Quer durch alle Medien und politischen Lager herrscht Einigkeit: Die Integrationsdebatte muss endlich geführt werden. Kaum ein Thema wird emotionaler und häufiger diskutiert – aber wird miteinander oder übereinender geredet? Die Fronten sind verhärtetet. Manche fordern ein Ende der Debatte, manche ein Ende der Zuwanderung. Bedeutet “Integration” einen gemeinsamen Nenner zu suchen? Wenn ja, was soll darunter verstanden werden? supertaalk fragt nach – in der letzten Ausgabe des Jahres 2010.

Integration ist ein äußerst kontroverser Begriff, wie wir schon bei unserer Diskussionsrunde vor der Wienwahl festgestellt haben. Gemeinsam mit ichmachpolitik.at hatten wir das Thema zum Auftakt der #frischlingsrunde2010 aufgegriffen: „Unser Kurs ist der Deutschkurs – GZÖ, JVP, LJF, SJ und SLP diskutieren Zusammenleben und Migration“.

Supertaalk #2: Integration – ein Klärungsversuch
In der zweiten Ausgabe von supertaalk (mehr über das Konzept und die Initiatoren im Teil 1 der Serie) diskutierten Mirel Gümüsay (Kultur und Sportverein Mesopotamien Wien), Rebecca Harms (Historikerin), Christian Loibnegger (MA17 – Integration), Olivera Stajić (Leiterin von dastandard.at) und Kenan Güngör ([difference:]) zu Gast.

Integration als problematischer Begriff

„Integration ist ein veralteter Begriff“ (Stajic)

Für Olivera Stajic (dastandard.at) ist „Integration“ ein überholter und veralteter Begriff, bei dem es darum geht, dass es ein homogenes Ganzes geben soll – einheitlich, nach klaren Regeln, wo jeder genau weiß, wo sein Platz ist. „Es ist vielleicht besser, von Partizipation zu sprechen!“ Historikerin Rebecca Harms kann sich da nur anschließen, sie bringt die Interkulturalität ins Spiel und hat kein Problem damit, in der Gesellschaft über Werte zu diskutieren. Kenan Güngör vom Verein [difference:] brachte von Beginn an seinen wissenschaftlichen Standpunkt ein: „Integration hat vorerst nichts mit Immigration zu tun, sondern ist einer der grundlegendsten Begriffe von Gesellschaft und Solidarität. Immigration wäre ein Element davon.“

„Partizipation betrifft nicht nur MigrantInnen“ (Loibnegger)

Auch Christian Loibnegger von der MA17 ist sich sicher: „Partizipation betrifft nicht nur MigrantInnen, sondern die Mehrheitsgesellschaft. Es geht um das Zusammenleben, um das Miteinander!“ Mit Integrationsarbeit fördert er Projekte, die das Zusammenleben unterstützen. Für Mirel Gümüsay (Verein Mesopotamien) ist die Frage: „Wie schaffen, wir es, dass alle Produkte und Angebote der Stadt den Bedürfnissen gerecht werden? Den stereotypen Standardkunden gibt es nicht mehr… diese Stadt ist unsere gemeinsame Stadt!“

Konflikte? oft geht es um Banalitäten…

„Es gibt Reibungspunkte, aber keine negativen Störelemente“ (Loibnegger)

Als nächstes will Moderator Werner Reisinger beleuchten, wo das größte Konfliktpotenzial liegt und ob sich hier die Realität mit der Mediendarstellung deckt. Loibnegger berichtet von einer groß angelegten Umfrage, wo die WienerInnen Konfliktpunkte sehen: „Es hat sich gezeigt, dass es durchaus eine positive Einstellung zum Zusammenleben gibt. Es gab schon Reibungspunkte, aber keine negativen Störelemente.“ Oft ginge es um Banalitäten: Die Hausordnung wird nicht eingehalten, in den Öffis unterhält man sich lautstark… Dinge, die auf Rückfrage nicht einmal spezifisch auf Migranten bezogen seien. „Selbst haben die wenigsten Probleme, das kommt fast alles aus Erzählungen,“ so Loibnegger.

