Wir treffen uns an einem kühlen Sommerabend in Graz. Vom Wahlkampf, der die Steiermark inzwischen fest im Griff hat, merkt man im Café Parkhouse mitten im Stadtpark erst etwas als Jakob Matscheko und Felix Jurecek ein paar Wahlgeschenke und Broschüren der KJÖ zum Interview mitbringen. Wir treffen uns im Vorfeld der steirischen Landtagswahl, für die neuwal nicht nur die SpitzenkandidatInnen treffen wird, sondern auch den Parteinachwuchs befragt. Den Anfang machen der Kommunistische Studentenverband (KSV) und die Kommunistische Jugend (KJÖ).

Jakob Matscheko (24) aus Kapfenberg studiert Geschichte und ist für den Kommunistischen Studentenverband (KSV) Mandatar in der Universitätsvertretung der ÖH Uni Graz. Im Landtagswahlkampf der KPÖ arbeitet er als Assistent der Wahlkampfleitung mit.

Felix Jurecek (18) aus Wildon ist angehender Zivildiener und seit ca. 1 ½ Jahren bei der Kommunistischen Jugend Österreichs (KJÖ) aktiv.

Thomas Knapp (neuwal): Warum seid ihr in der KPÖ engagiert?

Jakob Matscheko: Ich wurde mit 14 Jahren aus Protest gegen Schwarz/Blau politisch aktiv. Damals hab ich mich nach einer Alternative umgesehen, die die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur verändern, sondern umwerfen will. Das war die Kommunistische Jugend und in der Folge die KPÖ in der Steiermark.

Felix Jurecek: Ich bin in einem linken Umfeld sozialisiert worden. Als ich mich vor 2 Jahren entschlossen hab, selbst aktiv zu werden, stellte sich mir die Frage ob ich zur Sozialistischen Jugend (SPÖ) oder zur Kommunistischen Jugend geh. Ich hab mich für die KJÖ entschieden, weil sie die einzige Jugendorganisation ist, die konsequente Arbeit macht. Die SP-Jugend macht sehr gerne auf links, und hat auch ein klassenkämpferisches Programm. Wenn man sich aber die politische Praxis der Sozialdemokraten anschaut, bleibt davon nicht viel übrig. Das sieht man in der Steiermark daran, dass Franz Voves vor 5 Jahren die Möglichkeit gehabt hätte mit der KPÖ eine linke Koalition zu machen, aber statt vernünftige linke Arbeit zu machen, lieber mit der ÖVP zusammenging.

“Die Zukunft der Jugend ist im Arsch”

Was sind eure Schwerpunkte in der Politik, wo engagiert ihr euch besonders?

Jurecek: Nachdem ich grad mit der Schule fertig bin, ist einer meiner persönlichen Schwerpunkte das Thema Bildung. Es ist wichtig, dass das Bildungssystem auch in Zukunft sozial gerecht bleibt Deshalb habe ich mich bei den Schülerprotesten und bei den Studierendenprotesten engagiert. Die KPÖ ist die einzige Partei die vernünftige Konzepte dazu hat und hier vernünftige Arbeit leistet, während die Sozialdemokraten den Sparkurs der Regierung mittragen und so auch das Bildungssystem kaputtsparen.

Matscheko: Dem kann ich mich nur anschließen. Es geht um Bildung, und es geht um Aufklärung. Man kann auf gut Deutsch sagen, die Zukunft der Jugend ist im Arsch. Wir sind die erste Generation seit dem 2. Weltkrieg der es ökonomisch und perspektivisch schlechter geht, als der vorhergehenden. Das ist ein Skandal und ein unhaltbarer Zustand. Daran muss sich etwas ändern.

Wie kann man sich „euren“ Kommunismus vorstellen?

