Ende September stellte Innenministerin Fekter das „Bündnis gegen Gewalt“ vor. Wir haben Martina Stöffelbauer, Leiterin des elementaren Projekts „MedPol“, zu den Inhalten und Zielen der Initivative befragt. Lesen Sie hier, warum Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist – und wie die Polizei mit neuen Methoden präventiv vorbeugen will.

Martina Stöffelbauer, Leiterin des Projekts MedPol im Rahmen von "Bündnis gegen Gewalt" im Bundeskriminalamt, Foto: privat
Martina Stöffelbauer, Leiterin des Projekts MedPol im Rahmen von "Bündnis gegen Gewalt" im Bundeskriminalamt

Der Artikel in 60 Sekunden: Ende September 2010 eröffnete Innenministerin Fekter die Koordinationsstelle „Bündnis gegen Gewalt“ im Bundeskriminialamt. Martina Stöffelbauer, studierte Soziologin und Polizistin mit Außendienst-Erfahrung, wurde mit der Leitung des elementaren Projekts „MedPol“ (Medizin und Polizei) betraut. Sie erzählt von gewaltbereiten Familien, in der spezielle soziale Kompetenzen notwendig sind, Kooperationsproblemen zwischen Polizei und medizinischem Personal sowie neuen Methoden zur Gewaltprävention und Wahrnehmungsschärfung. Das Best-Practice-Modell soll Gewalt besser erkennbar machen und die Dunkelziffer senken. Bis April 2011 sollen erste konkrete Ergebnisse absehbar werden.

Stefan Egger (neuwal.com): Diesmal treffen wir Martina Stöffelbauer vom Bundeskriminalamt. Erkläre unseren Lesern doch bitte kurz deinen Werdegang, wie du dazu gekommen bist.

Martina Stöffelbauer (Bundeskriminalamt): Ich habe in Wien studiert, Soziologie mit Fokus auf Kriminalsoziologie. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich den wissenschaftlichen Zugang und großes Interesse, in dem Bereich weiterzuarbeiten – der Praxisbezug fehlte halt. Ich habe mich dann bei der Polizeischule beworben und diese in zwei Jahren absolviert, war danach zwei Jahre im Außendienst in Wien und bin dann ins Bundeskriminalamt gekommen. Ich habe das Gefühl, dass ich hier wirklich etwas bewirken kann.

Neuwal: Welche Erfahrungen nimmst du aus dem Außendienst für deine jetzige Aufgabe mit?

„Im Außendienst habe ich viele  Erlebnisse gehabt mit gewaltbereiten Familien. Man braucht ein gewisses Maß an sozialer Kompetenz und Einfühlungsvermögen“

Martina Stöffelbauer: Eine ganze Menge. In zwei Jahren in Wien habe ich viele Erlebnisse gehabt mit gewaltbereiten Familien. Als weibliche Exekutivbedienstete macht man die ganzen Einvernahmen, seien es Kinder oder Frauen. Spezielle Opfersituationen verlangen ein gewisses Maß an sozialer Kompetenz und Einfühlungsvermögen, um die schwierige Situation des Opfers nicht noch mehr zu stärken, möglichst schonend und beruhigend einzuwirken. Das wird durchgehend nur von Frauen gemacht.

Neuwal: Kürzlich hast du die Leitung einer von Maria Fekter eingerichteten, neuen Koordinationsstelle übernommen. Worum geht es da?

Martina Stöffelbauer: Ich bin vom Bundeskriminalamt mit der Projektleitung von „MedPol“ im Rahmen des „Bündnis gegen Gewalt“ betraut worden. Das Projekt läuft seit Februar.

Neuwal: Wofür steht „MedPol“ genau?

Martina Stöffelbauer: Medizin und Polizei. Herauskommen soll eine Kooperationsvereinbarung zwischen Gesundheitsberufen und der Polizei, um über eine Schnittstelle Aufgaben zu vereinfachen.

Neuwal: War das schon länger in Vorbereitung, gibt es einen speziellen Grund, warum das jetzt lanciert wurde?

„Die Kooperation mit der Polizei kann immer verbessert werden“

Martina Stöffelbauer: Wir versuchen immer, besser zu werden in unseren Prozessen. Hier hat man konkreten Verbesserungsbedarf gesehen. Der Auftakt war im Februar, da gab es ein großes Meeting mit Vertretern diverser Gesundheitsberufe: Ärzteschaft, Ärztekammer, Gesundheitsministerium, Psychologen, Psychiater, Kranken- und Gesundheitsverband, Schwesternschaft, Sanitäter, Gerichtsmediziner, Staatsanwaltschaft. Die Kooperation mit der Polizei kann immer noch weiter verbessert werden!

