Jan Philip Schifko studiert seit 2006 Jus in Graz. Seit 2008 ist er dort in der Aktionsgemeinschaft (ÖVP-nahe ÖH-Fraktion) engagiert und war auch schon Obmann der AG Graz. Vor kurzem wurde er zum Bundesobmann der Aktionsgemeinschaft gewählt. Die Aktionsgemeinschaft ist die mandatsstärkste Fraktion in der ÖH-Bundesvertretung, gehört aber im Moment nicht der Exekutive an, die von den Grünalternativen Studierenden (GRAS), der Fraktion engagierter Studierender (FEST) und dem Verband sozialistischer StudentInnen (VSStÖ) gebildet wird.

Thomas Knapp (neuwal): Bist du, als neuer Obmann der mandatsstärksten Fraktion der Bundesvertretung Oppositionsführer oder würdest du deine Rolle anders definieren?

Jan Philip Schifko: Oppositionsführer triffts nicht ganz. In der Bundesvertretungen wechseln die Mehrheiten oft. Welche Anträge durchgehen oder eben nicht durchgehen, hängt von ihrem Inhalt ab. Jede ÖH-Fraktion muss, unabhängig von der nach außen politisch und medial nur schwach wahrgenommenen Bundesvertretung, schauen dass sie ihre Forderungen platzieren kann und mediales Echo bekommt. Ich würde uns nicht als klassische Opposition sehen. Wir sind nicht an der Exekutive beteiligt, aber wir bringen uns ein. Viele Anträge gehen ohne uns gar nicht durch, weil es dafür eine 2/3-Mehrheit braucht. Und wenn wir da blockieren oder nicht damit können, dann haben unseren grünen und roten Freunde sowieso ein Problem.

Aber dir wäre lieber, dass der ÖH-Vorsitz von der Aktionsgemeinschaft gestellt würde?

Natürlich.

Jan Schifko, neuer AG-Bundesobmann

„Mir kommt die ÖH-Exekutive vor wie ein trotziges Kind“

Was kritisierst du an der aktuellen Exekutive?

Sie liegen einerseits mit ihren Themen nicht richtig und andererseits auch mit der Art und Weise, wie sie ihre Themen durchsetzten wollen nicht. Zum Beispiel das strikte Festhalten an vielen Forderungen aus der Audimax-Besetzung, wie das gebetsmühlenartige Wiederholen der Forderung nach dem, an sich sinnvollen, freien Hochschulzugang. Das ist ihre Keule mit der sie alle Hinweise auf finanzielle Probleme niederschlagen. Das stört mich, weil es Lösungen geben muss. Aber die Lösung kann nicht sein, immer Nein zu sagen.

Mir kommt vor, die Bundesvertretung ist ein trotziges Kind, das genau weiß dass es viele Dinge die es haben will, nicht bekommen wird. Aber statt dass sie versuchen, dort wo es möglich ist, Forderungen umzusetzen, bleiben die Grünalternativen und der VSStÖ auf ihrer historischen Linie die nicht wirklich zum 21. Jahrhundert passt: Klassenkampf und wie es halt früher so war. Sie wissen zwar dass sie damit gegen eine Wand laufen, aber das ist anscheinend ein Prinzip. Damit erreichen sie nur relativ wenig für die Studenten in Österreich.

Die Unipolitik und die Studenten an sich haben sicher nicht den Stellenwert den sie haben müssten. Und wenn du als ÖH dann versuchst alles auf Biegen und Brechen durchzubringen, rennst eben schnell an die Wand.

Und die Art wie sie ihre Inhalte rüberbringen – Aktionismus ist gut und wichtig, und unerlässlich um Schlagzeilen zu bekommen. Aber sie beschränken sich dann darauf, das war bei den Audimax-Protesten so und ist auch bei den Demos so. Mit Aktionismus schafft man Bewusstsein, aber dann muss man dranbleiben, sich im Wissenschaftministerium einbringen und Lobbying bei den Parteien im Nationalrat machen, um sie für die Probleme der Studenten zu sensibilisieren.

