Immer mal wieder (und auch immer häufiger) hört man die Schlagwörter „Ghetto“ in Bezug auf Wohnsiedlungen, die vor allem Menschen gleicher Herkunft beherbergen, und „Parallelgesellschaften“ für das soziale Umfeld, in welches sie sich zurückziehen. Auch in Oberösterreich und insbesondere in Wels spricht man gerne darüber.

In Wels, dieser Stadt mit ihren rund 58.000 Einwohnern, versucht man sich nämlich an einem neuen Projekt. Die Otto-Loewi-Siedlung, etwas außerhalb des Stadtzentrums, leidet unter den Problemen und Konflikten, die zwischen den Bewohnern stattfinden. Die Siedlung „habe einen schlechten Ruf“, dadurch vermindere sich auch der Wert der Wohnungen. 30 verschiedene Nationen leben in diesem Wohnblock, 30 verschiedene Nationen treffen somit tagtäglich aufeinander. Eigentlich wunderbar für eine Stadt, eine solche multikulturelle Bevölkerung aufweisen zu können. Doch irgendwie ist es doch nicht so.

In Wels, wo die FPÖ das Amt des Wohnbaustadtrats über hat, und in Oberösterreich, wo ebenfalls die Freiheitlichen dieses Ressort über haben, sucht man nach Lösungen. Wie kann man diese Konflikte lösen? Wie schafft man es, ein „friedliches Beisammensein“ herzustellen? Ist das überhaupt möglich? Und ist das womöglich einfach nur ein Hirngespinst der FPÖ?

Wie die Oberösterreichischen Nachrichten am 18. September auf ihrer Webseite schreiben, gab es schon mehrere hitzige Auseinandersetzungen: ein Bewohnerfest musste abgebrochen werden, als rivalisierende Gruppen aufeinander trafen, so erklärt FP-Stadtrat Andreas Rabl. Er und sein Pendant auf Landesebene sowie die LAWOG, die hiesige Landeswohnungsgenossenschaft erarbeiteten ein „Integrationsprojekt“. Und so soll es erstmal Spielregeln geben, an die sich die Mieter halten sollen. Übrigens hat die OÖN schon im Februar 2009 über diese Siedlung geschrieben.

Über den Köpfen hinweg?

Aber wird da nicht einfach über die Köpfe der Wohnenden entschieden? So wie es ausschaut, wohl nicht. Eine erstaunlich hohe Beteiligung war zu erkennen, als man den Mietern Fragebögen übergab, um ihre Meinung dazu kundzutun. Und worauf die OÖN ebenso hinweist, ist, dass man die Fragebögen nicht einmal in die jeweiligen Landessprachen übersetzen musste. Das hat vor allem deshalb Bedeutung, weil Rabl die Vergabe von Sozialwohnungen an Deutschkenntnisse knüpfen will.

Was wurde bemängelt, was positiv hervorgehoben? Der Zustand der Wohnungen selbst wurde positiv bewertet, die Wohnanlage hingegen musste große Abstriche machen. Auch der hohe Ausländeranteil, Verschmutzungen und Sachbeschädigungen wurden als störend empfunden.

Herausgekommen ist, dass sich die meisten Bewohner verbindliche Spielregeln wünschen. Wer sich nicht daran hält, soll – in letzter Instanz – sogar delogiert werden. Das ist vor allem für den LAWOG-Chef wichtig, denn als Wohnungseigentümer möchte man sich schließlich auch wehren können. Der nächste Schritt sind 27 so genannte Stiegenhausgespräche, in denen das Institut Retzl und die LAWOG mit den Bewohnern verbindliche Regeln entwickelt. Und ab dem kommende Jahr sollen diese eben auch verbindlich werden.

Eine Idee für die Zukunft?

Wie greifend diese Idee ist, kann man wohl zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Mir gefällt, dass das Projekt in Absprache und durch Mitarbeit der Bewohner der Wohnungsanlage stattfand und auch weitergeführt wird. Es überrascht, weil sonst die Politik oft gewillt ist, solch wichtigen Themen über die Köpfe hinweg zu entscheiden. Und trotzdem finde ich den Begriff „Integrationsprojekt“ falsch gewählt: Hier hilft man nicht, sich in die Gesellschaft besser zu integrieren. Denn immer noch wird dieser Wohnblock, diese Siedlung, als eigene Gesellschaft angesehen. Glaubt man wirklich, dass man, wenn man sich an die Spielregeln hält, auch „im wahren Leben“ gut integriert ist? Es ist ein Anfang, aber Integration, von Grund auf, sieht eindeutig anders aus.

Was bleibt also zu sagen: Dieses Projekt muss man definitiv im Auge behalten. Setzt die LAWOG dies nun auch für weitere Siedlungen in Oberösterreich ein? Verbreitet sich das auch über die oberösterreichischen Grenzen hinaus? Ist das womöglich ein hochgepriesenes Zukunftsmodell? Oder scheitert man damit? Ich bin gespannt, wie  die Arbeit des FP-Landesrats weitergeht (vor 2009 hatte dieses Amt ein SPÖ-Politiker inne), ob man sich hier womöglich wirklich Gedanken zur besseren Integration macht. Aber ein Ende der Ghettoisierung, ein Ende der Parallelgesellschaft (falls es so etwas überhaupt gibt), sehe ich in diesem Projekt zurzeit leider noch nicht.

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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