Manche Dinge kann man selbst nicht besser machen, deswegen muss man sie einfach unterstützen. Willi Resetarits’ neueste Idee „Machen wir uns stark“ ist so eine Sache. Doch was genau soll das Projekt bewirken? neuwal hat bei Philipp Sonderegger von SOS Mitmensch nachgefragt.
Übrigens: Wer sich gesellschaftspolitisch engagieren will, ist bei neuwal immer willkommen – auch nach dem 18. September! Denn neuwal macht dich stark!

Muskeln mit "Machen wir uns stark"-Tattoo, (C) scx.hu / Trine de Florie, Montage: Stefan Egger
(C) scx.hu / Trine de Florie
Willenskundgebung, Manifestation und Konzert in einem: für ein starkes Zeichen gegen den Stillstand, für eine Politik des Positiven.
 
Noch werden Unterstützer und Spenden gesucht, um die Veranstaltung am 18. September 2010 am Heldenplatz zu ermöglichen. Zu einer lebendigen Demokratie gehört mehr, als alle paar Jahre schnell ein Kreuzerl in der Wahlkabine zu machen.
 
Anstatt Sündenböcke zu suchen, wollen sich die “Machen wir uns stark”-Macher verbünden – mit all jenen, die gemeinsam etwas bewegen wollen, in diesen und vielen anderen Bereichen:

  • Ein eigenes Ressort für Diversität und Integration. Zusammenleben soll und darf keine Parteisache mehr sein!
  • Eine mutige und integrative Bildungspolitik, die sich die Menschen in diesem Land schon lange wünschen, wie alle Umfragen abseits der Betonierer zeigen.
  • Eine gerechte Wohlstandverteilung und Jobs, die menschenwürdig bezahlt sind. Zukunftssektoren gibt es genug, es ist für alle Platz.
  • Eine demokratische Öffentlichkeit, die sich in Medien, Politik, Wirtschaft und Kultur aktiv einbringen kann. Durchs Diskutieren kommen die Leut’ zusammen!
 
Jetzt mitmachen und auf http://www.machen-wir-uns-stark.at registrieren. Es dauert nur fünf Minuten. neuwal ist dabei!
Philipp Sonderegger, SOS Mitmensch (CC) Dieter Zirnig
Dieter Zirnig und Stefan Egger (neuwal): SOS Mitmensch ist einer der Organisatoren der Initiative „Machen wir uns stark“, für die ihr möglichst viele Menschen begeistern wollt. Das Internet wird ja nicht der einzige Weg sein – was sind denn noch für Aktionen geplant – Flugblätter, Spots im Fernsehen?

„Den karitativen Slot des ORF können wir uns nicht leisten“

Philipp Sonderegger (SOS Mitmensch): Der Spot läuft jetzt einmal auf Okto, wir fragen dann auch bei Puls4 und Privatsendern an, da gibt es eine gewisse Chance, dass sie uns spielen. Beim ORF nicht, das ist kostenpflichtig auch im karitativen Slot. Das ist recht günstig, aber wir können es uns trotzdem nicht leisten.

„Wir wollen Leute ansprechen, die normalerweise nicht auf Kundgebungen kommen“

Wir versuchen, die Menschen via Internet zu erreichen. Das eignet sich sehr gut, um Leute im klassischen Milieu der Politikinteressierten und gesellschaftlich Engagierte zu erreichen. Darüber hinaus haben wir auch versucht, Menschen des öffentlichen Lebens zu gewinnen, die entweder für bestimmte Anliegen stehen, z.B. eine Jugendarbeiterin. Aber auch Wirtschaftstreibende, die über Medienöffentlichkeit andere Leute ansprechen, die normalerweise nicht auf Kundgebungen kommen.

 
Ihr habt prominente Supporter. Wie sind die Leute zu „Machen wir uns stark“ gestoßen, haben die sich von selbst gemeldet?
Sonderegger: Auf die meisten sind wir zugegangen. Wir haben uns überlegt, wir möchten eine gute Mischung aus Menschen, die in den Feldern arbeiten und dort Anliegen haben. Und wir wollen Leute, die ungewöhnlich sind, die man nicht so vermuten würde. Wir wollten nicht nur in unserem Milieu bleiben. Wir haben auch Leute angefragt, die aus dem Wirtschaftsleben bekannt sind. Hans Staud z.B, Georg Heinrich, auch Herrn Zotter. Dann sind eine Menge Kulturschaffende dabei, Kabarettisten, der Mein Liebling ist Ilija Trojanow. Oder Wolfgang Schlögl, der auch unseren Spot vertont hat.
 
Worum geht‘s denn eigentlich bei „Machen wir uns stark“?

