StuttgartCalling – 22. Oktober 2010 – podcast aus Stuttgart: Schlichtungsgespräche starten am Freitag, 22. Okt. 2010 • fluegel.tv überträgt mit SWR und PHOENIX live • 2 Großkundgebungen am Samstag mit Gegnern und Befürwortern • Solidarisierungen durch Künstler • Wahlumfragen für März 2010:Grüne fast bei 30 %


StuttgartCalling – 22. Oktober 2010

Den gesamten podwal Podcast (10 Min.) gibt es hier:
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Dieter Zirnig (neuwal.com): Hallo Putte, in Stuttgart gibt es am Freitag 22. Oktober 2010 die ersten Schlichtungsgespräche. Kann fluegel.tv nun diese Gespräche ins Internet übertragen? Was hat sich getan?

Putte: Auf der Seite der „Parkschützer“ gabe es einen kleinen Aufstand. Das liegt daran, weil wir mit fluegel.tv die Zusage bekommen hatten, die Schlichtungsgespräche zu übertragen. Am Dienstag hieß es „fluegel.tv ist raus, nur SWR und PHOENIX dürfen übertragen und wir nicht“. Darauf hat Robert (soetwas wie der „Papa von fluegel.tv) auf der Parkschützerseite seinen Unmut freien Lauf gelassen darüber. Innerhalb weniger Stunden gab es dann 500 Kommentare, weil auch die Parkschützer-Leute darüber empört waren und darauf bestehen, dass fluegel.tv eben auch übertragen darf. Denn fluegel.tvv ist ja schon soetwas wie der Sender des Vertrauens der Protestbewegung.

Diese Solidarität war echt erstaunlich. Auf Grund dieses Feedbacks dürfen wir nun übertragen. Wir sind auch die einzigen, die mit einer eigenen Kamera übertragen dürfen. Wir bekommen auch gleichzeitig das Signal von PHOENIX. Das heißt, wir dürfen auch mit diesen Sachen machen, was wir wollen. Und darüber freuen wir uns jetzt sehr.

Man hat gemerkt, dass der Druck von der Basis, von unten, von der Parkschützerseite doch einiges bewirkt und verändert hat. Jetzt freuen wir uns, dass wir die Schlichtungsgespräche mit einer eigenen Kamera übertragen dürfen.

PHOENIX und SWR teilen sich eine Kamera. Wir dürfen sowohl unsere Kamera, als auch das Signal der anderen verwenden. Es ist ein Prototyp, etwas ganz neues.

neuwal: Wieviele Zuseher habt ihr auf fluegel.tv?

Putte: Es kommt drauf an. 30. September zum Beispiel mehrere zehntausend. Als am Nordflügel die „Abbruch-Action“ war, hatten wir 500.000 Zuseher auf der Webcam.

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neuwal: Ich wurde von unseren LeserInnen gefragt, wer „Putte“ ist. Welche Rolle spielst Du bei Stuttgart 21? Bist Du mit fluegel.tv und unsere-stadt.org in einer zentralen Rolle?

Putte: Das wird so gesagt. Ich selbst möchte das nicht beurteilen. Es sieht danach aus, als ob ich eine der Personen wäre, die ein bisschen zentraler da stehen. Das kommt einerseits von fluegel.tv und andererseits dadurch, dass ich in Stuttgart als Musiker bekannt bin und auch durch die Initiative unsere-stadt.org. Ich tauche auch öfter in der Presse auf, deswegen kennt man den Putte einigermaßen in der Stadt. Mit fluegel.tv sind wir jetzt zu einem Sprachrohr der Protestbewegung geworden.

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neuwal: Zurück zur Protestbewegung. Wie entwickelt sie sich und wie geht es ihr?

Putte: Die Situation ist derzeit nicht einfach. Einerseits sind die Parkschützer aus den Schlichtungsgesprächen ausgestiegen. Damit wird recht gut umgegangen und es wird eher als „Aufgabenteilung“ verstanden. Wenn man innerhalb der Protestbewegung ist, dann ergibt das auch Sinn. Nach außen hin liest man dann doch immer wieder, „dass sich die Gegner aufspalten“ oder „erster Unfrieden in der Protestbewegung“. Das glaube ich nicht.

Die letzten Demonstrationen waren nicht mehr ganz so gut besucht. Das liegt sicherlich auch daran, dass sich die Leute etwas ausruhen. Jetzt ist die Schlichtung eben da, wir haben einen langen Atem gehabt, Geduld und Ausdauer gezeigt und manche nehmen sich jetzt eine Pause.

Spannend wird es wieder am Samstag: Die Beführworter haben ihre erste Großkundgebung auf dem Schloßplatz. Und wir haben zeitgleich unsere Demonstration vor dem ehemaligen Nordflügel. Wir versuchen mit fluegel.tv auch beide Demos zu übertragen. Mit Freitag (22.10.2010, Anm.) wird ein neues Kapitel aufgeschlagen, da die Schlichtungsgespräche beginnen. Man darf gespannt sein, wie sich die Dynamik auf beiden Seiten entwickeln wird.

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neuwal: Wir haben letztens über die Schlichtungsgespräche mit Heiner Geißler gesprochen. Um was geht es bei diesen Gesprächen und was kann man sich dabei erwarten?

