Claudia Gamon ist Spitzenkandidatin der JuLis bei den kommenden ÖH-Wahlen 2011. Die gebürtige Vorarlbergerin studiert seit 3 Jahren an der WU. Seit März 2009 ist sie Mitglied der JuLis zu denen sie ursprünglich als Grafikerin stieß. Seit Juli 2009 ist sie Mitglied des Bundesvorstands (zuständig für Marketing). Wir sprachen mit ihr darüber, warum die JuLis keine Totgeburt sind, was sie von der ÖH-Politik hält, Gespräche mit dem LiF, was sie Josef Bucher glaubt und warum sie ihn trotzdem nicht ernst nehmen kann, warum Österreich nicht Kasachstan werden darf und mehr.
Claudia Gamon im Neuwal-Interview

Thomas Knapp (neuwal): Was sind die JuLis?

Claudia Gamon: Die JuLis sind eine Jugendpartei die sich aber nicht zwangsweise nur durch Jugendpolitik definiert, auch wenn das unsere Hauptkompetenz ist. Unsere ganze Programmatik basiert auf dem Einsatz für die Freiheit des Einzelnen.

Andere politische Parteien haben für verschiedene Bereiche verschiedene Organisationen, etwa für Hochschul- oder Jugendpolitik. Die JuLis sind Jugendorganisation, ÖH-Fraktion und politische Partei in einem?

Schon das Liberale Studentenforum (Anm: LiF-nahe Studierende aus denen die Julis hervorgegangen sind) war eine Partei, dazu gibt es irgendwelche lustigen Geschichten dass das mit Vergünstigungen für alkoholische Getränke zu tun hat, aber ich weiß das nicht. Wir sind eine Partei, aber keine klassische. Wir sehen uns eher als Bewegungen und Partei ist nur ein Rechtsbegriff. Bei den ÖH-Wahlen treten wir an, weil wir größtenteils eine Studentenpartei sind. Außerdem ist das liberale Lager leider nicht so groß, wir können uns nicht leisten zu jedem Anlass eine Kleinstgruppierung mit fünf Leuten zu gründen.

Seit ihr euch vom Liberalen Forum getrennt habt, habt ihr das Mandat in der ÖH Bundesvertretung verloren, wart bei den EU-Wahlen weit von jedem Einzug entfernt und habt es in Wien gar nicht geschafft zur Wahl anzutreten – sind die JuLis eine Totgeburt?

Überhaupt nicht! Als sich das Liberale Studentenforum umbenannt hat, war das nur eine kleine Gruppe. Jetzt haben wir ein Netzwerk von etwa 100 Leuten, das ist ein relativ großer Erfolg für zwei Jahre Arbeit aus dem Nichts. Wir haben keine große Partei im Hintergrund die uns mit Geld, Personen oder Informationen unterstützt. Wir stehen komplett alleine und dafür ist das was wir erreicht haben absolut als Erfolg zu bezeichnen.

Wie finanzieren sich die JuLis dann eigentlich?

Wir sammeln bei privaten Unterstützern. Das ist unglaublich anstrengend, weil man an 1000 Türen klopfen und sich ständig erklären und rechtfertigen muss. Aber das geht nicht anders, Geld wächst nicht auf Bäumen.

Alegra-Isabel Raising war lange das prominente Gesicht der JuLis. Jetzt ist sie sang und klanglos von der Bühne verschwunden. Wieso?

Sie hat sich dazu entschieden nicht mehr für den Bundesvorstand zu kandidieren.

Einfach so?

Sie hat auch andere Möglichkeiten. Sie kommt ja eigentlich aus Deutschland und ist in der FDP verwurzelt.

„Wir sind keine Alternative zum LiF. Das wäre größenwahnsinnig.“

Das liberale Lager in Österreich ist in JuLis und LiF gespalten, auch das BZÖ möchte sich hier hineinreklamieren. Es gibt ja angeblich immer wieder Gespräche zwischen euch. Ist absehbar ob es in nächster Zeit wieder eine einzige liberale Partei in Österreich gibt?