„Viele Anliegen sind am Tisch – das soll ein mächtiges Zeichen werden!“

Sonderegger: Es gibt ein Dach und es gibt ein paar konkrete Forderungen. Relativ viele Anliegen sind am Tisch, etwa am Bildungssektor, was die Verteilung des Wohlstands in Österreich anbelangt, was das Zusammenleben, also Asyl- und Fremdenpolitik anbelangt. Aber wir geraten immer wieder in eine Spirale, dass nichts weitergeht, weil sich alle vor den rechten HetzerInnen fürchten, die die Themen skandalisieren, Sündenbocke suchen, Spaltungsdiskurse machen – und dann wird so ein bisschen zurückhaltend abgewartet. Wir versuchen, Leute die das auch so sehen, dazu zu bewegen, dass sie auf den Heldenplatz gehen, dass das ein mächtiges Zeichen wird. Dass die Politik sieht, da gibt’s genug Leute, die eigentlich ein Interesse daran hätten, dass diese Dinge angegangen werden. […]

Philipp Sonderegger, SOS Mitmensch (CC) Dieter Zirnig
Was sind denn die konkreten Punkte und Themen, die ihr ändern wollt?

„Wir wollen ein Ressort für Diversität, Bildungschancen für alle, eine Gerechtere Verteilung des Wohlstands und einen breiteren Zugang zur Demokratie!“

Wir wollen folgende Punkte erreichen:

  1. Ressort für Diversität
    Da ist die konkrete Forderung, dass es ein eigenes Ressort gibt für Integration und Diversität, auf Minister- oder Staatssekretärs-Ebene. Es geht dabei nicht um Integration, da das schon ein missverständlicher Begriff geworden ist, nach dem Motto „Es gibt uns und die AusländerInnen“. Das sehen wir nicht so, wir halten das meistens für eine künstliche Spaltung. […]
  2. Bildungschancen für alle
    Da ist der zentrale Punkt, dass wir ein Bildungssystem wollen, das kein Kind zurücklässt. Wir denken an ein Bildungssystem, das allen Kindern die Chance bietet etwas aus ihren Talenten zu machen und wissen, dass in Österreich das Problem ist, dass Bildungschancen sehr stark vererbt sind, also dass die Bildungschancen denen der Eltern gleichen.
  3. Gerechtere Verteilung des Wohlstands
    Eine gerechtere Verteilung des Wohlstands und Zukunftsinvestitionen in die Bereiche Pflege, Kinderbetreuung… Wir sehen, dass sehr viel Reichtum in privatem Besitz gehortet wird, nicht produktiv gemacht wird. Da hängen auch sehr viele menschenrechtliche Fragen dranhängen: Wie können Menschen im Alter würdig leben und wie kann Pflege im Alter aussehen etwa.
  4. Besserer Zugang zur Demokratie
    Wir wollen, dass der Zugang zur Demokratie – ganz pauschal gesagt – verbessert wird. Es gibt Bevölkerungsgruppen, die einen erschwerten Zugang mit Barrieren zur Politik haben, z.B. beim Wahlrecht. Aber auch, wann die erste türkische Nachrichtensprecherin beim ORF sein wird. Da tut sich was, aber es gibt noch genug Hindernisse…

Die Idee ist, im Vorfeld der Wiener Wahlen, wo sehr viel Aufmerksamkeit auf Politik gerichtet wird, möglichst viele Menschen dazu bewegen, zu sagen, dass die Fragen jetzt angegangen werden und aufs Tapet kommen.

 
Das wird ja wahrscheinlich nicht auf diesen singulären Höhepunkt – die Demonstration – hinauslaufen? Was soll aus „Machen wir uns stark“ entstehen? Vielleicht auch in Verbindung mit „Genug ist genug“?

„Die Finanzierung soll über ‚the people‘ sein“

Sonderegger: SOS Mitmensch ist eine Organisation, die sich sehr viel mit Flüchtlingen beschäftigt, deswegen haben wir uns auch an der Demonstration „Genug ist genug“ beteiligt. […] In dieser alltäglichen Arbeit stößt man oft an seine Grenzen, wo man sich denkt, das hat alles nicht genug Wirkung, nur im Kleinen verbessert sich etwas. Dass es notwendig ist, immer wieder Kräfte zu bündeln. Das ist zum einen, Themen zusammenzudenken […] mit einem gemeinsamen Fokus. Und dass sehr viele Organisationen ihre Kräfte auf ein konkretes Datum bündeln. […] Dass vernetztes Arbeiten von sehr vielen kleinen Einheiten mit wenig Ressourcen einen großen Mehrwert bringen kann. Dass man sagt: die Finanzierung von sowas soll über „the people“ sein. Und wenn 3333 Menschen 15 Euro spenden, um 50.000 Euro zusammenzukriegen, dann sind das schon 3333 Leute, die in ihrem Umfeld erzählen, ich hab da heute gespendet und es gibt da das Thema. Das ist einmal ein kleiner Schritt, um das zu pflanzen.

