Manuel Daubenberger (24) schreibt gerade seine Magisterarbeit in Politikwissenschaften. Die dritte Woche stand für ihn ganz im Zeichen des runden Leders. Unter Auswärtsfans im Stadion konnte er zunächst seinen Schimpfwortschatz erweitern. In der anschließenden Woche erhielt er weiteren Einblick in das Fußballprojekt für das er in Zukunft Englisch unterrichten wird. Was der Unterschied zwischen europäischen und lateinamerikanischen Fußballspielen ist, erfahren Sie im dritten Teil seines Blogs.

Zuschauertribüne, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

Der Ball ist rund und die Woche hat sieben Tage…

Unter Auswärtsfans
Wir nähern uns der 70.Minute und Hernan, der mich mit ins Stadion genommen hat, wird zunehmend nervöser. Das zweitstärkste Team aus Guayaquil, Emelec, ist zu Gast beim zweitstärksten Team aus Quito, Deportivo. Es geht um die internationalen Plätze und Emelec liegt mit 1:0 hinten. Die Stimmung im Gästeblock wird dementsprechend gereizter und mein Schimpfwortschatz füllt sich im Sekundentakt. Bis dahin war die Stimmung großartig, der Gästeblock ist randvoll. Emelec ist ungefähr so wie die Teams aus dem Ruhrpott, egal wie erfolgreich das Team ist, die Fans sind mit dabei und feuern lautstark an. Das gesamte Stadion ist allerdings höchstens zu einem Viertel gefüllt. Bei Eintrittspreisen von 8 Dollar in einem Land, in dem der monatliche Mindestlohn bei 250 Dollar liegt und 50 Prozent der Jugendlichen arbeitslos sind, ist das auch kein Wunder.

Blick aufs Stadion, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

80. Minute
Mal wieder kommt ein Fan des Gästeteams vorbei, um Geld für die Heimfahrt zu sammeln. Schon vor Spielbeginn haben sich so einige Fans überhaupt erst den Eintritt erbettelt. Neben mir streiten sich drei verdreckte, achtjährige Schuhputzer um das letzte Stück Mango. Und Hernan winkt schon wieder die Verkäuferin mit dem Kind auf dem Rücken zu uns, um den nächsten Krug Bier zu ordern. Für ihn ist es ein Highlight, Emelec in seiner Heimatstadt spielen zu sehen und dementsprechend lässt er sich beim Bierkonsum auch nicht davon abhalten, dass wir bereits seit halb elf im Stadion sind. Durch ein neues Gesetz ist der Bierverkauf an Sonntagen nur in Restaurants und im Stadion erlaubt. Eine verquere Logik, wenn man bedenkt, dass in Deutschland nur noch alkoholfreies oder Leichtbier im Stadion verkauft wird.

89.Minute
Das Spiel nähert sich dem Ende, es wird nochmal hitziger: Rudelbildung und Schlägerei – beide Teams verlieren kurz vor Ende noch einen Spieler durch rote Karten. Ein letztes Mal ergehen sich die Gästefans in Hasstiraden gegen die Haupttribüne und den Schiedsrichter, dann ist das Spiel aus. Einige Becher fliegen, aber sonst gehen die Verlierer eigentlich friedlich aus dem Stadion. Doch von einer Sekunde auf die andere stürmt das Polizeieinsatzkommando in die Katakomben, keiner weiß was passiert ist. Am nächsten Tag erfahre ich aus der Zeitung, dass sich der Co-Trainer von Emelec eine Schlägerei mit der Polizei geliefert hat und gesperrt wurde.

Fußballfans im Stadion, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

Das wäre vermutlich die größte Fußballschlagzeile der Woche gewesen, wenn da nicht der ehemalige Schiedsrichter Byron Moreno wäre. Der bisher einzige internationale Schiedsrichter Ecuadors hatte bei der WM 2002 seinen großen Auftritt hatte, als er die Italiener gegen Japan verpfiffen hat. Nun ist er mit Heroin im Wert von einer Million Dollar in New York verhaftet worden. Dagegen wirkt Hoyzer wie ein Kleinkrimineller.

Mit dem Fußballprojekt im Nordwesteny
Da ich dem Projekt „A Ganar“ helfen soll ein Präsentationsvideo zu drehen, wollen sie, dass ich alle Regionen kennenlerne, in denen das Projekt momentan läuft.

Dieses Mal geht es in den Nordwesten Pichinchas, der Region, in der Ecuador liegt. Im ersten Ort läuft gerade Unterricht in „Tourismusführung“, in einer strukturschwachen Region die einzig realistische Karriereoption. Die Jugendlichen zwischen 17 und 25 sind extrem undiszipliniert. Als weitere Ablenkung hat eine ihr Kind mitgebracht, das noch weniger Begeisterung für den Unterrichtsstoff zeigt als die Jugendlichen. Im zweiten Ort läuft es wesentlich disziplinierter. Zwei deutsche Freiwillige unterrichten gerade Englisch. Während die Jugendlichen Übungssätze schreiben, erklären mir die beiden, dass kaum Fortschritt zu erkennen sei. Während ich an der Tafel die Übung zum Gerundium sehe, frage ich mich, warum sie in der zweiten Woche bereits schwierige Grammatik unterrichten, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Schüler noch nicht mal die einfachsten Dinge beherrschen.

Klassenzimmer, (CC) Manuel Daubenberger
(CC) Manuel Daubenberger

Am nächsten Morgen fahren wir weiter in die nächste Stadt, dieses Mal nur um Administratives zu besprechen. Hernan und Willy diskutieren darüber, wie viel Sinn es macht Sexualkunde zu unterrichten, wenn ein Viertel der Klasse bereits eigene Kinder hat. Sie einigen sich darauf, den Unterricht auch auf Kindererziehung auszuweiten.

Wieder merke ich, wie sinnvoll es ist, dass ich bald selbst englisch unterrichte, in einem Land, in dem selbst viele Hochschulabsolventen mehr schlecht als recht englisch sprechen, werden günstige beziehungsweise freiwillige Englischlehrer händeringend gesucht. Willy bittet mich deshalb an der Universität zu fragen, ob nicht vielleicht jemand der Austauschstudenten einen Tag pro Woche unterrichten könnte. Im letzten Ort unserer Tour sehe ich dann die Früchte der Arbeit von „A Ganar“. Die Leitung in diesem Ort haben zwei ehemalige Teilnehmer des Projektes übernommen und auch ein Großteil der restlichen ehemaligen Teilnehmer ist aktiv daran beteiligt, die Situation der Gemeinde zu verbessern.

Nachdem ich nun mehr vom Projekt kennengelernt habe, freue ich mich noch mehr darauf, nächste Woche selbst mit dem Unterricht loszulegen.

Aber am Wochenende vorher geht es erstmal in die Kleinstadt Latacunga, wo das traditionelle Fest „Mama Negra“ gefeiert wird. Ursprünglich eine katholisches Feier, vermischte es sich mit indigenem und afrikanischem Traditionen zu einem karnevalsähnlichem Straßenfest, bei dem vor allem Touristen dazu gezwungen werde, große Mengen Schnaps zu konsumieren!

Entonces, hasta la próxima!