Dr. Nicole „Niki“ Solarz ist Landtagsabgeordnete der SPÖ in Salzburg. Die 29-jährige Juristin ist >zuständig für die Bereiche Jugend und Technologie, sehr aktive Facebook-Nutzerin und Bloggerin. Karim-Patrick Bannour hat sie für neuwal zu einem Interview in Salzburg getroffen.

Niki Solarz SPÖ Salzburg

Karim-Patrick Bannour (neuwal): Was heißt es, bei der SPÖ in Salzburg für Technologie zuständig zu sein?

Niki Solarz: Ich habe es für mich selbst so definiert: Alles rund um Internet, Social Media, neue Technologien.

Seit wann nutzt Du Social Media?

Niki Solarz: Social Media seit 3 Jahren, beginnend mit StudiVZ, dann Facebook. Zuerst privat, dann im Zuge des Landtagswahlkampfes auch beruflich zu nutzen begonnen. Keine Fanseite, sondern ein Profil, das beruflich und privat genutzt wird, relativ ausgewogen. Es macht mir einfach Spass. Die berufliche Nutzung sehe ich nicht als beruflichen Zwang, sondern ich nutze es sowieso.

Wieviele der Politikerkollegen in Salzburg sind in Social Media aktiv?

Niki Solarz: Im Landtag bin ich eigentlich die Einzige wirklich aktive, im Gemeinderat gibt es noch 2 junge Gemeinderätinnen, in den Gemeinden nur vereinzelt, ich schätze 1-2 %. Man merkt aber: Umso jünger, desto eher.

Warum nutzen Politiker Social Media nicht?

Niki Solarz: Wir haben schon viel darüber diskutiert. Viele sind dagegen weil sie keinen Zugang dazu haben: Sie wissen nicht genau, was es ist und verstehen nicht, was man damit machen kann. Außerdem wird das Internet gerade bei der älteren Generation als Gefahr gesehen: Man kann es nicht kontrollieren. Presseaussendungen kann man kontrollieren, vorher gemeinsam abstimmen, korrekturlesen, durch den ganzen Apparat laufen lassen. Bei Facebook geht das einfach nicht. Und Pressesprecher haben den Drang, alles zu kontrollieren. Das Internet kann man aber nicht kontrollieren. Was auch dazukommt: Man wird als PolitikerIn angreifbar: Eine Presseaussendung steht in der Zeitung, die Leser können aber nicht wirklich darauf reagieren. In Social Media können durchaus unangenehme Kommentare kommen.

Gibt es innerhalb der SPÖ Richtlinien oder Grundsätze zur Nutzung von Social Media?

Niki Solarz: Auf der Bundesebene bewegt sich etwas: Es wurde ein Gremium eingerichtet, in dem ich auch drin bin, wo es um Netzpolitik und eGovernment geht. Generell ist aber noch immer das Problem, dass sich sehr viele Leute nicht damit auskennen und eher die jüngere Generation versucht, das Ganze zu pushen. Auf Landesebene gibt es einen sehr positiven Zugang, wir versuchen es verstärkt zu nutzen und schauen auch, viele Menschen zu erreichen, die wir über andere Kanäle nicht erreichen. Vor allem die Jungen. Auf Gemeindeebene hängt es stark davon ab, wieviele junge Leute in der Ortspartei engagiert sind und sich damit auseinandersetzen. Man kann es nicht machen, wenn man nicht dahinter steht und keinen Spass daran hat. Man kann sich nicht zwingen es zu machen oder es nur für den Wahlkampf einsetzen. Das durchschauen die Leute und das interessiert auch niemanden. Authentizitität ist da voll wichtig, es soll kein Marketinggag sein.

Wenn Du einen Kollegen/eine Kollegin davon überzeugen müsstest, dass Social Media für die Politik bzw. PolitikerInnen Sinn macht, was wären Deine Argumente?

