Es war ein spannender Auftakt beim Mediengipfel in Lech: Hans Magnus Enzensberger analysierte im Gespräch mit Andreas Braun (Swarovski) die Europäische Union. Lesen Sie hier, warum Europa von Brüchen profitiert, sich gesundschrumpfen sollte – und wie mit etwas Fantasie das Abendland doch noch nicht untergehen muss.

Bereits zum vierten Mal fand der „Mediengipfel am Arlberg“ im heuer tief verschneiten Lech statt, Prominent besetzte Diskursen über Europa – mit Philosophen, führenden Medienvertretern, Auslandskorrespondenten und Spitzenpolitikern aus Österreich und Ungarn. neuwal.com war live dabei und berichtet in Form einer Mini-Serie darüber.

Andreas Braun (Swarovski) und Hans Magnus Enzensberger, Andreas Braun (Swarovski), Susanne Glass (Verband der Auslandspresse) und Hans Magnus Enzensberger, (C) promedia
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Andreas Braun: Herr Enzensberger, Sie schrieben schon 1968 einen wunderbaren Satz: „Die politische Alphabetisierung ist ein gigantisches Projekt. Sie hätte mit der Alphabetisierung der Alphabetisierer zu beginnen.“ Zerbricht Europa und steht neu auf?

Hans Magnus Enzensberger: Mein Buchtitel „Ach, Europa“ ist eine schöne deutsche Interjektion – das kann so oder so betont werden: wegwerfend, respektvoll, bewundernd, resignierend, pessimistisch… wie man will! Der Plan war der, Europa von den Peripherien her zu beschreiben. Viele Symptome zeigen sich eher am Rand! Die „Grande Nation“ ist gar nicht so interessant… man muss sich die Kleinen anschauen!

„Ich war in Brüssel, um das Labyrinth von innen zu sehen“

Man ist immer Teil, des Problems, das man beschreibt. […] Ich war kürzlich in Brüssel, wollte das Labyrinth von innen sehen. […] Aber ich werde erst einmal anfangen, ein Lob zu singen. Die EU ärgert uns, geht uns auf die Nerven, ist riskant – aber sie hat uns auch etwas gebracht!

„Bei der Gründung wurden Weichen gestellt, die uns bis heute Probleme machen“

In der Perspektive von damals sah vieles ganz anders aus. Der internationale Kapitalmarkt war schwach auf den Beinen vor Bretton Woods. Man hatte sich damals die Vereinigten Staaten von Europa ausgedacht. Da wurden einige Weichen gestellt, die uns heute Probleme machen.

„Die Wirtschaftsgemeinschaft haftet dem Projekt an – Europa hat eine kulturelle Dimension!“

Die Ungleichgewichte bei einer solchen Union wurden nicht hinreichend berücksichtigt, das ist bis heute so und verursacht einen Teil unserer Probleme. Die Anfänge als „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ haften dem Projekt an. Europa hat ja auch eine kulturelle Dimension. Das ist eine minderbemittelte Kommission – die Stadt München hat ein höheres Kulturbudget!

„Kommissare sitzen heute am Russentisch!“

Wenn jemand KommissarIn wird, sitzt er am schlechten Russentisch. Die Probleme sind in der Gründung angelegt. Anfangs gab es ja nur sechs Mitgliedsstaaten, heute sind es 27! Manche möchten gar eine Grenze zum Irak – mit dem Beitritt der Türkei…

„Man kann sich schon fragen: Ist die Vergrößerung ein Wert an sich?

Es kommt zu einer ständigen Vergrößerung der Institutionen, der Vorschriften, der Regelungen, des Marktes. Da kann man sich schon fragen: ist die Vergrößerung eigentlich ein Wert an sich?

Braun: Gibt es eine Irreversibilität der Größenordnungen und Geschwindigkeiten?

