Der Österreichische Journalistenclub nennt ihn „eine der schillerndsten Persönlichkeiten der österreichischen Politik“ – und dennoch hat kaum ein politischer Outsider jemals von ihm gehört. Wer ist Erich Dorn, der Bruno Kreisky mit dem ersten und bisher einzigen ORF-Streik auf sich aufmerksam machte und der die Wahlwerbung revolutionierte? Dorn ist ein Techniker der (politischen) Macht aus einer anderen Zeit, als Handys noch so groß wie Koffer waren. Dennoch ist er heute auf Facebook vertreten – und informiert wie eh und je. Eine schillernde Gestalt, und eine spannende Reise durch die Höhen und Tiefen der österreichischen Politik. Steigen Sie ein und lernen Sie mit uns österreichische (Medien-)Geschichte!

Erich Dorn, Foto: privatErich Dorn organisierte in den 60er-Jahren den ersten und bisher einzigen ORF-Streik. Kreisky holte ihn in die SPÖ, wo der Tonmeister von 1969 – 1982 als „Wahlkampfgenie“ an acht erfolgreichen Kampagnen mitarbeitete. 1979 erreichte Kreisky mit 51,7 Prozent den SPÖ-Rekord. Für den Kinowerbefilm „In Österreich lässt sich’s leben“ erhielt er den Staatspreis. 1985/86 entwickelte und organisierte er für Karlheinz Böhm „Menschen für Menschen“, 1997/98 den Bundespräsidenten-Wahlkampf, der Richard Lugner auf Anhieb zehn Prozent Stimmenanteil brachte. Dorn gilt in Funk, Film und Fernsehen als Medienpionier.

neuwal.com hat Erich Dorn im Wiener Café Zuckergoscherl getroffen, wo er uns aus seiner bewegten (politischen) Biographie erzählt. Dorn macht vom ORF aus mit einem riesigen Streik Kreisky auf sich aufmerksam und arbeitet lange Jahre in der SPÖ-Öffentlichkeitsarbeit. Als gelernter Techniker konnte setzt er sich sein Leben lang gegen Ungerechtigkeiten ein, analysiert die Schwächen der politischen Gegner und nutzt neue Medien – damals Funk, Film und Fernsehen bravourös für politische Werbung. Später verschafft er Richard Lugner 10 Prozent der Stimmen. Dorn sieht in der heutigen SPÖ dramatische Personalengpässe und hat ihren Abstieg vor langer Zeit vorhergesagt. Heute traut Dorn am ehesten der FPÖ zu, zur stärksten Kraft zu werden – weil sie emotionalisiert.

Stefan Egger (neuwal.com): Ich bin auf Sie aufmerksam geworden in der Reihe „Medienpioniere im Gespräch“ des OEJC. Ich möchte mit Ihnen über Ihre politische Erfahrung, Ihre nicht ganz konventionelle Laufbahn sprechen – und eine politische Bestandsaufnahme machen. Heuer wäre Kreisky 100 geworden… wie sind Sie zur Politik gekommen damals?

Erich Dorn: Ich war ein unpolitischer Mensch, aufgewachsen in der Kriegszeit unter nicht sehr angenehmen Umständen in Wien.

Ich war so erzogen: Nur weg von der Politik!

Mein Vater war ein politischer Mensch und ist mehrfach sehr enttäuscht worden – in den 30er Jahren und dann wieder nach Kriegsende. Meine Mutter war auch absolut dagegen. Ich wollte Techniker werden von klein auf. Das war auch in der Kriegszeit so „Was das Reich braucht, sind Techniker, die die eroberten Gebiete technisieren.“ Damals wurde die HTL erfunden, wo man im Schnellsiedekurs Burschen ausgebildet hat, die dann alles können. […] Ich war in der zweitbesten HTL in der Argentiniergasse, da bin ich hineingekommen und habe Tischlerlehre, KFZ-, Elektrotechniker und Installateur gelernt – und maturiert! Das war alles sehr nützlich […]

Zum Bundesheer wollten wir alle nicht.

Als ich die Schule fertig hatte, habe ich mich gefragt, wo kriege ich eigentlich einen Job. Es wäre einfach möglich gewesen beim Staat, bei der Verbundgesellschaft, bei den Wiener E-Werken oder beim Bundesheer, das uns sehr umworben hat. […] Zum Bundesheer wollten wir alle nicht. Das war damals gerade neu gegründet worden. Wir wären der erste Jahrgang gewesen, der einrücken muss. Da haben wir in der Klassengemeinschaft recherchiert und festgestellt, wie wir das umgehen können: Indem wir gleich nach der Matura ins Ausland gehen und uns ordnungemäß bei der Botschaft melden – das haben wir gemacht.

