Manuel Daubenberger (24) schreibt gerade seine Magisterarbeit in Politikwissenschaften. Vor einem Jahr hat er den Entschluss gefasst, dies in Quito, Ecuador, zu tun. Gerade hatte er befürchtet, dass sich, trotz Ausnahmezustands, Alltag in seinem Leben in Quito einschleicht, schon schwimmt er mit einem ehemaligen FARC-Rebellen in einem verlassenen Wasserfall. Wie es dazu kam, wie es sich im Ausnahmezustand lebt und wie man den Unabhängigkeitstag in Guayaquil feiert, erfahren Sie hier.

Man soll den Alltag nicht vor dem Abend loben…

Gerade möchte ich schreiben, dass so langsam Alltag in mein Leben eingezogen ist, schon schwimme ich in meiner besten Jeans mit einem ehemaligen FARC-Guerilla in einem Wasserfall, den vor mir noch kein Ausländer zu sehen bekommen hat, während meine Kamera in einem Kondom am Ufer liegt. Aber der Reihe nach!
 
Alltag im Ausnahmezustand
Tatsächlich hat sich in den letzten beiden Wochen etwas Alltag in meinem Leben breit gemacht. Die politische Lage ist momentan stabil, es wird weiter über das Gesetz, aber vor allem darüber diskutiert, wie genau der Chaos-Tag abgelaufen ist. Es gibt nicht wenige Leute, die glauben, dass Correa die Entführung bewusst inszeniert habe, um seine Popularität zurückzugewinnen.
Spannend ist, dass sich Smalltalk etwas verändert hat, egal ob Taxifahrer oder Freunde, letzte Woche begann jedes Gespräch mit der Frage, wie man den Chaos-Donnerstag erlebt habe. Etwas skurril war es aber schon, dass wir Freitagabend ganz normal im Kino saßen, als ob nichts passiert wäre.
 
La vida es una tombola!
Am Samstag war ich bei der Geburtstagsfeier von Jorge Luis. Manchmal ist es echt seltsam, welche Blüten das Leben so treibt. So wie es momentan aussieht, werden er und die amerikanische Austauschstudentin im Dezember heiraten. Schon komisch, dass das alles nicht passiert wäre, wenn ich ihn nicht auf der Straße getroffen, meine singapurischen Freunde mit in den Süden genommen und diese nicht Nichole gefragt hätten, ob sie am Abend nachkommen möchte. La vida es una tombola! […]
 
1000 Dollar für das beste Start-Up
Unter der Woche schrieb ich an meiner Magisterarbeit, führte mein erstes Interview mit einem Professor, der sich auf lateinamerikanische Integration spezialisiert hat und unterrichtete wieder im Amazonas. Dieses Mal allerdings nur einen Tag, weil mir der Programmkoordinator am zweiten Tag das Folgeprogramm zeigen wollte. Dabei wird den Absolventen ein Preisgeld von 1000 Dollar für das beste Start-Up-Projekt angeboten. Sie haben in den nächsten zwei Monaten Zeit, beispielsweise Konzepte für eine Snack-Bar, ein touristisches Sportfischunternehmen oder einen Hektar Agrarnutzfläche zu entwerfen. Es wird sicher sehr spannend, zu beobachten, wie sich die Projekte entwickeln.
 
Unabhängigkeitstag in Guayaquil
Donnerstagabend wartete ich dann am Drogenkontrollpunkt im Amazonas auf den Bus Richtung Quito, von wo es dann weiter nach Guayaquil und an den Strand ging. Während ich an der Kontrolle wartete, die verhindern soll, dass FARC-Drogen in Richtung Quito und Küste gelangen, überlegte ich mir, ob ich mich aufgrund der massiven Maschinengewehrpräsenz sicherer oder unsicherer fühlen sollte. Aber zumindest war die Warterei dank der Drogenkontrollen nicht langweilig.
 
