Jacqueline Vlay (23) ist 2. stellvertretende Vorsitzende der ÖH Uni Graz. Seit 2008 bewegt sie sich im Umfeld der Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS), bei denen sie seit Dezember 2009 aktiv ist. Jakob Fahrner (17) ist Öffentlichkeitssprecher der Grünalternativen Jugend (GAJ) Steiermark, bei der er seit drei Jahren aktiv ist. neuwal traf die beiden Anfang September zum Interview über die Steiermark, die kommenden Landtagswahlen, ihr Verhältnis zu den Grünen und ihre persönlichen Perspektiven.

Jacqueline Vlay und Jakob Fahrner im Gespräch mit neuwal

Thomas Knapp (neuwal): Wie charakterisiert ihr eure Organisationen?

Jacqueline Vlay: Für uns wäre es sehr wichtig, dass die Uni Graz bei der nächsten Wahl eine Rektorin bekommt. Das ist auch für mich persönlich sehr wichtig. Im Moment sind wir auch stark gegen E-Voting unterwegs.

Jakob Fahrner: Die GAJ ist einfach ein Haufen alternativer Jugendlicher, die sich politisch einbringen und kritisch diskutieren wollen.

Vlay: Wir sind im gesellschaftspolitischen Bereich stark mit der GAJ vernetzt. Im unipolitischen Bereich wollen wir unsere Vorstellungen einbringen, z.B. indem wir versuchen einen feministischen Diskurs zu schaffen.

Wie ist eure Beziehung zu den Grünen?

Vlay: Ein kritisches Nahverhältnis. Wir teilen ihre Grundsätze, aber wir vertreten oft andere Positionen zu gewissen Themen, z.B. Asyl.

Fahrner: Wir nennen das meist freundschaftlich-kritisches Verhältnis. Das heißt wir können uns mit ihren Grundsätzen identifizieren, sind teilweise auch bei den Grünen aktiv, aber wir haben unsere eigenen Vorstellungen und sind nicht immer mit allem einverstanden. Grundsätzlich ist es ein gutes Verhältnis mit dem wir durchaus leben können.

„Ich kann mit der positiven Konnotation von Heimat nicht viel anfangen.“

Wie erlebt ihr den Wahlkampf bisher?

Vlay: Der Wahlkampf der Rechtsparteien ist schon hart. Moschee baba z.B. ist absolut verwerflich. Ich persönlich kann auch mit der positiven Konnotation von Heimat, die z.B. auch von der ÖVP getragen wird, nicht viel anfangen.

Fahrner: Der Wahlkampf ist bisher sehr inhaltsleer. Alle versuchen mit Symbolen ihre Inhalte irgendwie darzustellen. Die Rechtsparteien sowieso, auch die SPÖ. Und von der ÖVP fällt mir auch nur Handschlagqualität ein, was ja nicht stimmt, wenn man sich anschaut was so passiert. Die Grünen sind da nicht besser, mit dem „Echt Treu“ oder was sie da raufgeschrieben haben.

Vlay: Offen und ehrlich. (lacht)

Fahrner: Sie haben bis jetzt genauso auf konkrete Forderungen verzichtet.

Wie beurteilt ihr die Lage der Steiermark, im Guten wie im Schlechten?

Vlay: Probleme sehen wir in der Steiermark einige, z.B. beim Thema Nahverkehr, oder bei den Gemeinden. Die Anzahl der Gemeinden echt einmal zu verkleinern, wäre sehr sinnvoll. Was man positiv erwähnen kann sind z.B. die Grünen in der Grazer Stadtregierung. Die Radwege funktionieren gut und auch dass sie ihre Umweltpolitik betrieben haben. Oder Edith Zitz die im Migrationsbereich irrsinnig viel gemacht hat.

Fahrner: Den Punkten kann ich mich anschließen. Was gut war, ist dass das rechte Lager bisher nicht im Landtag vertreten war.

Wenn die Grünen theoretisch den erhofften Einzug in die Landesregierung schaffen und mit SPÖ oder ÖVP koalieren – was sollten sie dann besser machen?

Fahrner: Naja, eine Lösung für das Nahverkehrsproblem zu finden wäre gut. Man sollte halt versuchen, die eigenen Forderungen auch umzusetzen. Bei der Frage mit wem eine Koalition eingegangen werden sollte, gibt es aber viel Uneinigkeit. Von unserer Seite gibt es gerade an der schwarz/grünen Stadtregierung in Graz starke Kritikpunkte, weil viel schiefläuft, z.B. beim „Haus Graz“.

Bleiben wir dabei: Wie seht ihr die Grazer Stadtregierung, was hat sich durch den Einzug der Grünen verändert?

Vlay: Sie haben schon interessante Initiativen gesetzt, aber sie müssten das stärker präsentieren und nicht so duckmäuserisch im Hintergrund bleiben.

