In der dritten und abschließemdem Diskussionsrunde der Frischlingsrunde 2010 ging es um das zukunftsträchtige und in Österreich stets heiß umkämpfte Thema Bildung. Die Einstellungen reichen vom elitären „Bildungsmarkt“ bis zum „Menschenrecht auf Bildung“. Grüne, Jungen Liberale (JuLis), Junge Volkspartei, Sozialistische Jugend und Sozialistische Linkspartei im Gespräch.

Im Wiener Wahlkampf ist viel vom frischen Wind die Rede, den die Stadt angeblich braucht. neuwal hat gemeinsam mit ichmachpolitik.at die Sache ernst genommen – und Jungpolitiker aller Richtungen Ende September zur gemeinsamen Diskussion eingeladen. Die Teilnehmer der dritten Diskussionsrunde waren Joachim Kovacs (Grüne), Raimund Streitenberger (JuLis), Stefan Trittner (JVP), Stefan Jagsch (SJ) und Sebastian Kugler (SLP).


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Alle Videos zum Einbetten gibt es auf www.ichmachpolitik.at. Bild (C) by Karola Riegler Photography.

Joachim Kovacs von den Grünen sieht moderne Räume und Sanierung als wichtigen Punkt an, speziell auch um den Lehrern ausreichende Arbeitsplätze zu bieten. Viel wichtiger empfindet er eine bundespolitische Bildungsdiskussion – wie Stefan Jagsch von der SJ. Die Forderung der Gesamtschule für alle bis zum Pflichtschulabschluss wird vehement vertreten, Wiederholungen wegen einzelner Fächer darf es für Kovacs nicht mehr geben.

In dieses Konzept gehört auch die Mehrsprachigkeit, um Integration zu schaffen. Muttersprachenkenntnisse helfen auch, Deutsch zu lernen.

Auch die Grünen sehen genug Geld für die Bildung, es wird nur falsch ausgegeben – etwa für die Banken. Ab dem Kindergarten werde bei den Kleinen in die Tasche gegriffen.

Kovacs will nicht, dass die Kleinen – schon ab dem Kindergarten – die Versäumnisse im Bildungswesen ausbaden müssen, weder finanziell noch inhaltlich. Die Grünen wollen auch Wohlhabende stark besteuern, um eine Umverteilung zugunsten des Bildungssystems zu erreichen, um dieses besser zu machen und auch migrantischen Kindern mehr Chancen zu geben. „Die Sprachenvielfalt ist eine Ressource – das muss uns bewusst werden!“

Einen anderen Standpunkt vertreten die JuLis mit Raimund Streitenberger, die die Schulversuche als reine Versuche sieht und die Rolle der SPÖ als „Reformator“ in Frage stellt. Zukunftsorientierte Antworten vermisst er.

Grundlegend muss die Politik raus aus der Bildung, mit Rot und Schwarz gehe nichts weiter. Schulen sollen über Personal und Finanzen selbst entscheiden, Eltern sollen Bildungsgutscheine bekommen, um den Wettbewerb zu fördern.

Auch bei den Unis kann es für Streitenberger keine Bildung für alle um jeden Preis geben. Bildung an den Universitäten soll durch die Konsumenten finanziert werden, das er sich selbst verdient hat. Durch bessere Bildung werden Studenten ein höheres Einkommen haben, daraus sollen sie die Studiengebühren bezahlen. Als Beispiel zitiert er Schweden.

Streitenberger ist aber auch der Meinung, dass Bildung kein Sparposten ist – Verwaltungsreform soll Geld freischaufeln, neue Steuern möchte er aber vermeiden, da sie ohnehin schon sehr hoch sind im Vergleich.

„Das Bildungssystem in Österreich wurde kaputtgespart von Rot und Schwarz“ – deshalb sieht Streitenberger auch keine Chance dafür, dass diese beiden Parteien die Zukunft der Bildung positiv gestalten. Die Qualität hat gelitten, die europaweite Konkurrenz gestiegen, längere Studiendauern sind ein Nachteil. Junge Leute haben keine Macht und keine Lobby, er wünscht sich mehr Mitbestimmungsmöglichkeit.

„Es ist ein Wunschdenken, das Bildung nichts kostet“, so Streitenberger abschließend.

Stefan Trittner von der JVP ist auch bie der Bildung ganz auf ÖVP-Kurs. Das krampfhafte Festhalten an der Gesamtschule von linker Seite empfindet er als unnötig. Gleiche Chancen für alle in der Gesamtschule ist für Trittner eine Nivellierung nach unten. Leistungs- und Fördergruppen sollen unterschiedliche Begabungen und Defizite berücksichtigen.