190 Jahre Unabhängigkeit
In Quito traf ich dann den Rest meiner schon eingespielten Reisegruppe. Wir hatten uns entschlossen, in einen Fischerort zu fahren, der nicht im Reiseführer stand. Dort angekommen gab es zwar Hostels, aber diese waren entweder voll oder überteuert. Außerdem war der Ort zwar spannend, aber baden hätte man im versifften Hafen eher nicht können. Somit fuhren wir zurück in den Touristenort Playas und machten uns dort einen gemütlichen Strandtag mit Fisch, Hummer und Bier.

Heruntergekommener Hafen, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

Am nächsten Morgen fuhren wir dann weiter nach Guayaquil, um den 190. Jahrestag der Unabhängigkeit der größten Stadt Ecuadors zu feiern. Am Mittag feierten die Guayas ihre Unabhängigkeit mit einer Parade, die im Wesentlichen nur aus Cheerleadern und Marschkapellen bestand.

Im Anschluss schauten wir uns ein vom Reiseführer als Potemkinsches Dorf bezeichnetes renoviertes Barrio an. Nach den Höhepunkten der Unabhängigkeitsfeiern, einem Feuerwerk und einem Konzert, kehrten wir in das zu diesem Zeitpunkt extrem überfüllte Barrio zurück. Wieder einmal wurde mir sehr anschaulich demonstriert, dass persönlicher Raum in Ecuador anders definiert wird als in Deutschland. Und so musste ich mich nicht wirklich viel bewegen, sondern wurde eher die Treppe nach oben geschoben, auch wenn es gerade keinen Anlass zu drängeln gab.

Überraschenderweise wurden im Barrio die Vorschriften über die Höchstzahl an Gästen eingehalten, so dass wir kein Lokal fanden, dass uns Einlass gewährte. Wir zogen deshalb weiter in die Zona Rosa und in eine Bar, in der eine weniger talentierte Sängerin, ein weniger zahlreich erschienenes Publikum zu unterhalten versuchte.

Leguan vor dem "Leguane nicht füttern"-Schild, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

Sonntags besuchten wir den Parque Simon Bolivar, in dem Iguanas leben. Kurz darauf saßen wir auch schon wieder im Bus und schwitzten uns zurück in die kühlen Berge.

 
Unterricht im Dunklen
Nachdem ich mich mit meinem Professor endlich auf eine Hypothese meiner Magisterarbeit geeinigt hatte, fuhr ich wieder in den Amazonas, um zu unterrichten. Und nachdem ich befürchtet hatte, dass sich langsam Normalität in meinem Leben breit machen würde, wurde ich den ganzen Tag wieder daran erinnert, dass ich in einem Entwicklungsland bin. Zuerst kam ich zu spät zum Unterricht, da der Bus aus unerfindlichen Gründen wesentlich länger brauchte als in den letzten Wochen. Da der Unterricht hier allerdings nie pünktlich beginnt, war das kein Problem. Geplant war, Verben und ihre Vergangenheitsformen zu üben.

Da allerdings nur eines der Lichter im Klassenzimmer funktionierte und damit, ausnahmsweise nicht wegen meiner schlechten Handschrift, keiner lesen konnte, was ich an die Tafel schrieb, musste ich improvisieren. Und so erzählte ich im Kerzenschein meine Lebensgeschichte auf englisch und fragte sie anschließend, wie viel sie verstanden hatten. Im Anschluss fehlte dann der Pick-Up, der uns normalerweise zurück in den Ort bringt, wo ich untergebracht bin. Wir nahmen also den Bus Richtung Quito bis zur nächsten Kreuzung. Von dort machten wir uns auf den fünf Kilometer langen Fußmarsch Richtung Baeza, vor dem uns glücklicherweise ein vorbeikommender Pick-Up nach dem ersten Kilometer erlöste. Zuhause angekommen, stellten wir fest, das mein Zimmer abgeschlossen war und da das Zimmer nicht ihm gehört, hatte David auch keinen Schlüssel. Somit teilten wir uns sein 80 Zentimeter breites Bett für eine Nacht.

