„Die SPÖ sitzt fest, ist noch immer stolz auf Bruno Kreisky und die Gratisschulbücher“, so Klaus Werner-Lobo von den Wiener Grünen.

Stefan Egger und Dieter Zirnig treffen Klaus Werner-Lobo im Milo im Museumsquartier. Wir genießen die letzten Herbst-Sonnenstrahlen, sitzen um Freien und Essen. Klaus Werner-Lobo tritt bei der Wienwahl 2010 für Die Grünen an und ist als Quereinsteiger auf Listenplatz 10 gelistet. Er ist Autor zahlreicher Bücher (Schwarzbuch Markenfirmen, Schwarzbuch Öl, etc.), war freier Journalist für Falter, profil, Standard, taz, etc. und ist Globalisierungskritiker. Spiegel online reihte ihn 2007 neben Noam Chomsky, Naomi Klein, Michael Moore und Jean Ziegler zu den „Stars der alternativen Globalisierung„.

Im neuwal-Interview geht es uns um Bildung, Arbeit, Soziales, Veränderungen, Koalitionen und um mehr als 30 grüne Ideen. Klaus Werner-Lobo geht es um Rot-Grün,  um Mitregierung in Wien und um Vorzugsstimmen.

» neuwal Frischlingsrunde: “Die Grünen stellen die Vielfalt dar, die zu Wien passt!”, Joachim Kovacs (Grüne Ottakring)
» Einfach um die Spur zu richtig gemacht: Die Wahlplakate der Grünen. #wien2010


Bilder (CC) Dieter Zirnig

Stefan Egger und Dieter Zirnig (neuwal): Wie geht es Dir beim Wahlkämpfen?

Klaus Werner-Lobo (Die Grünen Wien): Super! Man hat die Erlaubnis, jeden Tag mit hunderten Leuten zu Reden und in Kontakt zu treten. 80 % der Arbeit ist Leute anzulächeln. Und 80 % der Leute lächeln zurück. Ich kann mit wildfremden und lauter netten Leuten. Wenn man sich außerhalb eines Wahlkampfes so verhält, dass man Leute anlächelt, dann kommen irgendwann die Männer mit den weißen Mänteln und bringen Dich in die Psychiatrie. Das ist eine Zeit, wo es irgendwie erlaubt ist, ein eigentlich normales Verhalten an den Tag zu legen.

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Sind die Leute nicht genervt von dem Wahlkampf, der jetzt zu Ende geht? Und gehen die Leute offen auf Dich zu?

Klaus Werner-Lobo: Mich hat es erstaunt. Ich habe damit gerechnet, dass man als Grün-Politiker im Wahlkampf angefeindet wird. Ich bin kein einziges Mal angefeindet worden. Eignetlich ganz im Gegenteil. Das Echo ist positiv und ich komme mit vielen Leuten ins Reden.

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Was erlaubst Du Dir im Wahlkampf noch?

Klaus Werner-Lobo: Ich erlaube mir, so ehrlich wie möglich zu sein. Ich rede über Konflikte und sage, was wir Grüne beitragen möchten. „Wir können das allerdings nicht alleine machen, sondern brauchen dazu wir euch“, sage ich. Als Klaus Werner-Lobo oder als Grüner kann ich nicht alleine die Stadt oder die Welt retten.

Ich möchte viele Menschen ermutigen, politisch aktiv zu werden. Nicht unbedingt jetzt in einer Partei, sondern aktiv an der Gestaltung teilzunehmen. Jeder der das macht, ist politisch aktiv.

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Wie geht es Dir mit Themen und Inhalte. Es gibt das Zitat, das Wahlkampf die Zeit der „fokussierten Unintelligenz“ ist. Das klingt jetzt nicht so, was du behauptest.

Klaus Werner-Lobo:

Das impliziert die Behauptung, dass außerhalb des Wahlkampfes intelligenter zugeht. Was nicht stimmt.

