Das Feedback zu unseren ersten beiden Artikeln der Serie „Arbeit brennt“ war sehr positiv. Danke für die Kommentare, Mails und persönlichen Gespräche dazu.

Dass „Arbeit brennt“ steht außer Frage: Soziale, psychische und menschliche Bedrüfnisse werden in Organisationen zunehmends von wirtschaftlichen Faktoren überdeckt. Dass es neben der Jagd nach Zahlen, Geld, Erfolg, Hierarchien und Reichtum auch menschliche und soziale Komponenten im Bereich der Arbeit gibt, wird oft von Arbeitgeber und Politik übersehen (ÖVP-Wirtschaftsbund-Sprecher Leitl zum Thema Burnout: „Wir haben das verdrängt“, derstandard.at am 25. Juli 2010).

Es gibt in Organisationen den Begriff Corporate Social Responsibility; das ist die Unternehmerische Sozialverantwortung. Ein guter Begriff, der allerdings zu oft vom Mitarbeiter direkt ins Marketing vorbeizischt. Die Europäische Kommission versteht unter CSR zwei Punkte: soziale Belange und Umweltbelange; mit Nachhaltigkeit erweitert spricht man von einem Drei-Säulen-Modell, das sich aus Ökonomie, Ökologie und Sozialem zusammensetzt.

Politiker rühmen sich mit „geringen Krankenstandstagen“ und setzen Arbeiter und Angestellte dadurch zusätzlich unter Druck. „Ich fühle mich als Schmarotzer“ schreibt Carina Kerschbaumer in der Kleinen Zeitung über eine Frau, die nach Dauerbelastung in der Arbeit in eine psychische Erkrankung geschlittert ist. Eine weitere Person wünscht sich „mehr Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit„, da psychische Erkrankungen nach wir vor Tabuthemen sind.

neuwal im Gespräch mit Dr. Peter Battistich

Zum Thema Burnout haben wir uns diesmal mit Dr. Peter Battistich aus Wien getroffen. Dr. Peter Battistich ist Psychotherapeut, klinischer und Gesundheitspsychologe, Organisationsberater, Mediator, Coach und Leiter einer Coaching- sowie Sozial- und Lebensberater Akademie in Wien. Ich habe Dr. Battistich im Rahmen meiner Ausbildung zum Systemischen Coach kennengelernt, wo ich mich mit der Thematik rund um Burnout näher befassen konnte.

Arbeit brennt: Ich muß 150 % geben, sonst bin ich nicht gut genug (Dr. Peter Battistich) by neuwal

Dieter Zirnig (neuwal.com): Herr Dr. Battistich, wir lesen von Burnout – was ist das genau?

Dr. Peter Battistich: Burnout bedeutet wortwörtlich „Ausgebrannt„. Es ist eine Situation oder einen Zustand, wo sich jemand, meistens durch die Arbeit und Einsatz in der Arbeit,- psychisch und dann in fortgeschrittenem Stadium auch köperlich in einem Erschöpfungszustand befindet.

Gibt es bei diesem Erschöpfungszustand ein wesentliches Merkmal?

Ein wesentliches Merkmal ist, dass der Zustand durch normale Regeneration oder ausreichenden Urlaub nicht mehr aufzuholen ist. Das bekommt dann einen inneren Selbstzweck: Durch noch mehr Arbeiten und noch weniger Abschalten versucht die Arbeitsleistung, die extremst darunter leidet, dann wieder Wett zu machen.

Burnout hat mit einem Verlust an Arbeitsfähigkeit zu tun. Paradoxerweise bei gleichzeitig sehr hohem Arbeitseinsatz.
Wie lässt sich ein Burnout festestellen? Welche fundierten Theorien gibt es dazu?

Im gängigen Burnout-Diagnoseverfahren nach Freudenberger unterscheiden wir 12 Stufen (Anmerkung: Andere Phasentheorien):

  • In den ersten zwei, drei Stufen merkt man noch nicht, dass man sich in die Richtung eines Ausbrennens bewegt. In dieser Phase engagiert man sich erhöht und beachtet nicht mehr die entsprechenden Erholungsphasen. Es wird auch nicht beachtet, dass man sich in der Arbeit und Kommunikation abgrenzen muß. Man verliert sozusagen den Work-Life-Balance-Rythmus. Die Schere geht zwischen Einsatz und Wirksamkeit, Effektivität und Ergebnis immer mehr auseinander.
  • In den Stufen vier, fünf, sechs zeigen sich deutliche chronische Stresssysteme – unter der Betonung von „chronisch“: mehr Schlaflosigkeit und Essstörungen. Man beachtet sein Gesundheitspensum nicht mehr und geht micht mehr wie gewohnt regelmäßig Spazieren, Laufen, Joggen oder ins Fitnesstudio. Dann folgen körperliche Symptome, hoher Blutdruck und negative Ernährungsfolgen, in dem man an Gewicht zunimmt und sich zunehmend unwohler fühlt.
  • Die weiteren Stufen ähnlich einer schweren Depression und man wird mehr und mehr arbeitsunfähig.