Niki Solarz: Das muss ich glaube ich jeden Tag machen (lacht), weil mir immer wieder welche sagen, dass ich in Bezug auf Social Media vorsichtig sein soll.

Gründe die dafür sprechen: Es kostet nichts im Vergleich zu einem Zeitungsinserat. Bei einer Presseaussendung bin ich darauf angewiesen, dass sie von den Medien veröffentlicht wird. Wenn ich einen großen Fan- oder Freundeskreis habe, kann ich sie mit einem Klick informieren. Ob sie es aufnehmen oder nicht, kann ich nicht kontrollieren, aber das kann ich bei einem Inserat auch nicht.

Das zweite ist die Selbstbestimmtheit: Ich kann entscheiden, was drin steht. Das kann ich in fast keinem anderen Medium, weil ich da immer auf Journalisten angewiesen bin. Drittens kann ich Leute dadurch aktivieren: Ich will damit nicht sagen, dass man dadurch die volle Politikbegeisterung heraufbeschwören kann, aber zumindest kann ich Leute mit einem Thema ansprechen und die haben die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Dieses demokratische Element finde ich toll. Für mich als Politikerin ist es gut, dass Social Media keine Einbahnstraße ist, man also Feedback bekommt. Damit muss man aber umgehen lernen. Ich habe auch einen Blog, da sind die Kommentare teilweise schon hart. Wenn mich jemand persönlich angreift, dann nehme ich es nicht persönlich. Aber konstruktive und sachliche Kritik ist wertvoll, und es entwickeln sich oft gute Diskussionen. Wenn ich junge Menschen erreichen möchte, dann muss ich auf solche Medien zurückgreifen: Wieviele junge Leute lesen heute noch Zeitung…

Erreichst Du die wirklich?

Niki Solarz: Unser letztes badgirl-Projekt gegen sexistische Werbung wurde über Facebook verbreitet und es haben sogar Leute aus Wien angerufen die normalerweise die regionalen Salzburger Medien gar nicht konsumieren und es nicht mitbekommen hätten. Gut, das war eine witzige Idee. Wenn ein politisches Thema trocken verpackt ist, dann wird es so auch niemanden wirklich interessieren. Aber die breite Streuung ist super.

Was macht die SPÖ in Salzburg?

Niki Solarz: Es gibt eine Facebook-Seite für zwei Spitzenpolitiker der SPÖ, Gabi Burgstaller und David Brenner. Wir versuchen, mehr Leute zu erreichen, beispielsweise mit einem Facebook-Clubbing. Betreut werden die Seiten hauptsächlich von der Landesparteizentrale. David Brenner kümmert sich teilweise aber auch selbst darum.

Warum haben die beiden Politiker kein Profil auf Facebook?

Niki Solarz: Wenn Sie ein Profil hätten, dann müssten sie es wirklich selbst betreuen. Das ist eine Zeitfrage. Wenn man auf jeden Kommentar antworten möchte, dann ist das natürlich viel Arbeit.

Warum hast Du noch keine Facebook-Seite?

Niki Solarz: Ich weiß es nicht genau, ich glaube ich tue mich mit einem Profil leichter. Ich möchte für mich selbst keine „Fanseite“ anlegen, das kommt mir irgendwie arrogant vor. Außerdem möchte ich Berufliches und Privates nicht komplett trennen.

Hat Privates überhaupt Platz im Social Media-Leben einer Politikerin?

Niki Solarz: Ich glaube, dass das Private oft viel interessanter ist für die Leute. Ich werde ja nicht zu privat. Wenns in der Zeitung stehen könnte, dann schreibe ich es auch auf Facebook. Das ist meine Grenze. Komische Fotos oder so würde ich nicht online stellen. Aber ich habe vor meiner politischen Karriere Facebook bereits privat genutzt – das bin einfach Ich.Niki Solarz und ihr iPhone sind unzertrennlich

Wenn Du Ambitionen hättest, die nächste Landeshauptfrau zu werden, würde Dir Social Media dabei helfen, das Ziel zu erreichen?