Eröffnung der Koordinationsstelle im Bundeskriminalamt: Generalmajor Lang, Innenministerin Fekter, Prof. Dr. Rotraut Perner, (C) BK/A.Tuma
Eröffnung der Koordinationsstelle im Bundeskriminalamt: Generalmajor Lang, Innenministerin Fekter, Prof. Dr. Perner, (C) BK/A.Tuma

Neuwal: Hast du viel direkten Kontakt zu Ministerin Fekter?

Martina Stöffelbauer: Sie hat das „Bündnis gegen Gewalt“ persönlich vorgestellt, das ist eines ihrer Kernziele in den nächsten Jahren.

Neuwal: Es gibt Gerüchte, dass die Stelle zum jetzigen Zeitpunkt eröffnet wurde, um einen Gegenpunkt zu setzen gegen die Abschiebungsaktionen, und um medial in ein positiveres Fahrwasser zu kommen …

„Ich sehe kein Bestreben, einen Gegenpol aufzumachen. Da wird gut gearbeitet, das kann man medial nutzen, um Leute ins Boot zu holen“

Martina Stöffelbauer: Es wird schon lange an der Sache gearbeitet: Kriminal-, Sexual-, Gewaltprävention, da wird viel hinein investiert, gerade was die Kooperation oder die Finanzierung des Opferschutzes betrifft mit Interventionsstellen und Gewaltschutzzentren. Das geht alles Hand in Hand und seit Jahren sehr gut. Ich sehe da kein Bestreben, einen Gegenpol aufzumachen. Da wird gut gearbeitet, das kann man auch medial nutzen, um weitere Leute ins Boot zu holen.

„Man hat erkannt, dass Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Problem ist“

Das „Bündnis gegen Gewalt“ ist im September von Ministerin Fekter im Innenministerium vorgestellt waren. Alle Teilbereiche waren eingeladen – auch der Opferschutz, der sehr wichtig ist in der Thematik, weil man erkannt hat, dass Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist.

„Die Polizei ist meistens erst da, wenn das Verbrechen schon passiert ist. Prävention hat viel mehr Einfluss“

Die Polizei ist meistens erst dann da, wenn das Verbrechen schon passiert ist, um den Täter oder die Täterin auszuforschen. Im Vorfeld hat die Prävention, die Verhinderung viel mehr Einfluss – in der Wohlfahrt oder vor allem im Kindergarten, in der Schule, wo etwas Auffälliges passiert.

Neuwal: Die Polizei kommt dazu, wenn es zu spät ist, sagst du. Was sind jetzt die Mittel und Wege, präventiv zu wirken seitens des Bundeskriminalamts?

„Wir können Auffälligkeiten schwer erkennen im Vorfeld“

Martina Stöffelbauer: Wir können Auffälligkeiten schwer erkennen im Vorfeld, wir haben einen gewissen Einflussbereich in Schulen, wo wir Sexual- und Gewaltprävention machen, aber das ist eher die Ausnahme. Als Lehrer kenne ich meine Schüler besser, kann leichter einen Verdacht entwickeln, dass etwas nicht stimmt oder Missbrauch in der Familie passiert. Da wäre es wünschenswert, Lehrern unterstützend zur Seite stehen zu können.

Neuwal: Das heißt es gibt eine Hotline und Beratung?

Martina Stöffelbauer: Das ist alles noch in Entstehung. Wir sind drauf und dran, mit dieser Koordinationsstelle eine Projektstruktur zu erstellen, ein Team aufzubauen. Wir haben einen wissenschaftlichen Beitrag zugesichert bekommen, Frau Prof. Rotraut Perner wird uns wissenschaftlich begleiten und hat uns ihr Expertenteam zur Verfügung stellen.

„Medpol ist eines dieser Best Practice Modelle, um Gewalt leichter erkennbar zu machen“

MedPol ist eines dieser Best Practice Modelle, die in diesem Bündnis vorgestellt werden können. Wir wollen mit der Ärztekammer Teilprojekte starten, um Gewalt für die Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern leichter erkennbar zu machen.

„Ziel des Projekts ist die Erkennung atypischer Verhaltensmuster“

Das Ziel des Projektes ist eine Früherkennung atypischer Verletzungsmuster, die auf Fremdverschulden hindeuten. Die Ärzteschaft und Gesundheitsberufe sollten einfach ein offenes Auge haben. […] Das ist nicht immer offensichtlich, da soll das Bewusstsein gestärkt werden. „MedPol“ soll die Dunkelziffer senken.

Neuwal: Wird es Beratungen, Schulungen und Experten geben, die man hinzuziehen kann?

Martina Stöffelbauer: Vor allem wird es sich im Schulungsbereich abspielen. Im Bereich forensische Medizin ist es schwierig, eine flächendeckende Ausbildung zu erreichen, bei fertig gebildeten Ärzten. Im Weiterbildungssystem ist es schwer, dass man niedergelassen Ärzte erreicht.