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Die Parteipolitik dazu… ist die Parteipolitik nervend oder gehört das dazu?

Klaus Werner-Lobo: Es stört Leute, wenn ich sie darauf hinweise, wie verlogen die SPÖ ist und antworten: „Streitets nicht“. Ehrlich gesagt, finde ich es notwendig. Die SPÖ regiert seit 60 Jahren. Als Politiker muß ich auf die Unterschiede hinweisen. Je mehr ich diese SPÖ kennenlerne, umso mehr merke ich, dass die eigentlich das Hauptproblem sind. Weil:

Strache regiert nicht und wird nie in dieser Stadt regieren. Die SPÖ macht aber zum Teil die Politik, die Strache fordert.

Die SPÖ gibt sich als die Tollen, Weltoffenen, Freundlichen, Toleranten und Integrativen. Wenn man sieht, welche Gesetze sie beschlossen haben und welche sie nicht beschließen, dann merkt man, dass sie eine strukturell abgrenzende, ausgrenzende und teilweise rassistische und menschenfeindliche Politik betreiben. Dann versuchen sie noch so zu tun, als ob die Wiener SPÖ mit der Bundes-SPÖ nichts zu tun hätte; sie ist aber dieselbe Partei. Häupl soll sagen, dass „die rote Karte für Asylwerber, die Minister Darabos gemeinsam mit Ministerin Fekter einführen wird, nicht geht“. Er soll aufstehen und sagen, „ich möchte nicht, dass Arigona abgeschoben wird“. Und dann sollen sie in Wien kein Bettelverbot einführen.

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Letztendlich wird auf irgendeine Art von Koalition hingearbeitet. Das heißt, wenn man streitet, muß man später wieder Kompromisse suchen. Ist das nicht ein bisschen ein Widerspruch?

Klaus Werner-Lobo: Das ist gar kein Widerspruch. Wenn ich mit meiner Freundin streite, muß ich – wenn wir weiter zusammenleben wollen – auch einen Kompromiss suchen.

Ein guter Kompromiss ist die gute, vernünftige und logische Folge eines guten Streits. Das müssen wir lernen. Wir möchten Rot-Grün in Wien, dass hat es in Österreich noch nie gegeben.

Inhaltlich würd das sogar funktionieren“. Es wird mit Sicherheit einen SPÖ-Bürgermeister geben. Sollten sie sich trauen, wird es eine Grüne Vize-Bürgermeisterin geben.

Wir müssen daher auch viele Kompromisse schließen, da wir nicht so stark sein werden. Ich möchte transparent kommunizieren und sagen: „Ich hätte es gerne anders gehabt, aber ist sich nicht ausgegangen, weil wir nicht die absolute Mehrheit haben“.

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Transparenter als bei den rot-grünen Projekten, die es gibt und die gegen viel Widerstand durchgesetzt werden und letztendlich als SPÖ-Erfolge verkauft werden?

Klaus Werner-Lobo: Man verhandelt mühsam gegen viel Widerstand. Und dann sagt irgendwann die SPÖ: „Das haben wir erfunden“. Wir freuen uns trotzdem, dass es umgesetzt wird. Das ist keine Frage der Intransparenz, sondern eine Frage der Medienmacht und Werbemaschinerie, die wir nicht haben.

Wir Grüne haben 1 % des Wahlkampfbudgets der SPÖ. Für jeden Euro den wir ausgeben, kann die SPÖ 100 Euro ausgeben.

Die SPÖ hat zusätzlich Zugriff auf die gesamte Stadt, Vorfeldorganisationen und den Presseinformationsdienst der Stadt Wien (mit einem Jahresbudget von 100 Millionen Euro). Die SPÖ kann die Stadt und Medien zupflasternen. Viele Medien schreiben auch sehr unkritisch über die SPÖ. Wir haben schlicht und einfach nicht die mediale Power, unsere Dinge so zu kommunizieren, wie wir es gerne würden.