Niki Solarz: Wer Social Media in Wahlkämpfen auslässt, schießt sich ein Eigentor…

Warum wird es aber immer noch ausgelassen?

Niki Solarz: Weil eben viele Leute noch keinen Zugang dazu haben, gerade die Älteren. Ich hatte vor kurzem mit einer Mutter ein Gespräch, die nicht verstanden hat wen es interessiert, wenn man auf Facebook „Ich gehe jetzt ins Kino“ schreibt. Ich habe ihr erklärt, dass so viele Leute Smalltalk betreiben, das ist auch viel Blabla und Blödsinn, und über Facebook kann man mit so vielen Leuten gleichzeitig kommunizieren. Man hat das Gefühl dass man immer und überall dabei ist. Ich war vor kurzem in Berlin. Wir hatten zwar WLAN im Hotel, aber ich habe 2 Tage nicht in Facebook reingeschaut. Da hatte ich wirklich schon das Gefühl, ich wäre überhaupt nicht mehr dabei und bekomme nichts mehr mit. Irgendwie wird da ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt, eine eigene, virtuelle Welt, total cool.

Ich merke auch, dass ich mit Leuten viel schneller in Kontakt trete, wenn ich mit ihnen über Facebook verbunden bin. Früher habe ich schon überlegt, ob ich jemanden anrufe, den ich nicht gut kenne. Aber eine Facebook-Nachricht oder Chat mache ich schnell mal.

Ich habe schon so viele positive Erfahrungen damit gemacht: Einmal hatte ich einen Wasserschaden in der Wohnung an einem Sonntag. Das habe ich in Facebook gepostet. 10 Minuten später hatte ich eine Nachricht in meiner Inbox von einer Facebook-Freundin, mit der ich eigentlich so gut wie keinen direkten Kontakt habe, mit der Telefonnummer eines Handwerkers, der am Sonntag auch kommt und nicht zu teuer ist.

Natürlich gibt es auch Probleme, und ich habe auch schon mal schlechte Erfahrungen gemacht. Und als Politikerin muss man dreimal vorsichtiger sein bei dem was man postet. Aber andererseits denke ich mir: Politik ist oft so schnarchfad, dass es auflockernd ist, wenn man etwas postet, das nicht so hundertprozentig der Norm entspricht oder etwas sagt, was man in einem Face-to-Face-Interview nicht so sagen würde.

Wie hältst Du das mit der Social Media-Nutzung während der Sitzungen?

Niki Solarz: Ich mach das schon. In Ausschußsitzungen habe ich immer meinen Laptop mit. Wenn es irgendwas interessantes gibt, dann twittere ich es oder schreibe es auf Facebook. Was manchen überhaupt nicht gefällt.

Es gibt kein Verbot das zu tun?

Niki Solarz: Wie sollen sie mit das verbieten… Es gab schon mal die Überlegung, ob man nicht mehr mit dem Laptop im Ausschuß sitzen darf, was mich ein müdes Lächeln gekostet hat, weil ich es dann mit meinem iPhone posten würde. Das ist das Unverständnis gegenüber Social Media. Man kann es nicht verbieten, weil es schon so viele Zugangsmöglichkeiten gibt. Jeder, der ein internetfähiges Handy hat, kann in Facebook einsteigen.

Wie gehst Du mit Deiner Online-Reputation um? Gibt es Informationen, die vielleicht jemand Anderer über Dich online gestellt hat, oder sogar irgendwelche Jugendsünden?

Niki Solarz: (lacht) Ich habe mir Google Alerts eingestellt, das mich automatisch informiert, wenn was über mich veröffentlicht wird. Aber selbst wenn, kann ich es meistens eh nicht ändern. Das ist halt das Internet. Es wird alles öffentlich, was man macht. Ich schau schon drauf, dass ich nicht mit Alkohol in der Hand fotografiert werde, weil das nicht gut wäre.

Welche Plattformen nutzt Du?

