Die letzten beiden Wochen war Manuel Daubenberger vor allem in und um Quito unterwegs. Wie hart es sein kann, auf einen Vulkan zu klettern, warum Ecuador seine Buerger einen Sonntag lang einsperrte und warum ein Ausnahmezustand in Quito auch eine angenehme Sache sein kann, lesen Sie hier.

(CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger
Zunächst machte ich mich gemeinsam mit meinem singapurischen Freund an den Versuch den Hausvulkan Quitos, Rucu Pichincha, zu besteigen. Dafür fuhren wir zunächst mit der Seilbahn von 2800 auf 4100 Meter. Vom Endpunkt des Teleferico sollte wir dann in einer dreistündigen Wanderung zum Gipfel auf 4700 Metern gelangen. Zunächst ging es relativ ebenerdig entlang des andinen Grashochlandes. Auch wenn das Wetter nicht komplett perfekt war, hatten wir doch Glück und es boten sich zwischenzeitlich traumhafte Ausblicke auf Quito und die umliegenden Vulkane. […]
Eingesperrtes Volk
Der nächste Tag begann mit Hausarrest. Aufgrund einer Volkszählung, die alle zehn Jahre stattfindet, herrschte am Sonntag von sieben bis fünf Uhr in allen urbanen Zentren Ausgangssperre und Reiseverbot. Zudem trat von Samstag 0 Uhr bis Sonntag 0 Uhr das „Ley Seca“, das trockene Gesetz in Kraft, das ein absolutes Alkoholverbot zur Folge hatte. Meine Mitbewohnerin ließ sich in Riobamba registrieren, so dass ich mich als alleiniger Bewohner des Vier-Zimmer-Appartments ausgeben sollte. Um 7.30 Uhr standen drei zwischen 14 und 16 Jahre alte Schülerinnen in meiner Tür, denen deutlich anzumerken war, dass ich ihr erstes Interviewpartner des Tages war. Ansonsten hätten sie mich wohl eher nicht gefragt, ob ich in an einer Straße, einer Autobahn, im Wald oder entlang eines Flusses wohne; oder ob ich elektrisches Licht und fließendes Wasser habe. Dinge die in weiten Teilen Ecuadors legitime Fragen darstellen, aber eher nicht im Norden Quitos. Bei einigen Fragen hatte ich dann doch Probleme, mich als legitimer alleiniger Bewohner der Wohnung auszugeben. Denn ich wusste nicht wirklich, wie viele Lampen ich besitze und wie viel wir im vergangenen Monat für Wasser und Strom bezahlt haben.

Verlassene Straßen
Nachdem ich meine Bürgerpflicht erledigt hatte, verbrachte ich einen relativ entspannten Tag und wagte mich später noch auf die verlassenen Straßen Quitos. Dort war tatsächlich nur die Polizei und das Militär unterwegs, um Menschen wie mich wieder nach Hause zu schicken. Ein sehr gespenstisches Bild, das etwas von einem Endzeit-Hollywood-Film hatte. Am nächsten Tag berichteten die Zeitungen von knapp über 1000 Festnahmen. Davon hatten 950 gegen das Alkoholverbot und 100 gegen die Ausgangssperre verstoßen.

Die darauffolgende Woche kasernierte ich mich in meinem Zimmer ein, um endlich einmal mit meiner Magisterarbeit voranzukommen, bevor am Wochenende die Fiestas de Quito anstanden.

Eine Stadt feiert sich selbst
Während der Fiestas de Quito feiern die Bewohner ein verlängertes Wochenende lang die Gründung ihrer Stadt am 6.Dezember. Dazu gehören Stierkämpfe, Paraden und sehr viel Alkohol.Eine der Traditionen ist die Fahrt in und auf einem offenen Bus mit Blaskapellen, dem sogenannten Chiva. Nach einer Chiva-Fahrt mit einigen Canelazos, einem Zimt-Orangen-Punsch mit Zuckerrohrschnaps, machte ich mich mit Freunden auf den Weg in den Mariscal.

Das Vergnügungsviertel war vollkommen überlaufen und wurde von Militärs mit Schrotflinten und Maschinengewehren bewacht. Die Fiestas de Quito sind eine Hochzeit für Kriminelle und außerdem sterben jedes Jahr zwischen 20 und 60 Menschen bei Verkehrsunfällen. Den Rest des Abends verbrachten wir nicht in Gringolandia, sondern auf einer Stadtviertel-Feier.