Bei der Matura waren Vertreter von Firmen als eine Art Beisitzer, die haben auch Fragen gestellt. Die haben sich um die 18 Absolventen gestritten. Einem hat meine Präsentation gefallen – und patsch, war ich in der Schweiz und hatte nicht nur die Matura, sondern einen Job. Absolut unpolitisch!

neuwal: Das war Ihr Eintritt ins Arbeitsleben…

Dorn: Der erste Eintritt ins Arbeitsleben war letztendlich schrecklich. Ich habe mit meinen weiblichen, italienischsprachigen Angestellten nicht reden können, und die haben sich mit dem 19-Jährigen gespielt. Ich bin hingekommen, und die Produktion ist leider zurückgegangen – und zwar entsetzlich! Ich habe immer zum Chef müssen, der hat immer gesagt „Luagat Sie“, er hatte an der Wand so eine nach unten laufende Kurve – schrecklich. Ich habe dann auch unter Heimweh gelitten, ich habe das vorher nicht so empfunden, dass ich so ein Wiener bin.

Und husch, war ich im Rundfunk drin. Dort bin ich politisiert worden.

Nach neun Monaten bin ich wieder zurück und habe auf merkwürdig österreichische Weise einen Job beim ORF gekriegt: Weil meine Mutter im Sonnenbad eine Freundin gehabt hat, deren Mann ein Freimaurer war und der hat das irgendwie machen können. Und husch, war ich im Rundfunk drin. Dort bin ich politisiert worden auf die Weise, dass ich mich beklagt habe. Ich war nicht zufrieden mit der Diensteinteilung. Dann wurde mir gesagt, ich sei in der Abteilung der Einzige, der nicht beim ÖAAB (damals „Österreichischer Arbeiter- und Angestelltenbund“, die Arbeitnehmer-Organisation der ÖVP) war. Man hat angenommen, ich sei ohnehin ein Atheist, daher kann ich ruhig immer Weihnachten und Neujahr Nachtdienst haben… das habe ich nicht akzeptiert!

Einer der Vorteile meiner Schule war: Unsere Lehrer waren lauter Kriegsüberlebende, die zum Teil schwer verwundet waren. Einer hat nur einen Fuß gehabt, einer eine Hand… die haben versucht, uns sehr zur Demokratie zu erziehen. Speziell der Maschinenbauprofessor hat immer gesagt: Techniker sollen sich darauf konzentrieren, das Leben der Menschen zu verbessern und nicht zu vernichten. Man soll ja nichts machen, mit dem Leute getötet werden können.  […]

Ich habe mir diese Behandlung nicht gefallen lassen, bin zur Arbeiterkammer gegangen, die war gleich um die Ecke in der Argentinierstraße beim Funkhaus, die haben wieder gesagt: Gehen Sie zur Gewerkschaft! Bin ich in die Hohenstauffengasse gegangen, die haben sich sehr gefreut, dass da endlich einer kommt vom Radio. Die haben mich in einen Kurs geschickt, da bin ich draufgekommen, dass es eigentlich einen Betriebsrat gibt. Das waren lauter ältere Herren, die noch nie mit mir über irgendetwas geredet hatte, Dienstplan oder ähnliches.

So wurde ich politisiert. Zum Schluss habe ich dann die Dienstpläne genehmigen müssen. [lacht]

neuwal: Glauben Sie, dass es heute schwieriger ist, auf unkonventionelle Art und Weise in die Politik zu kommen?
Ich lese mit Genuss die Gewerkschaftszeitung. Am Ende ist jeder Betrieb glücklicher, wenn er organisierte Dienstnehmer hat.

