Thilo Sarrazin, Mensch des Jahres 2010. Warum das wohl die richtige Entscheidung war, „profil“ dadurch an Qualität gewonnen und er den Titel redlich verdient hat. Ein Pro-Standpunkt, der die Debatte um Integration, Islamismus und europäische Werte eröffnet. Wir freuen uns auf eure Ideen, Meinungen und Kommentare!

(C) sxc.hu / robby_m und (CC) Richard Hebstreit, Fotomontage: Stefan Egger

„Wie kann man nur? Und gerade das ‚profil‘? Und ich dachte …“ – Wer schon länger dieses Magazin liest, darf sich natürlich wundern. Ärgerte man mit dem Menschen des Jahres 2009 noch die teils offen ausländerfeindlichen Bewohner Österreichs (die sich schließlich auch in unzähligen Leserbriefen offenbarten), als man Arigona Zogaj diesen Titel verlieh, so scheint man in diesem Jahr mit Thilo Sarrazin einen Vertreter der intellektuellen Rechten zu feiern. Aber hier liegt schon der große Fehler: „profil“ feiert ihn nicht, denn schon auf der Titelseite schreibt man von seinen „fragwürdigen Thesen“.

Thilo Sarrazin hat mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ großes Aufsehen erregt. Durch ihn entstand in Deutschland und zum Teil auch in Österreich eine Debatte über Integration, „Islamisierung“ und deren Gefahren für die Gesellschaft. Es war wohl gut, dass diese Themen angesprochen wurden, sind sich doch (wenn wir in Österreich bleiben) SPÖ und ÖVP bestimmt bewusst, keine wirklich sinnvolle Integrationspolitik in petto zu haben. Thilo Sarrazin weckte auf.

Der biedere Herr mit der Brille hat es geschafft, mit einem Buch, dass an Überheblichkeit, an verabscheuender Ignoranz gegenüber fremden Kulturen nur schwer zu toppen ist, und mit der Diskussion um genetisch vererbbare Intelligenz das Maß fast zum Überlaufen bringt, eine ganze Bevölkerung aufzuwühlen. Und: Wenn man die Medien so beobachtete, gab es entweder die wenigen Befürworter, oder eben jene, die ihn ihm das Böse in Person sahen. Die neue Rechte. Der Feind aller „anderen“.

„profil“ gibt ihm eine Plattform, stellt ihn ausgiebig vor, schreibt über den Wohnort Sarrazins, der einen Blick über den Horizont beinahe nicht erlaubt. Und bietet ihm in einem sehr umfangreichen Interview die Möglichkeit, seine Thesen zu erklären. Zwar scheinen die „profil“-Fragen selbst teilweise viel zu voreingenommen, jedoch schafft es Sarrazin trotzdem, seine Borniertheit ausführlich unter Beweis zu stellen.

„Mensch des Jahres“, eine Auszeichnung, die z.B. ein Mark Zuckerberg (TIME) vielleicht, ein Julian Assange (Le Monde) wohl eindeutig, ein Steve Jobs (Financial Times) schon viel früher verdient haben. Sie haben etwas erreicht, haben 2010 Erfolge gefeiert.

So auch Thilo Sarrazin. Soll ihm nur, weil er mit seinen Thesen Österreich, Deutschland und teilweise sogar Europa ins große Grübeln stürzt, er tief in Wunden stochert und selbst nicht über den Tellerrand blicken kann, diese Auszeichnung verwehrt bleiben? Die „profil“-Redakteure haben das richtige Gefühl bewiesen und einen von den politischen Einstellungen her eindeutigen Gegner des Blattes eine Plattform gegeben, sich selbst zu entlarven. Und dafür danke ich ihnen.

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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