„Ausländerfeindlichkeit ist dort am höchsten, wo es sehr viele Ausländer gibt – und wo es gar keine gibt!“ (Güngör)

Güngör stützt diese Erfahrungen: „Der Anteil des indirekten Wissens nimmt dramatisch zu, wie Studien zeigen. Wo ist die Ausländerfeindlichkeit am höchsten? Dort, wo es einen hohen Ausländeranteil gibt – und dort, wo es gar keine gibt!“ Für Stajic sind das typische Nachbarschaftskonflikte, die von den Medien ethnisiert werden: „’Türke verprügelt Pensionisten‘ lässt sich besser in Schlagzeilen packen!“

Gefährdung der sozialen Rolle

„Mit Integration sind Abstiegsängste verbunden. Bei den Eltern war das noch anders, die waren Teil des Aufstiegs!“ (Güngör)

Reisinger stellt die These in den Raum, dass manche Dinge, etwa wenn jemand ein Kopftuch trägt, auf instinktiv-emotionalem Niveau Ablehnung hervorrufen, was auch stark eine Frage der sozialen Schichten sei: „Der oder die gefährdet mich in meiner sozialen Rolle!“ Hier will Güngör besser erheben, was an Problemen da ist – und die „automatischen“ Antworten transformieren. „Mit Integration sind Abstiegsängste verbunden. Das war bei den Eltern der Gastarbeiter noch anders, die waren Teil des Aufstieges. Wir erleben aber auch jetzt keinen Abstieg! Wir leiden auf hohem Niveau! Wir reagieren nicht souverän, sondern ängstlich darauf!“

Immer Ärger mit dem Islam?

„Ich finde es krass, dass man sofort wieder beim Islam landet – das nervt!“ (Harms)

Rebecca Harms, selbst „Arbeitsmigrantin“ aus Deutschland, findet es „krass, dass man sofort wieder beim Islam landet – das nervt!“ Hängt das wirklich an der Religion oder woran liegt es? Die Integrationsdebatte ist für Reisinger einfach eine Islamdebatte geworden. Gümüsay, die eine schwierige Kindheit als christliche  Türkin hinter sich hat, sieht einen Großteil der Ursachen in diesem Bereich in der Erziehung: „Eltern bringen Kindern bei, dass der Islam schlecht ist. Das ist heute noch Gang und gäbe!“

„Der Streit gehört zum Integrationsprozess, die Frage ist das Ausmaß“ (Güngör)

Güngör relativiert etwas: „Die Kopftuchdebatte war in der Türkei viel intensiver, es gibt keine homogene Debattenkultur wie in Österreich.“ Für ihn ist es ein zu akzeptierender Grundbefund, dass wir in einer Welt mit unterschiedlichen Zeiten und Wirklichkeiten leben, die es zu akzeptieren gilt. „Ich bin selber als Nomadenjunge in den Bergen aufgewachsen. Diese Ungleichzeitigkeit führt zu unterschiedlichsten Strukturen, die nicht besonders kompatibel sind. Der Streit gehört zum Integrationsprozess, die Frage ist das Ausmaß – und wer es ausnutzt!“

„Einzelschicksale sind Kollateralschäden des Integrationsprozesses“ (Stajic)

Für Stajic sind „Einzelschicksale Kollateralschäden des Integrationsprozesses“. Die Damen sind sich einig, dass sich viel in der Erziehung entscheidet, Güngör sieht die ältesten Kinder als „Icebreaker“ zwischen den Kulturen. Er will einen Schritt zurückgehen und die einfache Frage stellen: „Auf was können wir alle schon aufbauen und worauf nicht?“ Was ist aus dem vermeintlichen „Nebeneinander“ der ersten Generation geworden?

