Der bekannte Wahlösterreicher und Osteuropa-Experte Paul Lendvai hat beinahe jedes europäische Drama am eigenen Leib miterlebt, in den letzten Jahrzehnten dreimal seinen Wohnsitz gewechselt – und ist im Herzen noch immer noch ein Ungar, der sein Land liebt. Dennoch – oder gerade deswegen – geht er hart mit den Politikern ins Gericht, die seit der „Samtenen Revolution“ am Ruder waren.

Paul Lendvai und Viktor Orban Rücken an Rücken, Fotomontage: Stefan Egger
Fotomontage: Stefan Egger

In der EU gehen die Wogen derzeit hoch, was schon beim Mediengipfel in Lech absehbar war, als der ungarische Staatssekretär Gergely Pröhle und der ungarische Botschafter von allen Seiten zu den Themen doppelte Staatsbürgerschaft, Roma-Probleme – und vor allem zum heftig umstrittenen neuen Mediengesetz Rede und Antwort stehen mussten. Zu diesem Thema folgen in Kürze weitere Informationen, in diesem Beitrag wollen wir auf Basis des Buches „Ungarn im Umbruch“ die historischen Ursachen näher beleuchten.

Paul LendvaiPaul Lendvai ist aus der österreichischen Medienszene schwer wegzudenken. Geboren in Budapest, lebt er seit 1957 in Österreich, zwei Jahre später erhielt er auch die Staatsbürgerschaft. Man muss nicht die von ihm herausgegebene „Europäische Rundschau“ lesen, um ihn kennenzulernen: Lendvai leitet unter anderem das ORF-Europastudio und ist Kolumnist im „Standard“.

Mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, erhielt er 2008 den Ehrenpreis des öst. Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln.

Kritische Worte
Umso grotesker mutet die Reaktion auf seine aktuellste Buchveröffentlichung mit dem Titel „Mein verspieltes Land – Ungarn im Umbruch“ an, in der er zwar kritische Worte für die mit Zweidrittelmehrheit ausgestattete Regierungspartei Fidesz unter Viktor Orban findet, jedoch auch die vorherigen Regierungen distanziert und faktenorientiert – auch streng – bewertet.

Vom Vorreiter zum Sorgenkind
Er stellt sich die berechtigte Frage, wie aus einem Reform-Vorreiter ein Sorgenkind Europas mit (verbotenen) militärischen Garden, Roma-Diskriminierung, hoher Verschuldung und angehendem Einparteiensystem werden konnte.

Ein Mann mit Geschichte
Interessant ist dabei auch, dass Orban schon beim „Begräbnis“ des Kommunismus im Jahre 1989 eine symbolträchtige und freche Rede hielt, in denen der junge (damals noch bärtige) Mann sein politisches Talent auf einer riesigen politischen Bühne früh unter Beweis stellte.

Kommunismus mit eiserner Faust
32 Jahre lang hatte Janos Kadar die kommunistische Herrschaft sichergestellt, vordergründig mit Geschick, hinter den Kulissen mit eiserner Faust. Nach der überaus turbulenten Anfangszeit, dem Übergang von der Einparteienherrschaft zu mehr Demokratie, erschien Jozsef Antall auf der Bildfläche, der als Unbekannter auftauchte und das Land von 1990 bis 1993 als angesehener Premierminister regierte.

Die Eiterbeule bricht auf
Antall schien für das Amt geboren, doch platzten einige Bomben aus der Kadar-Zeit. Der Schriftsteller Imre Kertesz beschrieb die aufbrechenden Skandale der vorangegangenen Jahrzehnte als „eine in 40 Jahren herangereifte Eiterbeule, die das Chirurgenmesser endlich öffnet“.

Unsterbliches Trianon-Trauma
Was an Hass, Rassismus und Dummheit aus den Menschen hervorbrach, stellt Lendvai als die Quelle der heutigen Probleme dar. Bevor 1920 im Schloss Trianon das Schicksal des 1.000-jährigen Stephansreiches zu Ende, Ungarn verlor zwei Drittel seiner Staatsfläche, Millionen lebten danach unter fremder Herrschaft. Von diesem Geburtstrauma des modernen Ungarns hat sich das Land nie erholt.

Zügelloser Antisemitismus
Mit dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns endete auch die goldene Zeit für die ungarischen Juden, die es zu Reichtum und politischem Einfluss gebracht hatten. Obwohl viele Juden im Ersten Weltkrieg für Ungarn gefallen waren, kam es in der Zwischenzeit zu einem zügellosen Antisemitismus. Der deutsche Einmarsch 1944 wurde begrüßt und bejubelt, die bis dahin in relativer Sicherheit lebenden Juden wurden in beispiellosem Tempo deportiert, man schätzt die Opferzahl auf über 564.000.

Aufstieg der Pfeilkreuzler
Bis heute belegen Umfragen den hohen Grad an Antisemitismus und die Vorurteile gegenüber Nachbarstaaten, die an allem Unglück Ungarns schuld sein sollen. So erklärt Lendvai auch den Aufstieg der Pfeilkreuzler.

Teil 2 der Serie folgt am Samstag!

Buchcover "Mein verspieltes Land" von Paul Lendvai Paul Lendvai:
„Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch“

Ecowin Verlag 2010
272 Seiten
EUR 23,60

ISBN 978-3-902404-94-7