Dorn: Nein, das glaube ich nicht. Der Österreichische Gewerkschaftsbund ist mir aufgrund dieser Geschichten sehr ans Herz gewachsen. Die Gewerkschaft ist wirklich die Organisation, wo man nicht leicht enttäuscht wird. Ich bin immer positiv behandelt worden und habe nur positive Erfahrungen gemacht. Das einzige, was ich mit Genuss lese, ist die Gewerkschaftszeitung. […] Ich war ja dann auch Gewerkschaftsfunktionär, wollte nicht Betriebsrat werden, sondern war der Funktionär der Sozialistischen Fraktion. Am Ende ist es dann doch so, dass jeder Betrieb glücklicher ist, wenn er eine organisierte Dienstnehmerschaft hat, dem Gesetz entsprechend. Das ist auch besser für den allgemeinen sozialen Frieden.

neuwal: Das heißt, Gewerkschaft an sich ist für Sie kein Auslaufmodell…

Dorn: Mit Sicherheit nicht, nein!

neuwal: …und diese Trennung, die in der SPÖ hat ja eine Zeit lang alle Gewerkschafter aus dem Parlament entfernt, das wurde dann wieder revidiert…

Dorn: Wissen Sie, diese Trennungen… die Gewerkschaft ist eines. Dass die Gewerkschaft viele Überschneidungen mit der Sozialdemokratie hat, ist klar. Das andere sind die sogenannten Multifunktionäre. Und das ist schon eine Sache, die sehr ernst ist, die aber meines Wissens jetzt von der Gewerkschaft jetzt sehr ernst genommen wird. Es hat ja Leute gegeben, die waren Gemeinderat, Bürgermeister, Gewerkschaftsvorsitzender, Nationalratsabgeordneter und was weiß ich noch alles… die haben dann ein über ihre Funktion hinausgehendes Gewicht gehabt, das für alle Positionen, die sie hatten, schlecht war. […] Auf einmal sind die dann größenwahnsinnig, solche Geschichten sind schlecht, kommen an die Öffentlichkeit und schaden den vielen Tausenden Gewerkschaftern, die sich wirklich für ihre Mitarbeiter einsetzen.

Aber ich glaube, dass das bewältigt ist. Auch der Bankenskandal ist bewältigt – schmerzhaft zwar, aber er ist weg. […] Die Gewerkschaft ist ein Faktor, die nützlich ist. Am Ende meines Lebens kann ich sagen: das ist eine gute Sache für die sogenannten Lohnabhängigen, wo man sich hinwenden kann, wo einem geholfen wird. […]

neuwal: Die Gewerkschaft wird von vielen als reformhemmende Kraft gesehen, wenn man an Wirtschaft denkt oder an Bildung. Hat das ihre Berechtigung, dass viele Leute die Gewerkschaft als Bremse sehen, wenn man etwa an Fritz Neugebauer denkt?
Multifunktionäre wie Neugebauer sind schädlich für die Gesellschaft.

Dorn: Der ist ein typischer Multifunktionär, so wie ich gesagt habe. Diese Leute sind sehr schädlich für die Gewerkschaft, das ist richtig. Für seine Klientel war er vielleicht gut. Dass die Lehrer nicht länger arbeiten wollen, ist von denen aus gesehen legitim. Es ist nicht legitim, dass sich der Staat nicht durchsetzen kann, dass sie mehr Zeit an der Schule verbringen. Die können gar nichts durchsetzen, sie schaffen’s nicht, weil sie nicht die richtige Technik anwenden. […]

neuwal: Kann es nicht sein, dass die regierenden Parteien zu schwach sind, um so etwas im großen Stil durchzusetzen. Sie kommen ja aus einer Zeit, wo die beiden großen Parteien zusammen 90 Prozent der Stimmen hatten, heute müssen sie froh sein, wenn sie auf 50 Prozent kommen – gemeinsam.
Als ich in der SPÖ-Zentrale war, sind wir durch Angriff nach oben gekommen. Eine Partei, die gewinnen will, hat Zulauf!

Dorn: Als ich in der SPÖ-Zentrale war, haben wir uns immer jemanden ausgesucht, den wir angreifen. Wir sind von 1969 an durch Angriff nach oben gekommen in der Wählerzustimmung. Ich bin ein Mensch, der immer im Team gearbeitet hat, ich habe immer versucht, mir Dinge durch „Learning by doing“ zu erwirtschaften. Mein erster Tag war immer, mich zu erkundigen: Wer hat das vor mir gemacht? Das waren fünf bis sechs Leute, die habe ich sofort zu einer Jause eingeladen. Das war das sinnvollste, was ich je getan habe. Die haben mir zum Teil schon gesagt, was der Gegner im Wahlkampf machen wird.

