„Deutschland schafft sich ab“ – mit diesem Buch hat Thilo Sarrazin 2010 den politischen Bestseller schlechthin veröffentlicht. Das Werk des nunmehrigen Ex-Chefs der deutschen Bundesbank schlug hohe Wellen – und das nicht nur in Deutschland, sondern auch bei uns in Österreich.

RMS Sarrazin geht mit deutscher Flagge unter, Fotomontage: Stefan Egger
Fotomontage: Stefan Egger

Spät aber doch – und rechtzeitig zur Wahl Sarrazins zum „Mensch des Jahres 2010“ im Nachrichtenmagazin „profil“ hat sich neuwal durch die 463 Seiten der 9. (teilweise entschärften) Auflage gekämpft. Zuerst ein paar Worte über den Autor, der zumindest in Österreich bisher keine breitere Bekanntheit erlangt hatte.

Thilo Sarrazin, (CC) Nina Gerlach
(CC) Nina Gerlach
SPD-Mitglied Thilo Sarrazin wurde 1945 im deutschen Gera geboren und ist studierter Volkswirt. Von 1975 bis 2010 war er im öffentlichen Dienst tätig, 2000 bis 2001 in leitender Position bei der Deutschen Bahn AG beschäftigt. Von 2002
bis 2009 war Sarrazin Finanzsenator im Berliner Senat, wo es mehrmals Wirbel um seine Aussagen gab. Bis zu den Protesten nach der Veröffentlichung seines Buches im September 2010 war er Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank.
Mit „Deutschland schafft sich ab“ schrieb er das meistverkaufte deutsche Sachbuch 2010.

Sarrazin erklärt in seinem Buch die These, warum die unregulierte Immigration Deutschland ins Verderben stürzen wird. Wie schon unsere Innenministerin Maria Fekter so treffend formulierte – die „unqualifizierten Analphabeten aus einem Bergdorf“ – sieht auch er die Gefahr bei bildungsfernen Schichten aus der Türkei. Nicht die Migration selbst sei das Problem (Sarrazin lobt in seinem Buch sogar die Heterogenität Deutschlands), sondern vielmehr die Zuwanderung bildungsferner, weniger intelligenter sowie integrationsunfreudiger Menschen, die – wie er sagt – vor allem aus Afrika, dem Nahen Osten und der Türkei kommen. Damit Deutschland auch weiter vorne mitspielen könne, bräuchte man mehr intelligente Menschen: Menschen, die Deutschland wieder zu einem Land der Innovationen werden lasse. Hier spricht Sarrazin auch die geringe Intelligenz heutiger Studierender an: nur eine Minderheit studiere die sogenannten „MINT“-Fächer, die für
Innovation stehen würden.

Islamkritik

Als große Islamkritik wurde das Buch gesehen: als politisch unkorrekt, schlicht unwahr. Michel Houellebecq, der große französische Autor, nutzt selbst jede Gelegenheit, seine Meinung über den Islam kundzutun, und bezeichnete sie kurzerhand als „die dümmste Religion unter allen“. Für Sarrazin scheint der Islam, die Religion selbst, der Grund für eine bildungsfernere Bevölkerung („in arabischen Ländern wurde nie viel gelesen“), aggressivere, kriminellere Menschen und außerdem die grundlegende und dauerhafte Angewiesenheit auf Sozialleistungen Deutschlands zu sein. Was auffällt, ist, dass er sich auf den Islam und die Türkei eingeschworen hat: auch wenn er behauptet, dass es überall „bildungsferne Unterschicht“ gäbe, so sei vor allem jene aus der Türkei gefährlich, zumal diese noch integrationsunwillig sei.

„Es ist nämlich zu befürchten, dass sie zur überdurchschnittlichen Vermehrung jener bildungsfernen und von Transfers abhängigen Unterschicht beitragen, welche die Entwicklungsaussichten Deutschlands verdüstert.“

… und Genetik

Doch nicht nur die Religion ist Grund für geringere Intelligenz, nein … auch genetisch ist der IQ schon vorbestimmt, meint Sarrazin. Und nennt dabei die Juden, die schon immer klüger als alle anderen, deshalb auch gute Geschäftsmänner waren und die es jetzt, in Teilen Nordamerikas, immer noch sind. Das war etwas, woran ich mich am Meisten gestoßen habe. Jenen Teil des Buchs, der sich rein um die Kritik am Islam dreht, kann man zumindest als Diskussionsgrundlage nützen. Wenn aber im 21. Jahrhundert jemand über die Genetik, und die genetischen Vorteile einzelner Ethnien schreibt, so kann ich leider nur mehr meinen Kopf schütteln. Und auch für seine Partei, in der er bis heute immer noch Mitglied ist, weiß er das Problem für den Wählerschwund:

„Die bereits beschriebene intellektuelle Ausdünnung der Unterschicht wirkt sich tendenziell zu Lasten der Arbeiterpartei SPD aus, weil das Mobilisierungspotenzial sinkt und Meinungsführer Mangelware werden.“

Das hört man ja nicht zum ersten Mal, dass der Populismus, die einfache Form des Forderns, anstatt wirklich an Umsetzungen zu arbeiten, besser ankommt, sofern die Leute dumm gehalten werden. Womöglich ist das auch der Grund, warum ein Thilo Sarrazin, würde er denn eine Partei gründen, eine große Wählerschaft hinter sich hätte. Ich bezweifle allerdings, dass viele davon sein Buch gelesen haben. Bis heute hat Sarrazin von „Deutschland schafft sich ab“ 1,25 Millionen Stück verkauft, es gibt bereits 17 Auflagen (wo, wie ich gehört habe, zumindest bei den letzten Auflagen jene Teile rund um Genetik etwas entschärft wurden). Aber ob nun entschärft oder nicht: „Deutschland schafft sich ab“ ist eine schwer konsumierbare Lektüre.

In den kommenden Tagen diskutieren wir übrigens hier auf neuwal darüber, ob
Profil mit der Wahl Sarrazins zum Mensch des Jahres den Nerv der Zeit traf. Hat Thilo Sarrazin es verdient, als Mensch des Jahres 2010 bezeichnet zu werden? Oder gäbe es da nicht viele andere Personen, die diese Auszeichnung redlicher verdient hätten?

Deutschland schafft sich ab
Wie wir unser Land aufs Spiel setzen
von Thilo Sarrazin

Verlag DVA
Hardcover

463 Seiten
ISBN 978-3-421-04430-3
EUR 23,70

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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