17:50 Uhr. Stille. Aufregung. Puls.

Ich saß mit einigen Leuten beim Politikpodcast. Wir starrten auf den Fernseher und auf die bunten Balken, die nach und nach mehr oder weniger hoch wanderten. Zuerst Rot. Dann Schwarz. Dann Grün.

Totenstille. Es war totenstill und es wurde für Sekunden eiskalt im Raum.

Siebenundzwanzig Prozent.
S-i-e-b-e-n-u-n-d-z-w-a-n-z-i-g P-r-o-z-e-n-t.
27 %.

Damit hat wohl niemand gerechnet. Ich ging davon aus, sie werden knapp über 20 % kommen. Und das ist schon sehr viel. Viel für eine Partei, die rechte Politik betreibt, Hass und Hetze schürt und Menschen mehr und mehr gegeneinander aufhetzt und ausspielt. Die in unsicheren Zeiten den Menschen noch mehr Angst macht – sie in ihrem Frust abholt und dort lässt. Ja, das ist ja alles nichts Neues.

Beisltour und Disconächte.

Wie haben wir das alle kritisiert und schief angeschaut. Um-Gottes-Willen, das ist ja keine Politik! Inszenierung. Alles nur Show. Jörg Haider beherrschte das Spiel in Österreich von Kärnten aus sehr gut: Politik im Hinterkämmerchen und Show für die Massen. Beachvolleyball-Turnier, eine Glocknerbesteigung, Massenevents und boulevardtaugliche Sprüche. Rechte Politik und Oberflächlichkeiten. Discobesuche und Freibier. Stadlatmosphäre und Discoblues. Schwindlige Geldbeschaffungen, Glanz und Glamour. Beisltour und Disconächte (Wir sehen sie bei Strache und übersehen sie bei den anderen).

Populismus und Veränderung

Wir verurteilten den Populismus und wünschten uns eine andere Politik. Populismus – nicht mit uns: „Wir brauchen Themen und Veränderung. Politik, die auf uns Menschen schaut. Keine Floskeln, keine falschen Versprechungen, keine fahlen Wörter. Keine Diskriminierung!“ Wir wünschten uns eine Politik, in der es um Ideen, Innovationen und Menschlichkeit geht – nicht um dumme Sprüche oder kurzsichtige Aktionen. Nicht eine Politik, in der das Wahlplakat und die Wahlslogans die kleinsten gemeinsamen Vielfachen zwischen Partei und Bürgern sind.

Ja! Menschlichkeit. Das brauchen wir. Statt dem aufkommenden vorgelebten Egoismus. Dass gerade dieser Ansatz (derzeit) ja leider nicht so erfolgreich ist und wir darauf nicht anspringen, zeigen mir die vergangenen Wahlen im Burgenland. Schade. Lieber dumpfe Show und platte Sprüche?

Diese neue Politik.

Nun. Wir blickten nach Kärnten. Und waren entsetzt. Sind es ja noch immer.
Wir blickten in die Steiermark. Und waren entsetzt.
Jetzt sind wir selbst in Wien. Und sind entsetzt.
Einige zumindestens.

Siebenundzwanzig. Ganz schön viel, nicht?

Einheitsbrei mit Saft und Brühe

Es geht um Shows, coole Slogans, Comics, Songs, kurzfristiges Abschieben und um rechts-konservative kurzsichtige populistische Störaktionen. Politik-Shows, bei denen Politiker wie Stars auf der Bühne stehen und umjubelt werden. Die Gewinner sind Fernsehstationen, die Quoten und Werbeeinnahmen. Mehr und immer mehr und am besten mit einem noch fetzigerem Konzept. Politiker sind keine Stars. Sie haben auch nicht diese Art von Showbühne verdient.

Wir jubeln den Politikern zu, als ob sie Sport-Asse sind, die gerade bei einem Abfahrtslauf einen Sturz verhindert haben und gerade irgendwie durchs Ziel gerast sind. Derjenige, der das blaue Auge hat, muß nicht unbedingt das beste Konzept haben. Wollen wir nur Stars? Wird hier nicht ein bisschen etwas verwechselt?

Ist das Politik? Ist es Politik, wenn nur ein Teil der antretenden Parteien die Bühne bekommt und andere nicht eingeladen werden. Oder wenn Parteien 1/100 des Werbebudgets von anderen haben? Woher kommt das Budget, das Geld. Wir sehen es Tag für Tag und jubeln trotzdem noch zu.

Ich pfeif‘ auf die Show – ich möchte Ideen, Konzepte und konkrete Lösungen für ein friedliches und gemeinsames Miteinander. Eine gemeinsame Politik, bei der alle gemeinsam zusammen arbeiten, diskutieren und eine Politik, die keine Kluften bildet. Keine Marktschreier, die gleichzeitig Gladiatoren sind und sich auf der Bühne gegenseitig wie einst bei Bärbel Schäfer befetzen. Und dafür Applaus ernten. Vielleicht brauchen wir auch keine Politiker, die die Richtung vorgeben und uns ‚einkastln‘. Vielleicht sollte man das ganz einfach der Bevölkerung überlassen und bei Themen mitbestimmen lassen? Mit Politik hat das derzeit nicht viel zu tun.

Siebenundzwanzig ist ganz schön viel.

Parallelgesellschaft

Damit habe ich echt nicht gerechnet. Und zeigt mir, wie sehr ich in einer Parallelgesellschaft lebe. Einer Gesellschaft, von der ich wenig bis gar nichts mitbekomme. Auch wenn ich aus Kärnten komme. Einem Teil einer Gesellschaft, die mit mir weder im Offline- noch im Online-Leben verknüpft ist. Da gilt es anzusetzen. Zu diskutieren, mit diesen Menschen und der Gesellschaft in Kontakt zu treten und ein gemeinsames Verständnis aufbauen. Die derzeitige Politik baut keine Brücken auf. Sie zieht Mauern auf. Zwischen der Gesellschaft – zwischen uns Menschen, innerhalb unserer „Grenzen“. Zumindestens sollten es wir versuchen, zu diskutieren und sich auszutauschen und es nicht der Politik alleine überlassen.  Das würde auch einiges verändern. Das haben wir in der Hand.

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.