Die Sigi Maurer (die derzeitige ÖH-Vorsitzende, GRAS. Anm.) hat sich am Anfang medial gar nicht schlecht verkauft, aber seit die Besetzung des Audimax vorbei ist, hab ich den Eindruck dass es keine Bundesvertretung mehr gibt, zumindest nicht im wahrnehmbaren Bereich.

„Ich hätte versucht die Leute zu treffen, die etwas verändern können“

Wenn du damals ÖH-Vorsitzender gewesen wärst – wie hättest du auf die Proteste reagiert?

Wir hätten sicher viele Forderungen unterstützen können und uns dafür eingesetzt, dass sie medial noch wirksamer gebracht werden. Aber die lange Dauer der Besetzungen und Blockaden hätte ich als ÖH-Vorsitzender nicht unterstützt. Es ist wichtig ein Zeichen zu setzten, aber durch die Besetzung von Hörsälen werden die Studierenden blockiert. Sie können keine Lehrveranstaltungen und Prüfungen machen oder müssen ausweichen. Dem Professor ist es egal ob er seine Vorlesung halten muss, er bekommt sein Geld ja sowieso. Wenn wegen Besetzungen 3 Monate lang die Veranstaltungen ausfallen ist es ihm egal, und dem Ministerium eigentlich auch. Ich hätte versucht einen Weg zu finden die Leute zu treffen, die etwas verändern können, und nicht die Studierenden, die für die Situation nichts können.

Momentan kann man wohl davon ausgehen, dass die Aktionsgemeinschaft auch nach der nächsten ÖH-Wahl wieder die stärkste Fraktion sein wird. Deshalb werdet ihr wohl den ÖH-Vorsitz anstreben. Hast du dafür eine bestimmte Koalitionspräferenz?

Als mandatsstärkste Fraktion die wir hoffentlich bleiben, werden wir natürlich den Anspruch auf den Vorsitz stellen. Und dafür werden wir eine Koalition brauchen, nachdem die Absolute für uns noch ein wenig unrealistisch erscheint (lacht).

Ich habe keine bestimmte Präferenz. Ausschließen kann ich eine Zusammenarbeit mit dem Ring Freiheitlicher Studenten und dem Kommunistischen Studentenverband in all seinen Ausführungen. Beide liegen meiner Meinung nach zu sehr im Extrem. Mit allen anderen können wir reden, aber ich habe die Befürchtung dass sowohl VSStÖ als auch Grüne eine angeborene Aversion gegen uns haben und dem Credo folgen, mit uns niemals auf Bundesebene zu koalieren.
Jan Schifko im Gespräch mit neuwal
In Graz duldet die AG eine Minderheitenexektuive von GRAS und VSStÖ. Ist die Beziehung hier besser als auf Bundesebene?

Ja, wobei ich glaube dass das nicht so sehr an der Aktionsgemeinschaft liegt, sondern an GRAS und VSStÖ in Graz. Die Leute in der AG sind in Graz nicht viel anders als überall sonst in Österreich. So ein rot-schwarz-grünes Projekt könnte man sicher an vielen Unis umsetzten, auch auf Bundesebene könnte ich mir das gut vorstellen. Aber ich glaub das gerade in Wien der VSStÖ und auch die GRAS extremer sind in ihrer historisch eingeborenen Abneigung gegen die AG, als es in Graz der Fall ist.

Warum bist du bei der Aktionsgemeinschaft?

Die Aktionsgemeinschaft ist sicher die Fraktion, die von den bildungspolitischen und inhaltlichen Forderungen am ehesten meine persönliche Meinung widerspiegelt. Was mir auch sehr gefallen hat, ist der Grundsatz dass wir über Bildungspolitik diskutieren, und über Gesellschaftspolitik nur wenn sie für Studenten äußerst relevant ist und direkt in das Leben der Studenten eingreift. Sonst schauen wir kümmern wir uns um Service, Vertretung in den Gremien und eine Auflockerung des studentischen Alltags mit Veranstaltungen. Die AG stellt ja sehr viele Mitglieder in Gremien der Uni und der ÖH und daher ist es wichtig, sich zuerst auf die ÖH-Arbeit und die inneruniversitäre Arbeit zu konzentrieren.

