Manuel Daubenberger (24) schreibt gerade seine Magisterarbeit in Politikwissenschaften. Die vierte Woche lässt sich guten Gewissens als Ausnahmewoche beschreiben. Beim Straßenfest in Latacunga tauchte Manuel Daubenberger noch im geplanten Chaos unter. Von Hexen „geheilt“ unterrichtete er dann zum ersten Mal. Warum er dort länger bleiben musste, als geplant und wie es ist, im Ausnahmezustand zu leben, lesen Sie diese Woche in seinem Blog.

Ausnahmewoche!


Turbulenter kann eine Woche kaum sein. Und wer weiß, ob es die „Reinigung“ der Hexen auf dem Straßenfest „Mamá Negra“ war, aber das Wochenende und die folgende Woche unterschieden sich sehr deutlich…

Betrunken für die Schutzheilige
Jedes Jahr Ende September wird in Latacunga, zwei Stunden südlich von Quito, das Fest der Mamá Negra gefeiert. Ursprünglich war dies ein ausschließlich religiöses Fest zu Ehren der Schutzheiligen „Virgen de la Mercedes“. Die Bewohner Latacungas danken der Jungfrau alljährlich dafür, dass sie die Stadt vor dem nahegelegenen Vulkan Cotopaxi beschützt. Dass die Stadt dreimal der Wut des Vulkans zum Opfer fiel, wird dabei geflissentlich ignoriert. Der Legende nach hatte ein Priester zu wenig Essen und Trinken zur Verfügung gestellt und wurde deshalb nachts von der Mamá Negra, also der Schwarzen Mutter, heimgesucht. Seither gibt es auch als Mamá Negra verkleidete Teilnehmer bei den Straßenumzügen.

Markt, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

Nachdem Rachel glücklicherweise über das Festival in ihrem Reiseführer gelesen hatte, machte ich mich gemeinsam mit fünf anderen Austauschstudenten am Freitagnachmittag auf den Weg, um frühzeitig am Samstagmorgen mit den Einheimischen feiern zu können. Bereits am Freitagabend bekamen wir noch das Ende des Zuges mit. Im Anschluss gingen wir in die beste Disko der Stadt, die sowohl von der Qualität der Musik, als auch von der Besucherzahl sehr stark an die Dorfdisko in meiner Heimat erinnerte.

Am Samstagmorgen war erst einmal nichts von einem Straßenfest zu sehen, aber da auch Markttag war, gab es trotzdem eine Menge spannender Dinge zu sehen. Interessant waren vor allem, die unterschiedlichen Verhaltensweisen der multikulturellen Gruppe, mit der ich unterwegs war.

Essensstand, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

Daniel, ein chinesischstämmige Singapurer, ist gerade dabei Gewicht zuzulegen und hat sicher großen Anteil daran, falls demnächst viele Kinder von Straßenverkäuferinnen auf die Universität gehen können. Muni, eine muslimische Singapurerin, trinkt zwar Alkohol, verzichtet aber auf Schweinefleisch. Und Enbar, eine Israeli, hatte nicht nur Schwierigkeiten halbwegs koscher zu essen, sondern hatte sich in La Paz so dermaßen den Magen verdorben, dass ihre Einstellung zu Straßenständen zwischen gesunder Vorsicht und Paranoia schwankte. Am spannendsten war es allerdings Ricardo, einen US-Amerikaner mexikanischer Abstammung, zu beobachten. Er probierte vom lebendigen Wurm mit angeblich heilender Wirkung, über Schweineschwanz bis zum Schweineuterus alles, was ihm angeboten wurde. Nebenbei verwickelte er die Marktfrauen in lange Gespräche oder ließ sich die verschiedenen zum Verkauf stehenden Fischarten erklären.

Fischverkäufer, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

Aus einem dieser Gespräche erfuhren wir leider auch, dass der Samstag der Ruhetag der Mamá Negra ist und erst am Sonntag wieder Umzüge seien. Da einige wichtige Dinge für die Universität zu erledigen hatten und Muni sich mit anderen Freunden in Quito verabredet hatte, um in ihren Geburtstag reinzufeiern, blieben nur Ricardo und ich noch eine weitere Nacht.

