Die Schlacht ist geschlagen, die Parteisoldaten sind müde. Egal, wie die genauen Zahlen aussehen, ob die SPÖ das fehlende Mandat zur absoluten Mehrheit noch ertricksen kann, sich hier oder da noch ein Prozent verschiebt: Die „Wende von der Wende“, von der Grüne und Linke träumten, ist abgeblasen. Häupl muss zurücktreten, damit die nächste Generation mit den Blauen koalieren kann. Die Steiermark wird folgen.

Blaue und rote Fahne, (C) www.sxc.hu / straymuse
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Endlich an die Arbeit – es gibt viel zu tun
Endlich haben alle gewählt, und es ist gut so. Bis 2012 ist jetzt Ruhe und es kann politisch gearbeitet werden – Budgets müssen nicht mehr verschoben, 8-jährige Kinder nicht mehr medienwirksam vor laufenden Kameras abgeschoben werden. Die Sagen- und Nazi-Comics kann man zum Anheizen der Öfen verwenden.

Mächtige Kampagne, schmächtiges Ergebnis
Das Ergebnis ist teilweise exakt so, wie es der Wahlkampf erwarten ließ: Die SPÖ hatte Probleme, mit ihrem alten und abgekämpften Schlachtross Michael Häupl, der die Absolute als Anspruch sieht und jeden Oppositionsdiskurs als Mühsal, ihre immer flüchtigeren Anhänger zu mobilisieren – trotz eines perfekten Wahlkampfs mit aller medialer und wirtschaftlicher Macht, von der U-Bahn-Eröffnung bis zur Wien Energie-Werbekampagne.

Schwarze sind hart – und erfolglos
Christine Mareks „Hart, aber herzlich“-ÖVP-Kurs war von Anfang an mangels Glaubwürdigkeit zum Scheitern verurteilt. Dafür – und diverse Fektereien – hat sie jetzt die Rechnung serviert bekommen. Johannes Hahns Zugewinne sind dahin, und mehr als das. Die Wähler gehen zum Schmied, nicht zum Schmiedl – und zu dem kommen wir gleich.

Grüne kratzen die Kurve
Zuerst noch ein paar Worte zu den Grünen: Sie haben viel Mut gezeigt, mit einer echten Immigrantin an der Spitze, klaren, teils revolutionären Plänen und einem in der Endphase fokussierten und intensiven Wahlkampf um jede Stimme. Was davor passiert ist, wurde hinreichend analysiert und medial sowie in der „Blogosphäre“ monatelang bis ins Detail genüßlichst ausgeweidet. Daher ist das Ergebnis für Maria Vassilakou und auch Eva Glawischnig kein Desaster, wenn auch keine Sternstunde.

Wahlkampfmaschine Strache triumphiert
Nun zum kraftstrotzenden Champion des Abends, Heinz „Hand aufs Herz“ Christian Strache. Ihm ist zu gratulieren, wenngleich das natürlich widerstrebt. Warum ist die FPÖ wieder so (unerwartet) stark, fast auf Augenhöhe mit den Ergebnissen aus Haiders Blütezeit? Die FPÖ hat nichts falsch gemacht im Wahlkampf, ihre Klientel perfekt bedient – in der Steiermark wie in Wien. Dass viele – auch ich persönlich – das nicht so sehen (wollen), ist klar.

Die Anschüttungsversuche gegnerischer Parteien muss man sogar als Kritiker als plump und kontraproduktiv bezeichnen. Nicht nur einzelne Grüne streuten Drogengerüchte, sondern auch SPÖ-Vertreter. Auf diesem Niveau – und mit der Beleidigung der FPÖ-Wähler – überzeugt man keinen einzigen Sympathisanten der Freiheitlichen vom Gegenteil.

Blau ist gekommen, um zu bleiben
Es wird Zeit, einer – für viele unangenehmen – Wahrheit ins Gesicht zu schauen: an den Freiheitlichen kommt die Wiener Politik in Wahrheit seit Jahrzehnten nicht mehr vorbei, auch wenn sie so tut. In Wahrheit prägen die Freiheitlichen längst Themen, Politik und Alltag in der Stadt – von außen, unter heftigsten Anfeindungen, aber eben doch.

Ab in die Mühen der Ebene
Das muss ein Ende haben. Ich bin absolut kein Anhänger der von der ÖVP fleißig betriebenen Mythenbildung um die „Entzauberung“ der Haider-FPÖ durch die Schwarz-Blaue Koalition. Aber: Zwischen einem Viertel und einem Drittel der Wähler wollen seit langer Zeit, dass Blau mitgestaltet. Der Grund für das damalige Zerbröseln und die Zersplitterung der FPÖ war Überforderung.

Opposition zu machen ist einfach, Realpolitik zu machen ist sauschwer. Die riesige Administrationsmaschine Wiens wird von unkündbaren, auf Lebenszeit gewählten Beamten gelenkt. Die haben viel Macht. Mehr als die Stadträte, mehr als selbst der Bürgermeister.

Der Lack muss ab
Ich bin überzeugt davon: Wenn man Straches Mannen zwei Ressorts überlässt, in denen sie auch im Worst Case nicht so viel anrichten können, werden sie sich selbst aufreiben. Flügelkämpfe werden ausbrechen zwischen Ultrarechten und Modernisierern. Die tägliche Arbeit wird den Helden-Lack rasch abblättern lassen.

Schlagt mich, soviel ihr wollt
Ja, ja, jetzt kommen die bösen Kommentare. All jene, die „wehret den Anfängen“ schreien. Die die FPÖ „nicht einmal ignorieren“ wollen. Liebe Freunde, seit Jahrzehnten ist das die Einstellung, die wir liberaler gesinnten Menschen gerne und mit einer gewissen Naivität vertreten. Das bringt uns nicht weiter. Bei jeder Wahl entfernt sich das politische Österreich noch weiter von den Vorstellungen, die viele von uns haben. Einem toleranten, bunten, offenen Land mit mutiger Politik.

Wir müssen etwas anderes probieren, bevor die Kluft der zwei „Österreiche“ zu groß wird. Schwimmen wir weiterhin in unserem überschaubaren Biotop mit Scheuklappen vor den Augen, werden wir das große Becken des ungeliebten Nachbarn nie zu Gesicht bekommen – bis es größer ist als unseres.

Herr Häupl, treten Sie zurück
Daher mein – widerwillig niedergeschriebener – Appell: Herr Häupl, treten Sie zurück, machen Sie Platz für Rot-Blau und erlösen Sie Franz Voves aus seiner Rolle der „Braut, die sich nicht traut“. Die Wiener Wähler haben gesprochen.