Wir haben versucht, die Aggressivität des Angreifers, die von seinen Anhängern erwartet wird, zu befriedigen. Das haben mir die Psychologen beraten. Ich habe mich immer mit Gruppen umgeben, die mich beraten haben. Ich hatte es ja einfach – ich konnte tun, was ich wollte. Eine Partei, die gewinnen will – so wie heute die FPÖ – hat einen Zulauf. Es kommen Leute, die wollen mitmachen, dabei sein, etwas verändern. Das erzeugt eine Dynamik. Das haben wir auch gehabt.

Beamte mit mehreren Parteibüchern haben wir genüsslich entfernt!

Dann hat einer gesagt: Warum triffst du dich denn nicht mit deinem Gegner? Ich habe gesagt: „Wozu soll ich den treffen – die putzen wir weg!“ Ich habe dann nach der österreichischen Philosophie gesagt: „I hab an Chef und Sie ham an Chef. Ana von uns zwa verliert die Wahl – dann ist der Chef weg, aber wir zwa bleiben. Also gemma an Kaffee trinken!“ Und mit dieser Philosophie habe ich mit dem Herrn Bochskandl, das war der Chef des Pressediensts der ÖVP angenehme Gespräche gehabt. Das hat auch gehalten. Er hat mir seine Sorgen gesagt, ich ihm meine, und dann sind wir auseinandergegangen – und seine Positionen waren gestärkt, weil er Dinge wusste. Von wem, hat er nicht gesagt. Aber die Journalisten wussten es bald, in Wien bleibt ja nichts geheim. Wir haben aber nicht darüber besprochen. Wir haben zum Beispiel Beamte entdeckt, die mehrere Parteibücher haben – die haben wir genüsslich von einer weiteren Karriere entfernt, sofern man das bei Beamten in Österreich kann.

neuwal: Heute ist es umgekehrt. An der Spitze Kuschelkurs, drunter fliegen die Fetzen?

Dorn: Die Stärke der Sozialdemokratie war ja immer:

Wer oben war, hat am Weg politische Leichen hinterlassen. Die haben eine bestimmte Power gehabt – ganz egal wer!

Jetzt ist es so, dass sie froh sind, wenn sie einen finden, der es macht – der es sich antut. Dann schonen sie ihn. Oder es gibt eine innerparteiliche Intrige. Wenn einer ein guter Wahlmanager ist und dann wird er dem ersten Mann gefährlich, weil alle sagen: Der ist so tüchtig, der hat die letzte Wahl organisiert, die wäre noch viel besser ausgegangen, wenn ein anderer Spitzenkandidat gewesen wäre. Und plötzlich gewinnt der, von dem eh keiner geglaubt hat, dass er gewinnt – aber er gewinnt trotzdem! Weil er den Manager gehabt hat.

Jetzt muss er dem was geben, das ist die Tradition in der Sozialdemokratie. Wenn er ihm schaden will – denn er wird ihm ja gefährlich! Er stellt fest: Aha, der ist ein Zivildiener, der muss Verteidigungsminister werden, dann wird er scheitern. Und der hat wieder nicht die Stärke, zu sagen: Horch einmal, ich bin Zivildiener, ich will nicht Verteidigungsminister werden! Ich will entweder Innenminister oder Wirtschaftsminister oder Finanzminister oder gar kein Minister werden, aber Verteidigungsminister nicht. Die Stärke muss einer haben, der sich in der Politik durchsetzen will. Hat er sie nicht, dann ist er an seinem Schicksal selber schuld.

neuwal: Sie waren ja auch Wahlkampfmanager…

Dorn: Ich war für einen kleinen Bereich zuständig. Meine Freunde haben mich immer gehäkelt als der „FuFi-Mann“ – „Funk, Film, Fernsehen“ war eine Position in Werbeagenturen. Und das war meine in der SPÖ, dafür war ich zuständig.

neuwal: Das ist ja damals gerade explodiert!

Dorn: Das habe ich mir deswegen ausgesucht.

neuwal: Sie haben ja angefangen mit Kreisky.

Dorn: Ich bin 1969 in die SPÖ gekommen, ja. Er ist auf mich zugekommen. Das war auch etwas anderes. Wenn Sie jetzt schauen, woher kommen die Leute.

Kreisky ist in Österreich herumgefahren. Irgendwo sind ihm Leute aufgefallen, die hat er mitgenommen.