Am nächsten Tag besuchte ich mit 40.000 anderen das kostenlose Festival „Feria de Quitumbe“, wo die bekannteste Hiphop-Gruppe Lateinamerikas, „Calle 13“ aus Puerto Rico, spielte. Der sowieso immer überfüllte Trole-Bus glich an diesem Abend der Tokioter U-Bahn, so dass wir uns einen Platz in der Sardinenbüchse erzwingen mussten.

Fußball und Feiern
Am Sonntagmorgen wachte ich relativ früh auf und wollte mir eigentlich einen gemütlichen Morgen machen, ehe die Feiern am Nachmittag ihrem Höhepunkt entgegen steuerten. Dieser Plan änderte sich allerdings als ich meiner Nachbarin über den Weg lief, die aufgrund ihres Trikots offensichtlich auf dem Weg zum Finale der ecuadorianischen Liga zwischen Liga de Quito und Emelec Guayaquil war. Die Tatsache, dass sie noch Platz im Auto und eine Karte übrig hatte, sah ich als Wink des Schicksals. […]

Das Spiel wurde 2:0 gewonnen, so dass die Chancen für das Rückspiel am kommenden Sonntag und die nächste rauschende Feier in Quito hoch sind. Im Anschluss an das Spiel ersparten wir uns die nervige Taxifahrt im Stau und bestiegen stattdessen einen Chiva, der uns zwar nicht schneller, aber günstiger und mit Musik und Alkohol in die Stadt zurückbrachte. Im Parque La Carolina wurde ich dann von einem Transvestiten-Clown in ein Straßentheater verwickelt.

Verrücktes Wochenende
Den restlichen Nachmittag und Abend verbrachte ich mit neu gefundenen ecuadorianischen und kolumbianischen Freunden in einer Bar und auf einer privaten Feier in einer Gated Community. Die Nacht endete allerdings nicht dort und so fand ich mich im absoluten Norden Quitos in der Nähe des Stadions auf einer Straßenparty wieder. […] Etwas angeschlagen quetschte ich mich am nächsten Morgen in den Trole-Bus auf den Weg zum The-Wailers-Konzert im Süden. Auch wenn ich mir sicher bin, dass die Hölle ein Trole-Bus mit Kater ist, war die Tatsache „Redemption Song“ und „Free Little Birds“ live zu hören, die Qual absolut wert. Damit endete auch eines der verrücktesten Wochenenden meines Lebens.
Lehrer sind nicht immer die besten Vorbilder
Am Dienstag fuhr ich zum nächsten Spiel des Dorfturniers und zum Unterrichten nach Baeza. Nachdem wir bereits in der fünften Minute den Englischlehrer David wegen einer Tätlichkeit verloren hatten und direkt im Anschluss das 1: 0 und 2:0 kassierten, rannten wir das komplette Spiel an, nutzten unsere Chancen allerdings nicht, liefen immer wieder in Konter und verschossen einen Elfmeter. Nachdem ich selbst eine unserer besten Chancen vergeben hatte, fluchte ich doch etwas sehr ecuadorianisch über mich selbst und wäre beinahe vom Platz geflogen. Am Ende verloren wir 5:2. Da das andere Team allerdings einige nicht spielberechtige Spieler einsetzte, wurden das Spiel annulliert und somit haben wir noch alle Chancen in die nächste Runde zu kommen.

Erfreuliche Fortschritte
Bei den Konversationsübungen mit meinen Schülern freute ich mich sehr, einen deutlichen Fortschritt zu beobachten. Selbst die schlechtesten können sich einigermaßen ausdrücken und mit den Besten kann ich mich mittlerweile über einfache Dinge normal unterhalten, was in Ecuador eine Menge ist. Außerdem wurde ich zum „Cena de Navidad“, dem „Weihnachtsabendessen“ am 23.Dezember eingeladen. Eine schöne Gelegenheit für das vermutlich letzte Treffen mit meinen Schülern.
In der kommende Woche werde ich wieder zum Unterrichten und zum schweren Spiel gegen die Polizei nach Baeza fahren und die letzte Woche mit den amerikanischen und singapurischen Austauschstudenten genießen, ehe meine Familie zu Weihnachten eintrifft.
Entonces hasta la próxima!