 
Die Kamera im Kondom
Nach einer Nacht, die nicht gerade als die erholsamste in meiner Biografie erscheinen wird, traf ich mich früh am Morgen mit einem meiner Schüler, der mir einen Wasserfall zeigen und Englisch mit mir üben wollte. Luis ist 25, ist seit vier Jahren verheiratet und hat zwei Söhne. Er ist überzeugter Anhänger des Präsidenten Correa und fuhr deshalb am Chaos-Donnerstag nach Quito, um in den Straßen die „Bürgerliche Revolution“ zu verteidigen. Das wusste ich bis dahin, später erfuhr ich allerdings noch wesentlich mehr.

Auf seinem Motorrad machten wir uns auf den Weg zu einem sehr untouristischen Wasserfall. Aber beim bloßen Anschauen sollte es nicht bleiben und so rächte sich später noch die Tatsache, dass ich nicht für mehrere Tage oder einen Trekkingausflug gepackt hatte und aufgrund der für den Abend geplanten Rückkehr nach Quito mein Handy, meine Kamera, meinen MP3-Player und mein Netbook dabei hatte.
Am sehr zahmen „Rio Loco“ machten wir das nächste Mal Halt. Luis versteckte sein Motorrad und wir begannen den Fluß entlang zu laufen. Es wurde immer schwieriger, mich und meinen Rucksack trocken zu halten.

Manuel vor dem Wasserfall, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

Nachdem der mit Luis befreundete Besitzer des Grundstücks uns eingeholt und wir eingesehen hatten, dass es nicht trocken weiter gehen würde, ließen wir den Großteil unseres Gepäcks zurück, um mit einem Seil und Stämmen den Fluß zu überqueren. Aus Ermangelung einer Tüte zweckentfremdete ich ein Kondom für meine Kamera und hoffte auf mein Glück des Dummen.

 
Der Ritt auf der Naturrutsche
Im Anschluss kletterten, rutschten und schwammen wir bis zu einem Wasserfall, den Luis Freund, der auf den Spitznamen „Mario Loco“ hört, als „Naturrutsche“ bezeichnet. In einer Verengung des Flusses rutscht man entlang, bis man mit dem Wasserfall vier Meter in die Tiefe stürzt. Dafür allein hatte sich die Kletterei gelohnt.

Die "Naturrutsche", (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

Nachdem wir und meine Kamera den Abstieg überlebt hatten, lud uns Mario zum Mittagessen ein und ich kam hoffentlich zum ersten und letzten Mal in den Genuss von Schweinehaut.
Im Anschluss zeigte mir Luis sein Zuhause. Zusätzlich zum Englischunterricht, den er am Wochenende gibt, hat er dort eine kleine Hühnerfarm aufgebaut, mit der er sich 250 Dollar im Monat dazu verdient.
Den ganzen Tag hatten wir über das Leben und die Politik in Ecuador diskutiert, jetzt erzählte er mir mehr seiner eigenen Geschichte. Mit 14 Jahren ging er mit seinem Bruder nach Kolumbien, um sich der Rebellengruppe FARC anzuschließen. Vier Jahre pflückte er dort Kokablätter, bis er den doch eher am eigenen Gewinn als der Sache interessierten Guerrilleros entidealisiert den Rücken kehrte. Im Anschluss lebte er in Quito und musste dort schließlich in eine Entzugsklinik, da er kokainabhängig geworden war. Mit 21 heiratete er seine zwei Jahre jüngere Frau und es kehrte Ruhe in sein Leben ein.

Mittlerweile habe ich unzählige Einladungen, mir die verschiedenen Tätigkeiten meiner Schüler anzuschauen, Aber zunächst lasse ich mir von Jorge Luis mehr vom Süden Quitos zeigen. Damit ist auch nach sechs Wochen noch keine Spur von Alltag zu erkennen.

 
Entonces hasta la próxima!