Wir hoffen dass es bald nur mehr eine liberale Partei geben wird. Aber bei den JuLis war von Anfang an Konsens, dass das nicht das LiF sein soll. Schon allein wegen der Marke LiF – damit verbinden die Leute doch nur die ganzen Niederlagen. Natürlich wäre eine Partei besser, aber wir sehen uns nicht wirklich als Konkurrenz zum LiF, weil wir ein anderes Spektrum abdecken. Wir sind auch nicht so größenwahnsinnig, dass wir meinen eine Alternative zum LiF sein zu können. Das wäre komplett wahnsinnig.

Gibt es nur Gespräche mit dem LiF, oder auch mit dem BZÖ, das sich ja als rechtsliberal bezeichnet?

Wir sprechen vor allem mit einzelnen Leuten. Nicht nur mit denen die sich von vornherein als liberal bezeichnen, sondern auch mit Leuten die in der Wirtschaft tätig sind und sich politisch interessieren, aber nicht wissen wo sie aktiv werden sollten. Beim LiF ist es glaub ich so, dass es viele Leute aus Mangel an Alternativen dort sind. Aber es ist letztendlich sinnvoller wenn man die neue Partei nicht als Zusammenschluss von verschiedenen Gruppierungen sieht, sondern einfach als neue Partei. Die sollte kein Anhängsel aus alten Geschichten haben. Das BZÖ ist, da sind wir uns alle einig, nicht liberal. Als Marketingmensch muss ich aber sagen, dass es ein unglaubliches Problem ist, dass sie sich als liberal verkaufen. Letztendlich ist egal was sie sind – wenn ihnen jemand glaubt, dass sie liberal sind, ist das ein Problem.

Für den Begriff liberal?

Ja. Die Leute verbinden das dann mit Law&Order und Ewald Stadler. Ich glaube schon, dass Josef Bucher davon überzeugt ist, dass er liberal ist. Ich kann ihm das auch nicht aberkennen. Aber er hat ein paar sehr fragwürdige Leute in seiner Partei die absolut illiberale Positionen vertreten. Da kann Bucher so liberal sein wie er will, wenn er etwas Illiberales vertritt kann ich ihn nicht ernstnehmen.

Mit Rot/Grün in Wien – glaubst du dass es zu einer Blockbildung und Polarisierung links und rechts kommt, die eine einmalige Chance für eine liberale Partei wäre?

Ja, aber die Chance hat es immer gegeben. Was neu ist, ist dass die Richtungen klar erkennbar sind, weil sich die Grünen klar in eine linke Richtung statt in eine bürgerliche bewegen. Damit werfen sie auch jeglichen Anspruch weg, eine öko-bürgerliche Partei sein zu können. Dadurch gibt es in der Mitte, damit meine ich Menschen die gerne rationale Politik haben und Vernunft, Progressivität und Sinnhaftigkeit in der Politik wollen, mehr Platz.

„Das Stichwort Verwaltungsreform ist inzwischen der größte Witz überhaupt geworden“

Wie würdet ihr den Staatshaushalt sanieren?

Komplett anders! Das Stichwort Verwaltungsreform ist inzwischen bei allen Leuten der größte Witz überhaupt geworden. Wenn man das bei einer Konferenz anspricht, sagen einem die Leute „ja natürlich bin ich dafür, aber das ist ja eine Märchengeschichte“. Es ist doch komplett lächerlich, wenn man die Reform eines Staates, so dass er überhaupt verwaltbar ist, als Märchengeschichte abstempelt. Es gibt viele Aspekte der Verwaltung die man reformieren kann.

Die Regierung steht im Einfluss von so vielen Lobbys, die die Zukunft Österreichs für ihre persönlichen Ziele sabotieren wollen. Also in diesem Sinn natürlich die Pensionisten. Die Regierung hat wahrscheinlich nicht die Möglichkeit von diesen Lobbys Abstand zu nehmen, weil sie große Wählergruppen sind. Mir persönlich wäre das aber so was von egal. Wenn das Geld nicht da ist, dann spar ich nicht bei den Jungen, sondern reformiere das Pensionssystem. Irgendwann muss man sich eingestehen, dass es so nicht weitergehen kann, und das ganze gegen die Wand fährt. Dann muss man etwas machen. Das kann ganz klein beginnen, man kann etwa die Hacklerregelung abschaffen. Aber nicht einmal das hat die Regierung geschafft. Das ist lächerlich!