„Irreversibel, alternativlos – das sind Beleidigungen der menschlichen Vernunft!“

Enzensberger: Das bedeutet letztendlich Augen zu und durch. Nicht nur ist es irreversibel, sondern „alternativlos“ – das ist eine Beleidigung der menschlichen Vernunft. Selbst ein Selbstmörder hat noch die Wahl, ober zum Strick greift oder zur Pistole. Das ist eine selbstrechthaberische Schutzbehauptung.

„Gesundschrumpfen ist möglich, wie in der Medizin“

Es gibt ja Optionen, z.B. das Gesundschrumpfen – das ist doch möglich! Wie in der Medizin. Oder das Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten, Schengen oder die Euroländer – nicht alle nehmen teil. Man kann das doch abschattieren. Man muss doch nicht alles in ein Paket bringen. Das sind Überlegungen, die ich mir erlauben möchte!

Braun: Wie skalierbar und differenzierbar will man die Welt gestalten? Geschwindigkeit, Größe etc. sind wirtschaftliche Bewertungskriterien… Was Sie sagen, finde ich bemerkenswert! Ein Plädoyer für eine grundlegend andere Wirtschaftsökonomie.

„Dass Ökonomie rational funktioniert, ist eine unbeweisbare Vermutung“

Enzensberger: Die Behauptung, dass Ökonomie rational funktioniert, ist eine extrem starke und unbeweisbare Vermutung. Ein Bruttonationalprodukt ist eine Messgröße, die genauer betrachtet voller Absurditäten steckt…

„Staatsbankrotte sind keineswegs eine Seltenheit“

Oder dass Staatsbankrotte keineswegs eine Seltenheit sind – seit dem 19. Jahrhundert hat ein Amerikaner 150 Staatsbankrotte aufgezählt. Die Vergesslichkeit der Leute ist auch enorm. Jetzt höre ich immer „die Blase, die Blase“… die Blase hat es immer gegeben, Leute! Wenn es schneit, ist es der erste Winter?

Hans Magnus Enzensberger, (C) promedia
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Braun: Dieses Vokabular zu hinterfragen, das ist eine Spezialität von Ihnen. Wenn jemand einen Rest von Zivilcourage hat, scheidet ihn das System aus. Sie sind ein selbstständiger Anarchist…

„Einem System zu entkommen ist schwieriger, als Mut zu finden“

Enzensberger: […] Der Journalismus zeichnet sich oft dadurch aus, dass er für andere Journalisten gemacht wird. Und in der politischen Klasse ist das extrem, weil die viel abgeschotteter sind. Einem System zu entkommen ist schwieriger, als den Mut zu finden.

„Stillschweigende Verabredungen finde ich unhygienisch“

Stillschweigende Verabredungen finde ich unhygienisch. Ich denke, man muss auch von den Donnés ausgehen. Einen Kontinent kann man nicht erfinden, der ist schon ein paar Jahrtausende da. Wenn Sie mich in einem Fallschirm abwerfen, kann ich nach wenigen Minuten sagen, ob ich in Europa bin oder in den USA oder in Asien.

„Persönliche Verbindungen sind stärker als der Maastricht-Vertrag“

Es gibt ja hier überall reale Strukturen. Persönliche Verbindungen sind sehr viel stärker als ein Maastricht-Vertrag. Die Union hat die Gewohnheit, jeden, der etwas an ihr auszusetzen hat, als schlechten Europäer hinzustellen. Die Europäer sind wir! Das sind nicht 40.000 Beamte, die irgendwo sitzen. Wir entscheiden letztendlich, was das wird!

Braun: Welchen Wert hat die Erinnerung abseits platter Folklore?