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Das Thema „Ideen und Projekte“ ist gefallen. Was sind die grünen Ideen und Projekte in Wien?

Klaus Werner-Lobo: Der bekannteste Projektbetreiber der Wiener Grünen ist Christoph Chorherr mit der autofreien Siedlung, dem Wiental-Highway, dem Biomasse-Kraftwerk und weiteren 30 umgesetzten grünen oder rot-grünen Projekten.

Was ist der Unterschied zwischen einem Projekt und einer Mitregierung?

Wir möchten, dass Projekte wie die ‚Autofreie Siedlung‘ in Wien ungesetzt werden.

Warum kann man dieses Wissen nicht für den Bau des neuen Hauptbahnhofes verwendet werden? Hier arbeitet man auf einer Fläche des 8. Bezirks mit Standards des 20. Jahrhunderts. Man kann es partizipatorisch mit den zukünftigen BewohnerInnen und BetrieberInnen angehen. Warum kann das ganze nicht komplett mit Solardächern überdacht werden…

…den Vorschlag gab es ja, wurde aber abgeschmettert…

Klaus Werner-Lobo: …wir haben den Vorschlag ja gemacht.

Die Politik der SPÖ ist in den 70er-Jahren stecken geblieben und ist darauf noch stolz: „Wir haben ja mit dem roten Wien in den 70ger-Jahren und Bruno Kreisky…“

…40 Jahre später…

Klaus Werner-Lobo: ….und dafür brauchen sie uns Grüne. Wir Grüne sind dafür notwendig, die Wiener SPÖ aus dem Jahr 2070 (Anm.: Klaus, du meintest sicherlich 1970) ins Jahr 2010 und darüber hinaus zu tragen. In Wahrheit denken wir schon über 2020 und 2030 nach.

Die SPÖ sitzt fest und ist noch immer stolz auf Bruno Kreisky und die Gratisschulbücher.

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Die Grünen bringen den frischen Wind, den Frau Marek verspricht?

Klaus Werner-Lobo: Das verwende ich nicht. Frischer Wind wird schnell zu heißer Luft.

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Die Idee, 100 Euro/Jahr für öffentlichen Verkehrsmittel wird sehr stark kritisiert…

Klaus Werner-Lobo: Ich denke, auf der einen Seite fehlen ca. 150 Millionen Euro, die die Stadt den Verkehrsbetrieben geben müßte (derzeit sind es 300 Millionen Euro, danach 450 Millionen).

Auf der anderen Seite: Der Presseinformationsdienst der Stadt Wien verschlingt 100 Millionen Euro/Jahr. Das Skylink-Debakel mit 800 Millionen Euro (das Doppelte, was geboten wurde). Der Hauptbahnhof ist eine Zeitbombe, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Das wird ein Finanzdebakel und wird 100%ig mehr kosten, als sie gesagt haben. Es gibt auch viele Sachen, die brauchen wir gar nicht und sind reine Prestigeprojekte oder Freunderlwirtschaft, wie der Augartenspitz.

Wir möchten die City-Maut einführen, die 100 Millionen Euro bringt. Das ist zu finanzieren, es ist eine Richtungsentscheidung.

Wir wollen in eine zukunftsweisende, nachhaltige Infrastruktur und in soziale Gerechtigkeit investieren.

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Bei der „Umverteilung“ kommt ihr in die Nähe der Kommunisten…

Klaus Werner-Lobo: Eh klar! Die Kommunisten sind die einzigen, die sich das trauen. Damit habe ich kein Problem. Wenn wir das Thema abstimmen lassen würden, hätten wir in Österreich eine 80 bis 90 %ige Mehrheit.

Wir leben in einem Land, in dem 10 % der reichsten Einwohner über 2/3 des Vermögens verfügen und die restlichen 90 % können sich das restliche Drittel aufteilen.

Dann muß man darüber nachdenken, wie wir endlich diese Umverteilung von „oben nach unten“ realisiern kann.

