Der Wahlkampfauftakt der SPÖ war nicht nur visuell ziemlich beeindruckend: 7.000 Besucher zählte die Veranstaltung offiziell, die verkleinerte Stadthalle prall gefüllt mit Anhängern und Sympathisanten, die rot blinkenden SPÖ-Herzen wie einen Orden an der Brust.


Die SPÖ nimmt den Wahlkampf sportlich - es gab auch Tennisspieler und Marathonläufer, (CC) Stefan Egger
Die SPÖ nimmt den Wahlkampf sportlich - es gab auch Tennisspieler und Marathonläufer, (CC) Stefan Egger

Die Partei der Herzen
Das Zentrum des Saals bildete ein Kreis an der Decke, der im Minutentakt rot angestrahlt und mit einem mächtigen Herzschlag zum Vibrieren gebracht wurde. Das Herz war überhaupt omnipresent: „I love Vienna“ war der reichlich schnulzige, aber gut gemachte und offenbar beliebte Abschlusssong.

Bombastische Botschaften
Aufgeboten wurde das Feinste vom Feinsten, an der Inszenierung wurde nicht gespart: von der Disney-mäßig animierten Logo-Skyline bis zu Hollywood-artigen Imagefilmen, fetzigen Straßenumfragen, Mini-Feuerwerken und dem bereits erwähnten Live-Konzert reichte die Palette.
Feuerwerke für das Volk, (CC) Stefan Egger
Feuerwerke für das Volk, (CC) Stefan Egger
“Das Beste, was Wien passieren kann”
Was die Protagonisten des Abends betrifft, reduzierte man sich auf die wichtigsten Proponenten und besten Redner. Anmoderiert von einer hochmotivierten Arabella Kiesbauer, durfte der Pariser Bürgermeister den Anfang machen – und hielt prompt eine Brandrede gegen Rassismus. „Mon ami Michel“ lobte er mehrfach über den grünen Klee. Schließlich habe dieser ihn auch schon unterstützt, bevor er Paris aus der jahrzehntelangen konservativen Herrschaft „befreien“ hatte können. Und in ganz Europa kenne man den Namen seines Kollegen und Freundes, der das Beste sei, was Wien passieren könne. Wow, starker Tobak!
Bundeskanzler Werner Faymann überraschte mit einer mitreißend gehaltenen Brandrede, (CC) Stefan Egger
Bundeskanzler Werner Faymann überraschte mit einer mitreißend gehaltenen Brandrede, (CC) Stefan Egger
Forza Faymann, Bollwerk Sozialdemokratie
Danach war Bundeskanzler Faymann an der Reihe, der – anfangs markentypisch noch etwas quäkend – eine sehr starke und ungewöhnlich klare Rede hielt. Auch er verdammte Intoleranz und Rassismus und strich die Wichtigkeit der Sozialdemokratie als Bollwerk gegen alles Schlechte auf der Welt hervor.
Der Einzug des Gladiators zu triumphaler Musik, (CC) Stefan Egger
Der Einzug des Gladiators zu triumphaler Musik, (CC) Stefan Egger
Der rote Gladiator
Dann kam der, auf den alle gewartet hatten: Michael Häupl. Der erfahrene Gladiator wirkte ruhig, gefasst, etwas müde vielleicht – bei anderen Anlässen hatte er schon mehr Drive und Elan. Jedenfalls hob der Titelverteidiger im Rahmen seiner Unterstützer, Fans und Parteigenossen zu einem ausufernden, teilweise mäandernden, nicht besonders fokussierten Rundumschlag aus, der wenig Inhalte, aber viele Seitenhiebe enthielt. Auch einige typische Kalauer konnte er sich nicht verkneifen, wobei die Qualität nicht wesentlich über jener üblicher Bierzeltsprüche lag – natürlich ohne den Fremdenhass.
Auch die Wahlplakate wurden präsentiert, (CC) Stefan Egger
Auch die Wahlplakate wurden präsentiert, (CC) Stefan Egger
Der Kinospot, umrahmt von der obligatorischen Lichtshow, (CC) Stefan Egger
Der Kinospot, umrahmt von der obligatorischen Lichtshow, (CC) Stefan Egger
Wien zeigt der Bundes-SPÖ, wie’s geht
Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Die SPÖ, vor allem die Wiener SPÖ, macht ihre Sache wahnsinnig gut. Seit der Volksbefragung, die bekanntermaßen der inoffizielle Startschuss zur Wien-Wahl war, konnten die Roten Themenführerschaft und Umfragen gleichermaßen für sich entscheiden.
Mit leichtem Grant und ruhiger Hand
Auch die Inhalte, auf die Häupl im Wahlkampf setzt, sind die richtigen – und gar nicht schlecht dargestellt. Verkauft hat er sie aber schon einmal besser – mit weniger Grant, weniger Überheblichkeit, und weniger persönlichen Diffamierungen, die in der Sache doch keinen Unterschied machen. Gerade im Vergleich zu seinen unerwartet guten Vorrednern wirkte der Bürgermeister in einigen Momenten etwas zu kleingeistig, streitsüchtig und überheblich – so kennt man ihn eigentlich nicht.

Dem bunt gemischten Publikum gefiel es trotzdem, und viele – vor allem jüngere – Anhänger hatten auf dem Heimweig den „I Love Vienna“-Song auf den Lippen. Die SPÖ Wien ist im Jahr 2010 noch immer eine geradezu archetypische Massenpartei – was an diesem Samstag wieder einmal klar in Erinnerung gerufen wurde.

Der grantige Blick soll zeigen: Wien braucht mich noch, die anderen Deppen können's nicht! (CC) Stefan Egger
Der grantige Blick soll zeigen: Wien braucht mich noch, die anderen Deppen können's nicht! (CC) Stefan Egger
Wenn die Macht Routine wird…
Vielleicht war es einfach nicht sein Tag – oder er hat im Herzen vielleicht doch nicht mehr so viel Lust, den anstrengenden und verantwortungsvollen Job auf ewig weiterzumachen. Der Abschied von der Macht wird sicher schwierig werden, denn Häupl hat viel zu sagen und einiges Gewicht – was er gerne auch bundespolitisch nützt. Ein bisschen war der Auftakt somit auch ein Abgesang – auf einen starken Roten, der seine Nachfolger noch mit einiger Sorge intern zu casten scheint, wenn auch diskret und professionell.
Schnulzig, aber belilebt: Schunkeln zu "I Love Vienna", (CC) Stefan Egger
Freundschaft!