Ich war in Berlin, als die Debatte um Thilo Sarrazins Sachbuch „Deutschland schafft sich ab“ voll losbrach. Vorerst beschränkten sich die Reaktionen auf das deutsche Feuilleton. „Welt“, „Zeit“, „Süddeutsche“ – alle brachten vorab die skandalträchtigsten Passagen, oft ohne das Buch wirklich gelesen zu haben. Nun ist es soweit, der Wälzer ist verdaut.

Thilo Sarrazin als Teufelchen, (C) sxc.hu / jkpics, Fotomontage: Stefan Egger
(C) sxc.hu / jkpics, Fotomontage: Stefan Egger

Lange habe ich mich geweigert, vor kurzem erreichte mich das Rezensionsexemplar. Die Diskussionen um Zuwanderung, Sozialleistungen, Bildungsdefizite und Integration fand ich superspannend. Und hier endet auch der einzige Punkt, bei dem ich mit Sarrazin-Fans übereinstimme: eine, nein, mehrere wichtige Diskussionen wurden angestoßen.

Peppiges zum Stimmenfang
Doch hier muss ich schon wieder einschränken. Diskussionen? Wie so oft waren es eher sensationsgeile Skandalartikel und abgehobene Kommentare, die die Debatte prägten. Allenfalls hefteten sich stramm konservative Politiker (wie Sarrazin selbst, obwohl SPD-Mitglied) oder rechte Rabauken die peppig formulierten Thesen ans Revers, um damit auf Stimmenfang zu gehen.

Ingenieur auf der Titanic
Thilo Sarrazin bezeichnete sich (nicht nur) im „profil“-Interview als „Ingenieur auf der Titanic“, der als Einziger sieht, dass das Schiff (Deutschland? Europa? Die Welt?) nicht mehr zu retten ist. Als einsamer Mahner in der Wüste warnt er vor dem Untergang, der in wenigen Generationen bevorsteht. Es fällt leicht, manche seiner Positionen „herunterzudodeln“ – denn Sarrazin ist weder ein glänzender Rhetoriker, noch ein scharfsinniger Analytiker. Das will ich hier nicht tun.

Geisterfahrer, das sind die anderen
Einmal ganz abgesehen davon, dass selbst der kritischste Kopf – nicht zu vergessen unter konservativ-liberaler Führung – in Deuschland ausschließlich linkslinke Träumer am Ruder sieht, die alle Zuwanderungs- und Integrationsprobleme schönreden. Den unanbwendbaren Untergang prophezeit auch sonst niemand. Wie war das mit der Autobahn voller Geisterfahrer nochmal?

Der Stil stößt sauer auf
Wie Dominik bereits beschrieben hat, ist es ein unguter Mix aus menschenverachtender Abscheu und kaum verhohlenem, genetisch legitimiertem Rassismus, der einem bei der Lektüre extrem sauer aufstößt. Den schiebe ich zur Seite, um die Inhalte analysieren zu können.

Zentrale und wunde Punkte
Aber bleiben wir sachlich: Sarrazin, und das ist keine geringe Leistung, spricht viele zentrale und wunde Punkte an, die unsere handlungsschwachen Politiker in Österreich und Deutschland nicht anpacken wollen oder können. Ich bin jedoch heilfroh, dass niemand den Ex-Banker und Biedermann zu jenem „Sozialingenieur“ gewählt hat, als der er sich gerne sieht.

Europa muss sich ändern
Vielleicht hat es ihm nur noch niemand gesagt: Nein, Europa wird nicht bleiben, was und wie es ist! Ja, für zahlreiche Dinge muss und soll man kämpfen. Auch liegt heute Vieles im Argen: Bei der ungesteuerten und für beide Seiten mühsamen, international schlecht abgestimmten Zuwanderungsstrategie, bei der Verleugnung von Integrations-Herausforderungen inklusive heftiger „Culture Clashes“ sowie bei strauchelnden Bildungssystemen und nicht durchfinanzierten Sozialmodellen aus der Vergangenheit.