Matscheko: (lacht) Ein Klassiker um den man nicht herumkommt. Es gibt kein Kochrezept, das muss sich entwickeln. Ich weiß nicht wie das in 100 Jahren aussehen wird. Wir haben in unserem Programm gewisse Grundsätze und Grundvoraussetzungen festgehalten. Es muss mit und durch die Arbeiterklasse gehen und ein demokratischer Prozess sein, oder es wird nicht sein. Und es muss eine emanzipatorischer Triebfeder dahinterstehen, auch wenn ich Gewalt nicht ausschließen kann.

Jurecek: Ich denke, man muss zwischen langfristigen Zielen und dem was man kurzfristig umsetzen kann unterscheiden. Jetzt in der Wirtschaftskrise, wo ausschließlich im Sozialbereich gespart werden soll, gilt es als KJÖ dem etwas entgegen zu setzten. Es ist ja auch ökonomisch Unsinn, denn diese Einsparungen schaden der Kaufkraft der Massen. Wir streben dagegen mittelfristig Verteilungsgerechtigkeit an. Wir brauchen Maßnahmen die die gewaltige Schere zwischen arm und reich in Österreich ein wenig schließen, ein Besteuerung von Vermögen und eine Finanztransaktionssteuer um die grassierende Ungerechtigkeit ein wenig beschränken zu können.

Felix Jurecek
Felix Jurecek

Im Juni habt ihr vor einer Bank in der Grazer Innenstadt unter dem Motto „Ba-Ba-Ba-Banküberfall“ protestiert und „Geld für Bildung statt für Banken“ gefordert. Heißt dass, eurer Meinung nach hätte der Staat die Banken nicht retten sollen?

Matscheko: Ja, tatsächlich. Wenn die Banken zerkracht wären, hätte das an der Lage der Bevölkerung weniger Schaden angerichtet, als jetzt der Umstand dass die Bevölkerung für die Krise zahlen muss. Man muss wissen, wie diese Krisen entstehen. Das ist eine Systemfrage. Warum ist z.B. Griechenland in dieser prekären Situation? Wegen dem imperialistischen Konkurrenzdruck in der EU. Griechenland kann seine Währung nicht mehr gegen Deutschland abwerten und wird in einen Konkurrenzkampf mit Deutschland gedrängt den es nicht gewinnen kann. Letztlich braucht Griechenland massive Kredite von Deutschen Banken die es nicht mehr zurückzahlen kann, und die dann vom Deutschen Staat bezahlt werden müssen. So zahlt also der deutsche Steuerzahler an die deutschen Banken für Kredite an Griechenland.

Jurecek: Diese Frage hat großen Symbolcharakter. Wenn man sich für eine gerechtere Finanzierung des Bildungssystems einsetzt, stößt man auf irrsinnigen Widerstand, auch bei der Bundesregierung, während für die Banken über Nacht Milliarden da waren.

Wie bewertet ihr die Situation in als kommunistisch bekannten Ländern, wie China, Kuba oder Nordkorea?

Jurecek: Man kann diese Staaten nicht in einen Topf werfen. Wir sind sicher keine Verfechter des nordkoreanischen oder chinesischen Systems. Aber bevor man über diese Länder urteilt, sollte man sich die Situation ansehen. Wir sehen das sehr differenziert.

Matscheko: Man muss sich die historischen Hintergründe ansehen, wie sind diese Bewegungen entstanden, wie haben sie sich durchgesetzt? China war im 2. WK mit über 20 Millionen das Land mit den zweitmeisten Toten nach der Sowjetunion, was bei uns kaum jemand weiß. Auch die sozialistische Bewegung in Kuba hat eine ganz andere Geschichte als die in Zentraleuropa und schließlich sind auch die Entwicklungen daraus andere.

