Neben den fast unüberschaubaren Beiträgen in Blogs, Onlineforen und in Social Networks fand das Thema Wikileaks auch in der letzten Woche breiten medialen Niederschlag – etwa im Falter, Standard, profil-Jahresrückblick oder auf Ö1. Der  Österreichische Journalistenclub solidarisierte sich öffentlich mit Wikileaks, krankheitsbedingt konnte das geplante Interview noch nicht stattfinden.

Trotz Grippeerkrankung diktierte OEJC-Praesident Fred Turnheim folgende eindeutige Pressemeldung – im Volltext nachzulesen auf ots.at:
„Der politische Kampf um das Überleben der Enthüllungsplattform WikiLeaks hat auch etwas mit Pressefreiheit zu tun. Weltweit wird diskutiert, wie die Pressefreiheit im Internet-Zeitalter auszuschauen hat. Für den Österreichischen Journalisten Club (ÖJC) ist die Pressefreiheit unteilbar und darf

unter keinen Umständen eingeschränkt werden.  […]
Der Informantenschutz ist einer der Grundpfeiler der journalistischen Arbeit und damit Bestandteil der Pressefreiheit. Es ist völlig unverständlich, wenn die politischen Kräfte weltweit versuchen diese wichtige Informationsplattform zu kriminalisieren und die Verbreitung zu verhindern. „Die Einschränkung der Verbreitung von Information widerspricht der freien Meinungsäußerung und ist daher
ein Anschlag auf die Pressefreiheit und die Grundrechte“ […] Hier geht es auch um die Grundlagen für einen freien Journalismus und dieser muss mit allen demokratischen Mitteln verteidigt werden.

Wir werden ihn nach Gesundung auch zum Thema Pressefreiheit und Wikileaks sowie zum OGH-Urteil in Sachen „Am Schauplatz“ interviewen!

Eine spannende Erklärung zu den ganzen Fehl-, Falsch- und Nullmeldungen zur Online-Community „Anonymous“, die Wileaks u.a. mit DOS (Denial-of-Service)-Attacken auf Server jener Firmen, die das Aufdeckeportal boykottierten, unterstützt hat. Folgendes hat @karli auf wissenbelastet.com publiziert:

Jeder ist Anonymous! Anonymous  ist, wie es Wikipedia eigentlich ganz gut beschreibt, “the concept of many on-line community users, or the on-line community itself, acting anonymously in a coördinated manner, usually toward a loosely self-agreed goal”. […] Bekannt geworden ist Anonymous 2008 mit dem Project Chanology, dass sich gegen Scientology richtete. […] Das Diskussionsforum 4chan ist einer der Gründungsorte der aktuellen Anonymous-Bewegung, dort wurden (und werden) Aktionen abgestimmt und umgesetzt.

Die TeilnehmerInnen von Anonymous sind keine Hacker! […] Viel mehr geht es darum durch gezielte Aktionen Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema zu lenken. Anonymous hat keine Organisationsstruktur, so schnell wie Anonymous entsteht kann Anonymous auch wieder verschwinden. […] “Operation Payback” gibt es schon seit September 2010 und richtete sich anfangs gegen Organisationen/Firmen die ihre Rechte mit z.B. DOS-Attacken gegen Webseiten mit “illegal kopiertem” Material verteidigen wollten. Als im Dezember 2010 Amazon die WikiLeaks-Seiten “verbannte” und PayPal sowie Mastercard die Wikileaks-Konten sperrten und die Schwedische Regierung einen internationalen Haftbefehl gegen Julian Assange erließ, organisierte sich Anonymous neu und beschloss, die DOS-Attacken gegen diese Firmen zu richten. […]

Die Internationale Aufmerksamkeit war und ist enorm, auch hat PayPal die gesperrten WikiLeaks-Konten wieder freigegeben. Es kann niemand sagen, was passiert wäre, wenn es “Operation Payback” nicht geben würde. Auch ist Anonymous klar geworden, dass man für Webseiten wie Amazon sehr viel mehr MitstreiterInnen braucht. Wir leben in einer spannenden Zeit. WikiLeaks in Kombination mit Bewegungen wie Anonymous werden in Zukunft noch eine wichtige Rolle spielen. Für mich ist die Selbstorganisation von Anonymous ein Prototyp für zukünftige Demonstrationsformen, ein logischer nächster Schritt nach #unibrennt.

