Noch immer lebt Manuel Daubenberger (24) im Ausnahmezustand in Quito, auch wenn er davon nicht viel mitbekommt. Aber auch sonst unterscheidet sich sein Leben in der Anden-Metropole deutlich von dem in Europa. Ironisch und überspitzt beschreibt er diese Woche einen idealtypischen Tag in der ecuadorianischen Hauptstadt. Warum Geld trotz der niedrigen Preise immer wieder kleinere oder größere Dramen auslöst, lesen Sie hier.

Maedchen in der Bar, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

Ein idealtypischer Tag in Quito mit extrem negativer Tendenz


Es ist sieben Uhr morgens, der Wecker klingelt. Zu früh, weil ich aus unerfindlichen Gründen mal wieder zu spät ins Bett gekommen bin. Aber leider muss eine Magisterarbeit irgendwann fertig werden und deshalb gibt es kein Erbarmen. Ich finde meinen Weg in die Küche und bin froh, dass der Hund meiner Mitbewohnerin noch genauso verpennt ist wie ich und mich deshalb in Ruhe lässt. Zum Frühstück gibt es Rühreier und Toast. Eigentlich war ich nie der große Fan von Rühreiern, aber beim Frühstück bin ich Europäer und das ist die Variante, die am nächsten an meine heimatlichen Frühstücksgewohnheiten herankommt.

Nachdem ich alle drei Türen abgeschlossen habe, mache ich mich zwischen halb acht und acht auf den Weg zur Uni. Ich grüße den Wärter meiner „Gated Community“ und frage mich mal wieder, warum ich nicht auf der Universidad de las Américas studiere, die genau gegenüber meiner Wohnanlage ist.

 
Die kleinen Unterschiede…
Zehn Minuten bergauf und zwei lebensgefährliche Straßenüberquerungen später sitze ich allerdings bereits schon in einem der minütlichen Busse Richtung Cumbaya. Die 25 Cent teure Busfahrt bezahle ich mit einem ein Dollar-Schein und freue mich, dass mir der „Schaffner“ das Wechselgeld in Fünf-Cent-Münzen zurückgibt und sich meine Hose dadurch anfühlt, als würde ich Steine sammeln und von alleine in Baggy-Modus rutscht.

In der Universität angekommen, checke ich kurz meine Emails. Um halb neun stehe ich auf dem Fußballplatz. Mal wieder als einer der Ersten, da bin ich Deutscher. Und auch beim Spielen rege ich mich dann doch das eine oder andere Mal über die Ecuadorianer auf, die das Spiel fauler, egoistischer, aber vor allem mit komplettem Verzicht auf defensive Disziplin definieren.

 
Der Vorgartensozialist kommt raus
Direkt im Anschluss habe ich mein Seminar „Temas de América Latina“. Eigentlich besuche ich die Klasse nur, um zu sehen, wie hier lateinamerikanische Politik unterrichtet und diskutiert wird. Aber da habe ich die Rechnung ohne meine große Klappe gemacht. Spätestens nach dem dritten sehr kritischen Kommentar über Kuba oder die Neue Linke bricht der Vorgartensozialist in mir durch und ich vergesse, dass mein Spanisch eigentlich nicht zu fundierten Diskussionen ausreicht. Die Klasse geht nur eine Stunde und so bleibt zwischen elf und zwölf noch etwas Zeit, um weitere alltägliche Erledigungen im Internet zu machen und tatsächlich etwas für die Magisterarbeit zu tun. Um zwölf treffe ich mich mit Muni und Daniel zum Mittagessen. Tatsächlich habe ich mich nach sechs Wochen an den vielen Reis gewöhnt und so genieße ich die Suppe, das Stückchen Fleisch mit trockenem Reis und etwas Gemüse. Da mir die Bank erneut hauptsächlich Zwanzig-Dollar-Noten gegeben hat, kommt es wie häufig zum Drama des Geldwechsels. Nachdem mich die Kassiererin angeschaut hat, als ob ich sie überfallen wollte, wird schnell ein Laufbursche zum nächsten Laden geschickt, um die ungeheuerliche Summe Geld zu wechseln.
 
Von Termin zu Termin
Um drei habe ich ein Interview mit einem Mitarbeiter der Banco del Sur. Also setze ich mich in den grünen Bus zurück nach Quito und quetsche mich in der Endhaltestelle in den „Schnellbus“ Ecovia. Da außer mir mindestens zehn Personen zu viel auf die Idee gekommen sind, ist es mal wieder ein besonderes Erlebnis der Nähe zur ecuadorianischen Bevölkerung. Also eigentlich genau der Grund, wieso ich hier bin. Nur im Ecovia stellt sich komischerweise keine Zufriedenheit darüber ein.

