Burnout ist DAS Sommerthema schlechthin. Hitze und Burnout, das scheint sich gut zu vertragen. Doch dabei geht es um mehr als nur einen Sommerlochfüller. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, der so nicht gewonnen werden kann. Dennoch satteln unsere Politiker ihre Rosinante und reiten müde weiter…

Leerer Tank
(C) sxc.hu / bjearwicke

Wir schreiben das Jahr 2010, alle reden von Informationszeitalter und Wissensgesellschaft. Moderne Zeiten also, die uns vom Joch der schweren körperlichen Arbeit weitgehend befreien sollen.

Was aber macht die Politik? Sie hechelt einer Vollbeschäftigung hinterher, überlegt sich Hacklerregelungen und Infrastrukturbeschäftigungsprogramme – wie in den 60er-Jahren. Klar ist, dass es immer harte, anstrengend Jobs geben wird – das kann man nicht wegdiskutieren. Auch Fabriksarbeiter, Lehrlinge und Handwerker werden immer da sein.

Andererseits kann niemand leugnen, dass sich unsere Gesellschaft massiv verändert. Viele definieren sich heute nicht mehr ausschließlich über ihren Job. Freizeit und Pensionsdauer sind massiv gewachsen und erlauben neue Freiheiten, die unsere Arbeitswelt nicht abbildet.

Während viele – erfolgreiche – Firmen den Mitarbeitern neue Möglichkeiten geben, sich unternehmensverträglich zu entfalten und ihre Work-Life-Balance abgestimmt zu optimieren, operieren die Politiker an Arbeitsbildern und Gesetzen von vorgestern herum – am offenen Herzen.

Innovationen kommen heute immer mehr von erfolgreichen Individuen, nicht mehr aus den Denkfabriken riesiger Unternehmen – ausgenommen jene, die die Zeichen der Zeit erkannt haben, etwa Google (ich beziehe mich hier interne Mitarbeiterumgang, Arbeitszeitregelungen und kreative Freiheiten, wie sie etwa hier in Brandeins beschrieben werden), aber auch viele innovative KMUs in Europa.

Fühlt sich ein Mitarbeiter wohl, reduzieren sich Stress und krankheitsbedingte Ausfälle, Leistung und Kreativität werden gesteigert. So etwas funktioniert nur über Kommunikation und in Abstimmung, braucht aber die notwendigen Rahmenbedingungen:

  • Gesetzliche Rahmenbedingungen, die Flexibilität bei gleichzeitigem rechtlichen Schutz bieten, neudeutsch gerne Flexicurity-Modelle genannt
  • Verstärkte Förderung von betriebsinterner Aus- und Weiterbildung, Sabbaticals, Bildungskarenzen…
  • Anreize zum Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen und zur Verbesserung familienfreundlicher Arbeitszeitregelungen in Unternehmen
  • Echte und sinnvolle Förderung betriebsinterner Gesundheitsmaßnahmen mit umfassender Beratung durch Spezialisten
  • Erleichterung von Firmenwechseln und Entstigmatisierung nicht linearer Karrieren
  • Standardisierung des Wissens- und Ausbildungsnachweises abseits des Titeldschungels

Die Liste lässt sich noch beliebig fortsetzen. Solange „hackeln“, Vollzeitarbeit und das Erreichen eines Maximums von Versicherungsbeitragsmonaten in einem einzigen Unternehmen das Lebensziel bis zur (Früh-)Pension bleiben, wird sich für die Masse der Menschen nichts zum Positiven ändern.

Für den Anfang würde es aber schon reichen, wenn ein Faktum endlich akzeptiert wird: Im Jahr 2010 definieren sich die Bürger nicht mehr (nur) über ihren Job. Sobald sie das auch dürfen und nicht jedes „beschäftigungslose“ Monat zum Problem im Lebenslauf und Bewerbungsgespräch wird, wird das Massenphänomen „Burnout“ wieder bewältigbar sein.

Worauf warten wir noch?