Jetzt, wo sich der Wirbel um die Aussagen des türkischen Botschafters Kadri Ecvet Tezcan endlich etwas gelegt hat, sollte man genauer betrachten, welches Porzellan in dieser Debatte überhaupt zerschlagen wurde – und warum die Wogen gar so hochgingen.

(CC) Stefan Egger
(CC) Stefan Egger

Tezcan wurde von der „Presse“ im Interview (bestimmt nicht zwecks Auflagensteigerung) gebeten, seine unverblümte Privatmeinung zu äußern, statt diplomatisch zu antworten. Zum Ausdruck kam in diesem Interview die Ignoranz der Wiener gegenüber Migranten – auf allen Ebenen. Doch auch die Türken hätten viele Hausaufgaben zu machen, strich der Botschafter mehrfach klar hervor – das wurde in den aufgeregten Debatten gerne vergessen.

Das Thema wurde breit diskutiert, auch international, unter anderem in der „Tagesschau“, in der „Zeit“ und anderen Medien. Auch in den politischen Blogs war das Thema groß, besonders Tom Schaffer (zurPolitik.com) hat eine sehr gelungene Neu-Montage des Interviews beigesteuert, um auf die Themen hinzuweisen.

Wunde Punkte seit 30 Jahren
Den Finger auf wunde Punkte gelegt zu bekommen ist nicht angenehm. Wenn die Integration von europäischen Nachbarn nach teilweise mehr als 30 Jahren aber noch einen solchen Punkt darstellt, gibt es ein grundsätzliches Problem. Spärlich als Toleranz verkleidete Ignoranz bringt niemanden weiter. Das hat nicht nur Kadri Ecvet Tezcan entdeckt. Doch er hat sowohl die gesellschaftliche Position, als auch die nötige Schärfe im Formulieren, um seinen Ansichten Gehör zu verschaffen.

Getrennt durch Gemeinsames
Was ist nun das Problem mit den Türken, die in Wien nur 4,3 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen und in keinem Bezirk auch nur 10 Prozent der Einwohner ausmachen? Es ist ganz einfach: Sie sind uns zu ähnlich! Wohl gibt es zwischen Österreich und der Türkei in jeder Hinsicht gewaltige Unterschiede, nicht aber zwischen Österreichern und Türken.

Regiert von Religion
Wie in der Türkei ist es in Österreich außerhalb der Städte mit der Religionsfreiheit nicht weit her – am Land ist die Kirche noch stark und „regiert“ auch heute noch mit. Viele sind noch immer vom religiösen Erbe stark geprägt. Hier ergibt sich zwischen „dem Islam“ und „der Katholischen Kirche“ ein großes Konfliktpotenzial, das nur interkultureller Dialog und Interesse für den anderen entschärft werden kann.

Hart erkämpfter Stolz
Wie die Türken sind die Österreicher sehr stolz auf ihr Land, was vor allem auch im Sport ein Ventil findet. Doch es ist ein komplizierter Stolz, einer, den sich das Volk erst erarbeiten musste – die Türken beginnend mit dem modernen Staat unter Übervater Atatürk, die Österreicher nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieser spät gelernte und deswegen umso heftiger vertretene Patriotismus wirkt wie eine Mauer in den Köpfen und kann nur durch volle Einbürgerung auf der einen und Akzeptanz für ein „breiteres“ Österreich auf der anderen Seite überwunden werden.

Weinerliche Machos
Unter dieser Patriotismus-Patina, die oft mit kräftigem Macho-Gehabe serviert wird, liegt eine gewisse Weinerlichkeit. Fühlen sich Österreicher oder Türken in ihrer Ehre gekränkt, spielen sie gerne und ausdauernd die beleidigte Leberwurst. Dass hier ein gewisser sportlicher Ehrgeiz entstehen kann, sich nicht als erster zu entschuldigen, liegen auf der Hand.

Ein menschliches Problem
Das Thema Integration ist in Wahrheit weniger ein politisches als ein gesellschaftliches. Natürlich hilft es nicht, dass Integration und Asyl strukturell vermischt sind und die Agenden derzeit bei einer Scharfmacherin wie Maria Fekter liegen. Das sollte sich ändern, und vielleicht war Rot-Grün in Wien hierzu der erste Schritt, auch wenn der Weg noch weit ist.

Nur ein kleiner Ruck
Aber ganz ehrlich: Wir müssten uns nur einen kleinen Ruck geben, und Integration wäre möglich. Wir haben es ja auch geschafft, Kebab statt Schnitzelsemmel zu essen… können stundenlang über Fußball diskutieren… und lieben wie kaum eine andere Nation gegrilltes Fleisch, verzehrt in großen lustigen Runden.

Wien muss Istanbul werden
In Istanbul treffen sich Europa auf Asien, weltgewandte Manager und Working Poor, tief religiöse Land-Zuwanderer und ultraliberale Stadt-Bobos… Wien muss das Istanbul Österreichs werden, eine Stadt voller gelebter Gegensätze, in der alles möglich ist. Wenn wir es hier nicht schaffen, schaffen wir es nirgendwo!