Man muss die Leute dazu motivieren privat vorzusorgen. Nicht nur weil wir das besser finden, sondern auch wegen der Sicherheit der Leute. Die Leute können nicht mehr darauf vertrauen, dass der Staat ihre Pensionen finanziert. Dadurch dass wir immer mehr alte Menschen haben, wird es irgendwann nur mehr eine Mindestpension geben und den Rest müssen sich die Leute selbst finanzieren. Das ist ein Extremfall, aber man muss sich darauf vorbereiten. Und es kann nicht sein, dass die Pensionen in dem System dass wir jetzt noch haben, weiter erhöht werden.

Das ist eine Abwägungssache. Die Regierung hat das jetzt so abgewägt dass ihnen die jungen Leute weniger wert sind. Und da muss ich knallhart sagen: So ist es nicht. Mir wären die jungen Leute mehr wert als die Alten. Das klingt extrem und radikal, aber es ist so. Auch die andere Wertung ist extrem und radikal, es wird nur nicht so gesehen.

Wie ist eure Position zum Thema Zugangsbeschränkungen (Anm: Das Interview wurde vor Bekanntwerden der UG-Novelle zur Einführung von flächendeckenden Zugangsbeschränkungen in Österreich geführt)?

Zugangsbeschränkungen sind für unser Programm das falsche Wort. Wir wollen dass die Universitäten sich aussuchen können ob und wie sie sich ihre Studenten aussuchen. Die Idee dahinter ist, dass es eine beschränkte Anzahl von Plätzen gibt, die so fair wie möglich verteilt werden sollten. Es ist wichtig, dass die Universitäten sich das selbst aussuchen können, weil es von Studienrichtung zu Studienrichtung und von Universität zu Universität große Unterschiede gibt.

„Wir könnten in 20 Jahren Kasachstan sein.“

Und wenn der Staat den Universitäten mehr Geld für mehr Plätze geben würde?

Da bin ich absolut dafür. Die Universitäten brauchen mehr Geld. Wir könnten in 20 Jahren Kasachstan sein. Wir haben kaum anderes Kapital, als das was wir in Bildung investieren. Ohne Bildung keine Innovation. Hier darf nicht gekürzt werden. Ich bin auch für mehr Studienplätze, aber es muss den Unis freistehen, wie sie diese verteilen. Irgendwann wird es Engpässe geben. Man kann nicht so viele Unis bauen, dass alle Leute Platz haben. Wenn man das leugnet, ist das den Leuten gegenüber ungerecht, die dadurch schlechtere Studienbedingungen haben.

Und ihr seid für Studiengebühren?

Studiengebühren sind ein wichtiger Teil unseres Programmes zur Finanzierung der Unis. Wir wollen ein Studiengebührensystem dass den Leuten gegenüber fair ist. Wenn es keine Studiengebühren gibt, ist das nicht überhaupt nicht sozial gerecht. Das System sollte so sein, dass zwischen 10 – 30 % von dem was ein Studienplatz kostet, durch die Studiengebühren gedeckt sind.

Wie der Betrag gezahlt wird sollte gerecht aufgeteilt sein. Wer es sich leisten kann, zahlt. Für die die es sich nicht leisten können, gibt es zwei Möglichkeiten. Ein Sozialstipendium, in das die Familienbeihilfe integriert werden sollten. Bis jetzt ist es ja so, dass das Geld für die Familienbeihilfe an die Eltern ausbezahlt wird, was eine komplette Frechheit ist, dass man mündigen wahlberechtigten Bürgern nicht zutraut, dass sie das Geld nicht selbst verwalten können. Diese Sozialstipendien sollen dafür sorgen, dass Leute die sich kein Studium leisten können, die Möglichkeit haben, zu studieren. Und dann gibt es natürlich Leistungsstipendien. Das Stipendiensystem muss jedenfalls besser ausgebaut werden. Außerdem soll es die Möglichkeit eines Kreditsystems geben. Den Kredit soll man nach dem Studium zurückbezahlen, aber nur wenn er über eine gewisse Einkommensgrenze kommt. Falls das nicht oder unzureichend der Fall ist, gibt es eine staatliche Ausfallhaftung.

Aber ist es nicht sozial selektiv, dass Menschen aus sogenannten sozial schwachen Schichten sich verschulden müssen, um ein Studium absolvieren zu können?