Hans Rauscher – er beschäftigt sich laufend in seinen Kommentaren mit dem Thema – plädiert im Standard dafür, der „Datenmasse einen Sinn zu geben“:

„Die Gemeinde der Wikileaker und die weltweite Blogosphäre sind der felsenfesten triumphierenden Überzeugung, dass Assange eine neue, technologiegeleitete Welt der totalen Öffentlichkeit geschaffen hat. Nicht sei in Politik und Journalismus mehr so wie früher.“

Rauscher selbst kritisiert an Assange „die mit Heilsaussagen vollgestopfte Sprache: Wahrheit, die Frei machen wird und die Berufung auf Propheten der Wahrheit, für die Befreier und Märtyrer der Wahrheit“, etwa hier im Standard-„Einserkastl“. Ohne die viel kritisierten „alten“ Medien wäre seiner Meinung nach die gewaltige Publizität der Wikileaks-Enthüllungen nicht möglich gewesen, „hätte Wikileaks seine Materialhalde unkommentiert und unbearbeitet ins Netz gestellt, hätten ein paar Feinspitze darin herumgestochter, etliches weitergeleitet, es hätte auch wilde Debatten in Foren gegeben, aber da wär’s gewesen.“

Auch im Falter wird spekuliert – in diesem Fall von Aufdecker Florian Klenk-, ob Wikileaks die „alten Enthüllungsmedien ablösen“ wird:
„Ganz im Gegenteil. Ihr unersetzbarer Wert wird sichtbar. Stellen wir in der verworrenen und verlogenen Debatte um Wikileaks zunächst ein paar Dinge außer Streit.

Erstens: Die Pressefreiheit, genauer die Informationsfreiheit, gilt für jedermann. Natürlich auch für Julian Assange, so überheblich oder anmaßend der Ex-Hacker auch wirken mag. […]

Zweitens: Assange mag zwar mit seinem globalen Projekt im Vergleich zu klassischen Medien besonders revolutionär und “neu“ wirken, doch wer seine Arbeit analysiert, kommt zum Ergebnis, dass er ähnlich tickt wie jene “alten“ Journalisten, die derzeit als starr und überholt verhöhnt werden. […]

Drittens: Kein Medium soll heucheln, es hätte die Depeschen nicht auch gerne zuerst gehabt. Sie sind der Stoff, aus dem sich große Storys erzählen lassen.

[…] Qualitätsmedien haben den Schutz des Intimlebens von Betroffenen und die berechtigten Geheimnisse von Bürgern zu respektieren, sonst werden wir unseren Berufsschutz zu Recht verlieren. Wir müssen ständig Güterabwägungen treffen, nicht aus Angst, sondern auch aus Respekt vor der Würde des Individuums. Meist gelingt dies, oft genug nicht. Was wäre die Alternative? “Enthüllungsbürgerjournalismus“ à la “Wikilegia“, einer heimischen Plattform für behördliche Missstände? […] Ein digitaler Aktenschrank der Querulanten, der scharfe staatliche Sanktion verdient, aber dank der “Freiheit des Netzes“ nicht mehr zu schließen ist. Ein Fortschritt? Mitnichten.“

Gleich daneben haut Raimund Löw für den „Falter“ in die Tasten, um die „Treibjagd des Westens gegen Julian Assange“ zu kommentieren, wenn auch mit einigen Ungereimtheiten, die kobuk.at natürlich gleich aufgefallen sind:
„Bereits vor 20 Jahren, lange vor dem Internet und Jahrzehnte vor Wikileaks, war es eine heiß diskutierte Phase: Wie soll ein Staat funktionieren, wenn es keine Behörde gibt, die sensible Informationen und geheime Akten vor der Veröffentlichung schützt? […] Bei Pressefreiheit ist die Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen erlaubt, auch dann, wenn der Geheimnisverrat selbst geahndet wird, lautete damals die Antwort. […] Erst die Pressefreiheit ermöglicht die Kontrolle der Staatsmacht. […] Die Drohgebärden gegen Wikileaks und das Kesseltreiben gegen Julian Assange seit der Veröffentlichung der amerikanischen Diplomatenpost sind dagegen der Versuch eines globalen Rollbacks der medialen Freiheiten unter den Bedingungen des Internets. […] Inzwischen sind es die Regierungen der demokratischen Welt selbst, die Wikileaks zum schweigen bringen wollen. […] Bisher konnte sich das Aufdeckermedium behaupten. Die Rache der entblößten Supermacht trifft jedoch Julian Assange. […] Der Feldzug gegen Wikileaks steht in krassem Widerspruch zur Tradition von Freiheit und Demokratie, die im Textverkehr der US-Diplomatie eine erfreulich wichtige Rolle spielen.“
 
Im Profil-Jahresrückblick schreibt Georg Hoffmann-Ostenhof unter dem Titel „Cybernost“ in eine ähnliche Richtung:
„Washington hat Julian Assange zum Staatsfeind Nummer eins hochstilisiert. Die Veröffentlichung von 250.000 geheimen diplomatischen US-Depeschen durch WikiLeaks, die Internet-Plattform, für die der australische Nerd mit den wasserstoffgelben Haaren steht, ließ die amerikanische Politik durchdrehen: Assange gefährde die nationale Sicherheit und das Leben Tausender Personen, behauptete die US-Regierung, blieb den Beweis für diese Anschuldigung aber schuldig.