Ich glaube dass eine Studentenorganisation die die Aufgaben einer Jugendorganisation einer Partei übernimmt, wie etwa GRAS und VSStÖ das tun, etwas falsch macht. Denn es gibt ja die eigenen Organisationen dafür. Die AG ist ganz klar für die Studenten da, und für die anderen Dinge gibt es auch im bürgerlichen Lager andere Organisationen. Wenn man seine ganze Aufmerksamkeit den studentischen Anliegen widmet, kann man auch mehr durchsetzten.

Du hast deine unipolitische Karriere ja nicht bei der Aktionsgemeinschaft begonnen, sondern als Spitzenkandidat der Basisgruppe Stadtpark, als der du im Wesentlichen mehr Grünflächen und mehr soziale Wärme an der Uni gefordert hast. Wie kam es dazu?

Das war, kann man so sagen, eine etwas humorvoll zu nehmende Liste die bei der ÖH-Wahl angetreten ist. Das Ziel war auch aufzuzeigen, dass die ÖH-Fraktionen wie die Großparteien bundesweit agieren und aufzuzeigen, das man auch auf andere Weise studentische Politik machen kann. Was mir wichtig ist, auch wenn das ein sehr GRAS-spezifisches Thema ist, ist das ich glaube das man den Grazer Campus generell viel besser verwenden könnte. Mir schwebt da ein eigenständiger Campus als Stadt in der Stadt vor. Das wäre leicht realisierbar, man müsste nur infrastrukturell und flächenwidmungsmäßig einige kleine Änderungen vornehmen. Diese Idee hab ich auch in die AG eingebracht und das werden wir auch weiter verfolgen. Wie meine Uni ausschaut, ob ich mich dort wohlfühle, hat großen Einfluss darauf ob ich dort gerne und gut studiere. In einem 50er-Jahre-Bau mit Asbest in den Wänden und dunklen Hörsälen werd ich weniger Lust haben mitzuarbeiten und zu lernen.

Das Geschlechterverhältnis ist ein Zufall, der bei uns niemand stört

Der neue Bundesvorstand der Aktionsgemeinschaft umfasst 6 Personen, darunter nur eine Frau. Ist das ein Problem für euch? Wie kommt es zu einem so unausgewogenen Geschlechterverhältnis?

Grundsätzlich hat die AG, im Gegensatz zu vor allem linken Fraktionen, nicht irgendwelche Quotenregelungen oder ein Reißverschlussprinzip. Bei uns geht es um die Qualität. Als ich mich entschieden habe als Bundesobmann zu kandidieren, hab ich mit vielen Unigruppen geredet und mir ein Team zusammengesucht. Ich hab mir die Leute die für die Funktion am besten geeignet schienen und auch bereit waren, das zu machen, genommen. Das schlussendlich nur eine Frau darunter ist, ist Zufall.

Also gibt es einfach wenig qualifizierte Frauen in der Aktionsgemeinschaft?

Nein, aber die Leute die sich bereit erklärt haben, waren eben Männer. Im Teamfindungsprozess waren auch mehr Frauen im Gespräch, die aber aus irgendwelchen Gründen nicht wollten. Das Frauenthema wird der AG gerne vorgeworfen. Ich halte das für ein wenig peinlich, weil es in der AG sehr viele Mädels gibt. Wenn man alle Mitglieder österreichweit zusammenzählt sind das sicher mehr Frauen als Männer. Wo sich jeder engagieren will, ist seine Sache. Wir hatten vor 3 ÖH-Wahlen eine Spitzenkandidatin. Wir haben schon oft Frauen in verschiedenen Positionen im Bundesvorstand gehabt. Das Verhältnis 5:1 ist ein Zufall, der in der AG niemand stört.