Eigentlich überhaupt nicht. Die OECD belegt immer wieder, dass die Länder die Studiengebühren mit einem sozial treffsicheren Stipendiensystem haben, die höchsten Akademikerquoten und die niedrigsten Drop-Out-Quoten haben. Das ist unheimlich wichtig. Österreich dagegen ist sozial ungerecht, erstens weil wir eine hohe Drop-Out-Quote haben, zweitens weil die Unifanzierung durch Steuern nicht von der Oberschicht sondern von der Mittelschicht, die ja die größte Steuerlast trifft, getragen wird. Abgesehen davon – auch wenn man sagt, dass die Akademiker dem Staat einen unheimlichen Mehrwert geben, ist der Wert vor allem bei der einzelnen Person. Man verdient mehr als jemand der nicht studiert hat. Es ist unfair, dass jemand, der nie ein Studium in Anspruch genommen hat, jemand anders das Studium finanzieren muss.

„Es sollen die Leute die Bildung zahlen, die einen übermäßigen Mehrwert daraus haben“

Aber Akademiker sind laut OECD für die Staaten eine gute Investition. Die Staaten bekommen von ihnen deutlich mehr Einnahmen, als sie in ihre Ausbildung investieren.

Ja aber trotzdem: Wenn man das so sagen würde, müsste ja eigentlich alles gratis sein. Aber ist einfach nicht so. Bildung hat einen Wert. Das kann man nicht leugnen, weil der Wert ist dass, was die Leute später im Leben mehr verdienen. Unser System sieht ja auch vor, dass z.B. die Leute die Geisteswissenschaften studieren, den Kredit auch nicht zurückzahlen müssen. Es sollen vor allem die Leute die Bildung zahlen, die nachher einen übermäßigen Mehrwert daraus haben. Das empfinde ich als gerecht.

Die Plattform zukunftsbudget.at wird von den JuLis nicht unterstützt. Warum?

Die Idee dahinter finde ich super. Ein Budget sollte ja zukunftsträchtig sein, nicht so verantwortungslos wie unseres, das ja für überhaupt nichts geeignet ist und nur unsere Budgetlöcher kaschiert. Die Plattform zukunftsbudget.at wird aber so stark von den linken Fraktionen der ÖH unterstützt, dass es wahrscheinlich wieder instrumentalisiert wird und in eine Richtung geht, die wir nicht haben wollen. Das soll nicht heißen, dass wir die Idee nicht gut finden. Aber die Plattform an sich wird wahrscheinlich wieder für die Zwecke gewisser Unterstützer missbraucht werden.

Aber sogar die großen Oppositionsfraktionen in der ÖH, die ÖVP-nahe Aktionsgemeinschaft und die Fachschaftslisten, unterstützen die Plattform?

Die AG hat ja nicht so ein besonders scharfes Profil, das sie von den anderen ÖH-Fraktionen unterscheiden würde. Vorschläge was man anders machen könnte, hab ich von der AG auch keine gehört. Das ist einfach so, wenn man sich auf einen gewissen Teil der Politik beschränkt, und überhaupt nicht auf andere Positionen eingeht, die das Budget offenbart. Es ist offenbar nur eine Nein-Position – „das wollen wir nicht“ ohne Alternativen.
Claudia Gamon ist Spitzenkandidatin der JuLis bei den ÖH-Wahlen 2011
Und generell – wie beurteilst du die derzeitige ÖH-Exekutive auf Bundesebene?

Ich glaube, die Bundesvertretung erfüllt den eigentlichen Zweck der ÖH im Moment nicht. Die ÖH sollte einen Serviceaspekt haben, und eine Lobby für Studenten sein. Die Bundesvertretung verzettelt sich aber immer wieder bei Themen die überhaupt nichts mit den Studienbedingungen zu tun haben. Das ist überhaupt nicht hilfreich, sondern oft sogar kontraproduktiv.

Wie zum Beispiel?

Zum Beispiel wenn man überhaupt nicht verhandlungsfähig ist. Die ÖH ist nicht in der Lage Kompromisse einzugehen. So verhandelt man nicht, man muss Kompromisse eingehen. Nur so kommt man ans Ziel. Das Ministerium ist in der Machtposition, auch alles allein zu bestimmen. Die Studenten hätten mehr davon, wenn die ÖH ein paar Zugeständnisse macht, aber dafür das Ergebnis beeinflusst und auch ein paar Zugeständnisse bekommt.

