Manuel Daubenberger (24) schreibt gerade seine Magisterarbeit in Politikwissenschaften. Vor einem Jahr hat er den Entschluss gefasst, dies in Lateinamerika zu tun. Die zweite Woche war für Manuel Daubenberger vor allem vom Nachtleben geprägt. Dem ersten Ausflug ins Vergnügungsviertel folgte ein Besuch im ärmeren Süden Quitos, wo er in einer Gemeindehalle süßen Wein zu lateinamerikanischen Beats trank. Der Höhepunkt der Woche war allerdings ein Ausflug ins Reich der Bananenplantagen im Süden Ecuadors. Wie er dort mit einem Fußballstar auf einem Dorffest landete, lesen sie in der zweiten Ausgabe seines Blogs. Viel Spaß bei der Lektüre!

Freitag, 24. September:

Mittlerweile bin ich seit zwei Wochen in Ecuador. Ich schreibe fleißig an meiner Magisterarbeit und besuche meine Seminare. Der erste Besuch in Quitos Vergnügungsviertel endete in einer, zur Disco umgebauten, Garage. Der spannendere Teil des Wochenendes folgte allerdings erst am Samstag.

Ein Tag im armen Süden Quitos
Nachdem mich jeder davor gewarnt hat, in den südlichen Teil Quitos zu gehen, habe ich am ersten Wochenende noch gezögert, der Einladung eines ecuadorianischen Freundes zu folgen. Aber entgehen lassen wollte ich mir diese Erfahrung auch nicht. Am zweiten Wochenende machte ich mich mit zwei singapurischen Austauschstudenten, deren Neugier ebenfalls größer als die Furcht war, auf den Weg Richtung Süden. Im Stadtzentrum trafen wir uns mit Jorge Luis.

Jorge Luis hat mich an meinem ersten Tag auf den Straßen des Centro Historico angesprochen, weil er Spenden für ein Sozialprojekt sammelte. Er ist 24 Jahre alt und hat bis vor kurzem Kunst studiert. Da selbst die günstigste Universität in Quito 1000 Dollar im Monat kostet, musste er sein Studium nach dem Tod seines Vaters allerdings aussetzen. Jetzt arbeitet er, um sein Studium nächstes Jahr fortsetzen zu können. Nebenher lernt er deutsch, da er sich bei einem Besuch in der Schweiz in die „deutsche“ Kultur verliebt hat.

Vom Zentrum ging es weiter ins Barrio „La Lucha de los Pobres“. Wenn ich mir einen Namen für mein erstes Armenviertel in Lateinamerika hätte ausdenken müssen, wäre mir wahrscheinlich keiner eingefallen, der stereotyper ist: Auf deutsch heißt das Viertel nämlich „Der Kampf der Armen“. Das Viertel liegt auf einem Hügel, von dem man einen traumhaften Blick über den Süden Quitos hat. […]

Anschließend spazierten wir durch das Barrio, spielten Fußball und Ecua-Volley. Nachdem wir die Freunde von Jorge Luis kennengelernt hatten, erwartete uns der krönende Abschluss: „La Fiesta del Barrio“. Für zwei Dollar Eintritt durften wir in die kahle Gemeindehalle, wo sich Alt und Jung zu lateinamerikanischen Rythmen aus scheppernden Boxen bewegten. Das Getränk des Abends war „Ecua-Vino“, eine süße Plörre aus Tetrapacks.

Für 15 Dollar brachte uns ein Freund von Jorge Luis im Anschluss zurück in die andere Welt im Norden Quitos. Der Tag war eine der spannendsten Erfahrungen, die ich bisher in Lateinamerika gemacht habe und es wird definitiv nicht mein letzter Besuch in „Lucha de los Pobres“ gewesen sein!