Deutschland nach Sarrazin

„Die Sarrazin-Debatte hat mich rechts überholt“ (Harms)

„Es kommt ja auch zu Gewalt, daher ist es gut, wenn wir über diese hysterische Debatte reden. In Deutschland kostet das hin und wieder Menschenleben!“ Harms sieht auch einen Unterschied zwischen Österreich und Deutschland: „Ich dachte, hier ist die Debatte schärfer – hier sagt man Neger, dort denkt man das vielleicht nur… das klare Bekenntnis ‚Nie wieder‘ hat es hier nie gegeben.“ Die Sarrazin-Debatte hat sie aber rechts überholt, auch Reisinger war damals überrascht: „Nach der Fußball-WM mit dem Integrations-Dreamteam lautete das offizielle Narrativ ‚Wir sind eigentlich schon viel weiter!‘ – und dann kam Sarrazin!“ Harms assistiert: „Ja, da hat sich ein Widerspruch entwickelt. Das ist nicht das Deutschland, in dem ich aufgewachsen bin. Ich dachte eher, das Thema ist ein bisschen durch.“

„Die Mediendebatte war inhaltsreicher als das Buch“ (Stajic)

Die Message von „Deutschland schafft sich ab“ war: Wir werden immer dümmer, und das ist die Schuld der Zuwanderer. Für Stajic war vor allem eines überraschend: „Die Mediendebatte war viel inhaltsreicher als das Buch, da steht gar nicht viel drin… ich wäre gerne in Deutschland gewesen, so wie das in Österreich debattiert wurde, war es eher uninteressant.“ Güngör erntet viel Zustimmung, als er von einer „Staatsraison in Deutschland“ spricht, die sich vor 10-12 Jahren entwickelt habe: „Ein eher  pragmatischer Zugang – ohne Hurra, aber wir lösen das! Mich hat Sarrazin nicht überrascht. In Deutschland wird die Sau alle zwei Jahre bei irgend einem Anlass durch das Dorf gejagt. In Österreich ist sie noch nie eingefangen worden.“

Medien und ihre Sterotype

„Political Correctness kann auch wahnsinnig anstrengend sein“ (Güngör)

Es folgt eine breitere Debatte über Stereotype in den Medien anhand eines nicht besonders geglückten „Biber“-Covers. Güngör plädiert für ein bisschen mehr Lockerheit, auch bei alternativen Medien. „Wir müssen manche Begriffe sowieso benutzen, spielen wir doch ein bisschen. Political Correctness kann auch wahnsinnig anstrengend sein.“ Stajic hat Angst davor, dass das kontraproduktiv ist. dastandard.at wurde gegründet, damit die Themen nicht untergehen: „Wir brauchen eine URL, um ins Gerede zu kommen. Man kann in Ressorts auch nicht Diversität leben, auch aus strukturellen Gründen. Wir schreiben darüber, was uns interessiert, was uns fehlt. Wir sind draufgekommen, dass das nicht skandalisierende, nicht humorvolle Artikel zu diversen Themen sind.“

Ein neuer Gesellschaftsvertrag?

„Wie finden wir einen Gesellschaftsvertrag, eine Integrationscharta?“ (Güngör)

Für Güngör stellt sich eine Frage, mit der zum Abschluss nicht alle glücklich sind: „Wie kann man einen inkludierenden Heimatbegriff finden, der nicht veraltet ist? Wie finden wir einen Gesellschaftsvertrag, eine Integrationscharta?“ Stajic findet eine derartige Idee utopisch, sie würde sich eher um eine im internationalen Vergleich niveauvolle Berichterstattung bemühen. Loibnegger sieht noch am ehesten Umsetzungschancen, indem er die WienerInnen direkt in die Erstellung einbinden will. Gümüsay sieht Chancen im direkten Kontakt: „Auf die Leute zugehen und reden!“

„Eine gewisse Grundsicherheit ist Voraussetzung für Öffnung!“ (Harms)

Von Harms kommt auch noch ein wichtiger Input: „Eine gewisse Grundsicherheit ist Voraussetzung für Öffnung!“ Und die kann nur gesamtgesellschaftlich erreicht werden.