Dank google-maps finde ich die Banco del Sur schnell, im Bankinneren beginnt allerdings die große Verwirrung. Nach drei Fragen, wo ich hin muss, die drei unterschiedliche Antworten zru Folge haben, komme ich mit etwas Verspätung im Büro meines Gesprächspartners an. Allerdings ist die Verspätung kein Problem, denn der Experte ist noch gar nicht da. Fünf Minuten später betritt er sein Büro und bittet vielmals um Entschuldigung. Eineinhalb Stunden später verlasse ich sein Büro etwas schlauer und begebe mich zu meiner nächsten Verabredung im historischen Zentrum Quitos.

 
„Neues“ Handy vom Schwarzmarkt
Inmitten der wunderschönen kolonialen Kathedralen und Regierungsgebäude treffe ich mich mit Jorge Luis. Wir gehen auf den Schwarzmarkt, um mir ein „neues“ Handy zu besorgen. Wie ein echter Ecuadorianer brauche ich ein zweites Handy, da die beiden größten Handynetze unterschiedliche Netzabdeckungen haben und das telefonieren von einem Anbieter zum nächsten unverschämt teuer ist. Nach vielmaligem Fragen nach dem günstigsten Handy und einigen Flirtversuchen der korpulenten Verkäuferinnen, bin ich stolzer Besitzer eines 25 Dollar-Nokia-Handys, dessen zweifelhafte Herkunft allein durch die Tatsache, dass die SMS noch eine Signatur der Vorbesitzerin gespeichert haben, deutlich wird.
 
Hochburg des Präsidenten
Im Anschluss machen Jorge Luis und ich uns auf zur „La Ronda“, einer beliebten kolonialen Barstraße, in der es vor allem Canelazo, einen Zimt-Saft-Schnaps-Punsch, gibt.
Dabei passieren wir zahlreiche Hauswände mit hoch-intellektuell formulierter Kritik am Präsidenten in Graffiti-Form(„Fick die Schlampe Correa“, „Ecuador ist nicht Kuba“, „Correa ist schwul“), aber in der Mehrzahl unterstützende Graffiti, , da das Stadtzentrum und der anschließende Süden Quitos eine Hochburg des linken Präsidenten sind ( auf dem Foto die Anschuldigung, dass der vermeintliche Putsch vom Ex-Präsidenten Lucio Guttierez ausgegangen sei, dem für alle Fehlentwicklungen die Schuld gegeben wird).
 
Das alltägliche Misstrauen
Nach einigen Canelazos und einer Empanada fahre ich um sieben mit dem Ecovia Richtung Vergnügungsviertel Mariscal, wo ich mich mit einigen Freunden zur Abschiedsfeier meiner israelischen Freundin, Enbar, treffe. Unter der Woche ist das Viertel nicht so voll, aber trinken lässt sich auch, wenn nichts los ist. Nachdem sich die Bars um halb zwei dann wirklich ziemlich geleert haben, ist es Zeit einen letzten Snack von einem Straßenstand zu besorgen. Die ecuadorianischen Freunde von der Uni raten uns von diesem Genuss zu später Stunde natürlich ab. Die ecuadorianische Oberschicht hat wesentlich mehr Angst vor ihrer eigenen Bevölkerung und den kulinarischen Erzeugnissen, die sie so hervorbringt, als wir Ausländer. Skurril und traurig zugleich, da das nicht nur die Spaltung der Gesellschaft fundamentiert, sondern ihnen auch einiges an Erfahrungen entgeht. Nach kurzer Verhandlung mit dem Taxifahrer, klappert er unsere Häuser ab und ich betrete meine wie üblich nachts nicht abgeschlossene „geschlossene Wohnanlage“.

 
Morgen: Magisterarbeit
Im Bett denke ich nochmal über den Tag nach und habe das dramatische Gefühl etwas Wichtiges vergessen zu haben. Und dann komme ich drauf, meine Magisterarbeit hat mal wieder zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Aber morgen ist ja ein neuer Tag.

Glücklicherweise schaut nicht jeder Tag so aus und so bleibt genügend Zeit meine Magisterarbeit zu schreiben. Auch die kleinen Alltagsärgernisse häufen sich natürlich nicht so. Ich habe weiterhin eine traumhaft gute Zeit hier, aber es ist auch schön ab und zu daran erinnert zu werden, was man an der Heimat hat.

 
Entonces hasta la próxima!

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