„Pasteurisieren, homogenisieren – das wird nicht gelingen“

Enzensberger: […] Das ist ja auch schön, diese vielen Narrenhäuser in den Ländern. Das kann schon nerven! Aber ohne diese Vielfalt? Die Homogenisierung Europas haben schon viele versucht… ein Österreicher bzw. Deutscher war auch dabei, Napoleon hat auch kein Glück gehabt. Pasteurisieren, homogenisieren – das wird nicht gelingen! […]

„Wir müssen uns freuen über die Störungen“

Dieses Durcheinander, diese Bremsen, diese Frakturen, darüber müssen wir uns freuen über die Störungen! Die Geldmärkte verdienen auch daran, bei jeder Krise… Die Politiker sind wie eine Schar von Hühnern, die die Wirtschaft vor sich hertreibt… die haben ja keinen Schimmer. Die Paradoxe liegen auf der Hand: Heute sind die wichtigsten Industrien solche, die nichts produzieren. Dann darf man sich aber nicht wundern…

Braun: Gibt es ein Zurück von der „Casinowirtschaft“? Ist die Logik des Bescheißens das tiefste menschliche Bedürfnis?

„Boom and bust finden heute in anderen Dimensionen statt“

Enzensberger: Dummheit ist unbesiegbar, das ist nicht zu ändern. Es ist doch klar, die Blase platzt eben! Im Unterschied zu früher – es gibt ja historische Zyklen – finden „boom and bust“ heute in anderen Dimensionen statt. Probleme in Schweden, Gründerkrach in Deutschland – das waren begrenzte Phänomene, das war nicht global! Die wirtschaftliche Krise in den 20er Jahren war die erste weltweite Krise… davor konnte alles lokal bewältigt werden.

Braun: Gibt es eine Verstärkung des molekularen Bürgerkriegs in den kommenden Jahren?

„Es gibt überflüssige Menschen, die nicht vermittelt werden können“

Enzensberger: Ich meine, dass die Polarisierungen zunehmen. Wir haben ja heute in jeder Altersgruppe Leute, die sind sehr weltkundig, die können auch anders, wenn es in ihrem Job nicht klappt – um die braucht man sich keine Sorgen machen. Dann gibt es eine Mittelschicht, die versuchen, sichere Jobs zu haben. Und dann gibt es, und das ist wirklich das Problem, die überflüssige Menschen, die vom Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelt werden – es sei denn, die Konjunktur macht ein kurzes Hoch durch.

„Der Wohlfahrtsstaat versucht, dieses System stillzulegen“

Der Wohlfahrtsstaat ist ein Versucht, dieses System stillzulegen, indem man es bezahlt. Man weiß nicht, wie lange das leistbar bleibt und es gibt niemanden, der gerne davon abhängig wird. Diese blöde Abhängigkeit, da muss man sich dann Luft machen und macht Krawall!

„Früher wurden Leute an den Fließbändern benötigt“

Früher war das was anderes, da gab es die Aristokratie, da gab es die Stände. In den Industrialisierungsphasen gab es immer Leute, die an den Fließbändern benötigt wurden. Wir in den entwickelten Gesellschaften wissen damit überhaupt nicht umzugehen. […]

„Unsere prognostischen Fähigkeiten sind nicht hoch entwickelt“

Die prognostischen Fähigkeiten sind in der menschlichen Spezies nicht hochentwickelt… Futurologen und Finanzanalysten liegen stets so weit daneben, das ist peinlich. Aber die konnten es auch nicht besser wissen! Für einen Spekulanten wäre es sowieso der Tod, alles vorab zu wissen.

Braun: Es gibt die These, dass der Euro nicht halten kann, weil den Dänen und den Italiener nichts verbindet…

„ Der Untergang des Abendlandes wird auf sich warten lassen!“

Enzensberger: Als System ist die Transferunion nicht haltbar. Sie muss nicht zerbrechen, aber man muss sie reformieren. Gesundschrumpfen. Nichts ist alternativlos und irreversibel. Haben wir doch ein bisschen Fantasie.
Der Untergang des Abendlandes wird auf sich warten lassen!

Andreas Braun (Swarovski), Susanne Glass (Verband der Auslandspresse) und Hans Magnus Enzensberger, (C) promedia
Andreas Braun (Swarovski), Susanne Glass (Verband der Auslandspresse) und Hans Magnus Enzensberger, (C) promedia