Eigentlich.

Eigentlich darf das ja alles kein Thema sein. Auf alle Fälle kein Thema, das die Menschen so sehr polarisiert und so sehr in ihre Keller zurückzieht. Zurückzieht, um möglicherweise eigenen Frust und eigene Unzufriedenheit noch mehr zu stillen.

Während die Rufe aus der Regierung verstummen und sich diese auf ein „Recht muß Recht bleiben“ zurückziehen, mehren sich die Stimmen aus der Gesellschaft und Kultur: Dass es um menschenwürdige Asylpolitik und ein sofortiges humanitäres Bleiberecht für Arigona Zogaj geht ist klar – am 1. Juli 2010 gibt es dazu am Heldenplatz die Großveranstaltung „Genug ist genug„.

Machen wir’s, wie es Lojze Wieser in einem Gespräch mit neuwal im Frühjahr 2010 meinte:  „Der Schritt vom Gehsteig zur Demonstration ist sehr klein. Jeder von uns soll einen oder eine mitnehmen an der Hand, damit wir das nächste Mal doppelt so viele sind.“ Tun wir das!

Franzobel

Franzobel ist einer jener Personen und Künstler, der die Veranstaltung „Genug ist genug“ am 1. Juli mitunterstützt. Franzobel wurde in Oberösterreich geboren und ist Autor vieler Bücher und Theaterstücke. 2009 veröffentlichte er „Österreich ist schön“ – ein Werk über die „heilige Jungfrau der Integration“, ein Buch über Arigona Zogaj. Franzobel geht in diesem Buch auf die Bevölkerung zu, sucht den Kontakt mit Asylwerbern, Arigona selbst und besucht  „Hausrucker Stammtischstammplätze„.

Eines seiner Stücke, das ich im Oktober 2005 im Akademietheater gesehen und mich begeistert hat war „Wir wollen den Messias jetzt„. Es ist ein Stück, das sich um die hohen Erwartungshaltungen unserer Gesellschaft dreht. Um Erwartungen, die eigenes Handeln zur Realisierung des eigenen Glücks lähmen. Um Lähmungen, die radikalen Aussagen und ein Theater der anderen Art möglich machen?

Auf neuwal schreibt Franzobel über seine Motivation und Gedanken zu „Genug ist genug“, zu Arigona Zogaj, zur Aufklärung und zu Europa.

neuwal: Wie GENUG ist GENUG?

Franzobel: Genug ist genug“ lautet der leicht missverständliche Titel der Heldenplatzdemo pro Arigona. Die Bezeichnung stammt nicht von mir und ich bin nicht glücklich damit, weil das auch einen sofortigen Asylaufnahmestopp bedeuten könnte. Gemeint ist aber, dass es den Teilnehmern und Unterzeichnern allmählich reicht – nämlich mit dem unmenschlichen Umgang von Asylbewerbern, mit der Nulltoleranz der Politiker, der Recht-muss-Recht-bleiben-Gesinnung.

Wie sollen wir unseren Protest zeigen und was können wir alle tun?

Auf jeden Fall soll man sich äußern, posten, demonstrieren, Leserbriefe schreiben, den Bundespräsidenten quälen, weil sonst der Eindruck entsteht, ganz Österreich ist mit einer solchen Vorgangsweise einverstanden.

Diese Woche finden zwei Benefizveranstaltungen statt, im Dreiraumtheater und in Frankenburg, deren Ertrag der Familie Zogaj den Start im Kosovo erleichtern soll. Ich nehme an beiden teil, weil es das Mindeste ist, was man tun kann. Obwohl ich das Gefühl nicht ganz loswerde, dass man damit auch der Innenministerin in die Arme spielt. Weil was passiert? Die Familie Zogaj reist freiwillig aus, das Innenministerium spart sich peinliche Bilder einer Zwangsabschiebung, und das diese Politik ablehnende Österreich finanziert diese freiwillige Ausreise auch noch. Irgendwie seltsam, nicht?

Maria Fekter meinte, wenn sie auf Heimatbesuch in ihrem Bezirk sei, würden die Leute von den Problemen mit Migranten erzählen. Sie kommen aus demselben Bezirk. Haben sie so etwas auch schon gehört?

Probleme mit Migranten gibt es natürlich, ich habe allerdings nicht den Eindruck, dass diese im Bezirk Vöcklabruck größer wären als anderswo. Hier ist generell die Politik gefordert, die notwendige Integration zu fördern, was alles andere als leicht ist.

Man darf aber Migranten nicht mit Asylbewerbern verwechseln. Es ist übrigens ein trauriges Phänomen, dass Menschen mit Migrationshintergrund oft die größten Ausländerhasser sind.

Arigona Zogaj: Spielball der Politik – Spielball der Künstler?