Jakob Matscheko
Jakob Matscheko

Wie beurteilt ihr den Umgang der KPÖ mit dem Verkauf des Ernst-Kirchweger-Hauses? Speziell nachdem der rechte Hintergrund des Käufers Stefan Machowetz insbesondere in antifaschistischen Kreisen bekannt war und auch bald öffentlich wurde? (via @porrporr)

Matscheko: Das ist einer der Gründe für die schwierige Beziehung zwischen der KPÖ Steiermark und der Bundespartei. Wir waren immer für eine andere Lösung, der KSV und die KJÖ haben ja gerade auch wegen dieser Frage mit der Bundes-KPÖ gebrochen. Wir haben in der Frage immer gesagt, das darfst du gern so schreiben: Ihr seids Wahnsinnige wenn ihr das machts, wer hat den euch ins Hirn geschissen?! Die Geschichte hat ja auch gezeigt das Machowetz nur eine Zwischenlösung war und mit dem Haus einen Gewinn von 1 Million Euro gemacht.
Es gibt intern dazu die Vermutung, dass das mit dem „Globus-Hauses“ zusammenhängt, das für die KPÖ strategisch das bedeutendste Gebäude war, da dort lange die Zentrale, das Verlagsgebäude und die Druckerei und mehr untergebracht waren. Das wurde zur selben Zeit um eine Riesensumme verkauft, was auch in der Partei ein großer Skandal war und um den zu überdecken könnte der EKH-Verkauf genutzt worden sein. Diese Vermutung steht im Raum. Und diese perfide Verschleierungstaktik ist mindestens ein genauso großer Vorwurf wie der Verkauf an Machowetz.

Jurecek: Die Art und Weise wie das passiert ist, war ja auch sehr kontraproduktiv für die antifaschistische Arbeit der KPÖ und da sagen wir klar dass das unsinnig und unnötig war.

Im Wahlkampf wird für Parteien meist das Web immer wichtiger. Ihr habt jetzt die Initiative rotwild.st gestartet, ist das nur ein Wahlkampfgag?

Jurecek: Nein, wir forcieren das weiter. Wir waren ja auch vorher, vor allem auf Facebook, sehr aktiv. Das Internet ist ja auch strategisch wichtig, als billiges Medium mit dem man viele Menschen, vor allem Jugendliche, erreichen kann.

Als ich die Facebookpage von rotwild.st gesehen hab, hab ich die Domain eingegeben und festgestellt dass sie der Sozialistischen Jugend gehört. Inzwischen wird man aber zu eurer Seite weitergeleitet. Habt ihr euch da geeinigt?

Matscheko: Naja. Also das war für die SJ und für unsere Domainfirma kein Ruhmesblatt. Aber die SJ hat letztlich, nach ein paar Telefonaten, eingelenkt und eingesehen, dass das nicht witzig ist, und dass nicht die KJÖ ihre Gegner sind.

“In der Politik der Grassers und Meischbergers ist die KPÖ das Flaggschiff der Ehrlichkeit.”

Der Stil von Ernst Kaltenegger war sicher ein Grund für den Erfolg der KPÖ in Graz und der Steiermark. Aber worauf führt ihr eure Erfolg sonst zurück?

Matscheko: Der Stil im Umgang mit den anderen Parteien ist die eine Sache, da meinen ja auch manche in der KPÖ dass mehr Ecken und Kanten nicht schaden würden. Was zählt ist – wir sind ehrlich. In einer Politik der Grassers und Meischbergers ist die KPÖ gewissermaßen das Flaggschiff der Ehrlichkeit. Die Leute wissen dass sie sich auf die KPÖ verlassen können. Wenn wir einmal Nein zu Gebührenerhöhungen sagen, dann stimmen wir sicher nicht dafür, das wissen die Menschen in den Gemeinden. Unsere Politiker legen ihre Gehälter offen und spenden einen Großteil in einen Sozialtopf. Das machen wir nicht einfach so, das zeigt auch, dass es uns nicht um Posten und Geld geht.

Jurecek: Wir forcieren einen Paradigmenwechsel in der Politik.