In einem Interview hast du gesagt, dass nur einige ausgewählte Massenstudienrichtungen zu beschränken nicht zum Ziel führt, weil das nur zu einer kurzfristigen Entlastung führt und die Studierendenströme einfach umlenkt. Außerdem hast du gemeint, dass du gerne hättest, dass die Leute die studieren wollen, ihre Befähigung unter Beweis stellen müssen. Haben sie das nicht bereits mit der Matura gemacht?

Man sieht in Graz und auch österreichweit sehr gut, dass wenn ich ein Studium beschränke, dies zu einer Streuung in andere Studien führt. Wenn ich Medizin beschränke, dann wollen eben alle Molekularbiologie, Pharmazie oder Psychologie studieren. Damit löst man kein Problem, sondern lenkt nur die Ströme. Aber irgendwann wird man sich zu Tode lenken. So kommt es auch zu einem sukzessiven Beschränken von immer mehr Studienrichtungen, bis nur mehr wenig offen bleiben. Die sind dann komplett überlaufen und in der Qualität nicht mehr so gut wie die beschränkten. Entweder man beschränkt alle oder man beschränkt keines. Das ist mathematisch und statistisch relativ logisch (lacht).

Wegen der Befähigung wurde ich vielleicht etwas zu kurz zitiert. Ich hab ein Problem damit, wenn jemand solang er will, wie er will, was er will und wie gut er will studieren kann, ohne dafür selbst eine Leistung bringen zu müssen. Das mein ich mit der Befähigung. Zum Beispiel: Von den Medizinstudenten die in Österreich einen Platz bekommen, nehmen 10 % diesen Platz nicht an. 80 % davon begründen das damit, dass sie während sie sich auf die Prüfung vorbereitet haben, draufgekommen sind, dass das Studium eigentlich nicht ihres ist. Daran sieht man gut, dass viele Leute einfach mal beginnen etwas zu studieren, ohne einen Plan zu haben.

Im Moment ist es leider auch so, dass man nicht zwangsläufig in den ersten Semestern mitbekommt, worum es im Studium eigentlich geht, sondern erst in höheren Semestern draufkommt, dass man eigentlich etwas anderes machen möchte. Deshalb sollte es eine Möglichkeit für die Studierenden geben, relativ schnell herauszufinden ob ihnen das Studium liegt und ob sie auch fähig sind, das Studium abzuschließen. Das Problem in Österreich ist nicht die Anzahl der Studienanfänger, sondern die riesige Drop-Out-Quote in fast allen Studienrichtungen.

Es muss eine Möglichkeit geben, das junge Menschen die maturiert haben und studieren wollen, auch schon von Anfang an abschätzten können, sei das durch einen Test, sei das durch mehr Vorbereitung in der Oberstufe, was ihnen liegt und was nicht. Das musst kein Test sein, es kann z.B. auch eine sinnvolle Studieneingangsphase sein, die den Studierenden ein richtiges Bild vom kompletten Studium und auch von der Zeit danach, also Jobmöglichkeiten, vermittelt. „Zugangsbeschränkungen in allen Studienrichtungen“ würd ich mir so nicht in den Mund legen lassen.

„Die Studenten werden als Klotz am Budgetbein des Staates gesehen“

Wie beurteilst du die Bemühungen des Ministeriums und der Regierung in dieser Hinsicht?

Ich glaube dass der momentane Zugang der Politik generell, quer durch alle Parteien, falsch ist. Die Studenten werden nicht als zukünftige Leistungsträger gesehen, sondern als Klotz der am Budgetbein des Staates hängt. Deswegen seh ich auch den Zugang des Wissenschaftsministeriums etwas skeptisch, wenn da Idee kommen wie einfach mal wahllos irgendetwas zu beschränken. Leider weist das Universitätsgesetz, vor allem seit der letzten Novellierung, juristisch sehr viele Grauzonen auf, die leider von den einzelnen Universitäten sehr leicht ausgenützt werden können. Ich finds gut wenn man auf überfüllte Hörsäle mit temporären Beschränkungen reagiert, um den Studenten die schon studieren, noch eine gewisse Qualität bieten zu können. Da nutzen ja oft auch zusätzliche Mittel nichts, weil man nicht sofort 100 neue Laborplätze bauen kann.