Niki Solarz: Facebook, Blog und Twitter. Alles miteinander verknüpft. Wenn ich viel zu erzählen habe, dann schreibe ich einen Blogbeitrag und poste es auch auf Facebook. Twitter eher selten. Mir gefällt Facebook besser. Mit Twitter kann ich aber einen anderen Nutzerkreis erschließen.

Wieviel Zeit investierst Du am Tag?

Niki Solarz: Das kann man so schwer sagen, eigentlich nicht so viel. Aktiv oder passiv? Wenn ich daheim was am Computer schreibe, dann ist Facebook nebenbei immer offen. Zählt das auch als Nutzung?

Ja. Ich frage mal anders: Wieviele Stunden am Tag bist Du online?

Niki Solarz: In der Arbeit nicht, weil das meiste gesperrt ist. Am Wochenende ist Facebook sicher 10 Stunden offen. Wenn ich spät heimkomme, dann vielleicht 1-2 Stunden. Aktiv posten oder anschauen vielleicht 1 Stunde.

Nutzt Du das Internet auch für die Recherche?

Niki Solarz: Ich nutze fast nichts anderes mehr. Das liebe ich am Internet, dass fast alles zu finden ist. Ich kann es mir gar nicht mehr vorstellen, dass Leute keinen Computer nutzen.

Was wird beispielsweise in Bezug auf Glaubwürdigkeit von Quellen in nächster Zeit auf uns zukommen?

Niki Solarz: Viel. Das ist einer meiner Hauptpunkte im Landtag, bei denen ich dahinter bin: Medienkompetenz. Junge Leute checken die Technik total ab, aber was problematisch ist, ist das Filtern von glaubwürdigen und unglaubwürdigen Quellen, aber da haben ältere Erwachsene auch Probleme. Oft ist den Leuten auch nicht bewußt, welche Folgen gewisse Inhalte haben können, die sie gerade online stellen. Es muss ja nicht immer schlimme Folgen haben. Aber man glaubt ja, dass man im Internet etwas löschen kann und es ist dann wirklich gelöscht. Dem ist aber nicht so. Da ist viel Sensibilisierungsarbeit notwendig.

Glaubst Du, das wir einmal an einem Punkt ankommen, wo alle Politiker online sein (müssen)?

Niki Solarz: Die, die es nicht nutzen wollen, werden es vielleicht nie nutzen, werden aber Probleme haben dadurch. Jetzt ist es noch nicht so schlimm, aber in 5 Jahren vielleicht schon. Aber die Unkontrollierbarkeit verschreckt sie. Vor allem die Pressesprecher sind da extrem restriktiv. Klar, ist ja auch ein Machtverlust für sie. Bis jetzt konnten sie entscheiden, wie was geschrieben wird und wer das erhält. Diese Kontrolle ist damit weg. Auf einmal ist man als PolitikerIn ein selbständiger mündiger Mensch und nicht mehr nur vom Pressesprecher abhängig. Für den Fall dass man selbst in Social Media aktiv ist.

Du wärst nicht bereit, Dir das Recht nehmen zu lassen?

Niki Solarz: Aber sicher nicht. Das mache ich selbst. Für mich ist es schon fast automatisch und nicht mit einem Aufwand verbunden. Eigentlich ist es schon arg: Ich wache in der Früh auf, deaktiviere den Flugmodus und checke als erstes die E-Mails und Facebook. Das sind meine ersten 3 Minuten in der Früh. Das mache ich automatisch. Für jemand anderen ist das ein Aufwand und wie Arbeit. Für mich ist es wie ein Hobby. Es strengt mich nicht an. Es ist wie Zeitung lesen. Hat ja auch nichts mit Aufwand oder Arbeit zu tun. Das Witzige ist, dass ich viele wichtige Themen über Facebook mitbekomme. In Medien kommt ja auch viel vor, das mich nicht interessiert oder betrifft.

Vielen Dank fürs Gespräch.

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