Matscheko: Wichtig ist auch, dass wir uns nicht in die Abhängigkeit von den etablierten Medien begeben haben. Durch unsere eigenen Zeitungen, in den Gemeinden, in den Betrieben, und natürlich das Grazer Stadtblatt (Zeitung der KPÖ Graz, Anm.) und die steirische Volksstimme (Zeitung der KPÖ Steiermark, Anm.). Damit haben wir quasi Massenmedien geschaffen, und sind so erfolgreich, dass uns die Regierungsparteien die Presseförderung gestrichen haben.

Euch wurde die Presseförderung gestrichen?

Matscheko: Früher gab es für alle Landtagsparteien eine eigene Presseförderung. Das hat die Regierung abgeschafft und das dann medial groß als Einsparung bei der Politik gefeiert. Nur haben sie in derselben Sitzung die Presseförderung der Regierungsbüros um genau dieselbe Summe erhöht. Und dafür lassen sie sich feiern.

“Die KPÖ Steiermark ist das schlechte Gewissen der Großparteien.”

Warum sollten die Steirerinnen und Steirer die KPÖ wählen?

Matscheko: Die KPÖ hat in der Steiermark sehr viele Dinge im Landtag und durch außerparlamentarische Initiativen durchgesetzt. Im Landtag z.B. die Abschaffung des Regresses bei der Sozialhilfe und die Verkürzung der Fristen für die Sozialhilfe. Oder die kürzlich erreichte Absicherung der Pflegeeltern oder dass wir die Schließung der Chirurgien in Bad Aussee und Mürzzuschlag verhindern konnten. Das zeigt dass die KPÖ Politik für die Menschen macht. Und angesichts der viele budgetäre Grauslichkeiten die auf uns zukommen, von denen sich vor der Wahl nur niemand reden traut, ist es wichtig, dass die KPÖ das auch weiterhin machen kann.

Jurecek: Die KPÖ Steiermark ist das schlechte Gewissen der Großparteien. Vor allem der Sozialdemokratie.

Matscheko: Zur Sozialdemokratie muss man sagen, dass sie immer wieder herkommen und einem auf die Schulterklopfen und meinen „Tolle Idee, diese Initiative zur Reichensteuer oder zur Senkung der Politgehälter“. Aber sie stimmen das alles dann in den Ausschüssen nieder, weil der koalitionäre Friede wichtiger ist als die politische Arbeit und ein Ruck nach links.

Wo seht ihr die Hoffnung für den Kommunismus in Österreich?

Matscheko: In der Jugend! (lacht) Aber ernsthaft, unsere Perspektive sind die Jungen. Die KJÖ erlebt im Moment einen richtigen Boom. Viele Leute kommen zu uns und wollen sich engagieren. Denen versuchen wir etwas mitzugeben. Es gibt ja keine „Dogmamaschine“ wo wir die Leute 2 Stunden reinsetzten und dann sind sie Marxisten und Leninisten und zünden zu Stalins Geburtstag eine Kerze an. So soll es ja auch nicht sein. Wir machen Interessensvertretung und versuchen Menschen für den Fortschritt zu gewinnen. Aber wer weiß – die Oktoberrevolution war auch ein Werk von ein paar Tagen. (lacht)

Jurecek: 10 Tage die die Welt erschütterten (lacht). Wenn wir immer wieder hören „Was wollt ihr denn? Die KPÖ wird ja eh nie was erreichen?“ dann stimmt das nicht mit dem was ich erlebe überein. Als ich vor 1 ½ Jahren zur KJÖ kam, waren wir eine kleine Gruppe, kaum relevant. Jetzt sind wir viel mehr geworden und viel aktiver.

Matscheko: Zum Beispiel in den Protestbewegungen der Schüler und der Studierenden.

Jurecek: Wir sind dabei etwas aufzubauen, und man sieht, es passiert etwas.

Fotos: Klemens Wieringer

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Jahrgang 1986, lebt in Graz, bloggt und twittert politisch und schreibt auch sonst gerne.