Wie ich mit einem Nationalspieler auf einem Dorffest landete…

Am Mittwoch durfte ich die „Fundación de las Américas para el Desarollo“, für die ich ab nächster Wochenende im Amazonasgebiet Englisch- und Computerunterricht geben werde, in die Küstenprovinz „Los Rios“ begleiten. Dort stand die Präsentation ihres neuen Programmes auf dem Plan.

Das Programm „A Ganar“ wird in verschiedenen Dörfern Ecuadors bereits erfolgreich durchgeführt: Nachdem die Jugendlichen beim Fußballspielen Werte wie Disziplin und Teamfähigkeit lernen, werden sie in der zweiten Stufe beispielsweise in Englisch unterrichtet. In der dritten Stufe folgt ein Praktikum und Freiwilligenarbeit, ehe sie schlussendlich in eine Ausbildung gebracht werden sollen.Vorbei an den Fünftausender-Vulkanen ging es in unzähligen Serpentinen abwärts ins Land der Monokulturen. Zwischen endlosen Bananenplantagen erfragten wir uns den Weg zum Elternhaus des Schirmherrs der Organisation.

Patricio „Pato“ Urritia spielt bei „Liga de Quito“, dem FC Bayern Ecuadors, die gerade erst wieder den lateinamerikanischen Supercup gewonnen haben. Von der idyllisch gelegenen Ranch ging es mit „Pato“, der extra für einen Abend in den Süden geflogen war, zur Präsentation. Den Auflauf, den der ehemalige „Liga“-Kapitän verursachte, kann man sich ungefähr vorstellen. Und als ob ich es anziehen würde, stellte der Bürgermeister neben dem Projekt „A Ganar“ in einer vollgestopften Power-Point-Präsention das neue Recycling-Projekt vor, dass Ventana zur zweiten ecuadorianischen Modellstadt machen wird.

Im Anschluss an das Festbankett kam der weitgereiste Gast dann zur großen Ehre sein erstes Interview auf spanisch geben zu dürfen, so dass mein brüchiges Spanisch wohl demnächst im ecuadorianischen Regional-Radio zu hören sein wird.

Danach besuchten wir mit Pato und seiner Mutter ein Dorffest zu Ehren irgendeiner Jungfrau. Einem gigantischem Feuerwerk folgte eine Tanzveranstaltung auf dem Bolzplatz neben der Kirche.

Nach einigen Bier erzählte mir der Nationalspieler, wie sich das Team nach dem Achtelfinal-Aus gegen England bei der WM 2006 in Bad Kissingen zwei Tage lang volllaufen ließ, um das gute Abschneiden zu feiern. Den ganzen Abend war er so volksnah, wie ich es mir in Deutschland nur schwer vorstellen kann. So gab er nicht nur den ganzen Abend Autogramme und ließ sich unzählige Male fotografieren, wie es jeder Profi tun würde, auf dem Weg von Ventana ins Dorf nahm er auf der Ladefläche und in seinem Pick-Up jeden Jugendlichen und jede alte Dame mit, denen ansonsten ein weiter Fußweg bevorgestanden hätte.

Die Nacht verbrachten die Hälfte von uns im Haus seiner Mutter, die andere Hälfte im Haus, das er 200 Meter weiter für den geschiedenen Vater bauen ließ. Aufgrund einer Reifenpanne durfte ich am nächsten Morgen noch der hohen Kunst des Autoreifenflickens beiwohnen. Selbst in Ecuador ist dies nur noch selten so ein kunstvolles Handwerk. Der Besuch im Süden war eine schöne Erfahrung ecuadorianischer Gastfreundschaft und ich freue mich schon, ab Montag selbst helfen zu können.

Fürs kommende Wochenende stehe ich vor dem Luxus der Qual der Wahl: Ich könnte entweder zum DJ-Wettbewerb in „Lucha de los Pobres“, zu einem Fußballspiel ins Stadion oder der Einladung meiner Frisörin folgen und zu einem Familientreffen im Umland Quitos mitgehen!

Entonces, hasta la próxima!