Kreisky hat eine Sekretärin gehabt, die konnte schneller schreiben als man reden kann. Die hat geschrieben – nicht in Steno, und zwar fehlerlos! Die war in Parndorf bei einem Bürgermeister. Kreisky war bei einer Versammlung, hat gefragt „Gibt’s da jemanden, der das schreiben kann“. Das war die Sekretärin. Er hat dann nachher zum Bürgermeister gesagt: „Die Sekretärin nehm ich mit. Die ist ab morgen bei mir. Sagst ihr das.“ So hat er das gemacht.

Mein Kollege Max Strache, ein Steirer mit einer Power, die man sich gar nicht vorstellen kann. Kreisky hat zu Oppositionszeiten Blitzbesuche gemacht, hat den gesehen und sofort mitgenommen. Der hat alles liegen- und stehen gelassen. Als ich eingestiegen bin, war er gerade auf einer Weltreise, die ihm eine Computerfirma damals gesponsert hat. Der ist dann zurückgekommen und hat die Wahlreisen organisiert, das kann man sich nicht vorstellen: Vom Schnitzel bis zur Arbeiterzeitung in der Früh, ohne die der Kreisky grantig gewesen wäre, bis zum Blumenstrauß und Goldmünzen für die Musik – es gab nichts, was der nicht organisiert hat.

Mich hat er gefunden, weil ich die Wirbel im ORF organisiert hab, wegen dem Dienstplan und sonstigen Dingen. Und plötzlich hatte ich 200 Arbeitsprozesse gewonnen. Dann hat sich ein Dr. Brantl bei mir gemeldet und gesagt: „Wir brauchen jemand für Rundfunk und Fernsehen“ und patsch, war ich schon da.

Heute sehe ich kein wirklich schlagkräftiges Team…

Wenn man sich heute anschaut, wer sind heute die Leute… so ein wirklich schlagkräftiges Team sehe ich nicht.

neuwal: In der Bundesgeschäftsführung oder im ORF-Freundeskreis…

Dorn: Ja, genau. Ich sehe das aus verschiedenen Vorkommnissen. Bei uns wäre es zum Beispiel unmöglich gewesen – da hätten sie mich durch die Balkontür auf die Teinfaltstraße gehaut! – dass mitten in einem Wahlkampf in einem Bundesland jemand etwas macht, dass alle Lehrer böse sind. Wenn ich in einem Ministerium bin, und es ist in einem Bundesland eine Wahl, wo es wirklich auf etwas ankommt, es geht um den Landeshauptmann oder -frau, da kann ich nicht mit den Lehrern streiten, dass die sagen, SPÖ ist pfui! Man müsste sagen, die Lehrer sind lieb, aber man müsste ein bissel reden mit ihnen – so wie man es halt in Wien macht!

Dieser entsetzliche Rückschlag in Salzburg ist eine Eigenproduktion gewesen. Das hätte es nicht gegeben mit uns.

Da wäre das Ablaufdatum dieses Ministers schon fix gewesen.

neuwal: Wenn Sie zurückdenken an die Zeit, was sind noch Dinge, wo Sie sagen: Das wäre früher anders gewesen!

Dorn: Ich habe neulich den Vorsitzenden der Sozialistischen Jugend getroffen, Wolfgang Moitzi, der hat mich beeindruckt. Das ist seit langer Zeit der erste Mensch, der wirklich etwas Vernünftiges gesagt hat. In dieser Zeit früher, unter der Kreisky-Regierung, als die SPÖ an die Mehrheit gekommen ist, da hat es Politiker gegeben, die haben etwas gemacht. Die sind für etwas gestanden. Die hat man lieben oder hassen können.

Das ist etwas, was ich schon immer gesagt habe: Jemanden dazu zu bringen, an einem Tag, den er nicht weiß, wo es regnen oder schneien kann, an einen Ort zu gehen, wo er nicht hinfindet und den er nicht will, dass er dort ein Zimmer sucht, das für ihn zuständig ist, hinter einem Paravent verschwindet und an ein einem von fünf vorgesehenen Stellen ein Kreuz macht – das ist eine Meisterleistung, wenn man das zusammenbringt! Das schaffen die Wenigsten. Dazu müssen Sie eine Emotion wecken. Wenn der das aus Zustimmung macht, ist das schon gut, wenn er es aus Wut macht, ist es auch gut – aus Protest. Nur: Er muss eine Emotion haben. Wenn man sich denkt: Was soll ich da hingehen, die sind alle gleich! Sie haben alle den gleichen Anzug an, sie grinsen alle blöd, egal, was sie sagen.