Nach einer von billigem Bier geprägten Nacht waren wir am nächsten Morgen relativ pünktlich am Straßenrand.

Straßenumzug, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

Der Umzug besteht aus tanzenden Folkloregruppen, Blaskapellen, die alle nur zwei Lieder kannten und den „Ashangueros“. Diese tragen ein mit gerösteten Meerschweinchen, Hühnchen, Schnapsflaschen und Zigaretten verziertes, geröstetes Schwein auf dem Rücken. Damit sie diesen Kraftakt überstehen, werden sie von Handlangern mit Schnaps versorgt und können ihr schweres Gepäck alle zehn bis 15 Meter auf einem Tisch abstellen. Begleitet werden alle Gruppen von Kindern, Frauen und Männern, die den Zuschauern alkoholische Getränke einflößen. Bevorzugte Opfer sind Touristen. Da wir die morgendliche Parade hauptsächlich vom Frühstück auf dem Markt verfolgten, kam ich beim Umzug am Morgen noch relativ ungeschoren davon.

Zum Mittagessen probierte ich dann zum ersten Mal das weltberühmte Meerschweinchen. Es schmeckt wie fischiges Hühnchen, also eine spannende Erfahrung, aber nochmal muss nicht unbedingt sein. Ricardo genügte die Exotik des Tieres mal wieder nicht und er aß auch Zunge und Augen. Ich dachte zwar, ich wäre relativ abenteuerlustig beim Essen, aber bei den Abartigkeiten, die Ricardo so probiert, muss ich dann leider passen.

Zum Umzug am Nachmittag kehrten dann auch Daniel und Muni aus Quito zurück. Als Chinese verträgt Daniel nicht sonderlich viel und wird nach ein-zwei Bier bereits schläfrig. Dies und die Tatsache, dass er gute Fotos aus der ersten Reihe machen wollte, rächte sich sehr schnell. Nach kürzester Zeit war er dermaßen abgefüllt, dass wir ihn später zum Bus stützen mussten und er die komplette Rückfahrt schlief.
Nachdem ich mich zu Beginn des Umzugs eher im Hintergrund gehalten hatte, wollte ich die letzte Viertelstunde dann noch von etwas weiter vorne sehen. Als einziger Gringo weit und breit, war das Ergebnis relativ absehbar: Nach zehn Minuten und jeglicher Art von Schnaps und fermentierten Getränken der Umzugsteilnehmer und süßem Ecua-Wein und Bier der umstehenden Zuschauer, ereilte mich zwar nicht das gleiche Schicksal wie Daniel, aber dennoch hatte ich gut einen sitzen. Der „Höhepunkt“ war die „Reinigung“ durch die Hexen, die mich zuerst mit Zweigen,Stöcken und Rauch traktierten, dann mit Schnaps bespuckten, um mir abschließend den hochprozentigen Aguardiente einzuflößen.

Die Reinigung scheint jedoch funktioniert zu haben, denn nach dem Sündenwochenende machte ich mich auf ins Amazonasgebiet, um etwas Sinnvolleres zu tun.

Berggipfel, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

It´s my life im grünen Paradies
Zwei Stunden sind es mit dem Bus von der Universität in Cumbaya nach Baeza im beginnenden Amazonasgebiet. Die Straße schlängelt sich von 2800 Metern zwischen zwei Nationalparks auf 1500 m. Und dementsprechend atemberaubend ist die Landschaft: Von exotischen Pflanzen überwucherte Hügel und Berge; Vulkane; Flüsse und Wasserfälle, die das Wasser der Anden bis zum entfernten Amazonas tragen. In Baeza war ich im Haus des Betreuers und bisherigen Englischlehrers untergebracht. David war vor zwei Jahren noch im Beratungsstab des Umweltministeriums, da er allerdings nicht mit der Informationspolitik während der Grenzstreitigkeiten mit Kolumbien einverstanden war, verließ er die Regierung Correas. Kurz zu den Hintergründen: 2008 hatte das kolumbianische Militär einen Angriff auf einen hohen FARC-Guerrillero auf ecuadorianischem Grenzgebiet verübt. Zu Recht empörte sich Ecuador damals über die Verletzung seiner Souveränität. Die Tatsache, die David zum Rücktritt veranlasste, war dass große Teile dieser Empörung inszeniert waren. Im Gegensatz zu öffentlichen Aussagen, habe die ecuadorianische Regierung sehr gut über die Aktivitäten der FARC im ecuadorianisch-kolumbianischen Grenzgebiet Bescheid gewusst.

