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Kopie oder Original. Sozial, Freitagsdemonstration, Ewiggestrige, Ausgrenzung. Wie mit Pacing, Leading und Reframing eine gespiegelte Parallelgesellschaft generiert wird.

Es ist mir bei Heinz Christian Strache gleich zu Beginn, während der Nationalratswahl 2008 in Österreich aufgefallen. Damals trafen Jörg Haider (BZÖ) und Heinz Christian Strache (FPÖ) als Spitzenkandidaten beider Parteien aufeinander. Strache plakatierte „Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist„. Prompt traten Plagiatsvorwürfe von Jörg Haider auf, der diesen Slogan bereits 1994 verwendet hat.

Kopie und Original

Daraufhin warfen beide Politiker gegenseitig mit den Worten „Kopie“ und „Original“ umher: Haider bezeichnete sich selbst als „Original“ und Heinz Christian Strache als Kopie seiner Person. Auf der anderen Seite bezeichnete Heinz Christian Strache Jörg Haider als „Kopie Heide Schmidts„, bis er sich selbst „Original“ nannte. Somit wurden jeweils die gleichen Begriffe für die jeweilige Zielgruppe verwendet. Damit wurde eine eigene, unterschiedliche Wirklichkeit und somit neues Vertrauen aufgebaut. Dieses Spiel ging hin und her und ich war mir nicht mehr sicher, ob sich die Leute dabei tatsächlich überhaupt noch auskennen.

Pacing, Leading und Reframing

Das, was hier praktiziert wurde, lasst sich mit Methodiken aus der Neurolinguistischen Programmierung (NLP) sehr gut beschreiben. Ausgangspunkt ist sicherlich das Pacing und Leading. Pacing bedeutet „Schritthalten“. Es bedeutet auch Spiegeln. Dabei werden Verhaltensweisen der zu führenden Person oder Personengruppe angeglichen. Also gespiegelt. Man gleicht sich in der Körpersprache, in der Mimik, in der Stimme oder auch in der Sprache des Gegenübers an. Die Spiegelung der Sprache zeichnet sich vor allem in der Verwendung gleicher oder ähnlicher Wörter aus. Dadurch wird eine einheitliche Ebene und Basis mit der Zielgruppe hergestellt. Man nennt dies „Rapport“ – es wurde ein Gleichklang hergestellt. Man schwebt auf einer Ebene, atmet vielleicht gleich und spielt sich mit den gleichen Wörtern.

Sobald Gleichklang und Vertrauen hergestellt wurde, kommt es zum „Leading„. In dieser Phase wird geführt und das eigene Interesse durchgesetzt. Eine Methodik dabei ist das „Reframing„. Reframing bedeutet auch „Umdeutung“. Und zwar werden hier Geschehnissen, Wörtern, Gegebenheiten oder Stimmungen einer anderen Bedeutung zugewiesen. Oft sagt man dazu auch „Einrahmen“: Der Situation eine andere Bedeutung geben. Die Situation eingrenzen – sozusagen „Einrahmen“ und dadurch die Sicht (der anderen) eingrenzen.

Das gespiegelte Original

Am Beispiel der Begriffe „Kopie“ und „Original“ lassen sich nun die einzelnen Phasen ganz gut sichtbar machen. Eine Person verwendet einen Begriff, der von der gegnerischen Partei aufgegriffen wurde. Die angegriffene Person schnappt sich den Begriff auf und spricht ihn aus. Es wird gespiegelt und Schritt gehalten: „Nicht mit mir, ich kann hier mithalten“ – und einen Gleichklang herstellen. Sobald das erreicht wurde, kommt es zum Reframing. Original und Kopie bekommen von der gegnerischen Seite neue Bedeutungen zugewiesen. Beide reden von gleichen Begriffen, nur baut sich jeder seine eigene neue Wirklichkeit auf. So passiert es, dass aus Strache eine Haider-Kopie und aus Haider eine Heide-Schmidt-Kopie wird und jeder das Original ist.

