Beim Kärntner Ortstafelkonflikt kommt es oft zu der strittigen Frage nach der zahlenmäßigen Größe der Slowenen in Kärnten. Das ist aber eine Frage, die nicht sehr leicht zu beantworten ist. Theoretisch wird die Volksgruppengröße durch die Volkszählung ermittelt. Hier wurde aber nie die Volksgruppenzugehörigkeit abgefragt, sondern die Umgangssprache in Verbindung mit der österreichischen Staatsbürgerschaft. Die Nennung der Umgangssprache bleibt hier natürlich einer jeden Person selbst überlassen.

Wo lebt die slowenische Volksgruppe?

Eindeutig lässt sich das Siedlungsgebiet nicht abgrenzen. In gewissen historisch slowenischsprachigen Gebieten sind die Sprecher der slowenischen Sprache heute fast verschwunden. In der Literatur werden heute drei Täler als gemischtsprachig angegeben: das Jauntal/Podjuna, das Rosental/Rož und das Gailtal/Zilja (der untere Teil). Der Großteil dieser Gebiete befindet sich südlich der Drau/Drava, wodurch in Kärnten oft zu hören ist, die Slowenen leben nur „unter der Drau/Drava“. Ganz stimmt diese Definition aber nicht, da sich das gemischtsprachige Gebiet um Völkermarkt/Velikovec nördlich der Drau/Drava befindet.

Gesetzlich wird das slowenische Siedlungsgebiet nur im Minderheitenschulwesengesetz definiert. Im Staatsvertrag von 1955 wurde das zweisprachige Gebiet Kärntens nicht definiert. Deshalb ist auch die Auslegung des Artikels 7 im Staatsvertrag strittig, der den Slowenen in Kärnten und der Steiermark in den slowenisch- oder gemischtsprachigen Bezirken topographische Aufschriften garantiert.

Probleme bei der Volksgruppenzählung

Im Prinzip lässt sich die Größe einer Volksgruppe nicht eindeutig bestimmen, da ja niemand dazu gezwungen ist sich zu einer Volksgruppe zu bekennen. Auch wird bei den Volksgruppenzählungen nicht die Volksgruppenzugehörigkeit abgefragt, sondern die Umgangssprache. Die Frage die sich hier stellt ist: kann aufgrund der Umgangssprache auf die „ethnische Größe“ einer Volksgruppe geschlossen werden? Die Volkszählungen selbst wurden bis 2001 immer persönlich durchgeführt. Das heißt, Leute gingen von Haus zu Haus und befragten die Bewohner. Besonders in kleinen Orten konnte sich deshalb die sprachliche Zusammensetzung von Volkszählung zu Volkszählung stark ändern, ohne dass eine merkliche Wanderung stattgefunden hat. Die Antwort auf die Frage nach der Umgangssprache war immer, ob ein Volkszähler slowenischfreundlich oder –feindlich eingestellt war. Wie ab 2011 die Umgangssprache erhoben wird, ist derzeit fraglich, da ab 2011 die Registerzählung anstatt der klassischen Volkszählung eingeführt wird. Das heißt, es wird keine persönliche Volkszählung mehr durchgeführt, sondern es werden die Daten aus den amtlichen Registern (z.B. das Zentrale Melderegister) erhoben. Da es keine Register für Sprachen und Religion gibt werden diese beiden Punkte künftig nicht mehr erhoben. Das Innenministerium kann zwar eine eigene Erhebung der Umgangssprache verfügen, ob das aber auch gemacht wird ist derzeit fraglich.

Größe der slowenischen Volksgruppe

Wie im vorangegangen Punkt ausgeführt wird die Größe einer Volksgruppe in Österreich rein quantitativ aufgrund der Umgangssprache erhoben. Objektive Merkmale, z.B. der Familienname, werden nicht berücksichtigt. Laut letzter Volkszählung von 2001 setzte sich die Kärntner Bevölkerung mit österreichischer Staatsbürgerschaft folgendermaßen zusammen:

Kärnten gesamt 527.333
Umgangssprache Deutsch 508.543
Umgangssprache Slowenisch 12.544
Windisch 555
Sonstige 5.681

Die statistische Größe kann aufgrund des Bekenntnisprinzips nur als Minimalzahl angesehen werden. Viele mit Umgangssprache Slowenisch geben diese aus den verschiedensten Gründen nicht an. Die Eigenzählungen der Volksgruppenvertreter sind deshalb auch immer weitaus größer. Eine eindeutige Zahl lässt sich schon aus dem einen Grund nicht angeben, weil sich die deutsch- und slowenischsprachige Bevölkerung in Südkärnten immer vermischt hat. Es gibt praktisch keine „reinen“ slowenisch- oder deutschsprachigen. Die Trennlinien zwischen den Volksgruppen gehen deshalb quer durch die Familien. Je nachdem, zu welcher Volksgruppe man sich bekennt.

Die erste Erhebung der Umgangssprache fand in Österreich übrigens im Jahr 1846 statt. Kärnten hatte in den damaligen Grenzen einen Bevölkerungsstand von 318.577 Personen. Davon gaben 95.544 Personen Slowenisch als Umgangssprache an. Bei der ersten Volkszählung der zweiten Republik 1951 gaben noch rund 19.450 Personen Slowenisch und rund 19.750 Personen Windisch als Umgangssprache an.

Wie diese Ausführungen hoffentlich zeigen, halte ich persönlich nichts davon, die Frage nach zweisprachigen topographischen Aufschriften mit der quantitativen Größe der dort ansässigen slowenischsprachigen Bevölkerung zu verbinden, da die eindeutige Größe nie ermittelt werden kann. Egal ob der Prozentsatz der slowenischsprachigen Bevölkerung für zweisprachige Ortstafeln jetzt 25% oder 10% ist. So kann in einem Ort eine zweisprachige Ortstafel stehen, im zweiten Ort nicht und im dritten steht doch wieder eine zweisprachige Ortstafel. Besser wäre es im gesamten historischen gemischtsprachigen Gebiet zweisprachige topographische Aufschriften anzubringen. Damit würde auch das kulturelle Erbe des historisch gemischtsprachigen Gebietes dementsprechend gewürdigt werden.

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Martin Zinkner wurde 1981 in Judenburg in der Steiermark geboren. Er absolvierte das Diplomstudium der Politikwissenschaft an der Universität Wien. Sein Studienschwerpunkt war österreichische und internationale Politik mit Fokus Süd- und Osteuropa. Ein einjähriges Forschungspraktikum brachte ihn an den Balkan nach Kosovo und Belgrad. Das Thema seiner Diplomarbeit lautete "Analyse des Kärntner Ortstafelkonfliktes". Das Studium setzte er im Mai 2009 mit Blickrichtung Doktorat fort. Im Internetbereich ist er für Konzept- und Redaktionstätigkeiten bei www.studieren.at und www.auslaender.at aktiv. Für neuwal schreibt Martin Zinkner eine mehrteilige Serie über die Kärntner Orstafelthematik: Mit Hintergründen, Informationen, Geschichte und Ausblicke über den andauernden Ortstafelstreit.