Ich schaue mir manchmal die Parlamentsübertragungen an… das macht kein gutes Bild, wenn unten einer von einer bösen Buh-Partei ist, dass die oben sitzen und grinsen, lachen oder irgendetwas unterschreiben. Der ist gewählt und dem soll er zuhören!

neuwal: Man darf heute keine schlechten Nachrichten mehr überbringen, muss immer freundlich schauen. Es sind jetzt viele Kreisky-Zitate im Radio und Fernsehen. Er war eigentlich immer eher sehr nachdenklich, im Kern schon optimistisch aber ein realistischer Mensch.

Dorn: Er hat das ernst genommen. Er hat zum Beispiel auch die sogenannte „Jasmin-Welle“ gegeben in der politischen Werbung, wo ich der meist Angegriffene war.

neuwal: Was war die „Jasmin-Welle“?

Dorn: Da hat es eine Zeitung gegeben, die hat „Jasmin“ geheißen, die haben nackte Frauenoberkörper gezeigt. Da hat der Oswalt Kolle erklärt, wie man am besten kopuliert und solche G’schichtln – das war neu damals, hat es vorher nicht gegeben! Da haben sich alle aufgeregt. […] Da bin ich sehr angegriffen auch innerhalb der Partei. Da gibt es ja puritanische ältere sozialdemokratische Leute und Vereine, die gesagt haben, das haben wir nicht notwendig. Das hat aber sehr gut gewirkt!

Dann haben die konservativen Journalisten, die sehr gut zusammengearbeitet haben, bei Pressekonferenzen des Bundeskanzlers solche Themen aufgebracht, was für mich zum Teil schmerzhaft war, weil er mich nachher immer gefragt hat, warum ich das gemacht habe. Ich hatte immer gute Erklärungen, solange man gewinnt, hat man eine gute Position in solchen Fällen. Schlecht ist es nur, wenn man verliert! Das haben wir auch gesehen, nach der Wahl. Wir haben immer analysiert, was der Gegner gemacht hat. Ich bin alle vier Jahre nach Amerika gefahren, habe mir alles angeschaut – haben dabei sehr viel gelernt. Wir haben immer analysiert, was die anderen gemacht haben. Verloren heißt nicht, alles schlecht gemacht haben! Die haben sicher auch etwas richtig gemacht, das wollen wir herausfinden.

neuwal: Heute muss ja niemand mehr gehen, wenn er es schlecht macht.

Dorn: Er wird nachher erklären, er hat eh gewonnen, und er hat eigentlich nur ein bisserl was verloren. Das sind ja nur die Dummen, die ihn nicht gewählt haben.

Das Schlechteste ist, wenn man sagt: Ihr habt falsch gewählt!

Nehmen wir an, ein enttäuschter Sozialdemokrat wählt die FPÖ. Wenn man jetzt sagt, das sind lauter Verbrecher und Lügner, dann denkt sich der: „Ja, san denn die deppert? Ich habe mir das überlegt!“

Oder in Wien zum Beispiel treten drei Kandidaten an, nur einer ist in Wien geboren. Dann sagen alle, der ist nur gegen die Ausländer! Er hat das sehr schlau gemacht und hat gesagt: Ich bin da geboren. Der andere ist aus Niederösterreich, die Frau aus Griechenland und die Dritte aus Deutschland! Logischerweise hängt der Mensch an der Heimat, das haben die Freiheitlichen perfekt kommuniziert. Die haben das nie penetriert, weil es eh jeder gewusst hat: „Der ane is a Wiener, und alle anderen nicht.“

Das ist vielleicht nicht wahlentscheidend, aber ein Wahlrutsch von fünf Prozent setzt sich aus vielen kleinen Steinen zusammen. Das ist dort ein Zehntelprozent, da zwei Prozent, und wusch – schon sind fünf Prozent weg! Es gibt immer Wählerbewegung. Wir haben das immer analysiert, das passiert jetzt wahrscheinlich auch…

neuwal: Was da ausgewertet wird, ist die Frage…

Dorn: Ja, die Folgen sind eigentlich immer recht gering. Ich fahre einmal in der Woche nach Wien rein, das ist meine Heimatstadt. Ich habe immer gesagt im Wahlkampf: Ich verstehe es nicht, wo ich fahre, wird gebaut, es gibt so viel Arbeit. Es gibt so viel Autos, dass man kaum weiterkommt – das ist ärgerlich, aber ein gutes Zeichen! Die Wirtschaft floriert. Und die Regierung verliert fünf Prozent in der Stadt. Wieso? Die machen was falsch? Sonst hätten sie ja mehr Zustimmung bekommen, und nicht weniger.

