Ab heute gibt es jeden Dienstag Martin Zinkners Serie „Kärntner Ortstafelstreit“: Hintergründe und Geschichte zur Ortstafelthematik in Kärnten. In Teil 1 starten wir bei der Besiedelung Kärntens und streifen die Geschichte bis zum Ersten Weltkrieg. In den nächsten Wochen ergänzen wir die Serie mit Interviews, Bildern und einem Podcast zu diesem Thema.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wo ich Martin Zinkner kennengelernt habe. Wenn ich mir unsere gemeinsamen Freunde auf Facebook anschaue, dann tippe ich in Richtung gemeinsame Wanderung. Allerdings kann ich mich noch sehr gut und sehr gerne an Martin’s spezielles Fachwissen erinnern, was die Kärntner Ortstafelthematik betrifft. Ich habe fasziniert zugehört und mich gefreut, unsere gemeinsame große Begeisterung über den Balkan zu teilen. Ich bin sehr glücklich, dass wir Martin für eine Informations-Serie auf neuwal gewinnen konnten: Eine Serie über die Geschichte mit Hintergründen zum Kärntner Ortstafelstreit.

Martin Zinkner wurde 1981 in Judenburg in der Steiermark geboren. Er absolvierte das Diplomstudium der Politikwissenschaft an der Universität Wien. Sein Studienschwerpunkt war österreichische und internationale Politik mit Fokus Süd- und Osteuropa. Ein einjähriges Forschungspraktikum brachte ihn an den Balkan nach Kosovo und Belgrad. Das Thema seiner Diplomarbeit lautete „Analyse des Kärntner Ortstafelkonfliktes“. Das Studium setzte er im Mai 2009 mit Blickrichtung Doktorat fort.

Im Internetbereich ist er für Konzept- und Redaktionstätigkeiten bei www.studieren.at und www.auslaender.at aktiv.

Vielen Dank Martin für Deine Zeit und Begeisterung, dieses Thema für unsere LeserInnen zusammenzufassen.

Der Kärntner Ortstafelstreit: Von der Besiedelung bis zum Ersten Weltkrieg

Kärnten: Blick ins Rosental von Ludmannsdorf - photo by Dieter Zirnig (CC)
Kärnten: Blick von Ludmannsdorf (Bilcovs) ins Rosental, Juli 2010 - photo by Dieter Zirnig (CC)

Um den Kärntner Ortstafelkonflikt zu verstehen, muss man die Geschichte Kärnten/Koroška kennen. Wichtig sind vor allem zwei Ereignisse im 20. Jahrhundert die bis heute Einfluss auf den Ortstafelkonflikt haben.

Wer war zuerst da?

Diese Frage kann nur schwer beantwortet werden. Denn schon vor der slawischen und germanischen Besiedelung war das Gebiet des heutigen Kärnten/Koroška besiedelt. Schon vor Christi Geburt siedelten hier Illyrer und Kelten. Diese gründeten den ersten Staat auf Kärntner Boden: Noricum. Dieser kam später unter römischen Einfluss.

In der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts dürften die ersten slawischen Siedler im heutigen Kärnten/Koroška sesshaft geworden sein. Das Gebiet dürfte damals weitgehend sehr dünn besiedelt gewesen sein. Gleichzeitig drangen auch Awaren und Baiern in dieses Gebiet vor. Es kam auch zu Auseinandersetzungen zwischen diesen Völkern. Um ihr Siedlungsgebiet abzusichern gründeten die Slawen Anfang des 7. Jahrhunderts ein selbstständiges Fürstentum: Karatanien. Dieses bestand auf dem Gebiet des heutigen Kärnten/Koroška und darüber hinaus. Im 8. Jahrhundert wurde das Fürstentum immer stärker von den Awaren bedrängt. Deshalb rief der damalige Karatanerherzog Borut die Baiern zu Hilfe. Diese halfen auch, Karatanien musste danach aber die Oberhoheit der Baiern sowie das Christentum akzeptieren. Damit begann auch der Zuzug der germanischen Bevölkerung.

