Gegen die ursprüngliche Intention von Wikileaks lässt sich nichts sagen – es scheint sogar, als hätte die Welt auf ein anonymes Whistleblower-Portal für die wirklich großen Schweinereien nur gewartet. Die Publikation hunderttausender diplomatischer Depeschen war jedoch ein strategischer Fehler.

Julian Assange mit Wikileaks-Logo, (CC) Cirt, Montage: Stefan Egger
(CC) Cirt, Montage: Stefan Egger

Um Missverständnisse zu vermeiden, haben wir uns entschlossen, diesem Kommentar eine Präambel voranzustellen. neuwal.com ist aus dem Eindruck heraus entstanden, dass es mehr ungefilterte, tiefgehende und hintergründige politische Information geben muss – und dass „Neue“ Medien und Technologien sich perfekt dafür eignen, diese nach außen zu kommunizieren und mit den Lesern/Usern in intensiven Kontakt und Austausch zu treten.

Das Thema wikileaks wird redaktionsintern breit und kontrovers diskutiert, die hier präsentierte Ansicht ist – übrigens wie alle Kommentare – die Einzelmeinung eines Redakteurs. Weitere, sehr anders gelagerte, werden in Kürze folgen.

Ziel ist es, mit einer kritischen Betrachtung eine Diskussion anzufachen, wie man sensible Informationen aus unbekannten Quellen einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen kann, damit sie die Meinungsfreiheit stärken, Korruption aufdecken und die Gefährdung betroffener Personen minimieren. Dass wikileaks nicht perfekt ist, zeigt schon die Gründung von openleaks durch ehemalige, von wikileaks-Mastermind Julian Assange enttäuschte Mitarbeiter.

Wir möchten nochmals darauf hinweisen, dass wir die grundlegend positive Sicht auf wikileaks teilen, die insbesondere in der Social Media Szene verbreitet sind. Ehrbare Politiker, erfahrene Diplomaten, klassische Journalisten und manche Datenschützer sehen aber auch Probleme, und mit ihnen möchten wir in naher Zukunft ebenso wie mit glühenden Verfechtern Detailgespräche führen.

Wikileaks ist sehr mächtig und die dadurch (mit-)ausgelösten Änderungen in den internationalen Beziehungen sind zu gravierend, als dass einzelne Kommentare die Tragweite hinreichend beleuchten könnten. Der Diskurs darüber ist wichtig und entscheidend.

Wikileaks muss diese Art der kritischen Betrachtung aushalten – umso mehr, je erfolgreicher und besser es wird.

Meine Ansichten werden auf wenig Gegenliebe bei Verfechtern absoluter Informationsfreiheit stoßen. Ich bin jedoch nicht naiv genug, um zu glauben, dass auf dieser Welt alles transparent ablaufen könnte. Egal auf welcher Ebene – ob Beziehung, Job oder übergeordnete Strukturen – Ehrlichkeit kann töten.

Ein starker Start

Treten wir noch einmal einen Schritt zurück und lassen die Anfänge Revue passieren. Alle Augen starrten gebannt auf die ersten Schnipsel, die aus dem Irak- und Afghanistankrieg auf Wikileaks gepostet wurden. Die Hoffnungen waren hoch, dass es sich hier um ein gut überlegtes Whistleblower-Portal handeln könnte, das mit Bedacht und unter Wahrung nicht nur des Informanten-, sondern auch Personenschutzes und unter Berücksichtigung eventueller Folgen, brisante Inhalte der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt.

Die Kardinalfehler

Leider kam es anders. Mit der Entscheidung, eine Flut von diplomatischen Depeschen zur Verfügung zu stellen, wurden gleich mehrere wesentliche Punkte fundamental verletzt.

Erstens sind die Dokumente nicht mit Bedacht gewählt, sondern es wird ein Füllhorn vertraulicher Dokumente ausgeschüttet, die maximal dem Klatsch- und Tratschbedürfnis der Menschen dienen.

Zweitens werden damit unzählige diplomatische Mitarbeiter weltweit diskreditiert und in ihrer Arbeit, die komplex ist und hinter den Kulissen viele undiplomatische Elemente beinhaltet, behindert.

Drittens sind die Informationen nicht für jeden zugänglich, sondern es wurden exklusive Deals mit Medien wie dem Spiegel geschlossen, was ein seltsames Verständnis von Offenheit transportiert.

Viertens wurden mit ziemlicher Sicherheit die Konsequenzen dieser Handlung nicht Bedacht. Im besten Fall frieren einige Friedensprozesse ein, im schlechtesten kommt es zu bewaffneten Konflikten und Kriegen, ganze Regionen könnten destabilisiert werden. Zu glauben, hier würden „Ehrlichkeit“ und „Information“ die Welt besser machen, ist – gelinde gesagt – naiv. Und gefährlich.

Fünftens – und hier wird es wirklich haarig – scheint es kein nachvollziehbares und sinnvolles Procedere zu geben, nach dem über den Umgang mit und die Veröffentlichung von Informationen umgegangen wird. Alles liegt letztendlich in den Händen des Aushängeschilds Assange – eines Menschen, über den man wenig und teils widersprüchliches weiß und der nicht einsehen will, dass ihn die Gründung von Wikileaks in jene Liga der Mächtigen katapultiert hat, von denen er Transparenz fordert.