In dem angesprochenen Interview hast du auch gesagt, dass du kein Problem mit Studiengebühren als Beitrag zur Finanzierung hättest.

Studiengebühren in der Form in der es sie gab, lehne ich ab, weil das Geld nicht der Lehre zugutekam. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass jene die es sich leisten können, einen Beitrag leisten, sozial gestaffelt natürlich. Eine Idee die wir in der AG haben und die mir gefällt, auch wenn sie noch nicht ganz ausgearbeitet ist, ist ein Beitragssystem, wo besser gestellte Studierende mit ihrem Beitrag bezahlen der auch dazu dient, dass schlechter gestellte Studierende mehr Stipendien bekommen. Also zum Beispiel bei Studiengebühren von 300 Euro gehen 200 in die Lehre und 100 Euro ins Stipendiensystem.

Ich bin generell ein Gegner des sozialdemokratischen Gießkannprinzips „wenn gratis dann für alle, wenn Kosten dann für alle“. Ich glaube an soziale Staffelung, gerade jetzt wo die Vermögensschere auseinanderklafft. Das Wort Umverteilung wird von Bürgerlichen gern gemieden, weil es ein starkes sozialistisches Schlagwort ist. Aber Umverteilung per se ist nichts Schlechtes. Wer es sich leisten kann soll einen Beitrag zahlen, damit jene denen es schlechter geht etwas bekommen.

Der Bologna-Prozess war ein großes Thema der Studierendenproteste. Wie stehst du dazu?

Die Idee, den europäischen Gedanken, finde ich ausgezeichnet. Die österreichische Umsetzung würd ich einfach negativ als österreichisch bezeichnen. Man kann nicht einfach ein anglosächsisches Modell hernehmen und das auf das auf Humboldt aufgebaute österreichische System aufpfropfen. Das was bisher 4 Jahre gedauert hat dauert jetzt 3 plus 2 Jahre und sonst ändert sich relativ wenig. Das war so ein typisch österreichisches „Wir malen die Fassade neu an, aber innen drin bleibt alles gleich und dann sagen wir das ist jetzt alles supertoll“. In Österreich ist es noch nicht einmal möglich einfach im Jus-Studium zwischen Wien und Graz zu wechseln, weil die Fakultäten sich gegenseitig eins auswischen wollen. Und das ist in zig verschiedenen Studienrichtungen in Österreich so. Und wie soll man da erst nach Helsinki oder London wechseln können?

„Die österreichische Politik hat gezeigt, dass sie Proteste aussitzen kann.“

Es ist von verschiedener Seite ein „heißer Herbst“ in der Bildungspolitik angekündigt worden. Glaubst du, dass es zu neuen Protesten kommt, und wie sollten die ÖH und die Regierung darauf reagieren?

Es wird sicher zu Protesten kommen, weil ein paar dieser Protestzellen immer noch aktiv sind. Zwar eher schon als Persiflage auf sich selbst, aber immer noch. Wie darauf reagiert werden soll, hängt davon ab, wohin die Proteste gehen. Wenn sie aus dem letzten Jahr gelernt haben, stellen sie ein paar wirklich gut ausgearbeitete und umsetzbare bildungspolitische Forderungen. Dass dies dann auch wirklich umgesetzt werden können, scheint mir vollkommen klar. Die Frage ist, ob sie sich wieder selbst ruinieren, indem sie ihre Besetzungen, Blockaden und Demonstrationen zu einer Farce verkommen lassen, wie am Ende im Audimax, weil sie dann keiner mehr ernstnimmt.

Die österreichische Politik hat gezeigt, dass sie solche Proteste relativ unproblematisch aussitzen kann. Deshalb müssten sie einerseits den Aktionismus auf das Mindeste zurückschrauben und andererseits ihre Forderungen strukturiert vorbringen und Personen haben die diese vorbringen. Die Medien brauchen einfach Personen um etwas festzumachen. Wenn man sich die 68er anschaut, einen Rudi Dutschke und einen Daniel Cohn-Bendit, das waren die die im Rampenlicht gestanden sind. Bei den letzten Protesten war das „wir sind einer von vielen“ vielleicht schön, aber mit einem von vielen führt halt niemand ein Interview. Da wäre es auch für die ÖH wichtig, das möchte ich Sigi Maurer als Tipp mitgeben, sich an die Spitze zu stellen und zu sagen „Ok, ich trage das mit“. Das müssen ja keine Proteste im Sinn von Blockaden sein, sondern zB eine mediale Kampagne mit der man politischen Druck ausübt.

