Es war beglückend und enttäuschend zugleich, am Samstag bei „Machen wir uns stark“ vor dem Heldentor zu stehen. Beglückend, weil man Tausende zur öffentlichen Kundgebung motivieren kann, mit positiven Botschaften und konstruktiven Vorschlägen, mit wenig Populismus. Enttäuschend, weil das Lebenszeichen der Zivilgesellschaft wohl nicht ganz so kräftig ausfiel, wie von den Proponenten und Unterstützern erhofft. Eine wichtige Frage blieb an dem Abend ungestellt: Warum müssen sich überhaupt Menschen stark machen, wo wir doch allumfassend politisch vertreten werden? Die Antwort ist simpel.

Publikum bei "Machen wir uns stark" vor dem Heldentor
Publikum bei "Machen wir uns stark" vor dem Heldentor

Ganz Österreich ist politisch repräsentiert
Ganz Österreich? Nein, mehrere – und gar nicht mehr so kleine – Gruppen haben keine Stimme, finden kein Gehör in diesem Land. Dabei spreche ich nicht nur, aber auch von Menschen mit Migrationshintergrund, die noch nicht lange genug hier sind oder die österreichische Staatsbürgerschaft nicht annehmen wollen bzw. können. Auch nicht nur von Flüchtlingen, die auf unsere humanitäre Hilfe angewiesen sind. Sondern auch von Kindern und Jugendlichen, die sich noch nicht engagieren dürfen. Von jenen, die sich frustriert von der Politik abgewendet haben. Von jenen, die sich keine Lobby leisten können, da sie all ihre Kraft zur Existenzsicherung brauchen – oder diesen Kampf bereits verloren haben.

Ein starkes Zeichen…
Es braucht daher ein starkes Zeichen, um jenen zu ihren Rechten zu verhelfen, die diese auf eigene Kraft nicht durchsetzen können. Auch das wäre natürlich eine Kernaufgabe der Politik. Doch wenn sich harte Zeiten (die Krise!) mit schwachen Persönlichkeiten (die Regierungsspitze!) paaren, wird es eng für Menschen ohne Lobby. In Österreich kann das zum Problem werden, da man – noch von früher – gewohnt ist, sich „von der Wiege bis zur Bahre“ umsorgen zu lassen. Damit ist es vorbei.

…gegen eine schwache Politik
Die Parteien leiden unter schwindendem Zuspruch und geistiger Erstarrung. Gestalterische Kräfte werden verdrängt von bewahrenden Apparatschiks. Die große Koalition lähmt sich selbst und erstarrt in einer Pose zwischen versteinertem Schulterklopfen und hinterhältigem Hacklschmeißen. Im drittreichsten Land der Welt wäre so vieles möglich – man müsste nur gestalten statt verwalten, mit Ideen, Elan und Hartnäckigkeit.

Viele Menschen sind mit der aktuellen Entwicklung in der Wohlstandsverteilung, in der Bildung, in der Asyl- und Integrationspolitik nicht einverstanden. Sie organisieren sich – in Facebook-Gruppen, über Petitionen, bei Demos und Kundgebungen. Das ist gut, das ist ein Zeichen – doch es reicht nicht! Ich möchte den Kritikern von „Machen wir uns stark“ entgegenhalten, dass die Veranstalter zumindest eine Sache erreicht haben: Es wurde sichtbar gemacht, wie viele Menschen sich privat und unentgeltlich engagieren.

Gebaerdensprecherin, Susanne Scholl (ORF), Markus Wailand (Moderator) und ein Vertreter der Plattform "Wahlwexel"

Helden des Alltags
„Machen wir uns stark“ hat sie auf die Bühne gebracht, wie schon zuvor „Genug ist genug“. Eine bunte Mischung war da zu sehen, die vom Erfinder der Initiative „Wahlwexel“ (http://www.wahlwechsel.at), die nicht stimmberechtigten, aber hier wohnenden Menschen zum Stimmrecht verhilft, über die von den Vorgängen im Asylwesen wachgerüttelte ORF-Korrespondentin Susanne Scholl, die eigentlich aus ihrer Russland-Zeit abgehärtet ist, bis zum mächtigen Gewerkschaftschef, der mit Verve für mehr soziale Gerechtigkeit kämpft. Was sie vereint: Sie wollen mehr.