Ich habe beobachtet, dass es bei jüngeren Menschen (unter 30 Jahren) oft zu schweren körperlichen Symptomen wie Hirnblutungen oder kleinem Schlaganfall kommen kann. Es ist erstaunlich, dass so schwere körperliche Symptome in folge eines nicht beachteten Burnouts auftreten können.

Die Situation am Arbeitsplatz ist in vielen Fällen nicht besonders  rosig: Vermehrter Druck, Job- und Gehaltskürzungen sowie Intransparenz sind an der Tagesordnung. Begünstigt dieses Setup ein Burnout?
In der Arbeit wird man immer mehr angetrieben. Dadurch verliert man die Beziehung zum eigenen Körper.

Es kommt dann nicht nur zu schweren psychischen sondern auch zu körperlichen Schäden bis hin zu kleinen Schlaganfällen, Hirnschlag, Hirnblutungen oder Herzinfarkt.

Es gibt sogenannte „innere Antreiber„, die dabei mitverantwortlich sind. Welche „Believes“ bringt jemand mit in die Arbeit: „Ich muß mindestens 150 Prozent geben, sonst bin ich nicht gut“ oder „immer weiter und ja keine Schwäche zeigen“, etc.

Die wirtschaftlich Situation in vielen Unternehmen spielt natürlich auch eine Rolle: Es erweißt sich letztendlich als Trugschluß, dass Kosten gespart werden, wenn Unternehmen Arbeitnehmer bis zum Letzten irgendwie auspressen können.

Das heißt, Burnout ist eine Krankheit?

Es ist eine Krankheit, die – wie viele andere psychosomatischen Erkrankungen – von der Umwelt mit beeinflusst sind: Von den Arbeitsbedingungen, dem Arbeitgeber, dem Konkurrenzdruck oder der Öffentlichkeit. Genau wie es früher war, wenn es fast ein Kavaliersdelikt war, als man gesagt hat, dass jemand einen Herzinfarkt hat.

Es ist auch eine Auszeichnung, dass sich jemand völlig aufopfert.
Was kann ich tun, sobald ich merke, dass ich mich unwohl, gestresst und ausgebrannt fühle?

Eine wesentliche Sache ist sicherlich das Coaching. In der Coaching-Praxis werden oft andere Themen vorgeschoben. Es passiert nicht, dass jemand direkt sagt „Ich habe Burnout„, sondern „Ich habe zu viele Konflikte mit meinen Mitarbeitern, Kollegen oder Chefs„.

Das Schlimme dabei ist, wenn jemand zum Arzt geht und sagt, „Ich habe Schlafstörungen, Herzrythmusstörungen oder ich habe Bluthochdruck„. Viele Ärzte erkennen noch nicht, dass ein Burnout ein möglicher Hintergrund ist. Sie denken sich, es ist eine leichte Depression und verschreiben Psychopharmaka. In diesem Bereich wird noch sehr viel übersehen und es ist auch ein Beitrag der Ärzte, dass 1/4 der österr. Burnout gefährdet ist.

Es gibt derzeit Diskussionen und Forderungen, Burnout auf Krankenschein zu verordnen. Wie ist die Situation – auch zwischen Psychotherapeuten und Klinischen Psychologen?
Das existiert sowieso. Psychotherapie auf Krankenschein ist vorhanden.

Es gibt Verträge von PsychotherapeutInnen die Kassenverträge haben. Es ist ein rasendes Mißverständnis, das hier gefordert wird.

Allerdings fordern Klinischen Psychologen, dass sie Burnout gerne wie Psychotherapeuten behandeln würden. Klinische Psychologen können im Unterschied zu Psychotherapeuten mit der Kasse nur drei Gesprächsstunden verrechnen. Klinische Psychologen sind hauptsächlich für die Diagnostik zuständig: also Psychotests, Tests erstellen und herausfinden, wie sehr jemand ausgebrannt ist.

Klinische Psychologen und Psychotherapeuten sind zwei verschiedene Berufsgruppen – das ist der Hintergrund.

Sie erwähnen Test, Psychotests. Gibt es Fragebögen, wo ich herausfinden kann, ob ich in diese Richtung gefährdet bin?

Es gibt auch Fragebögen. Ich habe auch auf meiner Website battistich.at einen Burnout-Fragebogen. Dabei kann man in etwa abschätzen, ob ich in der Richtung gefährdet bin und was sind so meine inneren Antreiber.

Vielen Dank für das Gespräch!