Den Reichsten geht’s am besten? Weit gefehlt. Mehr als 10 Jahre hat es gebraucht, bis Richard Wilkinson und Kate Picket eine grundlegende Wahrheit nahezu lückenlos beweisen konnten: „Gleichheit ist Glück“. So lautet auch der Titel des neuen Buches, das für viel Aufsehen gesorgt hat. Das ist umso bemerkenswerter, als weder die Autoren noch das Buch besonders unterhaltsam sind. Sie überzeugen mit Argumenten – und Unmengen beeindruckender statistischer Daten. Lesen Sie hier, warum alle gewinnen, wenn die Gleichheit steigt – und niemand Angst haben muss, etwas zu verlieren.

Zwei sehr ähnliche, wunderschöne Blumen, (C) www.sxc.hu / ZaNuDa
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Bahnbrechende Binsenweisheit
Es klingt wie eine Binsenweisheit – und ist doch eine bahnbrechende Erkenntnis: Je ausgeglichener eine Gesellschaft in sich selbst ist, desto besser geht es ihr insgesamt. Die Einsicht mag nicht neu sein, wie selbst Richard Wilkinson nach dem Vortrag in Wien eingestand, doch sie ist nun erstmals sauber und umfassend in Buchform belegt.
 
Sachliche Missionare
Wilkinson und Picket mögen keine hippen Pop-Autoren sein, doch sie haben Humor und einen durchaus starken, fast missionarischen Wunsch, dass sich die Erkenntnisse ihrer Arbeit als allgemeine Einsicht durchsetzen mögen. Die Zeichen stehen nicht schlecht, der neue britische Labour-Leader Ed Miliband etwa bezog sich bei seiner Antrittsrede bereits deutlich auf das zentrale Problem der Einkommensschere.
 
Starke Gegner
Wenn der Weg zu besserer Gesundheit, weniger Gewalt, mehr Zufriedenheit und höherer Produktivität so klar ist, stellt sich die Frage, warum bisher wenig in diese Richtung passiert ist. Kurz gesagt gibt es dafür zwei wesentliche Gründe: Um das Ziel zu erreichen, wären massive gesellschaftliche Änderungen notwendig. Und jene, die jetzt überdurchschnittlich gut leben, haben Angst vor einer Nivellierung nach unten. Auch in der Wirtschaft gibt es enorme Widerstände.
 
Win-Win-Situation
Nun wird es spannend, denn Wilkinson und Picket belegen in zahllosen und eingängigen Statistiken, dass niemand etwas zu verlieren hat. Ungleichheit wirkt wie ein Gift in den ärmsten und reichsten Ländern der Welt und verschont niemanden von seinen Auswirkungen. Kernindikator dafür ist das sinkende Vertrauen bei wachsender Ungleichheit. Mit dem Vertrauen schwindet die Zufriedenheit und wächst das Aggressionspotenzial.
 
Verheerende Folgen
Schritt für Schritt wird schlüssig nachgewiesen, wie neben dem Vertrauensverlust und der Aggressionszunahme auch psychische Erkrankungen und Süchte, Fettleibigkeit, Problemschüler, Teenager-Schwangerschaften, Selbstmorde, Gefängnisstrafen und Säuglingssterblichkeit zunehmen. Die Liste der Auswirkungen ist beeindruckend – und bedrohlich.
 
Viele Wege führen zum Ziel
Die Wege, um mehr Gleichheit zu erreichen, können sehr unterschiedlich sein. Zwei Beispiele aus dem Buch: Schweden und Japan. Während in Schweden eine massive Sozialbürokratie dafür sorgt, dass niemand zurückbleibt und alle gut leben können, setzt man in Japan schon vor der steuerlichen Einflussnahme an: die Unterschiede der Bruttogehälter sind hier extrem gering. Ideal ist natürlich ein Mix aus beiden Methoden, schließlich gibt es Best-Practice-Modelle aus aller Welt.
 
Der Kitt der Gesellschaft
Wenn sich die Politik erst einmal eingesteht, dass mehr wirtschaftliches Wachstum nicht mehr Zufriedenheit, Gesundheit und Glück bringt, sollte der Weg zu mehr Gleichheit als neue Priorität nicht schwer durchzusetzen sein. Denn eines darf man nie verlieren, wie auch die Autoren nach unzähligen teils sehr nachdenklich stimmenden statistischen Auswertungen feststellen: eine positive Sicht auf die Welt und seine Mitmenschen. Schließlich sind soziale Beziehungen der beste Kitt einer Gesellschaft.
 
Vortrag im Kreisky-Forum
Unsere Kollegen von ichmachpolitik.at haben den Vortrag im Wiener Kreisky Forum mitgefilmt, ermöglicht und moderiert von Robert Misik (misik.at):
 

„Gleichheit ist Glück – warum gerechtere Gesellschaften für alle besser sind“
Richard Wilkinson und Kate Pickett
Berlin 2010, Verlag Haffmans & Tolkemitt / Zweitausendeins
Erhältlich bei buchkontor.at und Amazon
320 Seiten
ISBN 3942048094
EUR 19,90