auf den Sack…

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Putte: …auf den Sack ist eine Talkshow auf fluegel.tv. Im Grunde genommen ist es eine ganz klassische Talkshow. Das heißt, ich bin der Moderator und habe Gäste bei mir. Ich hatte mal Hr. Roggenbauer und Menschen von dem Befürwortern ebenso. Demnächst kommt Heiner Geißler und Winfried Hermann. Das besondere an dieser Talkshow ist, dass die Gäste Zeit bekommen um ausreden zu dürfen. Das ist eine Besonderheit, da es sonst immer nur Polemik gibt und Leute sich gegenseitig unterbrechen. Das ist der Unterschied zu den normalen Talkshows. Da wir keine begrenzten Sendezeiten haben, kann es vorkommen, dass eine Sendung einmal eine Stunde und die andere vier Stunden dauert. Das geht so lange wie es geht. Und das macht großen Spaß.

Auf den Sack
heißt unsere Talkrunde, bei der wir unsere Gäste auf den Sitzsack bitten. In unserer Runde kommen Experten und Persönlichkeiten zu Wort, die ganz nah am Thema Stuttgart 21 dran sind.
» Auf den Sack auf fluegel.tv

Putte, Danke fürs Gespräch, machs gut in der Zwischenzeit und ich freue mich auf’s nächste Mal.
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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.