Kärntner Ortstafelstreit. Eine Serie von Martin Zinkner mit Hintergründen, Informationen und Ausblicken zum Kärntner Ortstafelstreit.

Mit dem ersten Weltkrieg zerbrachen in Europa die großen Reiche. Auch Österreich-Ungarn zerbrach. Der damalige amerikanische Präsident Wilson proklamierte schon während dem Krieg das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“. Aber wie sollte das umgesetzt werden? Denn teilweise war das Habsburgerreich sehr durchmischt, vor allem an den so genannten „ethnischen Grenzen“. Daneben gab es auch überall Sprachinseln.

Die abgetrennten Gebiete

Die slowenischsprachigen Gebiete schlossen sich, bis auf die Südkärntner Gebiete, dem neu gegründeten SHS-Staat (Königreich der Slowenen Kroaten und Serben) an. Dieser neue Staat stellte auch umgehend Gebietsansprüche an Kärnten/Koroška. Im Friedensvertrag von St. Germain erhielt Österreich seine neuen Grenzen. Schon hier verlor Kärnten/Koroška einige Gebiete. Das Kanaltal/Kanalska dolina kam an Italien, obwohl hier die Mehrheit Bevölkerung Deutsch und Slowenisch sprach. Das Mießtal/Mežiska dolina kam zu Slowenien. Hier sprach die Mehrheit der Bevölkerung Slowenisch und es gab aufgrund der Karawanken keine geographische Einheit. Schon davor Kärnten/Koroška die Gemeine Seeland (damals großteils slowenischsprachig) mit Slowenien gegen die Gemeinde Weißenfels/Bela peč/Fužine (damals zum größten Teil deutschsprachig). Diese an das Kanaltal/Kanalska dolina angrenzende Gemeinde kam dann jedoch mit dem Kanalta/Kanalska dolina an Italien.

Der Vertrag von Saint-Germain diktierte Österreich schwere Friedensbedingungen: den Verlust der deutschsprachigen Gebiete in Böhmen, Mähren, Schlesien und Südtirol; den Verbot des Anschlusses an Deutschland und wirtschaftliche Belastungen. Die Donaumonarchie war in die „Nachfolgestaaten" zerfallen. Bild: (C) http://www.austria-lexikon.at/af/Wissenssammlungen/Geschichtsatlas/Grenzziehungen%201920
Der Vertrag von Saint-Germain diktierte Österreich schwere Friedensbedingungen: den Verlust der deutschsprachigen Gebiete in Böhmen, Mähren, Schlesien und Südtirol; den Verbot des Anschlusses an Deutschland und wirtschaftliche Belastungen. Die Donaumonarchie war in die „Nachfolgestaaten" zerfallen. Bild (C) http://www.austria-lexikon.at/

Der Abwehrkampf

Weiterhin gab es jedoch strittige Gebiete. Im November 1918 einigten sich die Vertreter Österreichs und des SHS-Staates die Friedensverhandlungen abzuwarten um die Grenzen neu zu ziehen. Kurz darauf wurden jedoch Südkärntner Gebiete durch Truppen des SHS-Staates besetzt. Das Gleiche machten auch italienische Truppen mit dem Kanaltal/Kanalska dolina. Im Dezeber 1918 standen die Truppen bereits vor den Toren von Klagenfurt/Celovec und Villach/Beljak. Österreich konnte damals praktisch keine Gegenwehr liefern, da es militärisch und auch wirtschaftlich am Boden lag. Auch wollte sich das offizielle Österreich auf keinen Konflikt einlassen, da die Friedensverhandlungen schwierig genug waren. Langsam formierte sich aber in Kärnten/Koroška zum Widerstand. Der bis heute glorifizierte Abwehrkampf begann. Den Kärntnern gelang es auch tatsächlich die SHS-Truppen immer stärker zurückzudrängen. Im Jänner wurde daraufhin über eine Demarkationslinie verhandelt. Diese Verhandlungen verliefen sehr schleppend. So machte der US-Leutnant den Vorschlag die strittigen Gebiete zu bereisen um eine Demarkationslinie festzulegen.