neuwal: Es gibt ja den Trend, dass die Leute gar nicht mehr wählen gehen.
Es wird nicht mehr lang dauern, bis jemand auf die Idee kommt, man müsste dem Nichtwähler mehr Gewicht geben.

Dorn: Wie bringt man die politischen Parteien dazu, bestimmte vernünftige Vorgehensweisen einzuhalten? Das könnte man nur dadurch, indem man ihnen das Geld abdreht. Das geht aber nicht, weil sie es sich selber zuteilen.

neuwal: Man kann ihnen nur die Stimme entziehen.

Dorn: Jetzt bleibt nur noch übrig, dass die Leute nicht hingehen. Wenn das immer ärger wird, ist das nicht gut für die Demokratie. In Zeiten, wo überall gespart wird, sagt man: Naja, wenn nur 70 Prozent wählen gehen, gibt es um 30 Prozent weniger Abgeordnete, Parteienförderung… dann ist mehr Platz im Parlament – die haben eh alle keinen Platz! Was glauben Sie, wie sich die Parteien anstrengen würden! Sie würden sich fragen, wie schaffen wir es, dass wir die Wähler nicht verärgern und trotzdem etwas durchbringe.

Das ist alles möglich, das war alles schon da. Nur es macht jetzt keiner, weil es nicht interessant ist. Es bringt nichts. Es ist schlicht wurscht, wie viele Leute hingehen. Hauptsache, sie können sagen, ich bin die stärkste Kraft. Das ist der Eindruck, der kommuniziert wird. Das ist schlecht.

neuwal: Ist es zu wenig, alle fünf Jahre sein Kreuz wo zu machen? Sollte man mehr in Richtung direkte Demokratie gehen soll, Bürgerbeteiligung, Zivilgesellschaft als Weg, die Leute wieder mehr einzubinden? Sie haben auch im Journalistenclub gesagt: als die Parteibeiträge nicht mehr persönlich eingehoben wurden, ging der Kontakt verloren… wie kann man die jungen Leute wieder zur Politik bringen?

Dorn: Seither geht es bergab mit der SPÖ, ja. Man kann die Leute nur politisieren, indem man jungen Menschen, die sich politisch engagieren, ein Gewicht gibt. So, wie die Bundesregierung mit der Vorsitzenden der Studenten (Sigrid Maurer, Anm.) umgegangen ist, das habe ich zufällig mitgekriegt, die hat gesagt, „die sitzen grinsend da“, wenn sie sagt, 16.000 Studenten bekommen jetzt weniger. So geht’s nicht. Dass man ernst genommen werden will, ist in Ordnung. Die davor (gemeint ist Barbara Blaha, Anm.) war eigentlich auch sehr kompetent, die hat dann alles hingehaut, weil die überhaupt nicht ernst genommen werden. Das finde ich eigentlich schon sehr arg, damit schaden sich die Parteien – alle! – selber.

Einer unserer größten Erfolge mit Kreisky war die erste Regierungserklärung. Die Konservativen haben das nicht akzeptieren wollen, dass sie nicht mehr regieren und haben furchtbar getobt und geschrien und Kreisky nicht reden lassen. Der hat sich das vorher ganz genau überlegt, was er macht und hat Leute gehört und Empfehlungen eingeholt. Er hat sie nicht gebraucht, aber er hat sie trotzdem alle angehört. Er hat ganz ruhig seine Regierungserklärung vorgetragen und hat gesagt: „Lassen Sie mich doch das ausführen.“

Wahlplakate Kreisky -

Ich habe dafür gesorgt, dass wirklich alles im Fernsehen übertragen wurde. Ich habe die armen Fernsehangestellten nicht sehr nett behandelt verbal, damit das ordentlich übertragen wird. Das ist auch geschehen, das war ein Erdrutsch. Wir hatten schon für die zweite Wahl damals alles fertig. Beim ersten Mal hatten wir den Slogan „Für ein modernes Österreich“, weil wir dieses verzopfte alte Dings so runtergemacht haben. Und wir hatten schon in der Lade „Lasst Kreisky und sein Team arbeiten“, das war wie ein Gottesgeschenk für mich, dass die da getobt haben. Die Kameras sind hingefahren in Großaufnahme – und nachher sind wir gekommen mit „Lasst Kreisky arbeiten“.