Kommandieren, kontrollieren, korrigieren
Für all diese kritischen Punkte gibt es Experten und vernünftige Lösungsansätze. Sarrazin hat keinen davon präsentiert. Sein Modell ist eines der bürokratischen Steuerung, Überwachung und Bestrafung der Gesellschaft. Wie gut das funktioniert, hat man in der Sowjetunion oder der DDR gesehen. Riesige Probleme in den USA, für ihn aufgrund fehlender Sozialleistungen und Familienunterstützung das „gelobte Land“, in dem „jeder arbeiten muss“ und daher „optimal integriert“ ist, schiebt er einfach zur Seite oder verleugnet sie.

Worst of Sarrazin
Ich habe begonnen, die haarsträubendsten Passagen im Buch für diesen Kommentar zu markieren – doch es wurden innerhalb kürzester Zeit so viele, dass ich davon Abstand nehmen muss. Einige Highlights kann ich mir nicht verkneifen:

  • Wer stets wirtschaftlich-statistisch etwa mit dem BIP argumentiert, kann leicht irren – wie zuletzt Robert Misik darlegte
  • Schere und Stift sind jederzeit digitalen Medien vorzuziehen. Vorgestrige Ansätze, vom Lebensmodell bis in die Erziehung
  • Der Autor ist stolz darauf, mit unsinnigen Argumenten zu provozieren. Gelungen!
  • Andauernd schreibt er Menschen anderer Schichten vor, wie sie zu leben haben – von den Härten hat er null Ahnung
  • Sarrazins Lebensmodell ist jenes der Industrialisierung: harte Arbeit ist alles, der Rest soziale Hängematte
  • Wer Kindererziehung mit Pferdedressur und Hundeabrichtung gleichsetzt, soll keinen Einfluss auf Sozialgesetze haben
  • Selbiges gilt für Menschen, die chinesische Schulerfolge lobpreisen und Intelligenz mit Auswendiglernen gleichsetzen
  • Sarrazin kennt „keinen Arzt, der noch eine Krankenschwester heiraten würde, geschweige denn das schöne Bäckermädchen“ – Kastensystem, wir kommen!
  • Wer Kinderquoten nach sozialer Schicht und IQ fördern oder drosseln will, ist schnell bei eugenischen Methoden
  • Der Gipfel sind Kinderprämien, die nur „intelligente“ und „höhergestellte“ Personen bis zu einem gewissen Alter erhalten
  • Von mangelnden Chancen und Diskrimierung scheint er noch nie gehört zu haben
  • Türkische und muslimische Menschen sind für ihn Reinigungskräfte, Pizzaverkäufer und „Importbräute“
  • Länder, in denen Migranten „zu beschäftigt sind, um zu randalieren“ (weil sie für ihr Überleben hart arbeiten), sind ein Vorbild
  • Sarrazins gegen Ende geäußerter Wunschtraum, „Deutsche sollen auch noch in 100 Jahren unter Deutschen, Dänen unter Dänen wohnen“, scheint mit der Realität in der Europäischen Union nicht ganz vereinbar – wie so vieles, was er schreibt… zum Glück!

Schuldzuweisungen statt Sachlösungen
Warum ist Thilo Sarrazin kein geeigneter „Mensch des Jahres“? Weil sein Beitrag ein um irrelevante Plattitüden angereichertes, tendenziöses und pseudo-wissenschaftliches Machwerk ist. Geschrieben von einem arroganten Spießbürger, der die beschriebenen Phänomene allenfalls aus Erzählungen kennt. Der seine Thesen nicht ernsthaft diskutieren, sondern damit Recht behalten will, dass „sein“ Land untergeht. Und der pauschale Schuldzuweisungen auf ethnischer Basis konkreten und realisierbaren Sachlösungen jederzeit den Vorzug gibt.

Sorry, liebes „profil“-Team: Das war ein Griff ins Klo!