Kärntner Abwehrkampf Phase 1. Bild (C)  http://www.austria-lexikon.at/
Kärntner Abwehrkampf Phase 1 und 2. Bild (C) http://www.austria-lexikon.at/

Die Miles-Kommission

Die aus vier Personen bestehende „Miles-Kommission“ bereiste im Februar 1919 die strittigen Gebiete um sich ein Bild zu machen. Diese sprach auch mit der ansässigen Bevölkerung. Diese wurde zu sozialen und wirtschaftlichen Aspekten befragt. Die Kommission kam schließlich zum Entschluss, dass die Karawankengrenze als Dearkationslinie festgelegt werden soll. Eine weitere Erkenntnis war, dass die Teilung Südkärntens den gegebenen wirtschaftlichen und geographischen widersprechen würde. So würde es auch ein großer Teil der dort ansässigen Slowenen sehen.

Der Abwehrkampf geht weiter

Kärntner Abwehrkampf Phase 1. Bild (C)  http://www.austria-lexikon.at/
Kärntner Abwehrkampf Phase 3. Bild (C) http://www.austria-lexikon.at/

Der SHS-Staat wollte sich mit dieser Erkenntnis nicht ganz zufrieden geben. Ende April 1919 kam es zu einer neuen Offensive des SHS-Staates. Diesmal leistete Kärnten schnell Widerstand. Schon wenige Tage später konnten die Truppen neuerlich zurückgedrängt werden. Nachdem diplomatische Verhandlungen neuerlich scheiterten starteten Truppen des SHS-Staates neuerlich eine Offensive. Diesmal aber mit so einer Übermacht, dass Kärnten keine Chance hatte. So wurden sämtliche Südkärntner Gebiete durch die SHS-Truppen besetzt. Auch wenn die Gebietsforderungen stark zurück genommen wurden, beschlossen die Friedensverhandler in Paris im Juni 1919, dass eine Volksabstimmung durchgeführt werden soll. Alle strittigen Gebiete, außer das Kanaltal/Kanalska dolina, das Mießtal/Mežiska dolina sowie die Gemeine Seeland und die Gemeinde Weißenfels/Bela peč/Fužine sollten sich einer Volksabstimmung unterziehen.

Die Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920

Das strittige Gebiet wurde in zwei Zonen eingeteilt. Zuerst sollte in der Zone A, das laut letzter Volkszählung einen größeren slowenischsprachigen als deutschsprachigen Anteil hatte, eine Volksabstimmung durchgeführt werden. Erst wenn dieser für Slowenien positiv ausgegangen wäre, hätte es in der Zone B eine Volksabstimmung gegeben. Dort lebten damals laut letzter Volkszählung mehr deutschsprachige als slowenischsprachige Menschen.

  • Zone A umfasste ein Gebiet von 1.705 km² mit rund 72.000 Einwohnern. Davon waren rund 49.000 slowenischsprachige, und 23.000 deutschsprachige Menschen.
  • Zone B umfasste ein Gebiet von 365 km² mit 59.000 Einwohnern. Davon waren rund 49.000 deutschsprachige, und nur rund 4.500 slowenischsprachige Menschen.

Zwischen Juli 1919 und Oktober 1920 blieb die Zone A durch Truppen des SHS-Staates besetz und wurde von ihm auch verwaltet. Insgesamt wurde in 51 Gemeinden abgestimmt. Folgendes Ergebnis brachte die Volksabstimmung:

 

Stimmberechtigte Personen insgesamt 39.291
Abgegebene und gültige Stimmen 37.304 94,94 %
Stimmen für Österreich 22.205 59,04 %
Stimmen für den SHS-Staat 15.279 40,96 %

 

Damit blieb die Zone A bei Österreich und eine Abstimmung in der Zone B wurde obsolet. Insgesamt stimmten18 der 51 Gemeinden mehrheitlich für Slowenien, was jedoch für das Ergebnis irrelevant war. Nachdem das Gebiet damals überwiegend Slowenischsprachig war ist jedoch klar, dass viele Slowenen für Österreich stimmten. Historiker sehen eine Grund vor allem in der damaligen wirtschaftlichen Orientierung des Abstimmungsgebiets.