Dann haben wir eine überwältigende Mehrheit für damalige Zeiten bekommen. Die Macht des Fernsehens ist von den anderen Parteien schlecht eingeschätzt worden und wird heute noch immer schlecht eingeschätzt. Wenn sie im Fernsehen interviewt werden, und sie schauen ein bisschen traurig drein, dann verstärkt dass das Fernsehen so, dass man glaubt, die Kinder sind ermordet worden. Und wenn Sie auch nur leicht Schmunzeln, glaubt jeder, es hat Ihnen jemand einen furchtbaren Witz erzählt.

Politiker sind die besseren Schauspieler. Und wer das nicht hat, sackt ab!

Es gibt jetzt einen Werbespot von ntv: „Sorry Hollywood. Die besseren Schauspieler haben wir“. Die haben einzelne Szenen, wie Putin, wenn er beim Judo jemanden umhaut, diese inszenierten Auftritte, von Hillary Clinton und so… da ist das so klar, dass das die besseren Schauspieler sind! Und wer das nicht hat, sackt ab. Wenn er dort sitzt, nur blöd grinst und das kommt ins Fernsehen, sind es schon wieder ein paar Prozent weniger.

Der NTV-Spot „Sorry Hollywood. Die besseren Schauspieler haben wir!“, Quelle: Youtube

neuwal: Ich möchte abschließend fragen: Ich habe unlängst Martin Graf zum Interview getroffen. Er geht davon aus, dass er noch einmal Dritter Nationalratspräsident wird. Zweitens glaubt er, dass der Aufschrei weg wäre und er von Anfang an arbeiten könnte. Wie sehen Sie denn die politische Zukunft, den Aufstieg der Blauen?

Dorn: Da hat er Recht! Das klingt jetzt sehr überheblich…

Ich hatte zu meiner Zeit bei der SPÖ Analysen, nach denen ab 2005 die Mehrheit weg ist, wenn bestimmte Leute an die Macht kommen.

Ich hatte innerparteiliche Gegner – wir hatten ja sonst keine, da haben wir uns mit denen beschäftigt.

Schauen Sie, das ist ganz einfach. Es war vorherzusehen. Und es ist in der Geschichte nachzulesen, dass jede politische Bewegung genau wie in der Physik dem Kirchhoff’schen Gesetz folgt. So wie die elektrische Kraft in einem Schaltkreis immer gleich ist, gilt das genau in der Öffentlichkeit auch. Es kommt eine Bewegung, findet Anhänger, setzt etwas durch, dann kommen von allen Seiten Mitläufer und Leute, die es vielleicht nicht so ganz verstanden haben, worum es geht, aber trotzdem drauf sitzen. Dann wenden sich die anderen ab, die das erkennen. Dann geht es bergab und es kommt wieder etwas anderes.
Das ist, seit die Menschheit politisiert, ein natürlicher Vorgang. Und meistens kommt dann wieder etwas anderes, wo sich die Leute hinwenden. Wenn man Glück hat, ist das etwas Angenehmes, wenn man Pech hat, etwas nicht so Angenehmes. Ich sehe das jetzt als Naturereignis, das betrüblich ist.

Ein Bundespräsident, der mit 30 Prozent der Stimmen gewählt wird? Früher hätte man gesagt: Ihr tickt nicht richtig!

Es war aber so.

Es wird etwas Stärkeres geben. Die Leute gehen zur Wahl, weil sie irgendjemand emotionalisiert.

Das ist aber nur eine Übergangserscheinung meiner Meinung nach. Es wird wieder irgendwann etwas Stärkeres geben. Die Leute werden wieder zur Wahl gehen, weil sie irgendjemand emotionalisiert.

neuwal: und Sie trauen das am ehesten den Freiheitlichen zu?

Dorn: Wie heißt es? Clausula rebus sic stantibus (Vorbehaltlich, dass die Dinge so bleiben, Anm.)… Hier und jetzt gesagt, von meinem jetzigen Wissensstand, sehe ich niemand anderen. Leider!

neuwal: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dorn.

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