Es ist erstaunlich, dass außer uns nur die Kommunisten so etwas vertreten, auch wenn ich sie aus verschiedensten Gründen nicht mag. Wir wissen aus Umfragen und Diskussionen, dass die Leute das längst wollen. Wir brauchen eine Veränderung. Der Kapitalismus, so wie er heute gelebt wird, führt uns ins Verderben. Wir brauchen eine komplette Überwindung dieses Wirtschaftssystems.

Es ist wahnwitzig: Die Regierung traut sich nicht einmal das Budget zu präsentieren, weil es die ärgsten Sparprogramme geben wird. Es wird beim Mittelstand und bei den Ärmeren gespart. Gleichzeitig spendiert man den Banken weiterhin Pakete und spendiert es aus unseren Steuergeldern, die wir bezahlt haben. Seit der Wirtschaftskrise ist die Zahl der Millionäre in Österreich um 30 % gestiegen.

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Ihr vertretet durchaus Positionen, bei denen  sich sehr viel  in Österreich verändert. Eigentlich große Änderungen im Vergleich zu früher, wo einzelne Auen gerettet wurden. Jetzt kommen die großen Themen. Österreich ist kein Volk, das jeden Fortschritt sofort umarmt. Wie nehmt ihr den Österreichern die Angst?

Es stimmt, wir wollen große Änderungen bis hin zu den utoopischen Ideen. Für diese Themen braucht man mehr Zeit. In einem Buch oder einem Vortrag habe ich die Zeit. Ich finde, wir sollten mehr Vorträge machen und mehr durchs Land reisen. Sich ins Wirtshaus stellen und zu diskutieren. Das müssen wir auch tun.

Wir gehen in den Gemeindebau, wir gehen auf die Straße, in die Beisln. wir machen Häuserwahlkampf. Wir brauchen mehr Leute, mehr Zeit. Jeder, der mit mir lang reden will kann es tun, dafür nehme ich mir Zeit. Man könnte sagen, es wäre effizienter, wenn ich eine Presseaussendung aussende und dann ein kurzer Artikel in der Zeitung steht, den hunderttausende Leute lesen. Diese 20 kommunizieren weiter. Vielleicht bloggt einer von denen. Oder vielleicht kennt einer doch einen Journalisten…

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…mit diesen Methoden ist die SPÖ in den 70er Jahren groß geworden: Der direkte Kontakt. Im Gemeindebau herumgehen und mit den Leuten reden. Dann wurde auf Zahlschein-Methode geändert und mit dem direkten Kontakt ist es bergab gegangen…

Klaus Werner-Lobo: …wobei es für die SPÖ jetzt so besser ist. Wenn sie rumgehen und mit den Leuten reden würde, dann würd’s noch viel schlechter werden. Weil sie nichts drauf haben.

Wir müssen neue Zielgruppen erschließen und SympatisantInnen gewinnen, die das mit uns gemeinsam machen: „Freunde der Grünen, ohne Grün sein zu müssen“ und sich mit unseren Grundprinzipien ‚Soziale Gerechtigkeit‘, ‚Bedingungsloser Einsatz für Menschenrechte‘, etc. identifizieren. Bis hin zum grünen Fussballverein, zur Musik, Kultur oder zu einer grünen Wandergruppe. Es geht darum, gemeinsam mit allen Menschen die guten Willens sind, die Stadt zu gestalten.

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Bildung, #unibrennt, Schule, Vielsprachigkeit, Deutschkurs – was ist das für die Grünen?

Klaus Werner-Lobo: Bildung sind nicht nur #unibrennt oder Universität. In erster Linie geht es um mehr Geld

Das Geld ist da: wir sind eines der reichsten Länder der Welt und Wien ist eine der reichsten Städte der Welt. Bildung muß die größte und wichtigste Ressource und Investition im Land sein.

Das betrifft auch Pflichtschulen und den Kindergarten. Der Kindergarten ist die wichtigste Stufe für ein Miteinander von Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern. Wir wollen, dass jedes Kind ab dem dritten Alter die Möglichkeit hat, mehrsprachig aufzuwachsen.