Fahrner: Mein Hauptkritikpunkt ist, dass beim Thema Migration überhaupt nix passiert ist. Das war im Gemeinderatswahlkampf ein großes Thema, aber passiert ist wenig. Nur Bürgermeister Nagl ist immer und überall vertreten. Und bei den Sachen die geschehen, wie z.B. Nahverkehrsknoten, ist die Frage, ob die nicht sowieso gekommen wären. Das sind notwendige Sache, aber dass man sehen würde das Graz jetzt eine grüne Stadt ist, kommt nur sehr langsam und vage zum Vorschein.

Den RFJ sollte man nicht zu ernst nehmen.“

Der Ring freiheitlicher Jugend Steiermark fragt auf seiner Website, ob sich der Verfassungsschutz mit der GAJ befassen soll – seid ihr ein Fall für den Verfassungsschutz?

Fahrner: (lacht) Was ist ein Fall für den Verfassungsschutz? Ich seh uns nicht als verfassungsfeindliche Organisation. Und ich glaube nicht, dass es schlecht ist, wenn der Verfassungsschutz politische Organisationen beobachtet, da hab ich nix dagegen. Der Verfassungsschutz ist sinnvoll, und die GAJ ist sicher keine verfassungsgefährdende Organisation, da sind wir weit davon entfernt.

Umgekehrt – wie bewertet ihr den RFJ?

(Beide lachen)

Fahrner: Man bekommt vom RFJ sehr wenig mit, das kommt mir irgendwie so sektenähnlich vor. Der RFJ ist sehr viel stärker an die Partei angegliedert als wir, und sie sind daher auch viel weniger kritisch ihr gegenüber.

Vlay: Den RFJ sollte man nicht zu ernst nehmen.

Die GRAS ist in der ÖH Uni Graz in einer PartnerInnenschaft mit der Aktionsgemeinschaft, aus der auch der neue AG-Bundesobmann Jan Schifko kommt, der in der ÖH bisher auch eine Funktion hatte. Er ist vor kurzem in Interviews für die Wiedereinführung der Studiengebühren und für Zugangsbeschränkungen eingetreten. Wie läuft diese PartnerInnenschaft, und wie steht ihr zu den Forderungen eures Partners?

Vlay: Das hat sich jetzt anscheinend geändert, seit er Bundesobmann der AG ist. Letztes Jahr war es noch nicht so der Fall. Unser Standpunkt ist klar – wir sind gegen Studiengebühren und gegen Zugangsbeschränkungen.

Warum sollte man bei den Landtagswahlen grün bzw. Werner Kogler wählen?

Fahrner: Man sollte grün wählen, nicht nur Kogler. Das wäre wichtig.

Naja, Kogler ist schon sehr groß am Plakat, und die Grünen nur sehr klein.

Fahrner: Ja natürlich ist er der Spitzenkandidat. Irgendwie brauchen die Leute einen Namen damit sie etwas mit einer Partei identifizieren können, das ist sehr wichtig. Warum die Leute grün wählen sollten? Weil die Grünen inhaltlich noch immer mit Abstand die beste und sinnvollste Partei sind. Und die Grünen könnten hoffentlich auch in der Landesregierung etwas weiterbringen.

Jakob Fahrner (GAJ)

Also ihr beide werdet grün wählen?

Fahrner: Aus Mangel an besseren Alternativen, ja.

Vlay: (überlegt) Ja, ich werd grün wählen.

Wie wichtig ist politisch korrekter Sprachgebrauch?

Fahrner: Sehr wichtig, aber man sollte es niemand aufzwingen. Für mich ist das was damit gemeint ist nicht nur politisch, sondern einfach der korrekte Sprachgebrauch. Aber es ist der falsche Weg zu sagen „Du sprichst nicht so – du bist böse“.

Vlay: Es ist sehr wichtig, dass man in der Sprache Frauen aufzeigt. Unser Bewusstsein ist von der Sprache geprägt und wenn wir gewisse Sachen durch die Sprache bewusst machen, kann man bestimmte Dinge aufzeigen. Zum Beispiel verwenden wir auch gewisse Ausdrücke für Ausländer nicht mehr, eben weil sich Leute hingestellt haben und gesagt haben „Hey, das ist politisch inkorrekt“, das geht vom Beschimpfen von Ausländern bis zum Aufzeigen von Frauen. Ludwig Wittgenstein schreibt „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“. Ich möchte nicht das begrenzte Bild einer Gesellschaft die nur patriarchal strukturiert ist haben. Geschlecht ist überhaupt ein Konstrukt das es aufzubrechen gilt. Es ist etwas, was wir anerzogen bekommen.

„Eine Koalition mit der SPÖ würd ich vorziehen“

Zurück zur steirischen Landtagswahl: Mit wem sollten die Grünen, wenn es sich so ergibt, eher koalieren?

Fahrner: Nach dem was wir in Graz sehen, würde die GAJ es bevorzugen wenn die Grünen mit der SPÖ koalieren. Vielleicht wäre eine Koalition mit der ÖVP eine Lösung, um wieder eine große Koalition zu verhindern, aber dass kann ich nicht sagen. Ich persönlich würd eine Koalition mit der ÖVP nicht gut finden.