Wir wollen das durch eine Reform der ÖH verbessern. Wir sind gegen die Zwangsmitgliedschaft auf Bundesebene. Die ÖH hat schon einen Sinn, vor allem auf Ebene der einzelnen Unis. Was sie dort leisten ist für die Studierenden extrem hilfreich und wichtig. Da ist es gut wenn man einen Beitrag dazu leistet. Aber die Bundesvertretung ist eine Lobby, nur leider nicht zwangsweise für die Interessen der Studierenden. Das könnte man leicht ändern. Jede ÖH an den einzelnen Unis ist eine eigene Körperschaft öffentlichen Rechts. Deshalb kann man die Bundesvertretung leicht in einen Verein umbauen, bei dem es keine Zwangsmitgliedschaft gibt. Wenn die Studierenden jetzt Mitglied ihrer lokalen ÖH sind, sollen sie die Opt-In-Möglichkeit haben, auch Mitglied der Bundesvertretung zu sein. Die Bundesvertretung wäre dadurch echt unabhängig und ich glaube es würde sich auch positiv auf die Wahlbeteiligung bei den ÖH-Wahlen auswirken.

„ÖH-Politik sollte sich nicht von Gesellschaftspolitik vereinnahmen lassen“

In dem was du sagst schwingt die Diskussion über das vielzitierte „gesellschaftspolitische Mandat“ der ÖH mit. Wie ist deine Position dazu?

Natürlich gibt es in der Bildungspolitik gesellschaftspolitische Aspekte. Viele gesellschaftspolitische Entwicklungen kommen vor allem von der Uni. Aber das heißt nicht, dass die ÖH dafür verantwortlich ist, Gesellschaftspolitik zu machen. Wenn es etwas gibt, das allen Studierenden ein Anliegen ist, dann ist es die Aufgabe der ÖH das als Lobby zu vertreten. Aber ich glaube die Gesellschaftspolitik die die ÖH jetzt mitmacht, nicht zwangsweise etwas ist dass die Studenten gerne haben.

Aber wie soll die Bundesvertretung die Interessen aller Studierenden kennen? Immerhin hat die Bundesvertretung nach den ÖH-Wahlen eine Mehrheit in einem repräsentativdemokratischen System bekommen.

Das heißt aber nicht zwangsweise dass sie die gesellschaftspolitischen Ziele vertreten, die sie jetzt vertreten, das hat nichts damit zu tun.

Aber sie haben mit ihren Positionen genug Mandate bekommen um diese Positionen vertreten zu können.

Natürlich, wenn man bewusst eine Fraktion wählt, die sagt sie vertritt das, dann ist das von mir aus legitim. Aber es ist ja nicht so, dass jetzt eine Fraktion in der Exekutive ist, die die Mandatsstärkste ist.

Aber ganz allgemein glaube ich, dass die ÖH-Politik sich nicht von Gesellschaftspolitik vereinnahmen lassen sollte. Das sollte absolut nicht das Hauptaugenmerk sein. Solange der Serviceaspekt und die Lobbyarbeit für die Studenten nicht erfüllt werden, sollte man überhaupt nicht darüber nachdenken Gesellschaftspolitik zu machen, das ist nicht der Zweck der ÖH. Auch wenn man sich für gesellschaftliche Ziele einsetzt, was per se nicht schlecht ist, kann man das nicht als Priorität sehen.

„Frauen sind nicht komplett gleichgestellt, auch nicht vor dem Gesetz“

Bei deiner Biografie auf eurer Website steht, dass neben der Bildungs- und Hochschulpolitik auch die Frauenpolitik einer deiner Schwerpunkte ist. Dazu haben wir eine Frage (von @Der_Gregor) bekommen: Wie stehst du zum Feminismus?

Ich bin Feministin! Ich versuche auch ständig meine männlichen JuLi-Kollegen dazu zu bewegen, sich als Feministen zu bezeichnen. Weil – ich will jetzt nicht sagen bei den Rechten – bei den Leuten die sich nicht den linken Parteien zuordnen lassen, gibt es oft relativ viele Vorurteile dem Feminismus gegenüber, was ich überhaupt nicht verstehen kann. Es gibt gewisse Initiativen die dem Feminismus an sich schlecht tun, aber das heißt nicht dass Feminismus nicht eine Einstellung ist, die jede Frau und jeder Mann haben sollte. Ich finde es grauenhaft dass Feminismus so ein schlechtes Image bekommen hat.