976: Kärnten wurde ein eigenständiges Herzogtum

Viele Jahrhunderte verlief das Nebeneinander beider Völker weitgehend ruhig. Bis zum Ende des Mittelalters hat sich im Süden Kärntens das Slowenische und im Norden das Deutsche durchgesetzt. Im Jahr 976 wurde Kärnten/Koroška wieder ein eigenständiges Herzogtum und 1335 kamen die ersten Teile Kärntens zu den Habsburgern. Im 18. und 19. Jahrhundert gingen die letzten Gebiete des heutigen Kärntens von Bamberg und Salzburg an Kärnten/Koroška bzw. an die Habsburger. Bis ins 19. Jahrhundert gab es auch keine Sprachkonflikte, weil der Nationalismus noch nicht aufgekommen war. Dennoch hatte sich eine natürliche Sprachgrenze entwickelt: Im Westen begann diese südlich von Hermagor, führte über den Kamm der Gailtaler Alpen bis zum Dobratsch. Südlich von Villach/Beljak querte diese Sprachgrenze die Drau, verlief über die Ossiacher Alpen bis hin zu Moosburg/Možberk, Maria Saal/Gospa Sveta und Ottmanach/Otmanje sowie zur Saualm bei Diex/Djekše. Die Sprachgrenze endete bei der Mündung der Lavant in die Drau. Natürlich darf diese Sprachgrenze nicht homogen verstanden werden. Auf beiden Seiten gab es auch anderssprachige Bevölkerungsteile. Im Süden waren vor allem die Städte große deutsche Sprachinseln. Bis heute wird dieses Gebiet als das geschichtliche zweisprachige Gebiet von Kärnten/Koroška beschrieben.

Sprachgrenze: Deutsch/Slowenisch - Montage: Google Maps, Wikipedia

Kärnten auf Google Maps mit den wesentlichen Städten der Sprachgrenze

Gleichheit der Volksstämme: Das Staatsgrundgesetz von 1867

In all den Jahrhunderten waren die Slowenen nie in einem eigenständigen Staat organisiert. Sie waren auf mehrere Gebiete des Habsburgerreiches (Kärnten, Steiermark, Krain, Küstenland, Venetien und Ungarn) aufgeteilt. Im 19. Jahrhundert kam auch im Habsburgerreich, so wie überall in Europa, der Nationalismus auf. Auch bei den Slowenen kamen Forderungen auf alle Slowenen in ein „Großslowenien“ zusammenzuschließen. Erste Zugeständnisse Seitens des Kaisers an die „Volksstämme“ des Reiches war das Staatsgrundgesetz von 1867. Hier wurde die Gleichheit der Volksstämme anerkannt. Das Staatsgrundgesetz ist übrigens bis zum heutigen Tag in Kraft und bildet den österreichischen Grundrechtskatalog.

Der nationale Gedanke entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer stärker heraus. Auch die nationalen Konflikte wurden immer mehr. Schon damals waren Hauptstreitpunkte der zweisprachige Unterricht und die Verwendung des Slowenischen bei den Ämtern. So wurden z.B. „utraquistische Schulen“ eingeführt. Diese zweisprachigen Schulen verdrängten die rein slowenischsprachigen Schulen in Südkärnten.

Schule/Sola in Ludmannsdorf (Kärnten) - photo by Dieter Zirnig (CC)

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass das Zusammenleben beider Volksgruppen über viele Jahrhunderte relativ reibungslos funktioniert hat. Erst mit dem Aufkommen des Nationalismus entstanden immer mehr Reibungspunkte, da die Sprache im Nationalismus ein wesentliches Identifikationsmerkmal ist.

Nächster Teil folgt in einer Woche am Dienstag, 17. August 2010: Erster Weltkrieg, Auflösung des Habsburgerreiches, Abwehrkampf und Partisanenkampf.