Vlay: Ich präferiere eigentlich auch die SPÖ der ÖVP gegenüber

Seht ihr eure persönliche Zukunft bei den Grünen?

Vlay: (lacht) Also… (überlegt) Ich weiß nicht ob ich mich in Zukunft überhaupt in einer politischen Partei sehe. Ich will mich schon politisch engagieren, aber ob das parteipolitisch sein wird, steht noch offen.

Fahrner: Vielleicht weiterhin als Parteimitglied. Als Funktionär aktiv zu werden kann ich mir nicht vorstellen. Aber eben auch sonst politisch aktiv, den Möglichkeiten entsprechend.

Jacqueline Vlay (GRAS)

Angenommen es käme anders und die Grünen wären irgendwann so erfolgreich, dass ihr in die Landesregierung kommt. Welche Zuständigkeiten hättet ihr dann gerne und was würdet ihr damit machen wollen?

Vlay: Ich persönlich würd mich mit Sozialem beschäftigen. Aber ich tu mir schwer die Frage zu beantworten, weil ich nicht in der Grünen Partei bin. Den Koralmtunnel würd ich stoppen. Und dann vielleicht ein Öko-Pickerl für Autos einführen, wie es das in Berlin gibt. Und dann Schwerpunkte auf Antirassismus und Migration legen. Es gibt viele Probleme in unserer Gesellschaft, die es zu lösen gilt.

Fahrner: Ich tu mir schwer Zuständigkeiten zwischen Landes-, Bundes-, Gemeinde- oder Bezirksebene zu unterscheiden, das ist ein ziemlich undurchsichtiger Dschungel. Ich persönlich würd mein Portfolio eher im technischen Bereich ansiedeln wollen. Es gibt da viele Themen, Urheberrechtsschutz, Datenschutz, bei denen es viele ungelöste Probleme gibt.

Und weil ich auf neuwal gelesen habe dass wir so EU-kritisch seien: Wir wollen auf jeden Fall in der EU bleiben. Die Aussage über uns find ich sehr fragwürdig, dem kann man nur widersprechen.

Du hast als erstes den Bereich Soziales angesprochen – welche konkreten Probleme siehst du dort?

Vlay: Ich würde mich sehr für ein bedingungsloses Grundeinkommen engagieren. Das wäre auch für die Studierenden interessant, als bedingungsloses Grundstipendium. Viele Studierende müssen nebenbei arbeiten und immer „effizienter“ studieren.

Zur technologischen Entwicklung des Internets die du angesprochen hast – wo seht ihr da die Probleme, wie nutzt ihr neue Medien?

Vlay: Man muss aufpassen wofür man sie benutzt. Wahlen sollte man nicht darüber machen. Das ist sehr intransparent und demokratiepolitisch bedenklich. Mit der Vorratsdatenspeicherung gibt es sehr viele Probleme, und es ist schwierig sie zu lösen. Wir alle nutzen das Internet, es ist schön zum Vernetzten und es gibt keine Grenzen.

Fahrner: Die Grenzen wollen aber geschaffen werden. Es gibt Ländern in Europa, in denen wird einem wenn man zwei Mal eine Urheberrechtsverletzung begeht, der Internetzugang gekappt. Und da Internet und neue Medien immer wichtiger werden, schließt das Menschen komplett aus dem sozialen Leben aus. GAJ und GRAS versuchen auch sich im Web zu präsentieren. Ich persönlich finde Facebook vom Datenschutz her sehr bedenklich und bin einer der wenigen in meinem Umfeld, der keinen Account hat. Es ist einfach eine weitere Möglichkeit sich komplett zum gläsernen Menschen zu machen. Diese ganzen scheinbar kostenlosen Dienste müssen sich ja auch finanzieren. Man verkauft ihnen eben die eigenen Daten.

Mit welcher politischen Vision steht ihr am Morgen auf, und wie müsste der Tag gelaufen sein, damit ihr zufrieden schlafen geht?

Vlay: Ich versuche nach bestem Wissen und Gewissen meine Vorstellungen in meinem Wirkungsbereich zu etablieren. Wenn ich sehe, dass Projekte für die ich mich einsetzte funktionieren, ist das ein gutes Gefühl und es lässt mich gut schlafen. Oder wenn ich z.B. lese dass in Australien die Grünen so erfolgreich waren, denk ich mir „Wow, die Welt beginnt aufzuwachen.“

Fahrner: Es gibt vieles, was ich gerne umsetzten würde. Was ich ganz stark in der GAJ erlebe ist die Arbeit in der Gruppe. Wenn man sieht wie das funktioniert, wie sich andere Leute entwickeln und wie die ganze Bewegung sich entwickelt und man sieht dass sich etwas tut, das ist das Schönste.

Fotos: Christopher Pieberl

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Jahrgang 1986, lebt in Graz, bloggt und twittert politisch und schreibt auch sonst gerne.