Wir wollen auch für alle Mehrsprachigkeit. Wir leben im 21. Jahrhundert. Wir leben in einer Europäischen Union. Die ÖVP – als angebliche Europapartei – plakatiert: „Reden wir über Bildung, aber auf Deutsch“. Das finde ich wahnwitzig. Wir leben in Europa! Wenn sie sagen würde „Reden wir über Bildung aber in einer der vielen europäischen Sprachen“, dann kann ich noch damit leben. Wir wollen die gemeinsame Schule der 6 bis 15jährigen, das ist der Platz, wo sich Menschen sozialisieren.

…da gibt es aber Widerstand…

Klaus Werner-Lobo: …es gibt Widerstand der reichen Eliten. Weil die wollen für ihre Kinder die tollen Privatschulen und der Rest soll schauen wo er bleibt. Gesellschaftlichen Widerstand gibt es keinen.

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Wie schaut es auf der anderen Seite aus mit zB „Englischkurse für alle Österreicher“, damit man sich weltweit unterhalten kann?

Klaus Werner-Lobo: Na sicher, wenn jemand die Pflichtschule abgeschlossen hat, dann soll er auch Englisch können. Oder eine andere Sprache seiner Wahl. Vielsprachigkeit.

Wien spricht 200 Sprachen. Das ist der größte Reichtum, den diese Stadt zu bieten hat. Er liegt ungenützt da…

…das hat Wien vor einiger Zeit schon groß gemacht…

Klaus Werner-Lobo: …es ist das, was Wien ausmacht. Wien war ja immer schon eine multi-ethnische Stadt. Das liegt momentan brach. Es gibt kongolesische Universitätsprofessoren, die in Wien – wenn sie überhaupt arbeiten dürfen – Taxifahren müssen. Unter den Zuwanderern und Asylwerbern ist das Bildungsniveau weit über den Schnitt ihrer Herkunftsgesellschaften. Ein Asylwerber darf nicht arbeiten und MigrantInnen auch nicht und schon gar nicht, in dem was sie können.

Wir Grüne haben keine Multikulti-Romantik und ich glaube nicht an den Kultur-Begriff. Ich glaube nicht, dass alle lustig miteinander tanzen, Kebab oder Würstl essen und miteinander Spaß haben. Es geht darum, dass interkulturelle Bildung fixer Bestandteil der Ausbildung von PädagogInnen wird. Es gibt auch keine Ausbildung dazu, dass sie mit sozialen Problemen oder Interkulturalität umgehen. Wir haben in Wien 44 % Menschen mit Migrationshintergrund. Kinder mit Migrationshintergrund sollen auch die Geschichte ihrer Herkunftsländer lernen. In Wien. Dazu benötigen wir PädagogInnen aus den Herkunftsländern.

Wann haben wir den ersten Bürgermeister mit Migrationshintergrund?

Wir sind als Grüne die einzige Partie, die genau diese 44 % in ihrer Liste (wenn auch zufällig) widerspiegelt.

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Das Geld ist da. Zweifelsohne, Wien hat 11 Mrd. Euro Budget. Wien hat auch heuer das größte Budgetdefizit der Stadtgeschichte verabschiedet…

Klaus Werner-Lobo: …800 Millionen glaube ich…

…wir tun jetzt etwas aktiv gegen die Krise und investieren antizyklisch. Man muß sparen und Einnahmen generieren, wenn man das auch alles im Bildungsbereich finanzieren möchte. Die City-Maut bringt dort und da Millionen Euro, aber, so richtig ausgehen wird sich das nicht. Oder wird das alles berechnet? Gibt es hier Budgetvorschläge, gibt es Einsparmodelle, die die Grünen entwickelt haben?