Kärntner Volksabstimmung. Bild (C) http://commons.wikimedia.org/
Kärntner Volksabstimmung. Bild (C) http://commons.wikimedia.org/

Nach der Volksabstimmung

Kurze Zeit nach der Abstimmung übernahm Österreich wieder die Verwaltung. Vor der Abstimmung wurde den Slowenen in Kärnten versprochen, dass alles unternommen werden wird, damit sie ihre Sprache und Kultur erhalten können. Von diesem Versprechen blieb aber nicht viel übrig. Der Amtssprachengebrauch und der zweisprachige Unterricht wurden beispielsweise eingeschränkt. Zweisprachige Aufschriften waren vor dem Krieg durchaus üblich. Diese wurden aber großteils entfernt. In der Zwischenkriegszeit kam auch die „Windischentheorie“ von Martin Wutte auf. Für ihn waren die Slowenen die für Österreich gestimmt hatten keine Slowenen sondern „Windische“. Dabei handelt es sich um so genanntes „schwebendes Volkstum“. Das heißt sie sprechen zwar kein Deutsch, fühlen sich aber deutschen Kulturkreis zugehörig. Ihre Sprache ist demnach auch nicht Slowenisch, sondern Windisch, das sich von der slowenischen Schriftsprache unterscheidet. Bis zur Volkszählung 2001 wurde „Windisch“ übrigens als eigene Kategorie bei der Umgangssprache abgefragt. Obwohl diese Theorie heute sehr absurd klingt, hat diese Bezeichnung bis heute eine politische Bedeutung.

Die NS-Zeit

War schon die Zwischenkriegszeit für die Kärntner Slowenen nicht gerade gut, so verschlechterte sich ihre Lage während der NS-Zeit nochmals deutlich. So wurden ihre Verbände sowie Genossenschaften aufgelöst und der Schulunterricht sollte ausschließlich nur noch auf Deutsch stattfinden. Als das Deutsche Reich Jugoslawien den Krieg erklärte, wurde ein Bekenntnis zum Slowenentum zu einem Bekenntnis zum Feind, was natürlich lebensgefährlich war. 1942 kam es schließlich zu ersten Aussiedelungen. Insgesamt wurden 917 Personen aus 178 Familien in das „Altreich“ ausgesiedelt. Ihren Liegenschaften wurden entweder an Ausgesiedelte aus dem Kanaltal/Kanalska dolina übergeben oder an Parteifunktionäre verkauft. Nach dem Krieg gab es teilweise große Probleme bei der Rückgabe der Liegenschaften.

Partisanenkampf

Mit dem Beginn der Aussiedelungen startete auch der Partisanenkampf in Kärnten. Schon ein Jahr davor organisierten sich die Slowenen in Slowenien in der „Slowenischen Befreiungsfront“. Diese wehrte sich gegen die deutsche Besatzung. Nach den Aussiedelungen schlossen sich auch Kärntner Slowenen an und waren an Aktionen auf Kärntner Territorium beteiligt. Die Partisanen versuchten auch mit anderen österreichischen/deutschsprachigen Widerstandstruppen Kontakt aufzunehmen. Einer Zusammenarbeit stand jedoch die Frage der Grenzziehung nach dem Krieg im Wege. Insgesamt sollen rund 650 Kärntner Slowenen und Sloweninnen den Partisanen angehört haben. Neben der paramilitärischen Komponente war aber auch das große soziale Netzwerk der Partisanen durch die Zivilbevölkerung von Bedeutung. Dieses reichte von Informationsbeschaffung bis zum Unterkunft oder Nahrung geben. Nach dem Krieg wurden die Partisanen gerne als Widerständler gegen das NS-Regime präsentiert. Der österreichische Widerstand während des Krieges war nämlich äußerst wichtig für einen positiven Staatsvertragsabschluss. Nach dem Abschluss des Staatsvertrages änderte sich das aber wieder. Bis heute werden ihnen die Verschleppung und Tötung von Kärntnern vorgeworfen. Weiters wird ihnen angekreidet, dass sie nicht für ein ungeteiltes Österreich gekämpft haben, sondern für den Anschluss an Slowenien.

Abwehrkampf und Partisanenkampf sind die beiden großen historischen Ereignisse, die sich bis heute negativ auf die Ortstafelfrage auswirken. Zu einer reflektierten Aufarbeitung dieser Ereignisse ist es bis heute nicht gekommen.

In Teil 3 der Serie kommende Woche am Dienstag schreibt Martin Zinkner über „Warum haben die anerkannten Volksgruppen in Österreich spezielle Minderheitenrechte?“