Was verstehst du unter Feminismus?

Bei Feminismus geht es vor allem um Chancengleichheit, darum das kein Mensch aufgrund des Geschlechts oder auch der sexuellen Orientierung einen schlechteren Standpunkt haben, diskriminiert oder einfach schlechtere Chancen als jemand anders haben sollte. Moderner Feminismus ist ja nicht mehr auf die reine Frauenbewegung beschränkt, was auch gut so ist. Das ist auch gut so, weil es in der westlichen Welt nicht mehr so den Drang zur Revolution für die Frauenbewegung gibt. Es gibt immer noch genug Diskriminierung, Frauen sind nicht komplett gleichgestellt, auch nicht vor dem Gesetz. Aber das heißt nicht, dass man die Idee des Feminismus nicht auch auf andere Minderheiten die diskriminiert werden ausweiten kann, das finde ich auch wichtig so. Ein moderner Feminismus sollte sich auch global sehen.

Das ist einfach etwas, das jede Frau selbst leben sollte. Es ist wichtig, das Frauenrechte von jeder Frau vertreten werden. Ich glaube das Schlimmste für den Feminismus ist, wenn andere Frauen sagen „das brauchen wir nicht“. Man muss Bewusstsein dafür schaffen, dass es nicht heißt, dass es Chancengleichheit gibt, nur weil es einem selbst relativ gut geht.

Du hast angesprochen dass der Feminismus ein schlechtes Image bekommen hat. Warum glaubst du ist das so?

Ich glaube das ist ein Marketingproblem des Feminismus. Dadurch dass es ein ganzes Spektrum an Menschen gibt, die meinen, dass es keine Probleme mehr für Frauen gibt, gibt es die andere Seite die schon fast militaristisch für ihre Position kämpft. So etwas hat immer negative Auswirkungen. Feminismus sollte etwas sein, zu dem sich alle Menschen bekennen. Es hat ein paar Frauenrechtlerinnen gegeben, die die ganze Schuld auf die Männer geschoben haben, was natürlich auch so ist, aber wenn man überhaupt für Frauenrechte kämpft, muss man immer zuerst beim Rechtssystem anfangen. Natürlich ist das auch eine gesellschaftspolitische Fragen, aber wenn man das in extreme Richtungen treibt und andere Menschen vielleicht dadurch beleidigt, gerade wenn man das Problem hat, dass andere Menschen nicht einsehen wieso man das braucht, dann wird das negative Auswirkungen haben wenn man mit extremen Mitteln dafür kämpft. Es geht darum den Menschen klarzumachen wieso Feminismus nichts Schlechtes ist und wieso man das braucht.

Ihr habt einen Beschluss dass ihr Frauenquoten ablehnt, und stattdessen durch strukturelle Maßnahmen, wie beispielsweise staatliche geförderte Betriebskindergärten, Kinderbetreuung in Mehrgenerationenhäusern, halbe Stellen, erleichterte Wiedereinstellung nach einer Erziehungszeit und Mentorenprogramme unterstützt werden sollen. Heißt das nicht, dass Kinder Frauensache sind aber ihnen der Staat damit helfen soll?

Nein! Es geht hier darum, dass es in der Realität einfach so ist. Ich sage ja nicht dass es gut ist, sondern nur dass es so ist, dass die Kinder in der Realität oft bei den Frauen bleiben. Ich weiß auch nicht wieso ich als Frau dazu verpflichtet sein sollte, aber das passiert so. Das heißt also, dass wenn man den Frauen helfen will, man ihnen mit den Dingen helfen muss, die den Berufseinstieg verhindern. Das eine Frau nebenbei arbeiten kann, ohne als schlechte Mutter bezeichnet oder sozial abgestuft zu werden, ist wichtig. Es ist realpolitisch so, dass wenige Männer diese Aufgaben übernehmen, und ich glaube es wäre auch falsch wenn man das so nicht akzeptieren kann. Ich glaube da muss man einfach gegen die Realität ankämpfen, und nicht für ein Wunschdenken. Würden die Männer größtenteils auch in Karenz gehen und sich um die Kinder kümmern, wäre das eine andere Sache, aber so ist es nicht. Das soll nicht heißen dass man nicht dafür kämpfen sollte, dass auch Männer das machen. Das hat ja auch damit zu tun, dass Frauen weniger verdienen als Männer, was die Abwägung in der Familie wer zu Hause bleibt natürlich beeinflusst. Wenn man die Einkommensschere schließt, würde dieses Problem zumindest den Privatpersonen überlassen werden. Es würde grundsätzlich das ganze Spielfeld fairer gestalten, wenn es den Paaren ökonomisch frei stehen würde, wer zu Hause bleibt. Ideal wäre es natürlich wenn beide arbeiten gehen würden.