Klasse, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

Der Unterricht findet in San Francisco de Borja statt. Von Baeza fährt man zehn Kilometer entlang der Trans-Ecuatoriana. Die Trans-Ecuatoriana ist eine Pipeline, die das Öl aus dem Osten des Landes an die Küste transportiert. Seit der Konstruktion in den sechziger Jahren hat es unzählige Lecks gegeben und große Teile des Regenwaldes wurden dabei zerstört.

Neben dem bereits relativ harten Alltag gehen die ungefähr 40 „Schüler“ im Alter von 14 bis 47 jeden Abend von fünf bis neun in den Zusatzunterricht. Einige studieren in Quito oder der nächstgelegenen Stadt El Chaco, andere gehen noch zur Schule, aber ein Großteil ist täglich damit beschäftigt sich selbst oder ihre Familie zu ernähren. Viele arbeiten auf Fincas, das heißt sie ernten Obst oder Gemüse, einige sind Touristenführer oder Handwerker. Viele, in meinem Alter, haben bereits mehrere Kinder. Fünfzig Prozent haben noch nie das Meer gesehen, das mit dem Bus in sieben Stunden zu erreichen ist. Schlussendlich, die meisten haben einen Lebenshorizont, der sich von allen Personen, mit denen ich bisher engeren Kontakt hatte, drastisch unterscheidet.

Am ersten Tag hatte ich nur eine halbe Stunde Zeit, um ein wenig herauszufinden, wie es um die Englischkenntnisse bestellt ist. Die restlichen dreieinhalb Stunden probten Jungs und Mädels getrennt ein letztes Mal ihre Choreographien für ein Video, das am Ende des Tages gedreht wurde. Die Jungs hatten ein kitschiges Boyband-Lied ausgewählt und die Mädels hatten sich für das noch kitschigere „My heart will go on“ entschieden. Schön war allerdings der Enthusiasmus und die Kreativität mit dem sie bei der Sache waren. Das derzeitige Lieblingslied aller ist „It´s my life“ von Bon Jovi, zu dem sie in der von ecuadorianischen Volkshelden und dem obligatorischen Che-Gemälde gesäumten Schulaula im Anschluss durchdrehten.

Nach dem Unterricht fuhren wir jeden Abend mit 10-15 Personen in und auf der Ladefläche eines Pick-Ups zurück nach Baeza. Dass manchmal zehn Personen auf der Ladefläche sitzen, stört den Fahrer eher weniger und 70 km/h fühlen sich dort etwas anders an als im Wageninneren. Bei Regen müssen die beiden Personen, die hinten links und rechts sitzen, eine Plane festhalten, um die andere Passagiere trocken zu halten.

Am zweiten Tag begann ich dann mit dem richtigen Unterricht. Um das bisher gelernte zu wiederholen und wiederum den Stand der Kenntnisse herauszufinden, ließ ich sie Dialoge verfassen. Das realistischste Szenario für die große Mehrzahl der Leute ist ein Gespräch mit einem Touristen. Auch wenn manche sehr große Schwierigkeiten haben, war ich extrem begeistert von der großen Kreativität der Dialoge.

Am dritten Tag hatte ich mich mit David darauf verständigt, Fußballvokabeln zu üben. Zunächst besprachen wir im Klassenzimmer die Vokabeln, die man beim Fußball braucht. Dabei musste ich erst einmal erklären, dass es football und nicht soccer heißt. Denn nur weil die Amis nicht spielen können, heißt das noch lange nicht, dass sie ihre eigenen Wörter für den schönsten Sport der Welt erfinden dürfen. Dank der weltweiten Presseaufmerksamkeit, war die Vokabel „dead octupus“ ebenfalls unerlässlich. Den Rest des Abends spielten wir Fußball, um die gelernten Begriffe anzuwenden.