In meinem Buch „Österreich ist schön. Ein Märchen“, das ihren Fall zum Anlass nimmt, Österreich einen Spiegel vorzuhalten, habe ich sie als heilige Jungfrau von Frankenburg bezeichnet, auch als jemand, der wie sonst niemand Österreich spaltet. Als moderne Anne Frank, wofür mich das Feuilleton abgewatscht hat. Ich finde diese Bezeichnungen noch immer gültig. Arigona ist mittlerweile einer der bekanntesten Menschen Österreichs, Mensch des Jahres im Profil, etc., hat aber von dieser Bekanntheit nichts. Vielleicht sollte sie darangehen, sich vermarkten zu lassen.

Als Spielball würde ich sie nicht bezeichnen, aber natürlich steht sie für die Gruppe der Asylbewerber und ist eine Art Paradefall sowohl für die Politik als auch für die Zivilgesellschaft.

Arigona Zogaj ist eine von sehr sehr vielen Menschen, die Heimat in anderen Ländern suchen. Gibt es etwas, dass sie Asylbewerbern mitteilen und „empfehlen“ möchten und was raten sie der österreichischen Bevölkerung?

Ich weiß nicht, was ich Asylbewerbern empfehlen soll, diese Menschen kommen ja nicht grundlos nach Europa. Jährlich versuchen das etwa 30000 Afrikaner mit Schlauchbooten oder kleinen Nussschalen. Europa nimmt in Kauf, dass jährlich 3000 ertrinken. Auf ihre Boote wird geschossen. Wenn ihnen Fischer das Leben retten, werden die als Schlepper angeklagt und eingesperrt. Die Außengrenzen Europas sind nach Afrika verlegt, um jede Migration zu verunmöglichen. Aber warum wollen diese Menschen nach Europa? Wegen des Klimas? MacDonalds? H&M? Nein, weil das Leben in ihrer Heimat nicht mehr möglich ist, die Landwirtschaft ist dank einer verfehlten EU-Agrarsubventionspolitik zerstört, die Meere sind leergefischt und die Bodenschätze von internationalen Konzernen abgebaut. Es bleibt ihnen also nichts anderes übrig als die Flucht.

Was ich den Österreichern empfehle? In fast jeder Religion und Mythologie wird ein Volk an seiner Gastfreundschaft gemessen – und nicht selten als ungastlich vernichtet (z.B. bei Philemon und Baucis). Also empfehle ich mehr Toleranz.

Was können wir tun – mehr Aufklärung? Was brauchen wir dazu?

Gelassenheit, Bildung, Lebensfreude, Geilheit. Die meisten Ausländerhasser sind doch sexuell unterversorgt.

Was sind ihre Vorstellungen von ‚Europa‘?

Es sollte grenzenlos sein, den Menschen Wohlstand, Freiheit und soziale Gerechtigkeit sichern, und vor allem die ganze Welt umfassen. Das klingt jetzt fast nach einem Handytarif… Ich glaube aber wirklich, dass wir weltweite Lösungen finden müssen – und der europäische Gedanke von wegen Gleichheit, Brüderlichkeit, etc. ist sicher nicht der schlechteste Ansatz. Sowohl menschlich als auch ökologisch braucht es weltweiten Konsens.

Was sagen sie zum Tod Dichands, was erwarte sie für (mediale, politische) Veränderungen?

Eine interessante Persönlichkeit, wahrscheinlich einer der mächtigsten Menschen des Landes, ein lustiges Gesicht, eigentlich sympathisch, aber nicht unschuldig an Haider, Strache und dem geistigen Stagnieren Österreichs. Die Krone ist ein Phänomen – vor allem was die Wechselwirkung Zeitung-Leser anlangt: Wer bedingt wen?

Ich denke, dass sie sich vorerst nicht wesentlich verändern wird, aber doch langsam an Einfluss verliert. Wie sich überhaupt die Frage stellt, ob Print und TV in zehn, zwanzig Jahren noch viele Menschen erreichen? Wahrscheinlich gibt es dann Handy-TV und –Boulevard, Internetzeitungen…

Was tut sich bei Ihnen derzeit und was planen sie derzeit?

Am 16.Juli hat mein nächstes Stück Premiere, eine radikale Bearbeitung von Shakespeares Widerspenstiger Zähmung. Am Hof in Adi Hirschals Lustspielhaus. Ich glaube, dass das sehr gut wird. Am 21. Juli habe ich dort mit Maxi Blaha und dem Jazzer Thomas Gansch eine Lesung, worauf ich mich auch schon freue…

Und weil der Blog Neuwal heißt, ich aber immer Neuwahl gelesen habe: Als erklärter Grünsympathisant wähle ich im Herbst erstmals wieder Häupl und die SPÖ, die sich im Fall Arigona auch windet wie ein Baby mit Bauchkrämpfen. Aber als ich im Februar wegen dem Moser in der Josefstadt unter Dauerbeschuss der FPÖ geriet, war es nur die SPÖ, die mich verteidigt hat, von den Grünen habe ich da nichts gehört…

Vielen Dank für den Dialog. Ich habe eine abschließende Frage – was wünschen sie sich selbst für die nächste Zeit?

Gesundheit, den Nobelpreis und noch ein paar Kinder.

Na, dann, alles Gute und ich freue mich auf ihre kommenden Stücke!

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.