„Ich bin kein Psychopath, obwohl mich meine Mutter mit 3 Monaten zur Tagesmutter gegeben hat“

Dafür könnte der Staat ja z.B. Väterkarenz forcieren.

Ja, es muss die Möglichkeit geben, ich weiß nur nicht wie sinnvoll es ist, das zu forcieren. Es ist kein schlechtes Incentive wenn man, wie es in Deutschland jetzt glaube ich ist, den letzten Monat daran bindet dass es die Männer übernehmen, aber wenn man dann sagt die Männer müssen 2/3 übernehmen wäre das wieder schlecht für die Familie, weil sie oft mehr verdienen. Das wichtigste ist, dass die Realität von Frauen in der Berufswelt anders aussieht, dass sie die Möglichkeit haben gleich viel zu verdienen wie Männer.

Wie wollt ihr das ohne staatliche Maßnahmen wie Frauenquoten erreichen?

Die Sache ist die – ich glaube nicht dass man das von heute auf morgen ändern kann. Es gilt der Grundsatz, dass der Staat nicht in die Unternehmenspolitik eingreifen sollte, das ist auch wahnsinnig wichtig. Wenn Frauen von Anfang an nicht die Idee hätten, dass sie für gewisse Berufe vorgesehen sind, und für andere nicht, würde das schon sehr viel ändern. Das ist eine gesellschaftliche Idee die durch Generationen weitergegeben wird. Dass sie das nicht an ihre Töchter weitergeben, liegt in der Eigenverantwortung der Frauen selbst.

Aber gerade bei „höheren“ Jobs ist es doch so, dass es Frauen gibt, die sie machen können und wollen, aber an Männernetzwerken und -seilschaften scheitern, oder nicht?

Ja, das stimmt. Eine erste Möglichkeit das zu ändern wäre, dass es mehr Möglichkeiten gibt, dass Frauen in den Beruf einsteigen, vor allem was die Kinderbetreuung betrifft. Denn auch wenn es offiziell Unrecht ist, eine Frau nicht einzustellen weil man Angst hat, dass sie schwanger werden könnte, kommt das oft vor. Wenn es dieses Argument nicht mehr geben würde, würden sich Unternehmer vielleicht auch des gesamten Potentials bewusst werden, dass verloren geht, weil sie Frauen aus komplett oberflächlichen Gründen den Job nicht geben. In einer Marktwirtschaft wird sich das auch deshalb ausbalancieren, weil letztlich nicht das Unternehmen besser dasteht, dass mehr CVler angestellt hat, sondern das Unternehmen, welches besser arbeitet, das innovativer ist. Das Tolle am Menschen ist ja, dass dadurch dass er gerne Geld hat, das Verlangen nach unternehmerischem Erfolg und mehr Profit über den Vorurteilen stehen wird die wir gegenüber Frauen haben.

Wieso ist es bis jetzt noch nicht dazu kommen?

Weil man diese Ideen in den Köpfen der Leute nicht von heute auf morgen ändern kann. Vor allem in Österreich, wo die Situation bei der Kinderbetreuung sehr schlecht ist und gewisse Parteien das Bild das die Frauen zu Hause bleiben müssen, noch immer vertreten. Das ist finde ich das Verwerflichste – dass es Parteien gibt die diese Position noch immer vertreten, dass sie Studien zitieren wonach Kinder unglücklich und gewalttätig werden, wenn sie nicht bei der Mutter sind bis sie 20 sind, das ist kompletter Blödsinn. Da bin ich das beste Beispiel dafür – ich bin auch kein Psychopath obwohl mich meine Mutter nach 3 Monaten zu einer Tagesmutter gegeben hat.