Was die Aktionsgemeinschaft ablehnen wird sind Hörsaalbesetzungen und Blockaden die für die Studenten schlecht sind. Forderungen die zur Verbesserung der Unilandschaft in Österreich beitragen, werden wir natürlich unterstützen. Da hoffen wir auch auf die Unikonferenz und auf das Wissenschaftsministerium. Aber die Besetzter des letzten Jahres haben viel mehr an Verhandlungsbasis zerstört, als sie aufgebaut haben. Sie haben zwar kurzfristig ein mediales Echo erzeugt, aber dann haben sie sich durch ihre dilettantischen never-ending Besetzungen, die sie dann 3 Monate lang in Kleinstgruppen mit Obdachlosen im Audimax weitergeführt haben, medial auch lächerlich gemacht, bis sich dann sogar Medien wie derstandard.at abgewandt haben, die ja grundsätzlich für so etwas immer sehr offen sind. Vielleicht kann man sich Besetzungen dieses Mal sparen und Proteste auf konstruktive Weise schaffen.
Jan Schifko
Hast du politische Visionen?

Ich glaube dass es in Österreich sehr wichtig wäre, das Bild das die Gesellschaft von den Studierenden hat, zu Recht zu rücken. Die Studierenden haben, ähnlich wie die Lehrer, ein Image das ihrer Wichtigkeit und ihrer Leistung für die Gesellschaft in keiner Weise entspricht. Das Menschen die mit dem akademischen Leben überhaupt nichts zu tun haben, nicht mehr meinen Studenten studieren doch eh nur ewig und lassen sich das vom Staat bezahlen, ist eine politische Vision von mir.

Studenten sollen als das gesehen werden, was sie sind: Nämlich die Zukunft unseres Landes. Die wissenschaftliche und auch die gesellschaftliche, weil Akademiker in der Regel viele wichtige Positionen bekleiden. Und Studenten sollen bei den Parteien die dazu in der Lage sind, ein paar schließe ich da aus, aber zumindest bei Grünen, SPÖ und ÖVP, den Stellwert bekommen, den sie verdient hätten. Studenten haben leider wenige Lobbys. Sie haben eine ÖH, die intern oft zerstritten ist und sich nach außen hin meist nicht gut vermarktet. Auch die Unis und Professoren sind da nicht viel besser vertreten, weil sie oft gerne in ihren Elfenbeintürmen sitzen. Es ist klar dass sie dann zu kurz kommen. Deshalb wäre es wichtig, dass auch eine politisch uneinige ÖH geschlossen für die Interessen der Studenten eintritt. Das Studenten wieder als Player im politischen Spiel in Österreich wahrgenommen werden, wäre eine Vision von mir.

Und hast du politische Ambitionen?

Ich glaube eine politische Karriere zu planen funktioniert grundsätzlich nicht. Als Bundesobmann der AG befindet man sich in einer semipolitischen Roll, wo man einerseits schon politisch ist, andererseits aber vor allem Studentenvertreter sein und für die Studenten das Beste herausholen will, sei es durch Beratung, durch Veranstaltung oder Service. Ich will mein Studium abschließen und einen Brotberuf erlernen. Und was passiert, passiert.

Update: Das Interview wurde vor dem neuen Studiengebühren-Vorschlag von BM Karl geführt. Anlässlich ihres Vorstoßes betont Schifko seine Vision einer Umverteilung von wohlhabenderen Studierenden zu ärmeren.

Fotos: Klemens Wieringer

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Jahrgang 1986, lebt in Graz, bloggt und twittert politisch und schreibt auch sonst gerne.