Nach Guantanamo wollen führende Republikaner den „gefährlichen Spion“ und „Verräter“ schicken, die rechte Galionsfigur Sarah Palin vergleicht ihn mit Osama Bin Laden und meint, mit solchen Verbrechern müsse kurzer Prozess gemacht werden. Und auf Provider, Kreditkartenkonzerne, Internetbezahl-Firmen und Regierungen anderer Länder wurde massiver Druck ausgeübt: WikiLeaks sollte mundtot gemacht werden.

Das misslang grandios. Die Net-Community schlug nicht nur zurück, indem sie die WikiLeaks-Feinde erfolgreich im Cyberspace attackierte.
Eine Welle der Unterstützung im Netz machte die Aufdecker-Plattform von Julian Assange effektiver und stärker denn je. In einer digitalisierten Welt kann man „die Bibliothek von Alexandria nicht mehr verbrennen“, jubelte der bekannte Blogger James Cowie.

Sicher ist, dass sich mit ­Wikileaks das Kräfteverhältnis zwischen den Völkern und den Herrschern dieser Welt grundlegend zu verändern beginnt.“

In der Mittwochsrunde des Journal Panorama diskutierten Social Media-Expertin Judith Denkmayr, Computer-Sicherheitsexperte und (laut Eigendefinition) Profi-Hacker Peter Kleissner mit dem Kulturphilosophen Wolfgang Müller-Funk.
Auch Kleissner bemüht das Bild des „guten Hackers“, der die Sicherheit erhöht und Missstände aufdeckt. „Wenn das kommerziell machen will, darf man sich keinen Fehltritt erlauben – sonst wird man aus der Community hinausgeworfen.“ Als Cyberkrieg sieht er die Vorgänge um Wikileaks nicht, sondern als neue Form einer Demonstration – siehe „Anonymous“-Erklärung von @karli weiter oben. Auch Denkmayr sah das ähnlich, für sie wurde die Demokratie mit  Füßen getreten, die Verhaftung empfand sie als eigenartig, die wirtschaftlichen Boykottversuche bedenklich für die Demokratie in den USA. Assange hatte für sie nicht die Möglichkeit, zurückzuschlagen – er folge nur der Maxime „Information wants to be free“.

Nur Müller-Funk sieht es nicht so, dass sich hier „die Demokratie ihren Weg bahnt“ – er hält die Prinzipien Regulierung und Verantwortung hoch. Für ihn ist die „Sucht nach Skandalen“ schon ein Problem für demokratische Systeme, die sich gegen nicht demokratisch legitimierte Institutionen wehren dürfen müssen. „Die moralische Frage ist jenseits der technsichen – um welchen Preis darf ich Informationen freigeben. Ist es wirklich so, dass alle Informationen frei sein dürfen? Leben nicht Gesellschaften in gewisser Weise davon, dass man gewisse Dinge geheimhalten darf?“ Er sieht auch keine Utopie oder keine große Idee hinter Wikileaks. Die Spielregeln sind für Müller-Funk maßgeblich.

Einig war sich die Runde über den enttäuschenden „Klatsch-und-Tratsch“-Charakter der Depeschen. Speziell Denkmayr plädiert dafür, die polarisierende Person des Julian Assange von den Errungenschaften und vom Potenzial von Wikileaks abzukoppeln – sie verweist auch auf Openleaks. Für sie geht es um den „neuen Datenjournalismus“ abseits des „Robin-Hood-Narrativs“, wie Müller-Funk das nannte.

Diskussionsbedarf gibt es jedenfalls bei dieser „neuen Art“ der repräsentativen Demokratie, die da am entstehen ist – somit bleibt das Thema spannend, denn Denkmayr bringt die Wikileaks-Message im Slogan „Wir beobachten euch“ für die Zukunft gut auf den Punkt. „Das Netz organisiert sich dann schon selbst“, sind sich die beiden Internetspezialisten sicher.