Klaus Werner-Lobo: Denken wir mal an die „Freunderlwirtschaft-Gschichtn“…  800 Millionen Skylink, Tiefgaragen, Krankenhaus Nord – das sind alles Millionengräber. Wir haben ungenützte Einnahmepotentiale: Bei den Umwidmungen. Es gibt viele Dinge, die wir nicht in Wien alleine lösen können, weil es bundespolitische Entscheidungen sind.

Für die Bundespolitiker macht es einen riesigen Unterschied, wie die Wiener Wahlen ausgehen und wer in Wien regiert. Wenn es rot-grün in Wien gibt, dann verläuft auch der bundespolitische Diskurs anders.

Die SPÖ wird ununterbrochen von der ÖVP über den Tisch gezogen und fällt um.

Wenn die SPÖ das Drohpotential hat und sagt: „Schauts nach Wien, wir können auch anders (mit den Grünen)“… Wenn wir ein progressives Klima entwickeln, dann strahlt das auch auf Medien ab und wie die SPÖ mit der ÖVP redet. Es würde den progressiven Kräften, die es nach wie vor in der SPÖ gibt, den Rücken stärken. Und dann läuft die Verteilungsdebatte und die Frage der Vermögensbesteuerung auch in ganz Österreich anders.

Die Wiener-Wahl hat das Potential genau 10 Jahre nach der Schwarz-Blauen-Wende, hin zur gespaltenen Gesellschaft, hin zu einer rassistischen Gesellschaft, hin zum Auseinanderdriften, hin zur Privatisierung, die Wende der Wende zu machen.

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Strahlt das auch ab, wenn die FPÖ über 20 % macht?

Klaus Werner-Lobo: Sicher. Das Problem der FPÖ ist nicht die FPÖ selbst, sondern, dass die Mitteparteien SPÖ und ÖVP die Politik machen, die die FPÖ vor 10 Jahren gefordert haben. Sie machen heute genau das: Das Asylrecht wird jetzt nicht von der FPÖ, sondern von SPÖ/ÖVP beschlossen. Man schlagt gerne auf Minister Fekter hin, aber es ist auch Minister Darabos, der die rote Karte für Asylwerber fordert. Es ist Sozialminister Hundstorfer, der gegen Empfehlungen aus seiner eigenen Partei Asylwerbern das Arbeiten verbietet. Es ist auch die Wiener SPÖ, die kein Wort dazu gesagt hat, dass Arigona Zogaj abgeschoben wird.

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…Herr Hundstorfer ist ja kein rechter Genosse. Warum fühlt sich er bemüsigt, so etwas zu fordern und in diese Richtung zu agieren?

Klaus Werner-Lobo: Das ist die Politik der Angst. Sie fürchten sich vor Heinz-Christian Strache und sie fürchten sich vor den Leuten und vor der Kronen Zeitung. Und ihre ganze Politik, Haltung, Nicht-Haltung oder nicht-vorhandene-Haltung ist von Angst dominiert. Sie trauen sich nichts. Es ist leider auch bei den jüngeren linken, progressiven, weltoffenen, aktiven, supertollen, netten, anti-rassistischen SozialdemokratInnen der Fall.

Wenn ich mit ihnen auf einen Kaffee gehe, gibt es Menschen, da passt kein Blatt Papier zwischen uns. Sie wollen ganz genau das gleiche wie ich. Beim Kaffee. Im Rathaus oder Parlament stimmen sie dann ganz anders ab oder wenn sie Gewissensprobleme haben, gehen sie bestenfalls – der beste Akt der Zivilcourage – bei einer rassistischen Abstimmung aufs Klo. Das sind noch die Mutigsten.

Ich bemühe mich seite einem Jahr ein SPÖ-Mitglied zu finden, dass öffentlich sagt, „Ja, ich will Rot-Grün“. Ich habe keines gefunden.

Ich bin jetzt schon bereit, eine Kiste Bier auszuloben, für den ersten SPÖler, der sich traut. Es wollen eh viele. Vermutlich die meisten…

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Danke und alles Gute!

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.