Kinder sollen im Mittelpunkt stehen, auch schon in der Volksschule. Wichtig sind der JVP wie der ÖVP die Deutschkenntnisse der Kinder im Hinblick auf den Arbeitsmarkt nach der Ausbildung. Auch zuhause muss dafür Deutsch gesprochen werden. Hier soll ein sozial gestaffeltes Sprachangebot gemacht werden.

Auch Studiengebühren sollen sozial gestaffelt werden, Reiche sollen hier ihre Beiträge leisten, Ärmere durch ein tiefgehendes Stipendiensystem unterstützt werden.

Die Abschaffung des Durchfallens sieht er als absurdes Konzept, die sehr lebensfern ist – Trittner vergleicht das mit Bewerbungsgesprächen. Nur mit Leistung könne man etwas erreichen. Die guten Leistungen Finnlands sind für ihn im niedrigen Migrantenanteil begründet. Ein Modulsystem soll aber garantieren, dass man nicht alle Fächer wiederholen muss, wenn man in einzelnen durchfällt.

„Die Schule muss aufs Leben vorbereiten, deswegen muss man auch einmal Prüfungen schaffen und Druck haben, zu lernen. Mit Fördergruppen für die Schwachen und Leistungsgruppen für die Starken.“

Stefan Jagsch von der Sozialistischen Jugend will das Bildungsthema von Mängeln bei einzelnen Schulen losgelöst betrachten. Gerade in Ottakring sei viel investiert worden. Neben der Sanierung alter Schulbauten kann er sich auch Neubauten und integrative Campus-Modelle vorstellen.

Die derzeitige Situation in den Schulen insgesamt muss kritisch analysiert werden, da das Reformtempo in Richtung Gesamtschule zu gering ist, um allen Kindern die gleichen Chancen zu bieten, egal welcher Nationalität und Schicht sie angehören.

Jagsch schiebt viel auf die Bundespolitik und sieht Wien als Bollwerk gegen Dinge, die dort falsch laufen. Er wünscht sich auch mehr SchülerInnen-Beteiligung, um ihnen Demokratie beizubringen.

Bildung ist auch für die SJ kein Konsumgut und soll durch eine Reform des Steuersystems finanziert werden, nicht durch Bildungsgutscheine. So wie es jetzt an den Unis ist, kann es für ihn nicht bleiben.

Im wesentlichen geht es für Jagsch um zwei Konzepte: Elitenförderung und Maschinen für den Arbeitsmarkt produzieren, Bildung als Ware begreifen. Das andere Konzept ist, dass Bildung eine ganz wichtige Aufgabe zur Inklusion der Menschen in die Gesellschaft darstellt. Zum anderen müsse massiv an der Verbesserung des Systems gearbeitet werden. „Alle Kinder in Österreich müssen dieselben Chancen und Mögilchkeiten zu haben.“

Nur den Kopf schütteln kann da Sebastian Kugler (SLP), wenn es um Bildung als Ware geht: Kugler wehrt sich gegen die Darstellung von Bildung als Konsumgut, es ist ein Grundrecht. „Bildung für alle, und das umsonst“ ist seine Forderung. Die Abhängigkeit vom sozialen Familienstatus sieht er als großes Problem, da Kinder von ArbeitnehmernInnen und MigrantInnen nahezu ausschließt. Eine Gesamtschule von 6-19 Jahren mit integrierter Berufsausbildung, mit verkleinerten Gruppen und UnterstützungslehrerInnen ist die Vision.

Die sozialdemokratischen Reformversuche durch Bildungsministerin Schmidt – ihr erkennt Kugler jegliche Kompetenz ab – sieht er als Sparmaßnahmen.

Einen Wettbewerb zwischen Schulen und schulintern empfindet er als völlig kontraproduktiv. Er will das Konkurrenzdenken aus der Schule rausbringen. Bildung ist nicht nur Schule, sondern geht vom Kindergarten bis zur Uni – und zwar kostenlos.

Die SLP ist prinzipiell gegen Studiengebühren. Den Beitrag der Reichen sieht er über ein progressives Steuersystem, über die dann das Sozialsystem finanziert wird. Gebühren sind für ihn eine hindernde und abschreckende Hürde, belasten alle und steht einem kaputtgesparten Angebot gegenüber. Der Staat schulde den Unis 14 Milliarden Euro, da die Budgets 1994 eingefroren wurden.

Für Kugler werden Schwächere gefördert, wenn es stärkere Schüler gibt – eine Nivellierung nach unten kann er in der Gesamtschule nicht erkennen.