Es hat sich herumgesprochen, dass die europäische Sicht auf die politische Situation der USA sich selten mit jener in den Vereinigten Staaten deckt. neuwal hat bei Freunden im Herzen der USA nachgefragt – Vincent Serrani aus Fort Wayne, Indiana – das 2008 erstmals seit 1964 demokratisch umgefärbt wurde – gibt die Stimmung für uns wieder und wagt eine politische Prognose. Enjoy!

„The midterm elections were a dramatic disappointment for Democrats. Which I am sure is no surprise to you.“

Das schlechte Abschneiden eines (demokratischen) Präsidenten bei den Zwischenwahlen ist wahrlich keine Überraschung. Wie schon im Beitrag „Obama muss scheitern…“ beschrieben, basiert das amerikanische System auf „checks and balances“, die der Wähler schaffen muss – und gerne schafft. „Comeback Kid“ Bill Clinton musste eine noch viel schlimmere Schlappe hinnehmen und verlor beide Häuser – was ihn nicht daran hinderte, wiedergewählt zu werden.

„It seems the biggest area of loss were in state governments. On the national level, it was the democrats from republican distracts that did the worst. Progressive democrats did well to hold their seats. It was the more moderate democrats who lost their seats.“

Hier wird eine der größten „Schwächen“ Barack Obamas angesprochen, die im Wahlkampf seine Stärke war – sein absoluter Wille zum Ausgleich. Obama bot einem zerrissenen Land an, es zu heilen und Gräben zu überbrücken – national wie international. Dieser Wunsch nach „change“ spülte ihn ins Amt, wo er mit den selben Mitteln erfolgreich sein wollte. Das ist im Sinne politischer Konsequenz und Handschlagqualität sicher ehrbar, aber zu wenig. Die Wähler wollen einen starken, entscheidungskräftigen Präsidenten – auch wenn dieser mal danebengreift.

„Last few elections in the U.S. have been labeled WAVE elections, with big changes in power each time. I think this „wave“ will not swing back for some time. I think we will see a divided federal government for some time.“

Eine sehr interessante Beobachtung, die ich so bisher noch nicht gesehen habe. Interessant ist, dass dieser „Schwung“ von den Konservativen zu den Progressiven auch in England ein jähes Ende fand und den Briten erstmals (beinahe) ein „hung parliament“, eine Regierung ohne klare Mehrheit, brachte. Dort setzten sich letztendlich die Konservativen hauchdünn durch, auch weil das Wahlergibnis für New Labour im Vergleich zu den vorhergehenden Triumphen zu vernichtend war.

„I believe that Obama has a good chance at reelection in ’12, unless he is challenged by someone in his own party (Russ Finegold or Hillary Clinton). Republicans don’t have a strong front runner that gets broad support throughout the party. If Obama can turn out the vote like in ’08 it’s his race to win.“

Viele sagen, Obamas Chancen hätten sich nicht verschlechtert. Hillary Clinton ist eine eiskalte Machtpolitikerin und erhofft sich aus ihrer scheinbaren Unterordnung vielleicht einen optimalen Start in den nächsten Wahlkampf, wer weiß. Die Stimmung aus der 2008er-Wahl wieder zu erzeugen, wird schwierig – denn der Wunsch nach Change würde diesmal den Falschen treffen. Doch Obama kann wie kein anderer vor ihm mobilisieren – auch mit Mitteln, die erstmals in vollem Umfang eingesetzt wurden und die ihm einen nicht zu vernachlässigenden Startvorteil verschaffen.

„The Tea Party will most likely fracture the Republican party when it comes to primary time in 2011. There will be to much in-fighting over the vision and direction of the party.“

Viel wurde schon geschrieben und gesagt zur Tea Party, hier wird in wenigen Worten das Wesentliche klar gesagt: Die Tea Party ist eine Gefahr für die Republikaner, eine Modeerscheinung, die von ihren „Stars“ lebt und mit ihnen verschwinden wird. Auch eine Sarah Palin hat nicht das Format, landesweit gewählt zu werden.

„It looks like a long road ahead for progressive ideas. I would anticipate a long bitter 2 years of gridlock.“

Im Grunde genommen gibt es zwei Szenarien: Das erste wird hier beschworen. Frustiert und verängstigt, zieht Obama den Schwanz ein – und versucht noch verbissener, es allen recht zu machen. Er scheitert an seiner Wiederwahl und wird als „Fehler“ der Geschichte abgehakt , ein verglühter Stern. Zweite und wahrscheinlichere Variante ist, dass Obama einsieht, dass er als Präsident weitreichende Änderungen auch alleine durchboxen kann – wenn auch nicht immer auf dem geraden Weg. Ein starker Obama mit Ecken und Kanten, der seine hart erkämpften Erfolge und seine unvermeidlichen Niederlagen mit seiner unglaublichen Rhetorik dem Volk erklärt – ja, der wäre unstoppbar 2012!

Many thanks to Vincent Serrani for this first political expertise – maybe there is more to come… Greetings to Fort Wayne, Indiana!!