Neuwal: Vielleicht kann man zumindest die größten Krankenhäuser als Partner gewinnen?

„Von rechtlicher Seite gibt es große Fortschritte, etwa Kinderschutzgruppen an Krankenhäusern“

Martina Stöffelbauer: Genau. Da gibt es von rechtlicher Seite große Fortschritte, etwa Kinderschutzgruppen, die in Krankenhäusern rechtlich verankert eingerichtet werden müssen. Bei Anzeichen von Misshandlung, wenn ein Verdacht besteht im Krankenhaus oder bei der Behandlung, kann einer von diesem Team hinzugezogen werden. Die sind speziell geschult darauf, wie man diese Kinder befragt und worauf man Rücksicht zu nehmen hat, damit das Kind adäquat betreut wird in der Situation.

„Krankenhaustourismus oder Spital-Hopping ist ein Problem“

Ein Wunsch von uns, der federführend von der Ärztekammer betreut werden wird, ist ein Kinderdatenschutzregister. „Krankenhaustourismus“ oder „Spital-Hopping“ ist ein Problem, da es keine Vernetzung der Krankenblätter und –akten gibt. Das kann von Tätern leicht missbraucht werden, die das vertuschen wollen.

„Die Dunkelziffer ist hoch“

Die Dunkelziffer ist hoch, bei allem, was innerhalb der eigenen vier Wände passiert…

Neuwal: Was ist der Zeitrahmen, in dem das ganze aufgestellt werden soll?

„Bis April 2011 wird sich klären, was man gleich umsetzen kann und wo das politische Interesse ist“

Martina Stöffelbauer: Was das Kinderdatenschutzregister betrifft, ist der Datenschutz eine Hürde, die jetzt genau geprüft wird. Man muss schauen, dass man nicht leichtfertig eine Befüllung dieser Daten vornimmt, um Stigmatisierungen ohne Schuldhaftigkeit zu vermeiden. Das müssen wir uns genau ansehen. Die Umsetzungspläne sollen bis April 2011 stehen. Da wird sich klären, was man gleich umsetzen kann und wo das politische Interesse ist.

Neuwal: Wie groß ist das Team, das im BK daran arbeitet?

„Wir haben einen Expertenpool von 70 Leuten, die uns zuarbeiten“

Martina Stöffelbauer: Ich bin Projektleiterin seitens Bundeskriminalamts, es gibt einen Projektleiter der Ärztekammer und dann haben wir einen Expertenpool von 70 Leuten, die unterschiedlichste Bereiche abdecken und uns zuarbeiten […] Es gibt schon viele tolle Sachen, Sinn und Zweck der Koordinationsstelle ist zu schauen, welche Projekte laufen schon, welche sind erfolgreich, welche kann man bundesweit laufen lassen, welche kann man ressortübergreifend umsetzen?

Neuwal: Wie geht’s jetzt konkret weiter?

Martina Stöffelbauer: Das „Bündnis gegen Gewalt“ läuft über 3 Jahre. Derzeit sind zwei Termine in Planung: Ende Jänner ein Schwerpunkt „Gewalt gegen ältere Personen“ – da kann man einiges präventiv machen. Im Februar gibt es eine große Runde im Innenministerium, wo unter der Schirmherrschaft von Frau Prof. Perner eine Expertendiskussion stattfinden wird, begleitet von einer Präsentation der Opferschutzeinrichtungen, die ihren Wirkbereich und ihre Tätigkeit darstellen. Das soll eine öffentliche Veranstaltung werden nach meinem Wissensstand.

Neuwal: Es ist eine Leserfrage gekommen – erfasst das Projekt auch den Umgang von Gewalt innerhalb der Polizei?

„Es geht um Gewalt durch Polizei ebenso wie Gewalt gegen Polizei. Grundrechte und Gewaltmonopol – das ist ein Spannungsfeld“

Martina Stöffelbauer: „Polizei macht Menschenrechte“ ist dir vielleicht ein Begriff, das ist auch eines der Projekte, die derzeit zur Ausarbeitung kommen. Da geht es um Gewalt durch Polizei ebenso wie Gewalt gegen Polizei. Die Wahrung, der Schutz der Menschenrechte ist der Kern der Grundrechte, andererseits gibt es das Gewaltmonopol der Polizei – das ist ein Spannungsfeld.

Neuwal: Ist das Teil des Projekts oder ist es außen vor?

Martina Stöffelbauer: Polizei macht Menschenrechte ist schon in Ausarbeitung, gehört thematisch dazu, wird aber extra verfolgt und behandelt. Bei MedPol gibt es sechs Subteamleiter, einer davon ist in Wien der Koordinator für menschenrechtskonformes Einschreiten innerhalb der Polizei. Da wird auch viel getan.

Neuwal: Interessant, da werden wir auch einmal nachfragen. Vielen Dank für das Gespräch – und viel Erfolg!