„Mir scheint die Aktionsgemeinschaft die rationalste Fraktion zu sein“

Dann lass uns noch kurz über die kommenden ÖH-Wahlen 2011 reden. Was sind eure Ziele und Pläne für die Wahl?

Wir wollen auf jeden Fall das Mandat in der Bundesvertretung, das wir verloren haben zurückholen, und wenn geht noch ein zweites gewinnen. Was aber viel wichtiger ist, ist dass wir dort in die ÖH rein wollen, wo man etwas verändern kann, also an den einzelnen Unis. Ich glaube das ist vor allem an der WU und an der Uni Innsbruck sehr wahrscheinlich.

Werdet ihr österreichweit antreten?

Es hat Überlegungen gegeben ob wir auch an den kleinen Unis antreten sollen, weil wir nicht so viel Geld haben wie andere Fraktionen, denn wenn die Wahlbeteiligung schon so niedrig ist und es ohnehin nur wenige Studenten sind, werden wir nicht viele Stimmen bekommen. Wir werden uns auf die 8 bis 10 größten Unis konzentrieren, und falls sich motivierte Liberale an anderen Unis finden, wird das sicher in den Listenverband aufgenommen, keine Frage.

Mit welchen Themen werdet ihr in den Wahlkampf gehen, und werdet ihr dabei wieder auf Aktionismus setzten?

Aktionismus machen wir immer gerne, auf jeden Fall. Es ist viel einfacher wenn man etwas bildlich darstellt, als wenn man die Leute zwingt, sich unser Programm durchzulesen. Was uns thematisch von den anderen Fraktionen abhebt, ist unsere Position zu den nachgelagerten Studiengebühren, und warum sollte man nicht auf die Position pochen, die einen einzigartig macht?

Glaubst du dass die unibrennt-Bewegung Einfluss auf die ÖH-Wahl 2011 haben wird?

Es kommt darauf an wie die einzelnen Fraktionen das behandeln. Es ist schwierig, es kann ja nicht eine Fraktion sagen „unibrennt gehört uns“, vor allem weil sich die Bewegung lieber unabhängig sieht, glaube ich. Vielleicht wird es einen Einfluss haben, wenn die Bewegung, wenn es sie dann als solche noch gibt, sich zu einer Fraktion bekennt, das wäre dann für die natürlich ein Vorteil. Aber ich glaube nicht dass es sonst großen Einfluss haben wird, ich wüsste auch nicht wie.

Wie steht ihr zu unibrennt?

Es ist immer wieder eine Frage zwischen der grundsätzlichen Idee und der Exekution davon. Natürlich waren und sind die Studienbedingungen grauenhaft, und da muss man sich aufregen, das kann man nicht einfach so hinnehmen. Vor allem weil das unglaublich schlimme Konsequenzen hätte, wenn es so weitergehen würde. Insofern ist es berechtigt, dass es die Bewegung gegeben hat. Wie das dann letztlich ausgesehen hat, mit Gesellschaftspolitik, Antikapitalismus, etc., hat der Bewegung glaube ich geschadet. Dadurch haben sich viele Leute die sich für bessere Studienbedingungen eingesetzt hätten, von der Bewegung abgewandt.

Solltet ihr aus den ÖH-Wahlen als relevante Kraft in der Bundesvertretung hervorgehen, mit wem könntet ihr euch eine Zusammenarbeit vorstellen?

Es kommt darauf an ob die Fraktionen sich dazu bekennen, sich in Zukunft anders zu verhalten. Wenn etwa die GRAS nach der Wahl sagt, dass sie nicht mehr so kontraproduktiv arbeiten will, warum nicht? Ich habe ja keine Vorurteile nur weil jemand eine bestimmte Farbe hat. Abgesehen von den blauen Studenten vielleicht (lacht). Ich glaube, wenn ich ehrlich sein soll, scheint mir die Aktionsgemeinschaft die rationalste Fraktion zu sein. Aber arbeiten kann man mit jedem, solange er arbeitswillig ist.

Fotos: Klemens Wieringer

The following two tabs change content below.
Jahrgang 1986, lebt in Graz, bloggt und twittert politisch und schreibt auch sonst gerne.