 
Wie weit entfernt seid ihr von diesem Ziel?
Sonderegger: Wir sind jetzt bei 20.000 Euro (Anmerkung: Stand August 2010), wenn es so weitergeht, kommen wir vermutlich auf 35.000, vielleicht auch mehr, das ist sehr schwer abzuschätzen. Wenn wir Glück haben, wird es mehr. […] Wenn mehr als 50.000 zusammenkommen, werden wir wahrscheinlich aufbewahren, oder einer Initiative spenden, das wissen wir noch nicht. Wir haben vor, dass dort Initiativen sich präsentieren können, die politisch aktiv sind, und werden das in Form von Interviews machen. […]
 
Zum Thema Nachhaltigkeit: Ich habe bei „Genug ist genug“ beispielsweise vermisst, dass da Nachfolgeaktionen kommen – wie schaut das bei „Machen wir uns stark“ aus, was ist der Einzelveranstaltung darüber hinaus noch geplant?
Wir versuchen jetzt, eine stärkere Bündelung von Kräften zu bekommen. Was man damit leisten kann, ist, dass man Leute zusammenbringt, Gedanken zusammenbringt, einen Rückenwind erzeugt. Und natürlich, dass sich Leute treffen und neue Anknüpfungspunkte finden. Was wir eben konkret leisten wollen, ist, dass wir Aktivitäten, die für Herbst oder für das Frühjahr geplant sind, vorstellen auf der Bühne und so Anknüpfungspunkte zu schaffen und eine Stärkung zu erzielen. […]
 
Wäre es nicht gescheit, wenn man so etwas macht, nach dem Höhepunkt mit der maximalen Aufmerksamkeit eine Plattform zusammenzustellen, wo man sich austauschen kann, wo solche Dinge stattfinden können. Gibt’s Gedanken in der Richtung, diese Vernetzung zu institutionalisieren? […]

„Es geht in Richtung einer neuen Form der Zivilgesellschaft. Mit unseren klassischen Methoden kommen wir da nicht weiter.“

Sonderegger: Es ist nicht konkret geplant, irgendwie z.B. einen Kongress zu machen, wo man die Leute zusammenkriegen kann. Am wichtigsten ist eben, dass es eine stimmungsmäßige Mobilisierung gibt, gerade im Asylbereich hat man dauernd das Gefühl, es passiert eh nix, jetzt hat man wieder eine Kundgebung mit 5.000 oder 10.000 Leuten – das ist super, aber es ist immer noch weit davon entfernt, von den Mitte 80er-Jahren wo 50.000 für solche Kundgebungen auf die Straße gegangen sind oder in den 90er Jahren.

Also stimmungsmäßig kann da viel passieren. Alleine, dass die Politik es nicht schafft, neue Verschärfungen umzusetzen und in die Defensive gekommen ist – das hat ihnen Luft zum Atmen gebracht. Das ist schon einmal sehr wichtig. Wir haben keinen Plan, wie wir leisten könnten, dass es in Richtung einer ganz neuen Form der Zivilgesellschaft geht. Ich glaube, dass wir mit unseren klassischen Methoden da nicht weiterkommen.

 
Und wie groß ist die Hoffnung, dass es zu einem Paradigmenwechsel kommt?
Sonderegger: Was wir zu lernen versuchen ist: Wie kann man in einer offeneren Art zusammenarbeiten? Angebote zu machen, je mehr Leute sich einbringen, desto besser wird das. Wir werden jetzt diese Woche noch ausschreiben, dass die Leute vorschlagen sollen, welche Initiativen auf der Bühne vorgestellt werden sollen. Um den Leuten klarzumachen: Sie sollen sich gedanklich einbringen, das soll eine Kundgebung „for the people“ sein.
 
Wenn man an die Politik, die Wirtschaft denkt – gibt es da Themen, wo sich etwas ändern muss konkret?

„Politik ist nichts, das uns nichts angeht!“

Sonderegger: Letztendlich wird es schon um Gesetze gehen. Am Anfang steht die Bemühung, dann entsteht die Stimmung, dann gibt es Lobbying oder Verhandlungen wo wir dann vermutlich nicht mehr so eine wichtige Rolle spielen, am Schluss stehen Gesetze. Letztendlich wollen wir schon auf einer gesetzlichen Ebene Änderungen herbeiführen, etwa in der Bildungspolitik.

Aber davor steht eben der Politikbegriff. Wie soll Politik in der Gesellschaft funktionieren? Dass Politik stärker so funktionieren soll – das ist ein Lernprozess – dass alle Menschen, die in diesem Land leben, sich einbringen, und das Gefühl haben, dass ihre Aktivitäten nicht für den Hugo sind und dass der Staat nicht irgendetwas ist, das sie nichts angeht, und die Politik nichts ist, das sie nichts angeht. Sondern dass sie begreifen, dass der Staat letztendlich der Ort ist, wo wir uns miteinander ausmachen, wie wir leben wollen und uns Regeln vereinbaren.

Philipp Sonderegger, SOS Mitmensch (CC) Dieter Zirnig
Was treibt dich an, das alles zu machen?
Sonderegger: [Denkt lange nach] Ich habe mir überlegt, ob ich ehrlich sein soll. Letztendlich ist es Anerkennung, muss ich leider sagen. […] Letztendlich tut es mir gut, wenn ich spüre, dass andere das auch gut finden, was ich tu. Wenn das auf einer Gegenseitigkeit beruht, dann ist es sowieso das Beste.
 
Vielen Dank für das Interview, und viel Erfolg!