Putte: Es sind 6 Schlichtungsgespräche angesetzt. Jedes Gespräch hat sein eigenes Thema: Biologie zum Beispiel, die Neubaustrecke Wendlingen–Ulm. Dann verkehrstechnische Aspekte, was die Effizienz des Tiefbahnhofs betrifft. Jeder Sitzungstag hat sein eigenes Motto. Innerhalb dieser sechs Schlichtungsgespräche soll dann die großen Themen auf den Tisch kommen. Das Wort „Faktencheck“ macht die Runde. Ich finde es sehr interessant, dass die Gegenbewegung (also wir) es begrüßt, dass Heiner Geißler diese Gespräche führt. Kritik kommt interessanterweise eher von den Befürwortern. Da gab es von den CDU/FDP-Politikern schon etwas „Schelte“ in Richtung Heiner Geißler. Weil er sagte, jetzt ist Schluß mit dieser „Basta-Politik“. Darauf hin haben sich Parteien gemeldet, CDU und FCP haben gesagt, das ist ja gar keine „Basta-Politik“, mit Stuttgart 21 ist es ja schließlich demokratisch legitimiert.

Wir Gegner sind einfach gespannt, man weiß nicht, was jetzt passiert.

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neuwal: In Österreich gab es/gibt es eine ähnliche Bewegung im Bildungsbereich: unibrennt. Es gab Kundgebungen und in besetzten Hörsäälen von Universitäten solidarisierten sich KünstlerInnen mit StudentInnen. Gibt es solche Solidarisierungen von Künstlern, Musikern auch bei euch?

Putte: Es gibt einige Künstler, die sich solidarisieren. Die Hauptkünstler in unserer Protestbewegung sind eigentlich die ganz normalen Leute. Das ist sehr interessant, dass die Kunst und Kreativität von den ganz normalen Leuten kommt. Im Sinne von Plakate malen, Aktionen machen, Flashmobs veranstalten, lustige Kostüme basteln. Viele Musiker haben auch Lieder geschrieben. Es erscheint auch bald der erste Protestsampler auf den Markt. Kabarettisten engagieren sich, in dem sie auf den Demos sprechen und sich dort zeigen. Immer mehr Schauspieler äußern sich. Es gibt es auch demnächst in der Röhre oder im Theaterhaus ein Soli-Konzert für den Rechtshilfefond – für die Leute, die Anzeigen bekommen haben wegen Sitzblockaden, etc. Da sind auch sehr viele Bands mit dabei.

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neuwal: Es gibt die Diskussion rund um den „öffentlichen Raum“…

Putte: …wenn ich „öffentlicher Raum“ sage, dann ist die Frage: „Wem gehört die Stadt?“ Und da bezieht sich alles auf das geplante Tiefbahnhofprojekt. Wir wollen mitentscheiden, was in der Stadt passiert. Und sollte das kommen, wird es eine Fläche geben, die neu gebaut wird. Da sagen Befürworter, dass wir ja alle darüber reden können, wie wir das gestalten. De facto ist es aber so, dass sich die Gegnerschaft auf diese Argumentation noch gar nicht einlassen will. Denn es geht vorrangig darum, Stuttgart 21 überhaupt kommen zu lassen und gar nicht stattfindet.

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neuwal: Im kommenden Frühjahr 2011 gibt es in Baden-Württemberg Landtagswahlen. Welche Auswirkungen hat Stuttgart 21 auf diese Wahlen?

Putte: Am 27. März haben wir Landtagswahlen und Stuttgart 21 spielt eine sehr sehr große Rolle. Die Umfragen sind unglaublich. Die Grünen sind in Baden-Württemberg schon fast bei 30 % in den jetzigen Umfragen. Wenn es sich so ausgeht, wie die Umfragen jetzt sind, dann haben wir zum allerersten Mal – seit dem zweiten Weltkrieg – eine von den Grünen geführte Regierung mit der CDU und der FDP, wenn es die bis dahin überhaupt noch gibt an der Macht. Die CDU in der Opposition und die Grünen wahrscheinlich mit der SPD als Juniorpartner. Das wäre was.

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neuwal: Wir hatten am 10.10.2010 Wahlen in Wien. SPÖ verlor die absolute Mehrheit, Grüne blieben gleich und die Rechten kamen auf 25 %. Nach aktuellen Zeitungsgerüchten riecht es in Wien nach einer Rot-Grünen-Koalition.

Putte: Ich wünsche es euch. Ich werde die Grünen wählen, das werde ich tun. Richtig überzeugt bin ich von keiner einzigen Partei. Die Grünen sind OK, aber richtig vertrauen kann ich ihnen auch nicht.

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neuwal: Die Zivilgesellschaft organisiert und arrangiert sich, tritt gemeinsam auf und gibt den PolitikerInnen Druck. Welche Zukunft siehst du in diesen Bewegungen – braucht es noch das Parteiensystem wie wir sie heute kennen?

Putte: Ich würde mir wünschen, dass gerade durch diese entstandenen Bewegungen es eine außerparlamentarische Gestaltungs gibt. Nicht Opposition, sondern dass sich Bürger vereinigen und der Politik so vorgeben, was die Politik zu tun hat. Denn letztendlich ist die Politik nichts anderes als der Diener der Bürger. Wir haben sie dort hingeschickt, auf dass sie gute Politik für die Menschen machen. Und die Politikverdrossenheit ist so groß geworden, dass dieses Vertrauen in die Politik gar nicht mehr da ist. Und das ist das interessante auch an Stuttgart 21: Hätten wir es nicht geschafft, einen so aktiven und ausdauernden Widerstand auf die Beine zu stellen, gäbe es in ganz Deutschland nicht diese Demokratiedebatte, die wir gerade haben. Auch von wegen: Brauchen wir mehr Volksentscheide, etc. Es hat sich schon dadurch viel verändert, auch wenn wir Stuttgart 21 nicht stoppen sollten.

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neuwal: Danke lieber Putte. Gutes Gelingen bei der Übertragung und bleib gesund!

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.