Müßige Spekulationen

Die sex crime Anschuldigungen interessieren mich bei diesen Betrachtungen nicht, das haben Gerichte zu klären. Der genaue Ablauf der Ereignisse weist zwar auf eine sehr dünne Suppe, bei derartigen Anschuldigen kommt es aber auf die Details an, nicht den oberflächlichen medialen Eindruck. Hier ist alles möglich – ein Verschulden seitens Assange, eine Überreaktion der Betroffenen (aus welchen Motiven auch immer) oder ein Plot zur Anschwärzung des Wikileaks-Gründers. Eben deswegen macht es keinen Sinn, hier weiter zu spekulieren oder Verschwörungstheorien zu wälzen.

Die Chance in der Krise

Herr Assange kann sich jetzt jedenfalls einmal in Ruhe überlegen, wie er den Schaden wieder ausbügeln, seine glorreiche Idee retten und in Zukunft noch viel zur Aufdeckung von Missständen beitragen kann.

Es ist ja bald Weihnachten, man darf sich etwas wünschen!

Dieter Zirnig
Disaster? Ganz und gar nicht! Klares Veto.

Ihr könnt euch vorstellen, dass dem Artikel viele interne Diskussion vorausgegangen sind. So ganz kann ich mich mit damit nicht anfreunden. Meine Ansichten zu WikiLeaks und #cablegate unterscheiden sich. Grundlegend.

Ich gebe daher Stefan in all seinen fünf Punkten im Artikel ein klares Veto. Transparenz, Offenlegung und eine daraus resultierende Veränderung und (neue) Freiheit sind so die Themen, für die ich mich in den letzten Jahren eingesetzt und gekämpft habe. In Wikileaks sehe ich diese Themen – und noch viel mehr – vereint und ich wünsche mir mehr davon.

Transparenz, Klarheit, Bottom-Up und Aufklärung

Es geht mir nicht darum, wie Daten aufbereitet, sortiert oder veröffentlich werden – zumal das Distributionssystem clever gewählt wurde. In erster Linie geht es um Transparenz, um Bottom-Up und um etwas, für dass sich die Protestgemeinde schon lange Zeit einsetzt: Klarheit, Information, Aufklärung und Ehrlichkeit. Egal in welchen Bereichen – sei es Arbeit, Wirtschaft oder Politik. Es geht darum, uns allen zu zeigen, wie mit Macht, Informationen an obersten Hierarchien gespielt wird. Und wie sich die breite Gesellschaft dagegen wehren und somit mitverändern und vorallem mitbestimmen kann. Wikileaks-Mann Assange spielt hier zwar die Leadrolle, die entscheidende Rolle sind aber wir alle: Was machen wir daraus und wie nutzen wir diese Möglichkeiten und Beispiele.

Mit Widerstand gegen intransparente Hierarchiene, Politik und Diplomatie

Und selbstverständlich mit Widerstand gegen Diplomaten, Politiker und Konzerne, die ein undurchsichtiges Spiel mit Geld, Waffen, Krieg und Macht auf Kosten der Bevölkerung, Wähler und Mitarbeiter spielen.

Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen der Bewegung und Philosophie anschließen und für eine Veränderung kämpfen. Menschen, die ihren Protest offen zeigen und aktiv werden. Es geht hier um mehr als um offengelegte Daten. Es geht um einen Systemwandel. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen gegen die korrupten Systeme und Machenschaften aufstehen und sich wehren. Dass ich Initiativen gegen PayPal, etc. unterstütze, ist für mich selbstverständlich. Ich sehe es auch als großen Erfolg der Protestgemeinde, dass Wikileaks-Gelder wieder verfügbar sind. Unter welchen Umständen auch immer.

Wir brauchen eine weitere digitale Revolution

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem ich mich nach einer weiteren digitalen Revolution sehne: Wir wünschten uns Transparenz und stehen nun vor dem Dilemma, von “unseren” Medien Twitter & Co zensuriert zu werden. Wie sehr stolz waren wir auf Amazon. Oder auf PayPal. Nun spielen sie in der selben Liga, mit alt bekannten Strukturen und Eigenschaften. Es braucht eine weitere und wieder eine weitere (digitale) Revolution, um all diese Veränderungen, Ziele und Ideologien zu verwirklichen.

Unehrlichkeit tötet – Ehrlichkeit verbindet und klärt auf

Ehrlichkeit ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die uns hier weiterbringt und vorallem jeden aufklärt. Ich wünsche mir Offenheit quer durch alle Strukturen, Bereiche, Konzerne, Beziehungen und Hierarchien. Unter Intransparent leide nicht nur ich. Unehrlichkeit tötet – Ehrlichkeit baut Brücken, auch wenn sie im ersten Augenblick etwas unbequem wirken.

Ja. Weihnachten ist bald. Und ich wünsche mir mehr von Wikileaks und weiteren sozialen Bewegungen.