Die Fernsehbilder gestern zeigten rote Anhänger mit Tränen in den Augen, schwarze Politikprofis mit versteinerter Miene, enttäuschte Grüne Gesichter und blauer Jubel, der den Sprechchören nach eher auf den Sieg im Wiener Derby statt auf 27% bei den Wahlen schließen ließ. Die Parteien waren sich einig, Strache hat gewonnen, alle anderen verloren. Doch auch das stimmt nicht ganz.

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Die SPÖ sah das Ergebnis schlechter, als es ist.

44%. Das ist fast jeder zweite Wähler. 44% der Wähler haben der SPÖ und deren Politik zugestimmt. Das ist sehr beachtlich, nur einige wenige Prozentpunkte verloren. Und trotzdem war die Stimmung in der Zentrale und auf der Wahlparty schlecht. Natürlich, die absolute Mehrheit wurde verloren, ein Luxus, den man sich 5 Jahre zuvor erkämpft hat. Regieren wird jetzt nicht mehr so einfach, die SPÖ muss sich mit einem Partner absprechen. Nur, die möglichen Partner sind so schwach, dass Häupl immer noch fast alleine das Sagen hat. Also, warum eigentlich eine so finstere Mine? Diese paar Prozent darf eine politische Partei auch einmal verlieren.

Die FPÖ jubelt, über was?

Heinz Christian Strache hat es geschafft, er ist mit seinem Vorbild Jörg Haider gleich gezogen. 27%, ein unglaubliches Ergebnis. Fast ein Drittel der Bevölkerung hat ihn gewählt. Gleichzeitig hat er sich einmal mehr mit einem Wahlkampf ins politische Abseits gestellt und darf nun wieder nicht mitregieren. Klar, ich traue ihm (bzw. eigentlich Kickl) zu, dass die FPÖ gar keine Verantwortung übernehmen will. Nur, warum geht dann jemand in die Politik? Um die Wählerstimmen zu maximieren und Förderungen zu kassieren oder um gestalten zu dürfen? Ja, die FPÖ hat natürlich die Wahl gewonnen, als einzige Partei Stimmen dazu gewonnen, aber sie können mit diesen Stimmen nichts anfangen. Der Spitzenkandidat geht wieder in die Bundespolitik und Oppositionspolitik in Wien wird noch schwerer, da eine Partei weg fällt.

Die ÖVP, nur noch Mittelmaß.

Die Schwarzen haben am meisten verloren. Sie sind weit zurück gefallen, Marek hat einen schlechten Wahlkampf verdient schlecht abgeschlossen. Nun stehen sie wieder vor dem Vizebürgermeisterstuhl und können sich freue, die nächsten fünf Jahre mitregieren zu dürfen. Ich verstehe die Enttäuschung bei den Funktionären, das Ergebnis ist happig. Aber Marek wird nun Vizebürgermeisterin, immerhin hat sie ein kleines Ziel erreicht.

Die Grünen, das gleiche Bild, die alte Leier.

Und wieder einmal wird es wohl nichts mit einer Regierungsbeteiligung der Grünen. So spannend und interessant diese Idee auch wäre, die Grünen sind für einen Bürgermeister als Juniorpartner wohl zu unangenehm (diese Gedanken sind politisch durchaus legitim). In Bregenz funktioniert diese Variante übrigens hervorragend. Die Grünen wollen mitregieren, sie wollen gestalten, Verantwortung übernehmen. Sie haben ihre Themen und ihr Klientel. Und zur Wahl hin haben sie große Probleme, diese Ansichten an die Öffentlichkeit zu bringen. Das einzige was klar war: Vassilakou will regieren. Theoretisch wäre es jetzt möglich, praktisch wird es wohl wieder nichts. Und dann heißt es wieder: fünf Jahre warten, danach wieder die alte Leier.

Nun, wer hat gewonnen? Eigentlich niemand. Die einen wollen regieren, dürfen aber nicht, die anderen wollen gar nicht. Und doch kam mir währen des Schreibens dieses Artikels eine Idee, wer vielleicht als Gewinner da stehen könnte: Nämlich die Wienerinnen und Wiener. Wien wird jetzt nicht mehr Absolut regiert, der ganze Postenschacher und Machtfilz der SPÖ ist nicht mehr so einfach, sie müssen sich rechtfertigen und haben jetzt quasi eine Opposition in der Koalition.