Sozial, Freitagsdemonstration, Ewiggestrige, Ausgrenzung

Nun werfen wir einen Blick in die aktuelle österreichische Politik und beleuchten einige Begriffe, die die FPÖ verwendet. Einer der wesentlichsten Begriffe ist wohl „Sozial„. Um mit der SPÖ sozusagen „Schritt zu halten“ wurde dieser Begriff gespiegelt  und aus ihm eine „soziale Heimatpartei“ gemacht. Gleichzeitig auch „Reframed“ und ihm eine neue Wirklichkeit gegeben.

Gleiche Methodik bei der „Ausgrenzung„. Während die eine politische Richtung der FPÖ eine Ausgrenzung von Ausländern vorwirft, redet die FPÖ von einer anderen Ausgrenzung. Strache sagt: „Die FPÖ wird ausgegrenzt. Und zwar von Euch.“ Für die FPÖ-WählerInnen bekommt so der Begriff der Ausgrenzung eine neue Wirklichkeit und wird neu definiert.

Neu aufgefallen ist mir im Wiener Wahlkampf der Begriff „Ewiggestrige„, der sowohl von der einen also auch von der anderen politischen Seite verwendet wird. Alexander van der Bellen (Grüne) ortete während der Bundespräsidentenwahl 2010,  eine „ÖVP-Anbiederung an Ewiggestrige„. Es ging dabei um die fehlende Abgrenzung der ÖVP zu Barbara Rosenkranz (FPÖ). Aus den Reihen der FPÖ sagte Johann Gudenus während einer Wahlkampf-Veranstaltung am Stephansplatz in Richtung  Gegendemonstranten: „Das sind einfach die Ewiggestrigen„. Selber Begriff – unterschiedliche Wirklichkeiten.

Wie ich heute gelesen habe, überlegt sich die FPÖ eine Freitagsdemonstration zu organisieren. Und zwar eine Demonstration gegen den Linksfaschismus. „In der Bundeshauptstadt gingen Aktivisten nach Angelobung der damaligen schwarz-blauen Regierung monatelang auf die Straße, um ihren Unmut über die ‚Wende‘ Ausdruck zu verleihen„, so Strache weiter. Der Begriff der Demonstration und Demonstranten wird neu definiert und für die jeweilige Gesellschaft neu definiert. So würde auch die Freitagsdemonstration eine Gegendemonstration werden, ohne dass es die FPÖ-TeilnehmerInnen merken würden, da es ihnen anders kommuniziert werden würde. Anders eingerahmt.

Die gespiegelte Parallelgesellschaft

Ich beobachte die politischen Methoden der FPÖ nach den beschriebenen Phasen und Mustern. Ich erlebe sie als „Einrahmung“: Durch Neudefinition von Begriffen, Tatsachen, Ereignissen, Geschehnissen wird eine neue und eingeschränkte Sichtweise generiert, die dazu noch sehr polarisierend und trennend wirkt. Vor allem wenn ich an die Wahlkampfveranstaltungen der FPÖ denke, die teilweise unter Platzverbot stehen (Beispiele: Wahlkampfauftakt Barbara Rosenkranz 2010 in St. Pölten, Wahlkampfauftakt FPÖ Burgenland in Eisenstadt 2010). Hier wird die Zielgruppe – die WählerInnen – eingekesselt und abgeschirmt. Es wird eine homogene und verängstigte Masse mit einer neuen und gemeinsamen Wirklichkeit, bestehend aus alten neuen Begriffen und künstlich aufgebauten Werten und Welten generiert.

Auf der „anderen Seite“ beobachte ich ein ähnliches Szenario. Rund ums aktuell präsentierte Budget von der Regierung wird die Wirklichkeit verschleiert und neu definiert: Beschlossene Punkte werden systematisch neu und positiv positioniert und in neue Rahmen gegossen.

Die volle Propaganda.
In gespiegelten Parallelgesellschaften.

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place. Seit April 2018 bei der Rechercheplattform addendum.org.