Beim Feierabendbier klärte mich David über die Erdölexploration im ecuadorianischen Regenwald auf. Und nach dieser etwas ernüchternden Prognose über den „Schutz“ des Yasuni-Gebietes kann ich das Zögern Dirk Niebels, die Gelder zu genehmigen, leider etwas besser verstehen.

Wie spannend der Donnerstag werden würde,ahnte ich beim Aufstehen noch nicht. Eigentlich war geplant, nachts nach Quito zurückzufahren. Doch aufgrund eines Gesetzesentwurfs, der gewisse Privilegien der Polizei und des Militärs einschränkt, streikte und protestierte die Polizei im ganzen Land. In einem Land, dass sowieso schon recht gefährlich ist, eine dramatische Aktion. Im ganzen Land wurden Banken ausgeraubt und Menschen auf offener Straße überfallen. Im Laufe des Tages radikalisierten sich die Proteste. Correa zeigte sich mal wieder als großer Populist und rief die Demonstranten bei einer Rede dazu auf, ihn zu töten, wenn sie wollten, er werde keinen Schritt zurückweichen. Die Bundesstraßen nach Quito waren blockiert, die Flughäfen wurden geschlossen und in Quito lieferten sich protestierende Polizisten Straßenschlachten mit Anhängern des Präsidenten und attackierten diesen selbst. Am frühen Nachmittag machte der Präsident den großen Fehler, wie geplant zur Nachuntersuchung einer Operation in ein Polizeikrankenhaus zu gehen. Dort wurde er anschließend festgehalten. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen. Bei der nächtlichen Befreiungsaktion wurde ein Polizist getötet.

Nachrichten schauen, fühlt sich anders an, wenn man davon betroffen ist. Nachdem das Land in den vergangenen 15 Jahren, drei gewaltsame Putsche durchgemacht hat, waren natürlich alle sehr gespannt. Eigentlich war ich mit einem Schüler eineinhalb Stunden vor Unterrichtsbeginn verabredet, um englisch zu üben. Doch als Mitglied der Revolutionären Jugend Ecuadors hatte er dann Besseres zu tun. Wo und wie er die Revolution verteidigte, weiß ich bisher noch nicht. Da das Amazonasgebiet enorm friedlich ist, machten wir ganz normalen Unterricht, mit dem kleinen Unterschied, dass ich komplett verstehen konnte, dass einige lieber Radio hörten als dem Unterricht zu folgen. Für sie ist das ganze allerdings eher eine spannende Radiosendung, denn sowohl im Guten und im Schlechten sind sie von der Politik der Hauptstadt nur sehr gering betroffen.

Am nächsten Tag stabilisierte sich die Situation und wir konnten nach Quito zurückkehren. Der Ausnahmezustand gilt allerdings weiterhin und Unterricht findet momentan nicht statt.

Was für eine Woche!!!!
Das Wochenende war großartig, die Arbeit mit den Jungs und Mädels macht sehr viel Spaß, da sie extrem motiviert und trotz Alltagssorgen sehr lebensfroh sind. Außerdem wurde ich von Anfang an, sehr freundlich aufgenommen. Ich freue mich sehr darauf, ab jetzt jede Woche zurückzukommen und dabei auch den Vorteil zu nutzen, dass meine Schüler als Touristenführer in einer traumhaften Landschaft arbeiten!

Auch wenn ich die oberste Journalistenpflicht verletzt habe und nicht am Ort des Geschehens war, bin ich ganz froh, dass ich das Treiben in Quito aus sicherer Entfernung verfolgen konnte. Spannend bleibt es auf jeden Fall und vermutlich ist das auch genau der Grund, weswegen ich meine Magisterarbeit hier schreibe und nicht in München in der Bibliothek sitze.

Entonces, hasta la próxima!