Wand der Wuensche bei "Machen wir uns stark"
Wand der Wuensche bei "Machen wir uns stark"

Babyschritte zum Erfolg
Ein schönes chinesisches Sprichwort sagt sinngemäß, wenn viele Menschen an vielen Orten viele kleine Dinge tun, kann sich eine große Veränderung ergeben. Die von Miriam Hie, Markus Wailand und Onka Takats moderierte Veranstaltung hat das ganz großartig gezeigt. Wie könnte es sonst sein, dass zwei junge Mädchen (Maria Sofaly und Romy Grasgruber, die auch da war) oder eine alte Frau, die längst ihre wohlverdiente Pension genießen könnte (die unersetzliche Ute Bock), so viel gesellschaftliche Veränderungskraft erzeugen?

Die Moderatoren Miriam Hie (ORF) und Markus Wailand (Ex-Falter-Kunstredakteur, Ex-ORF, heute als freier Journalist in New York) mit einer der beiden Gebärdendolmetscherinnen.
Die Moderatoren Miriam Hie (ORF) und Markus Wailand (Ex-Falter-Kunstredakteur, Ex-ORF, heute als freier Journalist in New York) mit einer der beiden Gebärdendolmetscherinnen.

Das andere Österreich
Es mag pathetisch sein, aber es tut auch manchmal gut, diese Österreicher ins Rampenlicht zu rücken. Es gibt nicht nur die xenophoben Grantler, sondern auch die selbstlosen Macher. Jene, die dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft auch dann noch in ihrem Innersten zusammenhält, wenn die Politik mal – sorry, Scheiße baut. Das passiert nicht so oft, denn in der Regel paart sich beständig-abwägendes Beamtentum mit halbwegs vernünftigen Ministerköpfen. Doch nicht alle haben das Glück und den Luxus, die Ausnahmen zu überstehen.

Publikum bei "Machen wir uns stark" vor dem Heldentor
Publikum bei "Machen wir uns stark" vor dem Heldentor

Die wahre Minderheit
Das ist das eigentlich beruhigende: Auch wenn wir heute schlagende Burschenschafter im Parlament haben, Rechtsradikale in der Hofburg feiern dürfen, während friedlichen Demonstranten unter obskuren Begründungen der Zutritt zum Heldenplatz versagt bleibt, wenn lokale Politrabauken es wieder in die europäischen Schlagzeilen schaffen: das ist die Minderheit! Über 80 Prozent der Österreicher haben nichts mit diesen Spaltern am Hut, die unser Zusammenleben um keinen Deut einfacher machen.

Die Herausforderung meistern
Unsere Pisa-Ergebnisse werden nicht von selbst weniger schief. Das Uni-Ranking wird sich nicht durch Magie umdrehen. Die neuen Österreicher und vorübergehenden Besucher werden nicht verschwinden. Armut lässt sich nicht durch geschönte Statistiken zum Verschwinden bringen. Es braucht politischen Mut – und Zusammenarbeit. Nicht nur die Lehrer müssen sich anstrengen, Bildung ist ein Gesellschaftsthema. Nicht nur das Asyl- und Bleiberecht muss reformiert werden, auch die nach Österreich Kommenden müssen sich bemühen, wenn sie die Chance dafür bekommen. Nicht nur die Armen müssen versuchen, sich aus ihrer Misere zu befreien, die besser Gestellten werden ihnen dabei helfen.

Es ist nie genug!
Und allen, die meinen, das war „nicht genug“ …nicht laut genug? …nicht lang genug? …nicht wild genug? …nicht präzise genug? …nicht stark genug? Macht es besser! Jedes Monat ein „Machen wir uns stark“, besser, größer, bunter. Warum nicht? Eine Person kann hunderte überzeugen. Wenn in den Parteien keine Persönlichkeiten mehr nachwachsen, muss man sie eben außerhalb aufbauen. Das Potenzial ist da, jetzt machen wir uns daran, es zu heben.

Ein Kraftakt, gewiss. Doch: Zusammen sind wir stark!